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Sonntag, 23. Juli 2017

Der Akteur im Archiv - Eröffnungsrede zur Ausstellung „Arne Lösekann - arch_IV“ im Rathaus Schenefeld von Dr. Thomas Piesbergen

Die Ausstellung "arch_IV" von Arne Lösekann wurde ermöglicht durch den Kunstkreis Schenefeld im Rathaus Schenefeld, Juli/August 2017


Unsere Gesellschaft sowie unsere subjektive Realität definieren sich durch die Art und Weise, wie innerhalb ihres Wirkungsbereichs einzelne Ereignisse und Aspekte miteinander verknüpft sind; durch ein Bezugssystem, das den verknüpften Elementen Bedeutung zuweist. Diese Bezugs- und Bedeutungssysteme lassen eine jeweilig spezifische Struktur entstehen, die wir auf phylogenetischer Ebene als unsere Kultur begreifen, auf ontogenetischer Ebene als unser Selbst, unsere Identität.

In einem Zitat der buddhistischen Überlieferung heißt es, wir wären die Summe all dessen, was wir gedacht haben. Hier wird der gleiche Gedanke zu Ausdruck gebracht, doch kaum merklich durch etwas Entscheidendes ergänzt: durch die Tätigkeit des Denkens, durch eine Handlung.
Denn natürlich ist der Mensch nicht nur eine assoziative Struktur und die Kultur nicht nur eine Ansammlung von Bedeutungsmustern. Beide nehmen erst Gestalt an durch akute Handlung.

In seinem theoretischen Hauptwerk „Das Sein und das Nichts“ unterschied Jean Paul Sartre zwischen bloßen Gegenständen und Menschen, in dem er den Gegenständen ein „An-sich-sein“ zubilligte, den Menschen hingegen ein „Für-sich-sein“. Dieses menschliche „Für-sich-sein“ definierte er zunächst recht paradox als „das, was es nicht ist und nicht das, was es ist.“

Was er damit ausdrücken wollte ist der Umstand, daß der Mensch nicht aufgehen kann in dem, was er aus der Vergangenheit in sein gegenwärtiges Dasein getragen hat, also in der Sammlung dessen, was er erlebt und in Zusammenhang gebracht hat. Mensch zu sein bedeutet einen Bruch in der fugenlosen Existenz, denn der Mensch hat keine ihn konstituierende Essenz wie die Dinge. Er muß sich sein Wesen durch Handlung erst erwerben. Der Mensch muß sich in jedem Augenblick neu entscheiden und sein zukünftiges Leben entwerfen. Erst dieser Akt der Handlung in die Zukunft hinein macht ihn zum Menschen, erst darin kann er aufgehen.

Doch wer ist es denn, der in der Gegenwart auf dem Fundament all dessen, was er gedacht hat, agiert? Ist es überhaupt möglich, daß die Summe all dessen, was wir gedacht haben, in der Gegenwart präsent ist und zum Wirken gebracht werden kann? Oder sind es immer nur einzelne Bewegungen in dem Bezugssystem unserer Erinnerungen, die sich auf unsere Handlungen und damit auf unsere Wirklichkeit und gegenwärtige Identität auswirken?

Der tschechische Schriftsteller Karel Capek schrieb 1934 in seinem Roman Ein gewöhnliches Leben:
„Wie viele Lebensgeschichten sind es nun: vier, fünf, acht. Acht Leben, die mein Leben bilden; und ich weiß, wenn ich mehr Zeit und einen klaren Kopf hätte, fände ich noch eine ganze Reihe, völlig zusammenhangslose, solche, die nur einmal existierten und nur einen Augenblick währten (…)
Das Leben eines Menschen ist eine Menge verschiedener möglicher Leben, von denen nur eins, oder einige verwirklicht werden, während die anderen sich nur spärlich, nur für eine Weile oder überhaupt nicht offenbaren. So ungefähr stelle ich mir die Geschichte eines jeden Menschen vor.“

Aufgrund ähnlicher Überlegungen bezeichnete der portugiesische Dichter Fernando Pessoa das menschliche Sein als eine Kolonie verschiedener Selbste, und Michel Montaigne bemerkte in seinen Essays, es gebe zwischen uns und uns selbst eben so viele Unterschiede, wie zwischen uns und den anderen.

