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Mittwoch, 23. April 2014

Texte der Lesung "Zweimal im Leben": Thomas Piesbergen - Das letzte Gericht

Was sind das für Glocken? Was sind das für entsetzliche Glocken? Wollen sie denn gar nicht mehr aufhören? Wer läutet sie denn? Ich habe doch niemandem befohlen zu läuten! Und ich kenne ihren Klang nicht! Was ist das für ein fürchterlicher Ton! In wessen Kirche duldet man so einen entsetzlichen Ton?
Pater Gerhard Wenzel versucht sich in der Finsternis aufzurichten, doch er findet seinen Körper nicht. Etwas Großes, Schweres, Kaltes ist da, etwas Leeres, aber seinen Körper spürt er nicht.
Doch etwas ist noch da, wie ein Funken, wie eine Mondsichel: ein feiner Schmerz; der Daumennagel seiner linken Hand, fest in den Knöchel des Zeigefingers gekrallt, darüber ein Saum, die dünne Lage eines Tuchs, und darunter - da ist auch etwas darunter. Jetzt spürt er es ganz genau: etwas Weiches, das sich hebt und senkt. Atem. Herzschlag.

Er versucht die Augen zu öffnen. Endlich sickert ein klebriges Grau in die Finsternis, unscharfe Schatten, ein heller Streifen. Das ist nicht Nuestra Senora de la Concepcion. Wo bin ich? Was ist mit mir passiert? Was sind das für schrecklich Glocken?
Er versucht den Mund zu öffnen. Mit einem trockenen Schmerz klaffen seine Lippen auseinander. Er versucht um Hilfe zu rufen, doch ein dicker, lebloser Klumpen liegt vor seiner Kehle. Nur ein schwaches Stöhnen hallt kurz und kalt von den nackten Wänden wieder.
Oh, mein Gott, was ist mit mir geschehen? Was hast Du mit mir gemacht?
Eine unbändige Kraft, eine Zusammenballung von Angst und Wut steigt ihm in die Brust. Das Stöhnen wird lauter. Es schwillt an zu einem Grunzen, einem wütenden Heulen, das in seiner Kehle brennt. Oh, mein Gott, was hast Du mit mir gemacht? Warum hast Du mir meinen Körper genommen, warum hast Du mir meine Stimme genommen, was hast Du mit meinen Augen gemacht? An welchen schrecklichen Ort hast Du mich geworfen?
Seine Stimme reibt sich wund an einer Dürre wie Sandstein, die von den Lippen hinab bis tief in seinen Rachen gekrochen ist. Er stöhnt, keucht, er weiß nicht wie lange, bis der Furor seine Kraft aufgezehrt hat und auch seine ungehörte Stimme endlich ganz versiegt. Wenigstens hat sie das Dröhnen der Glocken mit sich genommen. Nur ein leiser Nachhall davon ist geblieben, ein stetes, modulierendes Pfeifen, das von einem Ohr zum anderen pendelt.
Erinnere dich! Erinnere dich! Was ist gewesen vor den schrecklichen Glocken, vor der Dunkelheit, vor der Leere, dieser unerträglichen Leere?

Pater Wenzel liegt nun ganz still da und starrt in das verwaschene, unbarmherzige Grau. Langsam lichtet sich seine Erinnerung. Es ist, als steige er aus einer ozeanischen Tiefe hinauf in eine Dämmerung der Bilder. Der Flughafen von Bogota. Der fahlgesichtige junge Mann auf dem Sitz neben ihm. Die Spielzeugkulisse von Köln in der jähen Tiefe vor dem Fenster. Der Fleischerblick des Zollbeamten, und dann die Hügel, die Felder, die sauberen Häuschen wie aus einem Sack über die Landschaft geschüttet, und dann höher hinauf in den Wald.

