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Montag, 9. Oktober 2017

Schreibwerkstatt: Neuer Kurs ab 17.10.2017

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Der Fortschritt und das Innehalten - Eröffnungsrede zur Ausstellung „Yukari Kosakai - Schritte zum Gegenpol“ von Dr. Thomas Piesbergen

Die Ausstellung "Schritte zum Gegenpol" von Yukari Kosakai im Einstellungsraum e.V. (4. - 27.10.2017) findet statt im Rahmen des Jahresthemas "Drehmoment".

Yukari Kosakai, Schritte zum Gegenpol, Detail, 2017

In der Kulturtheorie stehen sich seit jeher zwei unterschiedliche und bisher unvereinbar scheinende Konzepte gegenüber, die heute vor allem in ihren Inkarnationen des Strukturalismus und des historischen Materialismus verbreitet sind:

Im Strukturalismus fungiert die kulturelle Bedeutung als Ordnungsmacht. Alle natürlichen Erscheinungen und Gegebenheiten erlangen ihre Bedeutung erst durch die vom Menschen vorgenommene Zuweisung. Die hervorgebrachte Kultur ist also kein zwangsläufiges Ergebnis einer Adaption, sondern hat die Möglichkeit, sich innerhalb gewisser Grenzen frei zu entfalten, weshalb dieses Verständnis menschlicher Kultur auch als Possibilismus bezeichnet wird.

Dem gegenüber steht der historische Materialismus mit all seinen Ableitungen wie Funktionalismus, Utilitarismus etc. Nach dieser Sichtweise wird die Kultur lediglich als das Ergebnis einer Anpassung an die natürlichen Gegebenheiten verstanden; dementsprechend erhalten alle Dinge und Erscheinungen nur eine Bedeutung, insofern sie in subsistenziellen und ökonomischen Zusammenhängen eine Rolle spielen. Die Kultur stellt also nichts anderes dar als die biologische Anpassung an eine Lebensumwelt mit anderen Mittel. Sie wird von den Gegebenheiten bestimmt. Aus diesem Grund wird dieses Kulturkonzept auch als Determinismus bezeichnet.

Der Zankapfel des wissenschaftlichen Disputs besteht also in der Frage, ob wir unsere Umwelt nach der Schablone unserer kulturellen Vorstellungen und Werte nutzen und gestalten, oder ob umgekehrt unsere Umwelt unsere kulturellen Vorstellungen und Werte überhaupt erst hervorbringt.
Es liegt auf der Hand, daß diese Frage genauso unbefriedigend beantwortet werden kann, wie die Frage nach Henne oder Ei.

Der große Anthropologe und Kulturtheoretiker Marshall Sahlins schlug in seinem Werk „Kultur und praktische Vernunft“ eine Differenzierung vor, die jeder dieser Perspektiven innerhalb gewisser Grenzen ihre Berechtigung geben sollte:
Der Strukturalismus sei besser geeignet, ahistorische Gesellschaften zu beschreiben, der historische Materialismus hingegen eigne sich besser für historische, „zivilisierte“ Gesellschaften. Damit brachte er einen Aspekt ins Spiel, der im weiteren kulturwissenschaftlichen Diskurs leider viel zu selten aufgegriffen worden ist, der für uns aber von großem Interesse ist, nämlich den des Zeitverständnisses und seiner Bedeutung für das kulturelle Selbstbild.

Die vom Strukturalismus beschriebenen ahistorischen Gesellschaften zeichnen sich dadurch aus, daß sie fest im Mythos verankert sind. Im Mythos ist ihre soziale und ökonomische Struktur eingeschrieben und alle Erscheinungen erhalten ihre Bedeutung, in dem sie im Rahmen des Mythos interpretiert werden und ihre Entsprechung in ihm finden.
Im Sinne des fließenden Bewußtseins ist der Mythos stets gegenwärtig; und wenn die mythologischen Ereignisse im Maskentanz oder anderen Riten nachvollzogen werden, spielen die Darsteller nicht, sie wären die jeweiligen Geister und Gottheiten, sondern für die Dauer des Ritus sind sie die Geister und Gottheiten, ihre realen Verkörperungen, ebenso wie die dargestellten Vorgänge den Mythos nicht nur abbilden, sondern ihn real nachvollziehen.

