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Donnerstag, 29. Juni 2017

Demeter sagt: Nein! - Einführungsrede zur Ausstellung "Christine Carstens: ...dreh dich noch einmal um…Moment" von Dr. Thomas Piesbergen

Die Ausstellung „...dreh dich noch einmal um…Moment“ von Christine Carstens findet statt im Rahmen des Jahresthemas DREHMOMENT des Einstellungsraum e.V.

Christine Carstens, "Rosenhag" (Detail), 2017, Multimedia

Das heutige Verhältnis des Menschen zur Natur ist ein zutiefst zwiegespaltenes, mitunter geradezu paradoxes.

Wir leben und agieren tagtäglich in einem Kontext, der von der Opposition von Natur und Kultur gekennzeichnet ist, wir nehmen also die Natur als eine klar abgegrenzte Gegenwelt zu der selbstgeschaffenen Welt des Menschen wahr.
Zwar ist es inzwischen ein weitgehend anerkannter Allgemeinplatz, daß auch der Mensch lediglich ein höher begabtes Tier ist, und damit ein Teil der Natur, doch unsere natürlichen körperlichen Funktionen werden von dem Gros der Menschen in postindustriellen Kontexten trotzdem als störend und unangenehm empfunden und unterdrückt, körperliche Merkmale werden korrigiert oder sogar entfernt und die natürliche Gestalt des Körpers wird, vergleichbar mit der Erfüllung einer industriellen Norm, der aktuellen Mode angepasst.

Der soziale Druck, den diese Kontrolle des Körpers auslöst, betrifft vor allem junge Frauen, die versuchen, ihre angeblich mangelhafte natürliche Erscheinung zu optimieren durch Entfernung von Körperbehaarung, Absaugen von Fett, durch das Färben, Glätten oder Locken der Haare, die Maskierung der Haut, die Überdeckung des Körpergeruchs und schließlich mittels Operationen an Kinn, Nase, Brust, Po und Schamlippen.
Die Natur unserer Körper ist zu etwas geworden, daß es zu bekämpfen und  zu unterwerfen gilt. Sie ist zu einem Feind geworden, den wir zu disziplinieren oder andernfalls zu verstümmeln haben.

Die uns umgebende Natur hingegen ist zu einem Selbsterfahrungs-Abenteuerspielplatz für zivilisationsmüde und trend-bewußte Städter degradiert worden, und man tritt ihr nur noch mit einer entsprechenden Ausrüstung entgegen. Und wenn man nicht hiked, kited, mountainbiked, nordic walked, jogged oder rafted sucht man sie in der Regel nur noch auf, wenn man einen Hund zum Pinkeln ausführt.

Auf der Ebene der Werbung und des Wellness-Journalismus wird gerne von einer „inneren Natur“ gesprochen. Die allerdings bleibt, so häufig sie auch herbeizitiert wird, völlig nebulös und wird nur relevant, wenn sie ihre angebliche Entsprechung in gewissen Produkten oder einer bestimmten Art der Freizeitgestaltung finden soll.
Und dann existiert die Natur schließlich noch als Sehnsuchtsraum des Eskapismus, der unerreichbar, weil nicht existent, jenseits des blauen Himmels der Werbefotographie liegt.

Zwar wird auch der Begriff der Ganzheitlichkeit immer häufiger theoretisch angeführt, leider zeitigt er aber nur in geringem Umfang Konsequenzen auf unser Verhalten, und wenn ja, dann meist nur als Kaufentscheidung im Supermarkt oder bei der Wahl des Stromanbieters.

Das Verhältnis von Mensch und Natur ist also grundlegend gestört und bewegt sich zwischen den entgegengesetzten Polen von Ekel und Angst einerseits und der Sehnsucht nach Erlösung von allem nur erdenklichen Leid andererseits.

Betrachtet man das Verhältnis von Mensch und Natur mit historischer Tiefe wird schnell klar, daß es im Verlauf der Menschwerdung einen drastischen Paradigmenwechsel der Selbstwahrnehmung und des Naturverständnisses gegeben haben muß.

In den noch heute beobachtbaren, hierarchielosen Wildbeuter- gesellschaften, die man in der Regel als Modell zur Rekonstruktion früher prähistorischer Gesellschaften heranzieht, gibt es nahezu keine Trennung zwischen dem Menschen und der ihn umgebenden Natur. Für die Buschmänner der Kalahari z.B. sind alle anderen Naturerscheinungen wie Wolken oder Bäume ebenfalls Buschmänner, nur eben welche, die in einen anderen magischen Zustand übergetreten sind. Es gibt keinen Glauben an eine Götter-, Geister- oder Unterwelt und entsprechend fehlen die darauf abzielenden Rituale, da jeder Mensch unmittelbarer Teil der ihm gleichartigen Natur ist und er jederzeit Zugang zu ihr hat.

In den komplexeren Wildbeutergesellschaften des Jungpaläolithikums tauchen die ersten Kultfiguren auf, die möglicherweise etwas darstellen, was unserem heutigen Verständnis von „Göttern“ vergleichbar ist: weibliche Figurinen mit deutlichen Merkmalen von Schwangerschaft und Fruchtbarkeit.
In vergleichbaren Kulturen, wie etwa denen der Indianer Nordamerikas, begegnen wir dieser Fruchtbarkeitsgöttin als Mutter Erde, die große Hervorbringerin und Ernährerin allen Lebens. Doch selbst wenn sich hier bereits eine leichte Opposition von Mensch und Natur anbahnt und der Mensch sich ein göttliches Gegenüber geschaffen hat, herrscht in diesen matrisch geprägten Kulturen noch immer ein ganzheitliches Denken vor, in dem alle Kinder der Erdmutter, also alle Naturerscheinungen und Lebewesen, das gleiche Recht auf Existenz teilen.

Der weiblichen Gottheit, die mit Fruchtbarkeit und Leben assoziiert wird, begegnen wir auch in den Anfängen unserer Kultur wieder, als große Göttin des jungsteinzeitlichen Catal Hüyüks, als Nammu in Sumer, als Tiamat in Babylon, Astarte in Phönizien, Isis in Ägypten, Prithivi in den indogermanischen Veden, und in Griechenland und Rom als Gaia, Rhea, Demeter und schließlich auch Artemis und Diana, die die Göttin als Herrin der Tiere und Hüterin der Schwangeren und Mädchen repräsentieren.