Für das Alltagsleben der meisten Menschen haben diese Überlegungen nur eine geringe Bedeutung, da sie sich meist in Kontexten bewegen, in denen Aufgaben und Betätigungsfelder von außen an sie herangetragen und gewisse Entscheidungen und Ergebnisse von ihnen erwartet werden. Dadurch, daß ihr Umfeld vorgegeben ist und ihre Handlungen und Entscheidungen nur in einem klar abgegrenzten Rahmen stattfinden können, sind etliche Parameter ihrer Identität festgelegt und nur unter erheblichen Mühen und Verwerfungen zu ändern.

Für den Künstler allerdings ist die Frage nach den Entscheidungen und Handlungen, mit denen er sich sein Wesen und seine Identität erwirbt, stets akut und essentiell, denn mit jedem abgeschlossenen Projekt stellt sich ihm die Frage von neuem: Was gilt es jetzt zu tun und wer werde ich sein? Welche Emanation der Kolonie meines Selbsts tritt in dem nächsten Projekt hervor?
Denn wenn sich unser Selbst durch das „Für-sich-sein“ Sartres definiert, treten unsere Persönlichkeit und Identität in unseren Entscheidungen zutage, durch das, was wir tun und wie wir es tun; im Falle des Künstlers also durch seine Kunst. In ihr manifestieren sich seine Wahrnehmungs-routinen, seine Haltung gegenüber der Welt, sein Selbstbild, seine Motive und seine Gestaltungsabsichten.

Auch auf einer anderen Ebene ist die Frage nach der temporären Identität für den Künstler relevanter als für die meisten anderen Menschen. Denn während sich jene lediglich mit erinnerten, verschwommenen und changierenden Bildern auseinandersetzen und sich daraus eine Vorstellung ihrer Vergangenheit und ihrer Identität auf der Folie der Gegenwart machen, die zu steter, unmerklicher Wandlung fähig ist, sind Künstler mit ihrem Werk konfrontiert, in dem vergangene, temporäre Selbste eine konkrete und unwandelbare Gestalt angenommen haben.

Aus diesem Grund beschäftigen sich Künstler nur selten intensiv mit ihrem Gesamtwerk, da es sie vor die Aufgabe stellt, ihr gegenwärtiges Selbst stets mit einem temporären vergangenen Selbst abzugleichen und sie dadurch den nötigen freien Denkraum verlieren, neue Projekte zu entwickeln und veränderte oder neue Versionen ihrer Persönlichkeit in Erscheinung treten zu lassen. Dementsprechend befolgen sie meist Sartres Forderung, das Vergangene zu negieren und sich selbst in eine mögliche Zukunft hinein zu entwerfen.

In seiner Ausstellung „arch_IV“ versucht Arne Lösekann hingegen sich genau dieser Aufgabe des Abgleichs zu stellen und in einen aktiven und schöpferischen Dialog mit diesen vergangenen Emanationen seines künstlerischen Selbst zu treten.

Arne Lösekann, Installationsansicht Arch_IV, Rathaus Schenefeld, 2017

Doch um überhaupt in einen solchen Handlungsprozess einzusteigen, ist es notwendig, sich ein Archiv zu schaffen, das ein Agieren erlaubt. Das erfordert bereits nach jeder abgeschlossenen Installation die Entscheidung, welche Elemente nötig sind, um die Installation zu einem späteren Zeitpunkt nachvollziehbar zu machen. Denn im Gegensatz zu Bildern, deren Bedeutung in der Regel immanent und vom Kontext unabhängig ist, sind Installationen immer abhängig von den spezifischen Gegebenheiten des Ausstellungszusammenhangs.