Es ist ebenfalls von zentraler Bedeutung, daß der Mythos und die in ihm enthaltene Struktur unverändert von Generation zu Generation reproduziert wird, denn erst der zyklische Vollzug der Riten und gesellschaftlichen Routinen gewähren den Erhalt der Zyklen der Natur. Die Natur wird wahrgenommen als ein sich stets erneuernder Kreislauf, die Zeit als kreisförmig sich erneuernd, weshalb es essentiell ist, die Stabilität der Kultur und den entsprechenden Ritus in exakt der tradierten Form zu erhalten.

Die Welt spielt sich also ab in einer ewigen Gegenwart. Das menschliche Handeln kann nicht auf das Erreichen eines fernen oder sich wandelnden Ziels reduziert werden. Zum einen ist das Ziel des kulturellen Handelns  in ahistorischen Kontexten immer das Gleiche. Zum anderen ist die Durchführung des ritualisierten Handelns mindestens ebenso wichtig wie das Ziel selbst.

Ritualisierte Handlungen zielen nicht auf einen zukünftigen, bisher noch nicht da gewesenen Effekt ab, sondern fokussieren sich auf die unmittelbare Beschaffenheit der Gegenwart und deren stete Erneuerung. Alternative, effektivere Wege zum Ziel sind irrelevant, da sie nicht der Struktur des zyklischen, stets gegenwärtigen Mythos entsprechen.

Das Zeitverständnis innerhalb historischer Gesellschaften widerspricht diesen Vorstellungen total. Die Zeit, die menschliche Gesellschaft, der Zustand unserer Welt werden nicht als etwas Zyklisches begriffen, sondern als etwas sich linear und stetig Wandelndes.

Deutliche Beispiele finden wir bereits in den großen Buchreligionen, deren Verständnis der Zeit ein historisches und teleologisches ist: Die Dauer der Welt nimmt ihren Anfang in einem Schöpfungsakt, erstreckt sich über lange Genealogien und Ereignisse, die als faktisch und historisch angenommen werden, und mündet schließlich in einem dann wieder überzeitlichen Paradies.
Thomas von Aquin übertrug dieses Konzept der langsamen Entwicklung vom Sündenfall bis zum Eingang ins Paradies auf den Menschen selbst und begriff ihn erstmals als ein im Wandel befindliches Wesen, das sich auf einer Stufe zwischen Tier und Engel befindet. Hier begegnet uns bereits das Motiv des mangelhaften Menschen, dessen Aufgabe es ist, sich zu einem besseren Selbst hin zu entwickeln.

Den größten und nachhaltigsten Paradigmenwechsel dieses Prozesses der „Historisierung“ hat Charles Darwin mit seiner „Entstehung der Arten“ von 1859 ausgelöst. Mit seiner Theorie hat er das Primat der Anpassung und der damit einhergehenden Optimierung endgültig in die Vorstellung von Mensch und Gesellschaft eingeführt und auf diesem Weg auch die zentrale Bedeutung des „Fortschritts“ bei der Bewertung gesellschaftlicher Sachverhalte etabliert.
Nichts, was der Mensch hervorbringt, gilt uns mehr als vollkommen, alles als verbesserungswürdig und verbesserungsfähig. Schon allein der generell als positiv verstandene Begriff „Fortschritt“ suggeriert, daß der derzeitige Zustand einer Situation auf Dauer nicht befriedigend sein kann. Erst ein Fortschreiten, ein Verlassen des Status Quo, kann Befriedigung bringen.

Das daraus resultierende Verständnis kultureller Handlung kann ohne weiteres als machiavellistisch bezeichnet werden. Denn wenn die Veränderung des Status Quo Ziel der Handlung ist, spielt es keine Rolle, wie das angestrebte Ergebnis erreicht wird.
Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht der Effekt. Solange etwas einfacher, schneller, größer oder kleiner, billiger, lukrativer, bequemer oder schlichtweg moderner wird, ist es als positiv zu bewerten, gleichgültig, welche Mechanismen dafür verantwortlich sind.

