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Donnerstag, 11. Februar 2016

Im gläsernen Archiv - Einführungsrede zur Ausstellung "Jenny Schäfer: Wie aus weiter Ferne" von Dr. Thomas Piesbergen

Eine Ausstellung im Einstellungsraum e.V. zum Jahresthema "Speichern. Akkumulieren."

In der englischsprachigen Schreibtheorie gibt es den Begriff des „clear pane of glass“-Stils. Er bezeichnet eine Art zu schreiben, in der der Autor für den Leser nicht spürbar wird, der Leser vielmehr das Gefühl haben soll, einen unverstellten und unmittelbaren Blick auf die geschilderten Ereignisse zu haben, als schaue er ihnen durch eine Glasscheibe zu, so klar, daß sie unsichtbar scheint, als wenn es keinen Autor gäbe, der seinen Blick lenkt.

Vor allem dieser Eigenschaft nahezu unsichtbar zu sein verdankt das Glas seine hervorragende Bedeutung als Werkstoff, der unsere vom Menschen geschaffene Umwelt schon lange und in zunehmendem Maß prägt. Und diese annähernde Unsichtbarkeit entfaltet ihre größte Wirkung und den größten Nutzen im Zusammenhang mit wahrzunehmender Information:

Gläserne Schaufenster sollen den unmittelbaren Blick auf die feilgebotenen Waren gewährleisten;  Windschutzscheiben sollen nicht nur vor Fahrtwind und Witterung schützen, sondern gleichzeitig  eine möglichst perfekte Wahrnehmung der Straßensituation ermöglichen; die virtuelle Wirklichkeit jenseits der Bildschirme soll uns erreichen, ohne daß wir der trennenden Schicht aus Glas oder analogen Materialien gewahr werden; und die Rahmen, mittels derer wir durch die Verzeichnisstrukturen unserer Computer dringen, nennen wir Fenster. Tatsächlich werden auch die Datenströme, die unsere Welt wie ein unsichtbares Spinnennetz einhüllen, als Lichtimpulse durch Kabel aus Glasfasern geleitet.

Die Brille wurde zunächst ausschließlich als Gerät zum Lesen entwickelt, das Glas hat in diesem Fall also nicht nur die Funktion, unsichtbar zu sein, sondern etwas Sichtbares noch sichtbarer zu machen. Linsen aus geschliffenem Glas ermöglichen uns weiterhin den Blick in die Regionen der Einzeller, genauso wie in den interstellaren Raum, und erschließen uns damit sonst unzugängliche Informationen, machen also etwas vorher Unsichtbares überhaupt erst sichtbar. Und der Blick in eine Kugel aus Kristallglas soll schließlich den Blick in Bereiche öffnen, die den Gesetzen der Vernunft zufolge für uns besser unzugänglich bleiben sollten.

Vernissage im Einstellungsraum e.V.: Jenny Schäfer, Wie aus weiter Ferne


Auf dem Feld der abbildenden Medien schließlich ermöglicht die gläserne Optik photographische Aufnahmen, die in der Regel durch eine Oberflächenlosigkeit gekennzeichnet sind, und uns, wie der „clear pane of glass“-Stil, eine dokumentarische Authentizität und Unmittelbarkeit vorgaukeln.

In jedem der aufgezählten Fälle tritt das Glas als Durchgangsmedium vollständig zugunsten der durchgehenden Information zurück. Niemand, den man vor einem Schaufenster fragte, was er sähe, würde antworten: eine Glasscheibe von 1,80 x 3,50 m.

Erst an zweiter Stelle steht die Funktion des Glases selbst als Träger von Daten und als Gefäß für die Projektionen einer elysischen Gegenwelt, für die es durch seine Gestaltlosigkeit, seine Reinheit und die damit assoziierte Unschuld ebenfalls prädestiniert scheint.

Aber was ist nun dieses Glas, das einen unserer wichtigsten Verbündeten bei der Rezeption von Informationen aus der Umwelt darstellt, was ist dieses scheinbar so nichts sagende, informationslose, weil nahezu unsichtbare und an sich gestaltlose Material?

In der Physik gibt es das Prinzip des Erhalts von Information. Nichts geht jemals verloren. Selbst die Information, die in der Materie gespeichert ist, die von einem Schwarzen Loch verschlungen wird, bleibt durch die Quantenverschränkung erhalten.
Und genauso ist auch im Glas eine Vergangenheit gespeichert, die Geschichte seiner Transformationen, die meist schlicht und ergreifend übersehen wird.