Doch in dem die Fruchtbarkeit und damit auch die lebendige, lebensspendende Seite der Natur als weiblich attributiert wurde, war der heraufziehende paradigmatische Bruch nahezu unausweichlich geworden.  Denn damit war nicht nur die Natur als ein Gegenüber gestaltet worden, an das man sich rituell wenden konnte, sondern gleichzeitig war die Bühne bereitet worden für die geschlechtliche Opposition im Religiös-Numinosen. So dämmerten mit den Hochkulturen folgerichtig auch die patriarchalischen Ordnungssysteme herauf. Eine ihrer wichtigsten Strategien dieser männlichen Systeme war das „Teile und Herrsche“:
Während die sumerische Inana und die babylonische Ishtar als Göttinen der Liebe noch deutliche Züge der Großen Göttin trugen und im Pantheon eine maßgebliche Rolle spielten, erscheinen Aphrodite und Venus bereits als deutliche Abspaltungen von Teilaspekten, die lediglich den verführerischen, noch nicht geschwängerten Zustand der Göttin repräsentieren.

Durch die Aufspaltung der Göttin in ihre verschiedenen Aspekte wurde ihre allumfassende Bedeutung und damit ihre Macht eingeschränkt. So wurde die Erdmutter mehr und mehr zurückgedrängt durch die männlichen ordnenden Himmelskräfte, die vorderasiatischen Wetter- und Sonnengottheiten, durch Enki, Marduk oder Baal, durch Vatergottheiten wie Amun Re oder Zeus und schließlich auch durch JHWH, den patriarchalischen Gott der monotheistischen Buchreligionen.

Aber selbst wenn es vereinzelte, groteske Versuche gab, die weibliche Fähigkeit des Gebärens auf männliche Figuren zu übertragen, wie die Schenkelgeburt des Dionysos durch Zeus, die Rippengeburt der Eva, die Übertragung der Fruchtbarkeit auf Osiris, der durch Isis wieder zum Leben erweckt wurde, blieb das große Mysterium des Lebens auf der weiblichen Seite der Wirklichkeit. Es blieb dem Mann verschlossen, der entsprechend versuchte, diese sich ihm entziehende Macht zu kontrollieren.

Bei dem großen Anthropologen Joseph Campbell heißt es in seiner Mythologie der Urvölker, Bd. 1 des fünfbändigen Werks Die Masken Gottes:
„Die Angst vor der Frau und das Geheimnis ihrer Mutterschaft sind für den Mann nicht weniger nachhaltig prägende Kräfte gewesen als die Ängste und Geheimnisse, die die Welt der Natur selbst für ihn barg. In den Mythologien und rituellen Überlieferungen unserer gesamten Art lassen sich unzählige Beispiele für die unverdrossenen Bestrebungen des Mannes finden, sich erfolgreich (…) zu diesen zwei fremden und ihn doch zuinnerst nötigenden Kräften zu verhalten: Frau und Welt.“

Das große Geheimnis des Lebens bleibt trotz aller Aneignungsversuche in der Sphäre der Frau. In der Antike belegen das z.B. die bedeutenden Mysterien zu Sais und Eleusis, das eine der Isis geweiht, das andere der Demeter, die, nachdem ihre Tochter Persephone beim Blumenpflücken von Hades geraubt und zu seiner Braut gemacht worden ist, allen Pflanzen und Tieren verbietet zu wachsen, Früchte zu tragen und sich zu vermehren. Dadurch zwingt sie schließlich selbst den Göttervater Zeus in die Knie, der Hades befiehlt, Persephone frei zu lassen. Sie kehrt wiedergeboren auf die Erde zurück als Kore, das unberührte Mädchen.

Auch im patriarchalischen Christentum bleibt es einer Frau vorbehalten, die Mutter Gottes zu werden. Doch um sie zu entmachten, erscheint sie nicht als mächtige und handelnde Große Göttin, nicht als Demeter, sondern als die verführerische, jungfräuliche und erduldende Persephone/Kore, als Maria, die stellvertretend Gottes Sohn gebiert. Durch diese neue Paradoxie ist das christliche Bild der Frau geprägt, die, wenn sie nicht als Hure gelten möchte, jungfräulich und keusch aber gleichzeitig mütterlich sein sollte.

Doch natürlich reicht es der männlichen Logik nicht, die Frau zu kontrollieren und zu entmachten. Auch ihr vormaliger Herrschaftsbereich, die fruchtbare Natur, muß profanisiert und erobert werden. Entsprechend heißt es im ersten Buch Mose, Vers 28 „...füllet die Erde und machet sie Euch untertan.“
Hier wird die Trennung zwischen Mensch und Natur erstmals explizit ausgesprochen. Und sie wird wiederholt durch die Vertreibung aus dem Garten Eden, der die Menschen vorher bedingungslos wie eine Mutter umhegt und ernährt hat. Statt dessen werden sie in eine Ödnis verbannt und müssen sich von einem Acker nähren, der von Gott verflucht worden ist und statt Früchten nur Dornen und Disteln hervorbringt. Anstelle einer lebensspendenden Mutter Erde ist der Mensch nun mit einer feindlichen Natur konfrontiert und muß sich die Anerkennung seines Gottvaters durch Demut, Gehorsam und zähen Kampf erarbeiten. Damit ist die Idee des Homo Faber geboren, des Homo Technicus, der nur in seinen Bemühungen der Naturkontrolle eine Daseinsberechtigung findet.

Blicken wir von den alt-testamentarischen Zeiten in die Zukunft, begegnen wir diesem Homo Technicus wieder in den Büchern von Stanislaw Lem als Techniker, der in einem fernen Sonnensystem mit der Solaris, einem lebendigen und ihm völlig fremden Meeresplaneten konfrontiert wird, an dessen Geheimnissen sich bereits Generationen von männlichen Wissenschaftlern die Zähne ausgebissen haben. Die Solaris, die vom Menschen unberührte, fruchtbare Welt, stellt dem Protagonisten des Romans eine Wiedergeburt seiner toten Frau an die Seite, die für ihn ein ebenso unbegreifliches Rätsel bleibt, wie die Solaris, wie seine Frau, wie die Welt, wie er selbst.

In der Ausstellung „...dreh dich noch einmal um…“ von Cristine Carstens begegnet uns die Natur in zweierlei Form.

Im Keller des Einstellungsraums sehen wir eine Wolldecke, die eine Naturansicht zeigt, beschnitten und auf eine Platte gespannt. Wir wissen: sie hat einmal gewärmt und geschützt, doch nun ist sie zweckentfremdet und nur noch ein Abbild, eine Erinnerung an den Garten Eden. Darauf, unproportional groß, sitzen zwei Schnecken, die ebenfalls aus dem Deckenstoff geformt sind.