In ihnen kommen Haptik, Gerüche und Geräusche zum tragen, sie interagieren mit dem Betrachter und dem Raum und haben mitunter zeitliche Aspekte, in vielen Fällen sind sie sogar nur für einen speziellen Ort oder einen bestimmten Zusammenhang entwickelt worden, ohne den sie nicht zu entschlüsseln sind.

Zuerst muß also eine Auswahl stattfinden: Welche Elemente sind imstande, den ganzen Installationskomplex in der Vorstellung eines Betrachters wieder zum Leben zu erwecken? Welche Elemente transportieren das Konzept, die Idee am schlüssigstens?
In dem Moment, in dem die Auswahl getroffen wird, tritt die Installation in eine nächste Phase und ordnet sich der Logik eines nächsten, übergeordneten Werkprozesses unter, nämlich dem Werden eines Archivs, das nicht nur die Funktion des Aufbewahrens erfüllen soll, sondern als Ausgangsmaterial für das weitere künstlerische Handeln gedacht ist. Es soll die archivierten Fragmente bereithalten, es soll dem Künstler auch angesichts seines vergangenen Werks die Möglichkeit geben, sich selbst nicht zum Betrachter zu degradieren, sondern Akteur zu bleiben.

Arne Lösekann, Performance zu Arch_IV, Rathaus Schenefeld, 2017

Es ist inzwischen hinlänglich bekannt, daß unsere Erinnerungen keinesfalls so verläßlich sind, wie wir gerne glauben möchten. Wir reduzieren sie, wir füllen die Lücken zwischen den Fragmenten, wir glätten sie, in dem wir sie in unseren Nacherzählungen glaubwürdiger machen, wir verdrängen die unbequemen Ereignisse, wir begründen irrationale Entscheidungen im Nachhinein, wir rechtfertigen uns, und wir machen Fehler, vertauschen Gesichter, Orte, Zeiten.
Diese nicht-intentionellen und oft unerwünschten Charakteristika unseres Erinnerungsvermögens, mit denen wir sehr großzügig die Vergangenheit überformen und neu ordnen, versucht Arne Lösekann ganz gezielt und bewußt auf den Umgang mit seinem künstlerischen Oeuvre zu übertragen, um sich einen Handlungsspielraum zu schaffen.

So wie wir einzelne Erinnerungen und Eindrücke einer akuten Gegenwart miteinander in Verbindung bringen, um darin vielleicht einen roten Faden unseres Selbsts zu entdecken oder wenigstens vereinzelte Überein-stimmungen und Entsprechungen, so nähert sich Arne Lösekann seinen archivierten Installationen.

Arne Lösekann, Performance zu Arch_IV, Rathaus Schenefeld, 2017

Er wählt intuitiv einzelne Komplexe aus, die vergangene künstlerische Emanationen seines Selbst repräsentieren, und beginnt mit ihnen zu agieren, beginnt, sie spontan in Zusammenhang zu bringen mit anderen Komplexen, oder er isoliert jeweils einzelne Elemente auf der Suche nach neuen möglichen Zusammenhängen, die Aufschluß darüber geben können, wer er damals gewesen ist, oder darüber, welche Bewegungen sich über seine akuten Handlungen an den Objekten in die Zukunft fortsetzen könnten und, wie Sartre es fordert, ihm ermöglichen, sich selbst, ein mögliches Selbst, in die Zukunft hinein zu entwerfen.

Dieser Arbeit an der subjektiven Vergangenheit und künstlerischen Identität stellt er in einer Reihe von Transferdrucken die Auseinander-setzung mit einer Vergangenheit entgegen, zu der er nur mittelbaren Zugang hat.