Er hat es doch nur noch einmal sehen wollen, das Dorf, die alte wuchtige Kirche, weißgetüncht wie das Pfarrhaus, die Schieferdächer. Ist er nicht dort gewesen? Hat er sich nicht auf den Rand des Dorfbrunnens gestützt, nachdem er dem Taxifahrer die grotesk hohe Summe in die Hand gedrückt hat? Ja, ich erinnere mich. Die Hitze ist es gewesen. Ich habe mich zum Wasser gebeugt, um mein Gesicht zu waschen, so wie ich es damals immer getan habe… Oh, mein Gott, das Wasser! Gib mir doch von diesem Wasser! Ist denn da niemand? Laß mich davon trinken, bevor ich wieder darin versinke! Wo sind denn nur die Menschen? Oh, Herr, schicke mir einen Menschen! Schicke mir einen, nur einen!
Von der Stirn und den Schläfen kriecht die Finsternis wieder an ihn heran. Er sinkt, tiefer und tiefer und der schmutzige graue Fleck, das Fenster in die Welt, zieht sich zusammen.

Als Pater Wenzel wieder zu sich kommt, dümpeln Stimmen auf der Oberfläche seiner Dunkelheit. Auf seinem linken Arm spürt er einen kalten Druck. Oder ist es ein Schmerz?  Er versucht seine Augenlider zu öffnen, aber sie sind schwer wie geronnenes Harz. Die Stimmen sind fremd und wie aus Teig, formlos, weich, doch ihre Melodie ist ihm vertraut. Aus ihrem verhaltenen Singsang lösen sich einzelne Silben, einzelne Worte. Er kennt diese Art zu reden. Nicht nur die Melodie der vertrauten Mundart.

Nein. Nein, es mußt ein Irrtum sein! Da ist sicher noch jemand, dem gerade die Hand auf die Stirn gelegt wird, jemand anderes, über dessen Haut sich die kalte Membran des Stethoskops tastet, wie eine Münze, jemand anderes, über den die Stimmen sprechen.
Er hört sie immer deutlicher. Er erkennt den Tonfall professioneller Anteilnahme, die Beiläufigkeit, mit der lateinische Versatzstücke in den Strom der Worte eingeflochten werden. So oft hat er schon andere auf diese Art sprechen hören, die an den Grenzen ihrer Kunst angelangt waren und ihre Anbefohlenen an ihn übergeben haben. Es ist der Tonfall der Resignation aller weltlichen Kunst und ihrem Kniefall vor der endgültigen Macht des Herrn.

Die Verschlüsse der Arzttasche schnappen zu, ein Stuhl wird gerückt. Dann lassen sie ihn wieder allein.

Oh nein, lass es nicht zu! Laß sie nicht gehen! Laß mich nicht allein hier zurück! Zurück mit diesem… Warum, O Herr, warum? Willst Du mich so bestrafen? Waren meine Dienste nicht hart genug? Habe ich nicht mein Leben riskiert, um Dein Wort zu predigen? Habe ich mich nicht an die Pforten der Hölle begeben, an den Rand der Welt, habe ich nicht all dem Wahnsinn, der Verblendung, all dem Morden getrotzt? Zu Deinem Ruhm habe ich Nuestra Senora de la Concepcion gegründet, umzingelt von Gewehrläufen und meine Herde standhaft geführt durch alle Gewalt! O Herr, ich weiß, auf jedem von uns lastet die Sünde, aber siehst Du nicht, was in der anderen Waagschale liegt? Siehst Du nicht, was ich getan habe? Hättest Du mich doch sterben lassen, als die Muchachos das Pfarrhaus anzünden wollten, damals, oder als sie die Geisel in der Kirche verstecken wollten. Für Deinen Ruhm hätte ich mein Leben mit Freude hingeben, aber so? Als elender Rest, gefangen in der Hülle eines absterbenden Körpers? Mit gelähmter Zunge, daß ich nicht einmal mehr eine Messe halten kann, ein Gebet sprechen - daß ich nicht beichten kann...