Christine Carstens, „tempered“, 2016, Wolldeckenstoff, 2 bezogene Schnecken, Acrylfarbe

Quer über die Decke ist in großen, unbeholfenen Buchstaben das Wort „tempered“ geschrieben. Das Wort wirkt wie der Versuch einer Einordnung, einer Bestimmung des Zustandes der Natur, eine Kontrolle der Interpretation durch eine plakativ aufgebrachte Begrifflichkeit. Doch ebenso unbeholfen wie die Schrift ist auch die Wahl des Begriffs.

Denn das Wort „tempered“ ist alles andere als eindeutig. Tatsächlich wird das Wort im Englischen fast nie ohne Beiwörter verwendet, die den Charakter genauer bestimmen. So kann es als ill-tempered, hot-tempered, even-tempered, well-tempered, bad-tempered etc. nahezu alle Arten von Launen von gutmütig und gemäßigt über griesgrämig bis hitzig und heftig zum Ausdruck bringen.

So scheitert der Versuch, die Natur durch eine Definition ihres Charakters einzugrenzen und zu kontrollieren auf ganzer Linie. Sie bleibt verschlossen und verbirgt ihr Inneres, wie die auf der Decke applizierten Schnecken.
Auch der Ausschnitt aus der Uferszenerie, die ursprünglich sicher als idyllisch konzipiert gewesen ist, ist so gewählt, daß dunkelbraune Töne dominieren und Schatten den Blick auf Details verwehren. Die Natur verweigert sich dem scharfen, analytischen Blick und verbirgt sich im Vagen, Dunklen und Unscharfen.
Und als kommentiere sie schließlich ironisch den Versuch, sie mit einem Begriff festzunageln, folgt dem Wort „tempered“ auf dem Deckenmotiv eine Reihe heller Punkte, Kiesel oder Lichtreflexe. Wie drei angefügte Punkte im Schriftbild markieren sie die Bestimmung „tempered“ als nicht abgeschlossen und fragwürdig.

Christine Carstens, „tempered“, 2016, Ausstellungsansicht, Einstellungsraum e.V.

Vor der Arbeit auf dem Boden steht ein rotierendes Licht. Es dreht sich unablässig um sich selbst und läßt dabei einzelne, schwache Lichtstreifen über die Uferszene gleiten, die an die abtastenden Lichtstreifen eines Scanners erinnern. In dem nahegelegten Kontext könnte man es lesen als Metapher für einen weiteren männlichen und unzulänglichen Versuch, die entfremdete Natur mit logisch-technischen Hilfsmittel zu überwachen und zu verstehen.

Die Wolldecke erscheint auch in der zweiten Arbeit als zentrales Element. Aus ihr ist die Silhouette eines Frauenkopfes mit wallendem Haar geschnitten. Der Abschnitt der Decke ist so geschickt gewählt, daß nicht nur die Haare des Kopfes als dunkle Fläche abgesetzt sind, sondern sogar Augenlid und Wimpern von einigen hellen Flusen nachgezeichnet werden.

Christine Carstens, "Rosenhag", 2017, Mixed media

Um den Frauenkopf herum sind Fragmente eines schmiedeeisernen Zauns gelegt, darum in zwei gegenläufigen Spiralen, Speichenreflektoren von Fahrrädern. Dadurch wird der Frauenkopf, in dessen Wollsilhouette die Kräfte „Frau und Welt“ bzw. Frau und Natur zur Deckung gekommen sind, zum Zentrum einer Bewegung, zum Mittelpunkt, um den sich die Realitätskonstruktion des Mannes dreht.

Doch bereits die gegenläufigen Spiralen machen deutlich: in welche Richtung sich die Welt dreht, ist nicht vorauszusehen, denn es wird durch eine launische, unkontrollierbare Fluktuation im Zentrum bestimmt.
Auch die Versuche „Frau und Welt“ mit dem männlich-attributierten Material Eisen, vertreten durch das Klischee des bürgerlichen, schmiedeeisernen Zauns, einzusperren, sind offenkundig gescheitert, denn die Fragmente scheinen wie von einer Zentrifuge auseinander geschleudert zu werden.

Und ausgelöst hat diesen Ausbruch von Kraft offenbar ein einziges Wort, das die kuschelige kleine Dame im Zentrum in eine wollene Sprechblase hineinspricht, das Wort „No“, die Verweigerung, die einst Demeter dem Göttervater Zeus und den anderen Olympiern entgegengehalten hat.

Doch diesmal hat sich die erduldende und jungfräuliche Kore/Persephone/Maria die Verweigerung selbst zu eigen gemacht und damit Demeter und Persephone/Kore wieder zu einer Einheit verschmolzen. Ebenso ist sie wieder eins mit ihrer faktischen „inneren Natur“ geworden. Auf diesem Weg ist es ihr gelungen, die Einheit wieder herzustellen, die von den patriarchalischen Gottheiten und technokratischen Männern zerstört worden ist, um „Frau und Natur“ zu einem kleinen kuscheligen, keuschen, verführerischen und dennoch mütterlichen, aber machtlosen Rückzugsort zwischen Vorgarten, Schmiedeeisen und "Eiche rustikal" zu erniedrigen.

Christine Carstens, „hungry“ & "satt", 2016, Wolldeckenstoff, Acrylfarbe

Als letzten Kommentar sehen wir die Worte „hungry“ und „satt“ eingefräst auf zwei einzelnen Deckenstückchen. Auch in ihnen sehen wir zunächst einen Gegensatz, der die heutige Welt auseinanderreißt. Doch verpflanzen wir sie in die vereinigte Figur der Demeter/Kore, kommt auch dieses polare Wortpaar zu einer überraschenden Deckung. Denn Kore hat es satt. Und sie hat in sich ein ungestilltes Verlangen, einen Hunger, den zu stillen ihr bisher verwehrt wurde.

Und deshalb sagt sie, die lebendige, fruchtbare Fluktuation im Zentrum aller Bewegung: „Nein!“


ⓒ Dr. Thomas J. Piesbergen / VG Wort, Juni 2017





Montag, 26. Juni 2017

2. Juli 2017: Lesung - Thomas Piesbergen liest die Novelle "Patient Nr. 1701" in der Kunstpension, Pinneberg

Im Rahmen der "Sommerateliers 2017" bin ich von der Kunstpension im Rahmen der Aktion Kunst_An_Bau zu einer Lesung eingeladen worden. (KLICK)

Am Sonntag, den 2. Juli 2017, werde ich ab 15:00 im Garten der Kunstpension meine Novelle Patient Nr.1701 lesen.