Dort wo sonst die Portraits der ehemaligen Bürgermeister von Schenefeld zu sehen sind, hängen Transferdrucke historischer Fotografien auf Glasplatten. Sie stammen aus der Zeit von 1910 bis 1950 und zeigen Alltagsmotive aus dem Hamburger Stadtteil Barmbek. Im Rahmen seines Projektes „Zeitgeister“ ging Arne Lösekann immer wieder mit diesen Bildern um und sah schließlich die Notwendigkeit, daß auch dieses Handeln an den Bildern in einen zweiten Werkprozess überführt werden müsse.

Arne Lösekann, Zeitgeist_Fetzen, 2017


Historische Photographien werden von uns in der Regel als dokumentarisch gewertet, als authentisch. Doch was sagen sie uns tatsächlich, wie viel der Information, die sie möglicherweise transportieren, ist für uns überhaupt entschlüsselbar? Denn wenn ein erlebtes und erinnertes Bezugssystem fehlt, wie kann es möglich sein, sie in unsere Vorstellung der Vergangenheit einzufügen, einer Vergangenheit, die sich ohne Bruch aus den von uns durchlebten Regionen fortsetzt in die Zeiten vor unserer Geburt, vor der Geburt unserer Eltern und so fort bis sie schließlich in den Nebeln der Vorgeschichte nicht mehr zu fassen ist?

Das einzige, was uns bleibt, ist der Versuch, sie mit dem Ausschnitt der Wirklichkeit, den wir erfahren haben, in Zusammenhang zu setzen, auf dieser Basis neu zu konstruieren, oder sie in Narrationen einzubetten, deren Grundmuster uns als universell gelten. Diese Assoziationen und Überschreibungen der phantomhaften und erodierenden Bilder seiner „Zeitgeister“-Serie hat Arne Lösekann mit einem roten Permanentmarker und roter Latexfarbe aufgebracht.
Die Wahl der Farbe und die formale Erscheinung der Kommentare, die an Korrekturen am Rande von Klassenarbeiten erinnern, machen ein weiteres mal die unüberbrückbare Kluft zwischen unserer erlebten Gegenwart und der nur noch geisterhaft zu erahnenden Vergangenheit deutlich.

Gleichzeitig versinnbildlichen sie das Bedürfnis des Menschen, sich auch mit einer ihm entrückten Wirklichkeit, mit einer ihm fernen Zeit in Bezug zu setzen, sich durch die Haltung, die man ihr gegenüber einnimmt, und durch ein Nachspüren möglicher historischer Bewegungen, die bis in die von uns erlebte Gegenwart hinein wirken, die eigene Identität im Strom der Zeit besser verorten und umreissen zu können.

Und schließlich setzen sich diese roten Kommentare und Notizen fort auf den Fenstern des Ausstellungsraums und machen deutlich: Selbst diese Gegenwart wird sich uns irgendwann entziehen und versinken in einer nur noch mittelbar zu rekonstruierenden Vergangenheit. Selbst diese Gegenwart kann von uns nie derart durchdrungen werden, daß wir nicht doch möglicherweise die entscheidenden Ereignisse und Zusammenhänge übersehen und sie stattdessen mit nur subjektiv relevanten Bedeutungen und imaginierten Narrationen überschreiben.

Arne Lösekann, Künstler und Ausstellungsansicht Arch_IV, Rathaus Schenefeld, 2017

Doch gleichgültig, ob wir in das Archiv der subjektiven Erinnerungen eintauchen oder uns mit einer vermeintlich objektiven Vergangenheit beschäftigen, beide werden erst lebendig und erlangen für uns erst Bedeutung, wenn wir sie in die Gegenwart unserer akuten Handlung einbeziehen, genauso, wie wir erst zu unserem Wesen finden und unsere Identität erschaffen, in dem wir Bewegungen aus der Vergangenheit aufgreifen, sie abwägen, uns zu ihnen in Bezug setzen, und anhand ihrer unser Selbst in eine mögliche Zukunft projizieren.

ⓒ Thomas Piesbergen / VG Wort, Juli 2017





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