Hier jedoch verselbständigt sich der Begriff des Fortschritts und löst sich von allen Bewertungskriterien zugunsten einer eigenen, von menschlichen Interessen unabhängigen Dynamik.
Der Fortschritt an sich wird als erstrebenswert angesehen, egal in welchem Bereich, in welcher Form oder mit welchen möglichen sekundären Konsequenzen er sich vollzieht.
Als plakatives Beispiel sei der Fetisch des „Wirtschaftswachstums“ genannt. Obwohl der Club of Rome bereits 1972 in seiner Studie Die Grenzen des Wachstums dieses Goldene Kalb der Wirtschaftspolitik als Irrweg entlarvte, gilt das zunehmende Bruttosozialprodukt nach wie vor als der unfehlbare Gradmesser des gesellschaftlichen Wohlergehens.
Der Motor der Wirtschaft muß brummen und er muß effektiver werden, mehr leisten, sein „Drehmoment“ muß erhöht werden, die „Performance“ muß immer dynamischer werden.

Dementsprechend muß alles Zyklische, Statische, Gleichbleibende gegebenenfalls auf dem Altar des Fortschritts unter Zuhilfenahme der Schlagworte Mobilität und Flexibilität geopfert werden. Vormals stabile lokale Gemeinschaften werden durch nicht-örtliche sog. „Soziale Netzwerke“ ersetzt, die Familie durch Lebensabschnittspartnerschaften und Patchwork, und der Mensch selbst wird schließlich degradiert zu einem Produkt, das sich der Disziplin stetiger Selbstoptimierung unterwerfen und auf dem Arbeitsmarkt anbieten muß, um damit dem Heilsversprechen des Wachstums zu dienen.
Die Mechanismen und damit die konkrete Qualität der Gegenwart verschwinden zugunsten von anvisierten Effekten und werden ersetzt durch Oberflächen, die diesen Effekten vorausgreifen oder lediglich rein fiktive Effekte suggerieren sollen. Mit den beobachtbaren Mechanismen und erfahrbaren Prozessen verschwinden jedoch auch die definierenden Konstanten des menschlichen Selbstverständnisses und die des gemein-schaftlichen Handelns.

Yukari Kosakai ist einerseits fasziniert von all den verschiedenen Geräten, technischen Oberflächen und Anwendungen, andererseits stellt sie sich immer wieder die Frage nach der grundlegenden Funktion der Dinge, denn in unseren postindustriellen Zusammenhängen sind Form und Funktion, wie gerade dargestellt, schon lange entkoppelt. Der Vorgang selbst ist nicht relevant, nur der Effekt, weshalb auch die inhärente Ästhetik eines Mechanismus keine Rolle mehr spielt. Alles Wesentliche, das Funktion hervorbringt, verschwindet hinter den selbstleuchtenden Oberflächen der Displays und ihren Bildern. Doch eben gerade die Funktion, der physische Mechanismus, soll wieder zu Bewußtsein gebracht werden.

Im Keller des Einstellungsraum sehen wir einen Mechanismus aus einem kleinen Zahnrad und einem größeren Zahnradsegment. Als Antrieb dient ein Gewicht, das zunächst durch ein Gegengewicht gehalten wird. Dieses Gegengewicht besteht aus einem Messgefäß für Niederschlagsmengen. Verdunstet das dort eingefüllte Wasser, kann sich das Gewicht absenken und den Mechanismus in Gang bringen.

Tatsächlich ist die Versuchsanordnung so gewählt, daß der Vorgang zwar nicht unmittelbar beobachtet werden kann, sein Mechanismus aber derart offengelegt ist, daß wir den Vorgang in unserer Vorstellung nachvollziehen können, wie auch der Prozess der Wasserverdunstung etwas Unsichtbares ist, das von uns dennoch als Impulsgeber erkannt wird. Unsere Aufmerksamkeit wird also nicht nur auf den mechanischen Vorgang gelenkt, sondern es wird auch gezielt auf dessen Unsichtbarkeit hingewiesen. Der Effekt hingegen wird bloßgestellt als Etwas, das irrelevant und weitgehend zu vernachlässigen ist. Relevant hingegen ist die Qualität der Gegenwart und die Präsenz des Mechanismus.

Dieser Aspekt wird auch durch die Materialwahl unterstützt. Die Installation ist in leichtem Holz ausgeführt, zwar präzise, aber offenkundig nicht darauf ausgerichtet, unter industriellen Bedingungen zu arbeiten. So erhält die Installation eher etwas Modellhaftes, Veranschaulichendes, das keine akute Arbeit verrichten soll, sondern in erster Linie gedanklich nachvollzogen werden muß.