Ein leises Grauen, eine plötzliche Einsicht schiebt sich wie kalte Finger unter seine Kopfhaut. O Herr. So hast du es also beschlossen. Hier wird es enden, wo es angefangen hat. So elend, so banal, so allein. Als Fremder in der Heimat
Aber ich werde bekennen. Vor Dir, mein Gott. Laß mich nicht ohne die letzten Sakramente sterben! Es war doch immer eine gottesfürchtige Gegend, so weit weg von all der Verkommenheit der Städte. Es werden doch noch immer fromme Menschen sein. Sie werden doch niemanden sterben lassen, ohne einen Priester zu schicken, nicht wahr, mein Gott? Das kannst Du doch nicht zulassen! Ich werde vor Dir bekennen!


Pater Gerhard Wenzel wendet den Blick - wohin? Er spürt einen Widerwillen, ein stures Beharren. Was gibt es zu bekennen? Wende den Blick zurück, zwinge Dich zurück zu schauen!

Da ist das Dorf, das weiße Dorf unter den schwarzen Schieferdächern, umschlossen vom kräftigen Sommergrün der Baumkronen. Da ist der Schuppen des Pawlak´schen Hofs, die Eier, vierzehn Stück waren es, in gelben Schlieren auf dem neuen, leuchtenden Putz… ja, Herr, gestohlen habe ich  da und Deine Gaben verschwendet, mutwillig, kindisch… Nein, nein, aber dafür habe ich vierzehn Rosenkränze aufbekommen, für jedes Ei einen, und das Taschengeld von zwei Wochen. Zu lange ist das her… ich habe Buße getan...
Er spürt, wie sich sein Geist windet, wie er voran drängt, voran, voran. Das eine Jahr in Köln, dann die Studienjahre im Konvent, die Bilder wie Herbstlaub. Nein, keine Reue. Nichts, von dem er noch Rechenschaft ablegen müßte. Denn immer wieder ist da der gemusterte Schatten des Beichtstuhls in seiner Erinnerung. Wie der Teufel hat er da gebeichtet, jeden Groschen, den er gefunden und eingesteckt hat, statt ihn in den Opferstock zu geben, jeden ungerechten Vorwurf, den er seinen Kommilitonen gemacht hat, jeden unkeuschen Gedanken, jeden Traum hat er gebeichtet.
Mein Innerstes habe ich Dir offenbart, mein Gott! Dir und Deinen Dienern. Niemand hat sich so zu seinen unkeuschen Gelüsten bekannt, wie ich, niemand hat Dir sein Herz so vorbehaltlos dargeboten. Und mit welcher Seligkeit, mit welcher stillen Lust hast Du mich dafür beschenkt! So geläutert hast Du mich, mein Gott, daß ich bereit war, all das aufzunehmen, was man mir später zutrug, als ich wieder zurückgekehrt bin, und ich selbst schweigen mußte.

Und war ich nicht ein guter Hirte? Vielleicht hatte ich es zuerst allzu leicht, denn ich bin unter Freunde zurückgekehrt, aber ich mußte doch auch all ihre Last tragen. Und habe ich je all die schmutzigen kleinen Geheimnisse, die in ihren Seelen umher spukten, über meine Zunge kommen lassen? Ich habe ihre Last getragen und mit ihren Begierden und ihrer Lüsternheit leben müssen, mit ihrer Verkommenheit, die unter den schwarzen Schieferdächern eingeschlossen war wie in Gräbern!

Und ich habe mich der Kinder angenommen und sie auf den rechten Pfad geführt. Vielleicht hat es da manchmal ein strenges Wort gegeben, in der Sakristei... in der Sakristei…  aber weißt du noch, welchen Namen sie mir gegeben haben? Dompfaff nannten sie mich. Und wie haben wir miteinander gesungen, wenn es auf Ausfahrten in den Wald ging. Da war dann doch immer wieder alles gut. Ich war dann doch wieder wie einer von ihnen. Ich war ihr Dompfaff. Man gibt doch nur den Seinen solche liebevollen Spitznamen. Und alle habe ich sie zur Gottesfurcht erzogen… das eine oder andere schwarze Schaf ist da wohl gewesen... Aber vielleicht mag ja sogar einer mir auf dem Weg zu Dir gefolgt sein, mein Gott! Und den magst Du auch in die Waagschale werfen!