"Ich bin nicht verrückt. Ich bin auch nicht der psychische Sonderfall, für den ich hier gehalten werde. In dem folgenden Bericht möchte ich erzählen, was wirklich geschehen ist, bevor es den Ärzten gelingt, mich von dem zu "heilen", was sie für eine Wahnvorstellung halten..."

Neben der Lesung gibt es auch noch jede Menge hervorragende zeitgenössische Kunst von:

Birgit Bornemann, Karl Boyke, Anke Bromberg, feine menschen, gagel, Gunnar F. Gerlach, Brigitta Höppner, Karin Hilbers, Florian Huber, Arne Lösekann, mioq, Kirsten Petersen, HannaH Rau, Stilla Seis, Adriane Steckhan, Inken N. Woldsen und Niko Wolf.

Garten der Kunstpension
atelier.kunstremise.mioq
Fahltskamp 30
25421 Pinneberg










Sonntag, 18. Juni 2017

Im Spiegel der gespiegelten Welt - Eröffnungsrede zur Ausstellung "Twins", Galerie in der Wassermühle Trittau von Thomas Piesbergen

TWINS - Motiv der Einladungskarte, Siobhan Tarr, 2017
Eine der großen Fragen, vielleicht die größte aller Fragen in der Philosophie und der Spiritualität, ist die Frage nach dem Selbst, nach dem Zustandekommen und der Beschaffenheit des individuellen Bewußtseins, der subjektiven Welterfahrung und des Ich-Gefühls, die Frage nach der Identität.

Schon bei dem Vorsokratiker Heraklit heißt es: Allen Menschen ist zuteil, sich selbst zu erkennen und verständig zu denken. Die Selbsterkenntnis wird als etwas explizit Menschliches begriffen, als ein natürliches Charakteristikum.
Doch daß die Fähigkeit, den Blick auf sich selbst zu richten, noch lange nicht bedeutet, sich selbst auch erkennen zu können, wird deutlich durch die Aufforderung „Gnothi seauton“: Erkenne Dich selbst!, die im 5. Jhd. v. Chr. als Inschrift in der Vorhalle des Tempels von Delphi angebracht worden war.
In der Überlieferung heißt es, Chilon von Sparta, einer der Sieben Weisen der Antike, habe das Orakel befragt, was die Menschen am ehesten lernen sollten, und von Apoll durch den Mund der Pythia habe er eben diese Aufforderung erhalten: Erkenne dich selbst!

Die Aufgabe der Selbsterkenntnis ist spätestens seitdem ein zentrales Element der verschiedensten philosophischen Schulen, der Mysterien und esoterischen Bewegungen. Auch in der spirituellen und philosophischen Praxis der östlichen Hemisphäre, vor allem im Buddhismus, ist die Erkenntnis und die dadurch mögliche Überwindung des Ichs das wichtigste Anliegen.

Doch was erkennt der Mensch, wenn er sich selbst erkennt?
Seit der Antike gibt es die Überlieferung des verschleierten Bildes von Saïs, das die Göttin Isis zeigen soll, die göttliche Verkörperung der Natur. In seiner Abhandlung Vom Erhabenen erwähnt Friedrich Schiller die Inschrift, die sich über der Tempeltür befunden haben soll: „Ich bin alles, was ist, was gewesen ist und was sein wird. Kein Sterblicher Mensch hat meinen Schleier aufgehoben.“ Novalis greift dieses Motiv in seinem Romanfragment Die Lehrlinge zu Saïs auf. Dort heißt es: „Einem gelang es,- er hob den Schleier der Göttin zu Sais - Aber was sah er? er sah - Wunder des Wunders - sich selbst.
Es scheint also, als liege in der Selbsterkenntnis einer der Schlüssel zur Welterkenntnis.

Doch warum ist die Selbsterkenntnis, die Heraklit als etwas selbstverständliches galt, so schwierig zu erlangen? Es ist eine Frage der Perspektive. Denn wenn wir schauen, tun wir es von unserem Standpunkt aus, unser Selbst sieht hinaus in die Welt und es definiert sich durch die Grenze, die es zwischen sich und der Welt zieht. Es sieht die Dinge jenseits der Grenze, doch was dieseits der Grenze liegt, kann es nicht sehen. Dabei steht es sich selbst im Weg. Um zu uns selbst zu gelangen und uns selbst zu erkennen, ist also ein Umweg notwendig.

In seinem Indikationen-Kalkül hat der Mathematiker John Spencer-Brown dargelegt, daß das, worauf wir zeigen, das, was wir als etwas von uns Getrenntes erleben, von uns nur erkannt und angezeigt werden kann, weil wir es vorher in uns erfahren haben. Wir veräußern also etwas Inneres und erklären es dann zu etwas Äußerem. Zur Erklärung dieses Zusammenhangs der so simpel wie schwer verständlich ist, bediente er sich einerseits des Bildes von Yin und Yang, andererseits verwendete er den Begriff des Blinden Flecks.

Es ist dieser Blinde Fleck, der unsere Identität ausmacht, und bestimmt, auf welche Art wir die Welt wahrnehmen können. So schreibt Michel des Montaigne: „Diese große Welt ist der Spiegel, in den wir hineinschauen müssen, um uns von Grund auf kennen zu lernen.
Unsere Weltsicht ist also Spiegel unserer Identität, genauso wie wir selbst ein Spiegel der Welt sind. In seiner Farbenlehre umschrieb Johann Wolfgang von Goethe diese Einsicht mit den Worten: „Im Auge spiegelt sich von außen die Welt, von innen der Mensch.

Will man also über die Selbsterkenntnis zur Welterkenntnis gelangen, ist es notwendig, diesen Blinden Fleck zu ergründen, der uns die Welt auf eine nur uns selbst eigene Weise erkennen läßt.

Diese Aufgabe erfüllt in unserer gegenwärtigen Kultur vor allem die Kunst. Denn sie befragt unsere subjektiven Wahrnehmungserlebnisse, unsere kulturellen Muster und Routinen, die den Rahmen unserer Wahrnehmungen bestimmen, und schließlich die Medien selbst, mit denen wir unser Bild der Welt wiedergeben. All dies sind Versuche auf verschiedenen Ebenen, den Blinden Fleck zu ergründen - den einer ganzen Kulturgruppe, den einer Schule oder Strömung, den des lokalen Zeitgeistes oder den ganz individuellen Blinden Fleck.