Jenny Schäfer hat sich in ihren aktuellen Arbeiten dieses Themas angenommen. Sie untersucht die Vergangenheit des Glases, seine Herkunft, die Einwirkungen, die es erfährt, und die verschiedenen Aggregatzustände, die es durchläuft. Und obwohl uns das Glas eigentlich so vertraut erscheint, berühren uns die Fragmente aus der Vergangenheit des Glases doch auf eine seltsam befremdende Art, „wie aus weiter Ferne“, als betrachteten wir seinen Ursprung durch ein umgekehrtes Fernglas.


Jenny Schäfer, Wie aus weiter Ferne, 2016

Zunächst wäre da ein zunächst wenig spektakuläres Tütchen mit Quarzsand, der etwa 70% des Gemenges von industriell hergestelltem Glas ausmacht. Doch schon bei dem Anblick dieses milchigen und matten Sandes ergänzt man schon von selbst auf dem gedanklichen Weg zum transparenten Fensterglas die uranfängliche Hitze des Feuers, in dem das Silikat geschmolzen und geläutert werden wird.

Auf den Fotoarbeiten, auf denen jeweils zwei unterschiedliche Zustände des Glases miteinander in Dialog treten, begegnet uns entsprechend ein Glasbläser bei seiner schweißtreibenden Arbeit, von dem man kaum mehr sieht als seine Hände im Licht des von Feuer umlohten Glasrohlings. 


Jenny Schäfer, Wie aus weiter Ferne, 2016


Auf einem anderen Blatt sehen wir Fragmente libyschen Wüstenglases, einem sog. Impakt-Glas, das mit großer Wahrscheinlichkeit während eines massiven Meteoriteneinschlags im Bereich der heutigen Sahara entstanden ist. Diese apokalyptische Zeugungsgeschichte wird konterkariert durch eine kleine Sammlung von profanen Trinkgläsern als Trägern eines mediokren Alltagsgeschmacks.

Eine ganz ähnliche Polarität erzeugt die Gegenüberstellung des kleinen gerahmten Photos eines üppigen, bunten Kronleuchter mit einem Bimsstein, wie er als Hygieneartikel in der Drogerie gekauft werden kann. Doch der Bimsstein ist nichts anderes als extrem blasig-poröses Vulkanglas, in einem Naturereignis entstanden, das einem Meteoriteneinschlag in seiner elementaren Gewalt durchaus gleichkommt.


Jenny Schäfer, Wie aus weiter Ferne, 2016


Auf einem anderen Bildpaar wird ein Screenshot aus dem Glasmuseum in Lauscha, auf dem wir ein breitgefächertes Sortiment von gläsernem Weihnachtsschmuck sehen, begleitet von der Photographie eines Fulgurits, einer sog. Blitzröhre. Schlägt ein Blitz in Sand oder Gestein, verschmilzt er die Minerale, durch die er fährt, bei Temperaturen von bis zu 30.000 °C spontan zu Glas. Wie in dem Fall des Impaktglases und des Bimssteins tritt uns nicht nur die Genesis des Materials in einem infernalischen Szenario vor Augen, sondern das Material selbst ist zum Zeugen des Ereignisses seiner Entstehung geworden. Es ermöglicht einmal mehr den Blick durch ein Fenster, in diesem Fall ein Fenster in die eigene Vergangenheit.


Jenny Schäfer, Wie aus weiter Ferne, 2016


Auf einem weiteren Bild wird das eben plastisch gewordene Kräfteverhältnis von Feuer und Glas plötzlich überraschend umgekehrt. Von einer gläsernen Vitrine geschützt züngelt eine harmlose und dekorative Gasflamme vor sich hin. Das ursprünglich im Feuer geborene Glas ist nicht mehr nur das erduldende und bezeugende Produkt kataklystischer Ereignisse, sondern ist zu einem strukturierenden Element geworden, das imstande ist, die Kräfte, die es schufen, im Dienste des Menschen zu zähmen und sogar zu schützen.

Genauso kehrt sich die Blickrichtung um: Wir betrachten nicht mehr nur die von urgewaltigen Kräften erschütterte Vergangenheit des Glases, sondern wir projizieren in das Glas ein reines, unberührtes Utopia der menschlichen Kontrolle und laden es mit unseren Visionen der Zukunft auf. 