Mit einem erleichterten Seufzen läßt er die Erinnerung an die zweiten Jahre in der Heimat hinter sich. Atemholen. Sein Herz geht unregelmäßig und überraschend heftig, als habe er einen Anstieg überwunden. Das Pfeifen kehrt zurück und pendelt beharrlich zwischen seinen Schläfen hin und her. Er droht wieder zu versinken.
Nein! Ich muß wach bleiben! Sieh her, mein Gott, ich weiche nicht! Ich erfülle meine Pflicht in Deinem Angesicht! Ich bekenne…

Er betritt einen anderen Raum seiner Erinnerung, die erste Zeit der Mission, Obervolta, nur Hitze, Moskitos und Kakerlaken, dann Niger, Malaria, der Ärger mit den Franzosen, die Erinnerungen wie überbelichtete Photos, dunkel vor der drückenden Sonne, aber ohne Schatten. Weiter! Weiter! Voran! Noch einmal Köln, nur wenige Monate, und dann - Kolumbien.
Vor sich sieht er den schlanken Turm von Nuestra Senora de la Concepcion.
Hier, mein Gott, habe ich Dein Werk vollbracht, all die Jahre, all die langen, grausamen Jahre habe ich durchgestanden. Habe Dir ein Haus gegeben, Dir und meiner Herde, habe sie gehütet in Deinem Namen. Herr! Hier bin ich! Ich kann von keiner weiteren Schuld sprechen, die ich auf mich geladen habe! So erhöre mich und erlöse mich von diesem Leid! Gib mir Deinen Segen und hole Deinen treuen Diener zu Dir, damit ich…

Pater Gerhard Wenzel hält inne. Wie flüssiges Wachs spürt er es aufsteigen. Da ist sie wieder, die alte Inbrunst, die alte Lust der Selbstanklage.
O Herr, Du mein Gott, wie verblendet ich bin. Wie verblendet ich war! Die Superbia, die erste der sieben Sünden habe ich auf mich geladen! War ich hochmütig? War ich selbstgerecht? Ja, ich war es, ich habe mich über andere erhoben! Im Konvent wollte ich die anderen mit meiner Frömmigkeit beschämen, wollte ihnen zeigen, wie tief wahre Gottesliebe reicht. Und habe ich mich später über meine Nachbarn erhoben? Ich war ihnen ein guter Priester, aber in meinem Herzen habe ich auf sie hinab geschaut. Arrogant war ich. Und in Afrika. Ja, ich habe sie in ihrer Schlichtheit, ihrem Aberglauben und in ihrem Stupor belächelt, sie im Stillen meine Negerlein genannt. Und die Franzosen, wie habe ich sie für ihre Blasiertheit verachtet.
Ich habe mich über meine Brüder erhoben, O Herr, ich habe Schuld auf mich geladen, Ich habe Schuld auf mich geladen und neige mein Haupt vor Dir. Erlöse mich armen Sünder. Vergib mir meine Schuld wie auch ich vergebe meinen Schuldigern, und führe mich nicht in Versuchung… Gib mir ein Zeichen, O mein Gott, gib mir ein Zeichen, daß Du diese Sünde mit Deinem Blut von mir gewaschen hast, denn ich bekenne mich zu Dir! Gib mir ein Zeichen und hole mich zu Dir, damit ich an Deiner Seite sitzen kann, in der Gemeinschaft der Heiligen!

Pater Gerhard Wenzel sinkt in eine eigentümliche Ruhe zurück. Die dunkle Flut steigt. Sie hüllt die verlorenen Worte des Vaterunsers ein, des Ave Marias. Wie Nachtfalter taumeln sie durch die wachsende, kühle Finsternis.
Schritte auf dem Flur. Stimmen.
Die bleichen Falter suchen einander, finden sich, schließen sich zusammen wie zu einer dichten Blütentraube, zu einem Bewußtsein, einer letzten Insel in der Finsternis. Pater Gerhard Wenzel lauscht. Da geht die Tür. Die Stimme des Arztes, die Stimme eines anderen Mannes.  
Wen schickst Du mir, mein Gott?