Doch wenn der Künstler im Spiegel der Welt sich selbst sucht, und in sich selbst wiederum nach dem Spiegelbild der Welt, und diese Spiegelung wiederum in seinen Kunstwerken spiegelt, um darin seine Weltsicht zu ergründen, die wiederum seine Kunstwerke hervorgebracht hat, droht immer die Gefahr, im Spiegellabyrinth dieser paradoxen Schleifen die Distanz zu verlieren und im eigenen Werk verloren zu gehen.

Ein befreundeter Künstler erzählte mir einmal, er habe viele Stunden über einer großformatigen Bleistiftzeichnung eines Menschen verbracht. Als er in einer kurzen Pause zufällig einen Blick in den Spiegel warf, traf es ihn wie ein Schock, daß er dort nicht das gezeichnete Bild sah, sondern sich selbst. Das Bild war im Prozess des Zeichnens identisch geworden mit seinem Selbstbild.
So kann es also auch geschehen, daß der Prozeß, der dazu dienen soll, den Blinden Fleck zu ergründen, wenn er zu beharrlich verfolgt wird, selbst zu einer Blindheit führt, wie ein Bild, das sich selbst auslöscht, wenn wir es zu lange unbewegten Auges anstarren.

Um diese sekundäre Blindheit zu überwinden ist kein anderes Mittel besser geeignet, als eine weitere Spiegelung, die Suche nach einem Gegenüber, anhand dessen man sich selbst und den eigenen Arbeitsprozess beobachten kann. Und wie die Spiegel in einer Umkleidekabine eine verschobene Sichtachse haben müssen, damit man sich beim Blick in den Spiegel nicht nur von vorne, sondern von der Seite sehen, und sich auch beim Blick in die eigenen Augen wie ein Außenstehender beobachten kann, muß der Blickwinkel ein verschobener sein.

In der Ausstellung „Twins“ sind wir mit 12 solchen Spiegelungen im Werk des anderen konfrontiert und mit einer ganzen Reihe von möglichen Verschiebungen.

Bei den Paarungen Magens / Schlimbach und Both / Kiessner sind die Verschiebungen von so feiner Natur, daß man fast meinen könnte, die Arbeiten stammen von den gleichen Künstler.
In den Arbeiten von Katrin Magens und Hans Schlimbach, die tatsächlich in einem gemeinsamen Werkprozess entstanden sind, begegnen wir, eingebunden in menschliche Handlungsprozesse, der konkreten toten Kreatur als Memento Mori.
Waltraut Kiessner und Heinke Both setzen sich mit nahezu identischer Ästhetik und einer erschütternden Intensität mit dem menschlichen Körper auseinander, einmal stellvertreten durch die Hand, als Werkzeug des Künstlers, einmal durch Leib und Gesicht. Hier erleben wir die Suche nach der eigenen Position im anderen; einen Versuch, zur Deckung zu kommen.

Auch die Paarungen Heilwig Duwe-Ploog/ Tobias Duwe und Waltraut Stalbohm / Julian Stalbohm weisen eine ausgesprochen große Nähe zueinander auf, nicht nur weil es sich jeweils um Mutter-Sohn-Konstellationen handelt.
Die Duwes bearbeiten zudem mit der gleichen Technik die gleichen Sujets, sodaß hier Abgrenzung und Autonomie, die in jeder Familie essentiell ist, nur in feinen, aber entschiedenen Unterschieden beobachtet werden kann.
Die Stalbohms hingegen nähern sich dem gleichen Phänomen von unterschiedlichen Seiten und mit diametralen Mitteln: Einmal wird verhüllt, das andere mal wird eine bereits vorgenommene Verhüllung partiell wieder durchbrochen.

Tobias Duwe, Am Fluss, 2017

Heilwig Duwe-Ploog, Am Fluß, 1985/2012
Julian Stalbohm, Laudanum, 2016

Waltraut Stalbohm, Desaparecido, 2017

Auch Mareile Stancke und Jacek Wesolowski bearbeiten thematisch ähnliche Felder. Mit den zeitgenössischen Mitteln Video und Internet-Tagebuch versuchen sie sich dem Spannungsfeld des überzeitlichen, metaphorischen Kindes und der realen, vom Alterungsprozess gezeichneten Biographie zu nähern, und suchen darin den Abgleich mit der Haltung und Welterfahrung des jeweils anderen.

Mereile Stancke, Erzählung, Gedankenströme (Video-Stills), 2017

Die Paarungen Schoop / Schürmeyer und  Ammermann / Preusz bewegen sich beide in zeitkritischen Kontexten und in beiden Fällen scheint es, als stünden sie auf dem selben Aussichtspunkt, schauten aber in unterschiedliche Richtungen.
In der Paarung Eva Ammermann und Angela Preusz stehen sich Verschwendung und Verzicht dialektisch gegenüber: auf der einen Seite sehen wir einen Verweis auf die Vergeudung von sog. virtuellem Wasser, auf der anderen Seite steht die Erinnerung an die gesellschaftlich nahezu irrelevant aber dafür umso notwendiger gewordene  Tugend der Enthaltsamkeit, repräsentiert durch einen Fastenbrezelteig.
Bei Lucia Schoop und Renate Schürmeyer entsteht durch die Gegenüberstellung sogar etwas, wie eine Narration. Die eine Arbeit rückt die sich stets wiederholenden Flüchtlingskatastrophen in den Fokus,  die andere verweist auf die verantwortungslose Abwertung essentieller Resourcen als mögliche Fluchtursache.

Renate Schürmeyer, Golden Peanuts, 2017 & Lucia Schoop, Visionen, 2012-2017 (Foto: J. Schürmeyer)

Die Paarungen Gerber / Taylar und Tarr / Schneider suchen ihren Abgleich über die Ebene der Technik.
So beschäftigen sich Janine Gerber und Will Taylar beide nicht so sehr mit dem Bild, als vielmehr mit dem Prozess des Farbauftrags. Und obwohl sehr unterschiedliche Techniken zum Einsatz kommen - einmal ein kontrolliertes Spiel mit dem Zufall, das andere mal eine Kombination von industriellen und digitalen Prozesse - weisen die Ergebnisse eine große ästhetische Nähe auf.
Siobhan Tarr und Eva Schneider hingegen haben sich beide Arbeitsweisen angeeignet, die in der Regel in künstlerisch abgewertete Kontexte eingeordnet werden: Stickerei, Collage und Mosaik, die man gerne dem Kunsthandwerk, der Beschäftigungstherapie oder dem Kunstunterricht der Mittelstufe zuordnet, werden gezielt rekontextualisiert, unter anderem durch die konsequente Wahl enigmatischer oder verstörender Motive, die der Volkskunst fremd sind.