Aldous Huxley beschrieb 1956 in dem Essay „Himmel und Hölle“ die Visionen vom Paradies vor allem als gekennzeichnet durch den Glanz von Kristallen und Edelsteinen, deren Entsprechung wir z.B. in den gotischen Kirchenfenstern finden. Diesen Zusammenhang offenbart auch die Etymologie des Wortes „Glas“, das sich aus dem germanischen Wort für „Bernstein“ ableitet und gleichbedeutend ist mit dem „Glänzenden“ und „Schimmernden“ und auch als Synonym für „Schmuck“ verwendet wurde.


Jenny Schäfer, Einladungskarte, Wie aus weiter Ferne, 2016


So finden wir auf der Einladungskarte zu Jenny Schäfers Ausstellung einen für uns unerreichbaren, weil gläsern überkuppelten Baum, der von einer kitschigen Version der elysischen Felder zu stammen scheint. Aber auch die konkreteren, von der SF geprägten Vorstellungen einer zukünftigen Welt sind meist gekennzeichnet von gläsernen Palästen, von kristallener Architektur, die in den Himmel aufragt. Solche Architektur finden wir in der Ausstellung einerseits repräsentiert durch die typische Fassade eine Glas-und-Stahl-Hochhauses, geziert durch zwei CCTV-Kameras mit ebenfalls gläserner Optik. Zum anderen, und noch expliziter, finden wir sie auf den vom Bildschirm abphotographierten Stills der „Festung der Einsamkeit“ aus dem Film „Supermann“ von 1978. Der utopische Übermensch läßt in dieser Comic-Adaption einen gewaltigen kristallenen Palast aus dem arktischen Eis emporwachsen, als unschuldigen, reinen Rückzugsort und als Gegenwelt zu der verworrenen und kriminellen Zivilisation der Menschen.
Es erscheint entsprechend plausibel, daß wir in dem Material, das wir mit unseren Visionen einer besseren Zukunft aufladen, auch glauben, diese bessere Zukunft sehen zu können: In der bereits erwähnten Kristallkugel der Wahrsagerin.

Doch „wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.“ (F. Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse, Aph. 146)

Als im Jahr 1930 in Dresden der erste „Gläserne Mensch“ gebaut wurde, war er gedacht als anatomisches Studienobjekt. Heute ist der Begriff, weitgehend losgelöst von seinem Ursprung, zur Metapher der Überwachbarkeit des Menschen geworden. Denn wer immer vor einem großen Fenster steht und herausschaut, der kann auch von draußen wie in einem Aquarium angeschaut werden. Und in dem Maße, in dem wir uns eine mit Glasfaserkabeln vernetzte, transparente Welt erschaffen, wird auch die Gefahr größer, selbst transparent zu werden, und zu einer Information degradiert zu werden, die auf der anderen Seite des unsichtbaren Glases herausgelesen wird, die vielleicht bald in Datenkristallen abgespeichert wird, die sich derzeit in der Entwicklung befinden und die eine nahezu unbegrenzte Speicherdauer ermöglichen sollen. So ist zu befürchten, daß gläserne Kristalle nicht nur unsere Visionen und Utopien in sich aufnehmen, sondern irgendwann auch uns selbst: als Datenclone.

Dann könnte es uns ergehen wie einst dem Studenten Anselmus in der Novelle „Der Goldenen Topf“ von E.T.A. Hoffmann, dem gleich zu Beginn der Erzählung eine Hexe zuruft:

»Ja renne – renne nur zu, Satanskind – ins Kristall bald dein Fall – ins Kristall!«

Und der sich später eingeschlossen in einer Glasflasche auf dem Regal eines Magiers wieder findet:

»Aber meine besten, wertesten Herren!« sagte der Student Anselmus, »spüren Sie es denn nicht, daß Sie alle samt und sonders in gläsernen Flaschen sitzen und sich nicht regen und bewegen, viel weniger umherspazieren können?« – Da schlugen die Kreuzschüler und die Praktikanten eine helle Lache auf und schrieen: »Der Studiosus ist toll, er bildet sich ein, in einer gläsernen Flasche zu sitzen, und steht auf der Elbbrücke und sieht gerade hinein ins Wasser.«

© Dr. Thomas J. Piesbergen / VGWort, Feb. 2016

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