Jemand betritt den Raum mit festen Schritten. Er spürt den kurzen, ziehenden Schmerz, mit dem der Arzt ihm die Nadel des Zugangs aus der Ader zieht. Die Tür wird geschlossen, Schritte entfernen sich auf dem Korridor. Ein Stuhl wird nah an das Bett gerückt. Eine Hand ergreift die seine. Sie schiebt etwas zwischen die schlaffen Finger. Perlen, eine Kette, das Kreuz.
O Herr, Du mein Gott, Du schickst mir ein Zeichen! Du hast mir einen Priester geschickt! Laß mich den Rosenkranz noch einmal beten! Laß mich eintreten in die Gemeinschaft der Heiligen!

„Mein Name ist Pater Engerlin. Lassen sie uns gemeinsam beten.“
Die Stimme des Paters ist wie ein altes, vertrautes Lied, die Melodie des Waldes, des Dorfes. Er ist einer von Ihnen. Schau, er ist Priester geworden! Ich habe ihn zu Dir geführt, mein Gott! 
Die Hand des Paters läßt die Perlen durch die seinen gleiten. Im Stillen spricht er jede einzelne Silbe nach.
„Ich glaube an Gott den Vater, den Schöpfer des Himmels und der Erde…“
Er gewährt mir die letzten Sakramente, ich danke Dir, mein Gott!
Der Ozean aus Kälte und Dunkelheit rollt mit großen Wogen an den schwindenden Strand.„...empfangen durch den Heiligen Geist…“
Er wird mir seinen Segen geben, mir Ablass gewähren!
Der Puls bleibt aus, kehrt wieder, wird überrollt von den näher kriechenden, stummen Wellen.
„... gekreuzigt, gestorben und begraben, am dritten Tage auferstanden von den Toten…“
Sieh her, mein Gott, wenn er mir vergibt, wie solltest Du mir da nicht auch vergeben können?
Die Luft entströmt den Lungen, weich, wie die Hand einer gütigen Mutter sich von dem schlafenden Kind zurückzieht.
„Von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten…“
An Deiner Tafel werde ich sitzen, Du mein Gott!
Ein Zittern in der Hand. Jeder Pulsschlag wie ein stürzender Fels in die lichtlose, stille Flut.
Warum spricht er nicht weiter? Ich glaube an den Heiligen Geist! Sprich doch weiter!

Pater Gerhard Wenzel spürt, wie die der Rosenkranz Perle um Perle aus seiner schlaffen Hand gezogen wird. Die Stuhlbeine schurren heftig über den Boden. Schritte. Zögernd. Vor. Zurück.
Erlöse mich! Sprich weiter! Vergebung der Sünden! Die Vergebung der Sünden!

Pater Engerlin neigt sich zu dem Sterbenden herab, streicht ihm über die Stirn, streicht ihm die Haare hinter das Ohr und beugt sich so nah zu ihm hin, daß er ihn mit seinen Lippen beinah berührt.
Nur noch eine Handvoll Sand ist da, eine Handvoll Staub am Rande der Ewigkeit.
Sein Flüstern reicht kaum weiter als sein Atem geht. „Ich habe die Sakristei nicht vergessen, Dompfaff. Ich habe die harte Bank hinter dem großen Taufengel nicht vergessen. Ich bin schon an dem Ort gewesen, an den Du jetzt gehen wirst, Dompfaff, ich bin dort mein Leben lang gewesen. Und deshalb gebe ich Dir jetzt das letzte Geleit, im Namen des Herrn. Es gibt keine Vergebung. Fahr zur Hölle, Dompfaff. Fahr zur Hölle!“

Und dann nur noch Dunkelheit. Kälte. Stille. Von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen


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