Eva Schneider, Der kleine Blaue Tod kommt ungelegen, 2011

Siobhan Tarr, Back to the Craft, 2017

Das Paar Jutta Weimann und Dorothea Goldschmidt andererseits begegnet sich auf der Ebene des Bildfindungsprozesses, der von der Technik unabhängig ist und weniger die Art zu arbeiten, als vielmehr die Art zu sehen deutlich macht: Denn beide finden ihre Motive auf dem Wege der Verfremdung von Alltagsgegenständen durch ein Spiel mit Licht und Farbe.

Jutta Weimann, o.T., 2016

Dorothea Goldschmidt, F#4, 2016


Walther Kunau und Thomas Helbing hingegen begegnen sich durch den Blick auf das gleiche Motiv: die Traveniederung. Doch während Kunau sich einen für ihn bedeutsamen Landschaftsabschnitt malerisch aneignet, arbeitet Helbing mit  den Mittel der Abstraktion über den Prozess der faktischen Aneignung des Landschaftsraums durch menschliche Besiedlung. Durch die gegensätzlichen Perspektiven auf den gleichen Ort werden die beiden Positionen jedoch nicht gegeneinander ausgespielt, sondern betonen ihre jeweiligen Charakteristika und damit die verschiedenen Möglichkeiten der Weltwahrnehmung.

Jutta Konjer und Christine Carstens schließlich wenden sich beide dem großen Gegenüber des Menschen per se zu: Der Natur; doch tun sie es unter wiederum diametral entgegengesetzten Vorzeichen. Während Christine Carstens uns die Natur als etwas präsentiert, daß entweder vom Menschen durch Transformation vollständig denaturiert wird oder sich ihm hartnäckig verschließt und für ihn nur in einem blauen Sehnsuchtsraum vorstellbar ist, nähert sich Jutta Konjer auf eine behutsame und intime Weise dem selben Gegenstand und läßt eine Durchdringung von Mensch und Natur, ein Wiederauffinden des eigenen Spiegelbilds möglich erscheinen.

Christine Carstens, Blaues Wunder, 2017

Und in der Hoffnung, daß sich im Spiegel des Nicht-Ichs, in der Natur, in der Kunst, in dem anderen Menschen, eine Spur der großen Weltwahrheit auffinden läßt, wünsche ich Ihnen viele erhellende und inspirierende Momente angesichts dieser zwölf sich spiegelnden Paarungen in denen Sie vielleicht auch gespiegelte Aspekte von sich selbst und Ihrer eigenen Welterfahrung, Hinweise auf ihren eigenen Blinden Fleck wiederfinden.

ⓒ Thomas Piesbergen / VG Wort, Juni 2017

Freitag, 9. Juni 2017

Der Plural von "Jetzt" - Einführungsrede zur Ausstellung "Jessica Leinen - Dort könnte eine Minute gezählt werden" von Dr. Thomas Piesbergen

Die Ausstellung "Dort könnte eine Minute gezählt werden“ von Jessica Leinen findet statt im Rahmen des Jahresthemas "Drehmoment", Einstellungsraum e.V., Juni 2017

Ausstellungsansicht, Jessica Leinen, "Dort könnte eine Minute gezählt werden", Einstellungsraum 2017

Eine der ewigen Fragen der Philosophie, der Gesellschaftstheorie und der Psychologie ist die Frage nach Beschaffenheit der Lebenswirklichkeit des Menschen und nach ihrem Zustandekommen. Und da diese Frage immer wieder von neuem gestellt wird, gibt es darauf eine nahezu unüberschaubare Masse von Antworten.

Auffällig dabei ist, daß in allen Modellen und Hypothesen dem Verhältnis von Masse und Individuum eine besondere Aufmerksamkeit zuteil wird und sich die Modelle in vielen Fällen auf eine Beschreibung dieses Verhältnisses beschränken.
Entsprechend der 2. Antinomie der reinen Vernunft von Immanuel Kant sehen wir auf der einen Seite die Vorstellung der Realität als soziale Konstruktion, als das Produkt einer normativen Ordnungsmacht; dem entgegengehalten wird auf der anderen Seite das Primat individueller Freiheit, nach der die Realität das Ergebnis eines fortlaufenden autonomen Entscheidungsprozesses ist.

Je nach der subjektiven Haltung ihrer Schöpfer tendieren die Hypothesen mal mehr in die eine, mal mehr in die andere Richtung, aber immer versuchen sie, die beiden entgegengesetzten Pole, idiosynkratische Freiheit und regulierenden Konses, und ihren Einfluß auf das Zustandekommen unserer Lebenswirklichkeit gegeneinander auszuspielen oder miteinander abzugleichen.

Verlässt man jedoch diesen Diskurs und begibt sich auf die Ebene der Phänomenologie, in den Bereich des tatsächlichen Erlebens, stellt sich zunächst die Frage, wo und vor allem wann ereignet sich denn eigentlich diese Realität?

Nach der Newton´schen Auffassung, die bis heute den tradierten Konsens über das Wesen der Zeit bestimmt, wurzelt die Realität in den stetig anwachsenden Fakten einer auf immer entschwundenen Vergangenheit, die durch den verschwindend winzigen Brennpunkt der Gegenwart die noch nicht existente Zukunft terminiert. So sehen wir die Realität als einen stetig in der Zeit gleitenden, faktischen Prozess, der sich in einer unauslotbaren Tiefe der Vergangenheit verliert und sich in eine unerreichbare Zukunft erstreckt.
Wenigstens erscheint so der Fluß der Realität und die entsprechende Beschreibung der Gegenwart, wenn man sie von außen betrachtet.

Nehmen wir aber die phänomenologische Innenperspektive ein, müssen wir uns der grenzenlosen Unmittelbarkeit der Gegenwart stellen, dem singulären „Jetzt“, in dem alle Vergangenheit und alle Erinnerungen enthalten sind. Ihre Gegenwärtigkeit wirkt unmittelbar auf unser Tun ein. Das wiederum zielt zwar auf etwas Zukünftiges ab, doch auch dieses Zukünftige ist nichts anderes als eine Ausgestaltung gegenwärtiger Begierden, Ängste und Hoffnungen.
In „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ schreibt Marcel Proust über diese Gegenwärtigkeit der Realität: „Eine Stunde ist nicht nur eine Stunde, sie ist ein Krug, der mit Düften, Lauten, Vorhaben und Atmosphären gefüllt ist. Was wir Realität nennen, ist ein gewisser Zusammenhang zwischen diesen Empfindungen und den Erinnerungen, die uns gleichzeitig umgeben.