Auch für die zweite Installation hat sich Yukari Kosakai ein diesem Aspekt entsprechendes Material ausgesucht: Pappe. Durch die Wahl des klassischen Bastelmaterials und die unterlassene Kaschierung der Oberfläche tritt dem Betrachter zuerst nicht die Präzision und Leistungsfähigkeit des Mechanismus vor Augen, sondern der Aufwand und die Sorgfalt, die zu dessen Herstellung nötig waren.  Dadurch wird die Aufmerksamkeit auf das Objekt selbst gerichtet, das so mit seiner materiellen Präsenz die Erwartung eines beeindruckenden maschinellen Effekts überdeckt.

Yukari Kosakai, Schritte zum Gegenpol, Ausstellungsansicht, 2017

Die Mechanik dieser zweiten Installation ist an der eines Uhrwerks orientiert. Herzstück ist ein Zahnrad mit einer sogenannten Ankerhemmung. Diese Ankerhemmung hält das Gangrad periodisch an und bewirkt dadurch einerseits ein regelmäßiges, stetes Laufen der Uhr, andererseits verhindert sie, daß die in der gespannten Feder gespeicherte Energie sich auf einmal entlädt.

Uhren sind in unserer Gesellschaft omnipräsent und sie dienen vor allem dazu, Arbeitsabläufe zu takten und aufeinander abzustimmen sowie Steigerungen der Effektivität oder der Geschwindigkeit zu überprüfen.
Es gibt zahlreiche Beispiele, vor allem aus den Stummfilmen des frühen 20. Jhd., in dem die Uhr als Symbol der industriellen Knechtung des Menschen fungiert. Sie steht also für die Herrschaft eines historischen  und teleologischen Gesellschaftskonzept, in dem nicht die Qualität der Gegenwart, sondern das Ziel von Bedeutung ist, in dem sich das menschliche Streben bündelt, um den Fetischen Wachstum und Geschwindigkeit zu huldigen.
Doch im Gegensatz zu der linearen digitalen Uhr, deren evolutives Ziel man in der „Sternzeit“ des Star Trek-Universums sehen kann, also einer Zeitangabe ohne Jahres-, Monats- oder Tagesangabe, trägt die mechanische Uhr noch das Erbe der zyklischen Zeit in sich.

Denn das Gangrad der Mechanik ist rund wie das Ziffernblatt der Uhr und wir kehren zyklisch immer wieder zu dem Ausgangspunkt zurück, in „Schritten zum Gegenpol“ - so auch der Ausstellungstitel. Von Mitternacht zu Mittag zu Mitternacht. Von Sonntag zu Mittwoch zu Sonntag. Durch die Jahreszeiten von Sommer- zu Winter- zu Sommersonnenwende.

Noch immer können wir die natürlichen Zyklen unserer Lebensumwelt wahrnehmen, wenn auch immer mehr abgeschwächt durch die Begleiterscheinungen des historisch-materialistischen „Fortschritts“ wie das elektrische Licht, das die natürlich Dunkelheit relativiert, die Schichtarbeit,  die unseren natürlichen Schlaf- und Wachrhythmus zerstört, beheizte Lebens- und Arbeitsumfelder, die uns der akuten Wahrnehmung von Wetter und Jahreszeiten berauben, Agrarindustrie und beschleunigte Handelslogistik, die uns zu jeder Jahreszeit jedes eigentlich saisonale Produkt liefern können etc.pp.

Ein weiterer Aspekt der Uhr, der der Logik der Effektivität zuwiderläuft, ist das Fehlen eines Effekts. Denn die Aufgabe einer Uhr besteht lediglich darin, zu laufen, ohne jemals ein Ziel zu erreichen. Dafür ist die Ankerhemmung von zentraler Bedeutung, ebenso wie für die Installation „Schritte zum Gegenpol“.

Erst das Innehalten, das zyklische Stoppen der Bewegung bringt die Funktion des Uhrwerks hervor. Erst das ausgewogene Zusammenspiel von Bewegung und Stillstand ergibt einen Sinn.

Es ermöglicht ein Bewußtwerden der Qualität der Gegenwart, eine Reflektion des gegenwärtigen Handelns. Denn unser Leben gewinnt nicht durch die angestrebten Effekte und fiktionalen Ziele seine Gestalt, sondern durch unser gegenwärtiges Tun und die Beschaffenheit des Moments, auf den die Arbeiten Yukari Kosakais uns auf so überzeugende wie subtile Art hinweisen.


ⓒ Dr. Thomas J. Piesbergen / VG Wort, Oktober 2017