Wenn wir in unserer akuten Gegenwart wahrnehmen, erinnern, reagieren, planen und handeln, erleben wir es aus der Innenperspektive, unserem privaten literarischen „Ich“. Wir erleben es nicht bloß als ein stetes Gegenspiel von Norm und Autonomie, da wir, sofern wir uns nur anhand unserer individuellen Abgrenzung von der Gesellschaft definierten, unsere tatsächliche Individualität vollständig aufgeben würden.

Denn unsere Individualität wird nicht dadurch konstituiert, daß wir uns von der normativen Gesellschaft abgrenzen, und wie wir es tun, sondern dadurch was wir von ihr abgrenzen und warum, welche Handlungsimpulse uns dabei leiten. Autonomie ist nur eine leere Form, die erst durch ihren Inhalt relevant wird, durch die von uns erlebte reale Gegenwart, gesponnen aus Empfindungen und Erinnerungen.

Was sich in dieser erlebten Gegenwart verdichtet, plötzlich an die Oberfläche des Bewußtseins tretende Erinnerungsartefakte und ihre bedeutsame Wechselwirkung mit dem Wahrgenommenen, ist unsere Realität. Als Prousts Ich-Erzähler in das mit Tee vollgesogene Madeleine biss, fühlte er sich plötzlich vom Glück wie von einer köstlichen Substanz erfüllt, aber „diese Substanz war vielmehr nicht in mir, sondern ich war sie selbst.
Die Realität und die Identität fallen im akuten Erleben in einer alle Existenz umschließenden Einheit, unserer eigenen unermeßlichen Unmittelbarkeit der Gegenwart zusammen. So wie Raum und Zeit nicht zu trennen sind, sind auch Realität und Identität im Erfahrungskontinuum nicht voneinander zu trennen. Im Zen-Buddhismus wird dieses Zusammenfallen von Zeit, Realität und Identität als „Sein-Zeit“ bezeichnet.

Für Prousts literarisches „Ich“ war das süße, mit Tee vollgesogene Gebäck der Trigger, der die akute Erfahrung dieser „Sein-Zeit“ mit all ihrer vielschichtig präsenten Erinnerung ausgelöst hat.

Für uns kann  es eine sich bauschende Gardine im Wind sein; eine Höhlung am Fuße eines Baumes, der bereits lange abgesägt worden ist; der Geruch eines staubigen Dachbodens; das Gefühl von einem Seifenrest in einem nassen Waschlappen; die Form, die abgeplatzter Holzlack auf einem Regal in unserer Kindheit hinterlassen hat; ein bestimmtes Rumoren der Wasserleitung; der Schritt eines Menschen auf der Treppe, den wir unter tausend anderen heraushören könnten; die Hände unserer Eltern; der Traum der letzten Nacht, in den die Erinnerung an einen Traum tritt, den wir vor 20 Jahren geträumt haben.

Und in all das, in diese, durch akut Wahrgenommenes angetriggerte, unermeßlich komplexe Vernetzung von vergangenen Bildern, Empfindungen und Gefühlen, strömen die Eindrücke des jetzt Wahrgenommen ein und vermischen sich mit ihnen zu einem nur uns eigenen, uns konstituierenden, grenzenlosen, allumfassenden „Jetzt“.

Jessica Leinen, "Dort könnte eine Minute gezählt werden", Detail, 2017

Doch dieses „Jetzt“, das unsere Lebenswirklichkeit und alle Erscheinungen darin umfasst, das hinausgreift und das ganze für uns erfahrbare und vorgestellte Universum umschließt, ist gleichzeitig etwas, das nur für uns existiert, das nicht mitteilbar ist und uns deshalb von allen anderen existenten Dingen isoliert.
Es ist dies unsere Individualität und das, was der Dichter Kurt Drawert als das „Unaussprechliche“ bezeichnet.

Wir erleben Dinge in einer Art, die uns einmalig und nicht mitteilbar erscheint. Doch da der Mensch ein kommunikatives und soziales Wesen ist, will und muß er dieses Unausprechliche in eine begriffliche Form bringen, um es sich selbst fassbar und anderen mitteilbar zu machen. Aus den Versuchen das Unaussprechliche auszusprechen entstand, in der Kluft zwischen den subjektiven Wirklichkeiten, die Poesie.

Mit der Poesie allerdings finden wir uns paradoxerweise wieder in einem normativen System: der Sprache. Denn erst die Sprache macht ein Überwinden der individuellen Isolation möglich durch ihre Eigenschaft zu generalisieren und einen Konsens zu begründen.

Mit ihren Mitteln wird aber nicht nur die Isolation der Individuen überbrückt, sondern auch die Zeit. Und damit treten wir gezwungenermaßen aus der unmittelbaren Innenperspektive des „Jetzt“ heraus. Wir abstrahieren, verallgemeinern, entwickeln objektive, auch jenseits des „Jetzt“ gültige empirische Systeme, und in dem wir unsere Erinnerungen und Erwartungen in eine newton´sche lineare Zeit projizieren, ordnen wir die Wirklichkeit in das  Davor und Danach der Kausalverkettungen.

Mit der Entwicklung von Schriftsystemen in den frühen Hochkulturen, mit denen der systematisierte Konsens schließlich auch physisch und damit unwandelbar tradiert werden konnte, wurde diese Außenansicht von Zeit und Realität endgültig manifest und konnte sich fortentwickeln bis hin zu den modernen Wissenschaften und ihrer Beschreibung der Wirklichkeit. Da diese Außenansicht unsere Kultur seit nunmehr fast 6000 Jahren begleitet und geprägt hat, haben wir gelernt. unser Ich und die Welt getrennt voneinander zu denken. Und wenn wir wahrnehmen, filtern und kategorisieren wir dem Konsens entsprechend.

Aber die unmittelbare Wirklichkeit, die bewußte und unaussprechliche Erfahrung des „Jetzt“ ist damit nicht verschwunden, sie ist nur verdrängt worden. Sie begleitet uns weiter, färbt unsere Wahrnehmungen vorbewußt ein, irritiert uns oder tritt in seltenen Momenten mit einer so plötzlichen Heftigkeit und Totalität hervor, daß James Joyce für diese Bewußtseinsereignisse den theologischen Begriff der Epiphanie gebrauchte.

Jessica Leinen hat den Versuch unternommen, diese Innenansicht des „Jetzt“ und die Bedingungen der identitären Wirklichkeit mit ihrer Arbeit zu untersuchen. Doch sie tut es nicht nach der Methode von Proust oder Joyce, die sich der Innenwelt mit einer radikal subjektiven Erzählhaltung bemächtigt haben. Sie arbeitet vielmehr auktorial, also als „allwissende Erzählerin“. (Ich erlaube mir bei dieser literarischen Terminologie zu bleiben, da sie selbst im Bezug auf ihre Arbeit von einer Narration spricht.)

Jessica Leinen, "Dort könnte eine Minute gezählt werden", Detail, 2017

Jessica Leinen übertritt die ideosynkratische Grenze des in dem eigenen „Jetzt“ isolierten Individuums, in dem sich Proust und Joyce ergehen, und wagt die Aufsicht, wagt die Vorstellung des Plurals von „Jetzt“, der Ballung zahlloser gleichberechtigter Unmittelbarkeiten. 
Genausowenig, wie sie den radikal subjektiven Weg gewählt hat, geht sie den generalisierenden Weg und verdichtet, wie es in der Kultur- und Gesellschaftstheorie sonst üblich ist, die einzelnen „Jetztheiten“ zu einer soziologischen Masse, die wiederum als eigendynamische Entität angesprochen werden könnte. 

Sie versucht weder einzelne, ideosynkratische Bezugssysteme kontrastierend nebeneinander zu stellen, wie die Vision des perfekten Schrebergartens neben die Studentenbuden-Idylle oder das Wohnatelier des Künstlers, noch zeichnet sie die großen Bewegungen nach, die sich aus dem Zusammenwirken der vielen individuellen Zuckungen ergeben.

Statt dessen läßt sie die isolierten „Jetztheiten“ nebeneinander stehen, fügt sie ein in kleine Häuser, in Rahmen aus Metall oder ausgehöhlte Schwämme, und versucht die Bedingungen, die die Individuen in ihrer Isolation teilen, und ihre Versuche, sich in einem idiosynkratischen „Jetzt“ zu orientieren und es mitteilbar zu machen, metaphorisch zu fassen.

Jessica Leinen, "Dort könnte eine Minute gezählt werden", Detail, 2017

Ein Element, das dabei immer wieder auftaucht, sind kleine lackierte Bohnen, auf denen wir minimalistische Symbole erkennen können. Diese Bohnen sind oft mit dünnen schwarzen Drähten oder Garn miteinander verbunden, gern in Anordnungen, die an einen Stammbaum erinnern. Die Assoziation dieser Kennzeichnungen und Vernetzungen mit den Aufzeichnungen Mendels zur Erbsenzucht, aus der sich schließlich die modernen Genetik abgeleitet hat, sind gewollt.

Natürlich entbehren Jessica Leinens Netzwerke der wissenschaftlichen Systematik, vielmehr können sie gelesen werden als die privaten Versuche mit den sprachlichen, objektiven und logisch-wissenschaftlichen Methoden, die sich in unsere Kultur eingeschrieben haben, in die unmittelbare, subjektive und unausprechliche Welterfahrung eine objektive und mitteilbare Ordnung zu bringen, die Phänomene einer ewigen Gegenwart in die Logik der Kausalverkettungen eines Newton`schen Zeit- und Realitätsverständnisses zu überführen und damit in den zwischenmenschlichen, mitteilbaren Konsens.

Jessica Leinen, "Dort könnte eine Minute gezählt werden", Detail, 2017

In anderen Gehäusen sehen wir Papierstrukturen und Zeichnungen, die an Balkendiagramme erinnern. Doch auch bei ihnen fehlt die Lesbarkeit, die Möglichkeit logisch nachzuvollziehen, welche individuelle Sein-Zeit sich hinter ihnen verbirgt. Es bleiben unzureichende Versuche der Objektivierung des Unaussprechlichen.

Eine weitere Gruppe von Arbeiten besteht aus filigranen skulpturalen Objekten, die sich auf kleinen Sockeln, in denen Uhrwerke verborgen sind, im Kreis drehen und mit jeder Sekunde zusammenzucken, als erwachten sie in jedes neue „Jetzt“ mit einem Erschauern. Jede Sekunde erscheint hier als Epiphanie.

Jessica Leinen, "Dort könnte eine Minute gezählt werden", Detail, 2017

Die Versuche, den eigenen Ort zu bestimmen, um wenigstens mit der räumlichen Eingrenzung der identitären Gegenwart die erfahrene Unaussprechlichkeit einzugrenzen und sich so der eigenen Identität objektiv zu nähern, finden ihre Entsprechung in auf Folien kopierten Karten und Linienmustern, die sich in verschiedenen Schichten auf der Suche nach einem Abgleich überlagern. Doch ist ihre zweidimensionale Logik bereits durch eine mit Hitze herbeigeführte Deformation in die Dreidimensionalität dysfunktional geworden.

Jessica Leinen, "Dort könnte eine Minute gezählt werden", Detail, 2017

Die Vielzahl kleiner verschiedenartiger Existenzen, das Zittern der Individuen beim Gewahrwerden des Jetzt, die konzentrierten, aber ergebnislosen Versuche, mittels objektiver, generalisierender und zeitlich linear zu denkender Symbolsysteme die subjektive Unmittelbarkeit der Realität zu erfassen, endet jedoch nicht mit der räumlichen und zeitlichen Terminierung der Ausstellung.

Wir sehen hier nur einen kleinen Ausschnitt dieser individuellen „Jetztheiten“, nur einige Exemplare eines Projekts ohne definierte Ränder. Denn so wie der Ursprung der Raumzeit, der Mittelpunkt des Universums, der Ort der ersten Quantenfluktuation, die im Urknall alle Wirklichkeit geschaffen hat, überall liegt, so gibt es immer noch ein nächstes, ein weiteres „Jetzt“,  nur einen Schritt oder nur eine handbreit von uns entfernt, ein weiteres „Jetzt“, das der Mittelpunkt ist, das das ganze Universum hervorgebracht hat und in sich schließt und dennoch nur für sich selbst existiert.

Jessica Leinen, "Dort könnte eine Minute gezählt werden", Detail, 2017
Und mit dieser Einsicht betreten wir selbst einen poetischen, grenzenlosen Denkraum, in dem wir teilhaben können an der phänomenologischen Innenansicht und dem Versuch ihrer poetischen Objektivierung, an einer Epiphanie der Künstlerin Jessica Leinen, einem Moment bewußt erfahrener „Sein-Zeit“, einem „Jetzt“, in dem sie dessen Plural gewahr wird, in dem sie in die Welt hinausgreift und das Universum einer ewigen Gegenwart und ungezählter Vielheit in sich schließt.


ⓒ Dr. Thomas J. Piesbergen / VG Wort, Juni 2017