Die Schreibwerkstatt "Das Textprojekt" bietet in regelmäßigem Rhythmus neue Kurse an. Oktober-Dezember: Kursabschnitt 1 / Januar-Februar: Kursabschnitt 2 / März-April: Kursabschnitt 1 / Mai-Juni: Kursabschnitt 2 / August - Oktober: Kursabschnitt 3 - Anmeldung unter: thomas.piesbergen (at) gmx.de

Donnerstag, 24. April 2014

Das Textprojekt bei den HEW-Lesetagen: 8 Geschichten

Nach zwei ausgesprochen schönen Abenden im Rahmen der "Hamburger Energie Wechsel - Lesetage" möchten wir einige Texte, die Teilnehmer der Schreibwerkstatt zum Thema "Zweimal im Leben" verfasst und vorgetragen haben, auf dem Blog zum Nachlesen zur Verfügung stellen.

Viel Spaß mit diesen Fenstern in groteske, komische, düstere, exotische und apokalyptische Textwelten!

Thomas Piesbergen: Das letzte Gericht
Lena Richter: Was einmal war
Petra Stolz: 89290
Christian Diers: Reife(n)prüfung auf der Überholspur
Silke Tobeler: Hadithas Liste
Heiko Eggers: Der zweite Mann
Ilka Volz: 2 mal im Leben
Nicola Nawe: Der längere Weg

Texte der Lesung "Zweimal im Leben": Nicola Nawe - Der längere Weg

Baermann denkt: „Ich auch! Will diesen Job. Ich will auch diesen Job!“ Und er sieht es gleich beim Hereinkommen. Zwei dürre Zeiger machen sich lang und Baermann schießt es durch den Kopf: „Das darf nicht sein!“ Doch Baermann deutet richtig: 10.00 Uhr und nicht eine Minute früher. „Nein“, schreit es in Baermann und gleich darauf: „Doch - ich will den Job!“ Er zettelt in seinen Papieren und sieht die Dreizehn. Dreizehnter Stock und denkt: „Das schaffe ich nicht!“ Denn Baermann kann schon lesen. Jetzt liest er „Aufzug defekt“ und also läuft er los. 
Er sieht sich hinaufeilen, wie er Stufe für Stufe überschlägt und da erscheint Paula in seinen Gedanken. Paula, die einzige, für die er um die halbe Welt laufen würde. 
Lange Jahre, fast ein ganzes Leben war es her, als er sie in dem alten Hörsaal zum ersten Mal bemerkt hatte. Leicht gebeugt über ein Buch saß sie da, in einer blaugeblümten Tunika, die ihr nicht stand und mit der sie so deutlich auffiel, dass Baermann nicht hatte glauben können, der Einzige zu sein, der sie aus der Nähe anschauen wollte. 
Paula saß dort, weil ihr Pate es gewünscht hatte, denn das Paula-Mädchen sollte nach einer elternlosen Kindheit eine größere Zukunft haben. Anders als Baermann, der sich mit Wucht und Wut den Eltern entgegen stemmen musste. Sie wollten keinen Juristen in der Familie, keinen Besserwisser, allenfalls einen armen Musiker. Baermann hatte dennoch diesen Saal erreicht und das erste was er lernte war, dass Paula – blaugeblümt – noch immer ein großes Mädchen war. 
Der zweite Stock rast an ihm vorbei - und weiter. Baermann duldet jetzt keinen Aufschub. 
Bald war es auch mit Paula weiter gegangen, beim zweiten Lerntreff, welches Baermann morgens fast verpasst hatte, weil es so spät geworden war am Abend vorher im Bella Vista. Nie eine Zugabe verweigern war für Baermann der einzige Weg, sein Studium zu finanzieren und er spielte sich mit heißen Fingern einem Leben entgegen, in dem Paula mittendrin war. Kein Geld für den angehenden Besserwisser gab es im Heimatdorf, das ihn lange festgehalten hatte, um doch noch einen Priester aus ihm zu formen. Im Dorf gab es keine Anwälte. Man einigte sich durch monatelanges Schweigen, schaute nach vorn und ließ das Gras wachsen, auf dem Baermann schließlich davongelaufen war.
„Kunstrasen“, denkt Baermann jetzt und liest: „Fünfter Stock!“ Wie viele Minuten nach Zehn mögen es jetzt sein?
Doch Paula hatte an jenem Tag auf ihn gewartet. Sie war nicht mit der Hornbrille von Tisch vier Kaffee trinken gegangen. Paula verstand wenig, doch sie war da und wollte bleiben. Baermann fiel es schwer, das zu glauben und er stürzte sich tiefer in die Strafgesetzbücher, tauchte durch Kommentare und Absätze, denn die waren eindeutig. Paragraphen wurden ihm Halt und Geländer, wenn die dunklen Gestalten nachts an seine Fenster klopften und ihn auch tagsüber nicht mehr verließen mit ihrem Geflüster: „Du wirst nie ein guter Jurist!“
 „Das liebe ich an dir“, hatte das Paula-Mädchen Jahre später gesagt, „dass du nie zweifelst, dass dein Wort echt ist und du mein verlässlicher Held.“ Baermann war sich nun gewiss, dass Paula seine Beständigkeit liebte und seitdem gab es nicht nur die dunklen Gestalten in der Nacht, sondern es herrschte auch die Angst, Paula könnte diesen Dämonen begegnen. Denn dann würde auch sie davonlaufen und Paula zu verlieren wäre stechender als alles andere.
 „Siebter Stock“, liest Baermann, „hört das denn nie auf? Das ist die Hälfte“, zählt er, „mehr als die Hälfte.“ Und weiter läuft er seinem Ziel entgegen.
Nach dem ersten juristischen Staatsexamen hätte Baermann beinahe auf halber Strecke aufgegeben. Die nächtlichen Bassläufe hatten seine Arme ruiniert, weil die Musik längst keine mehr war, sondern Schichtarbeit bis es hell wurde. In diesem Moment war Paula erwachsen geworden. Sie hatte das Erbe ihrer Eltern ohne Innehalten verfügbar gemacht, so dass es jetzt Abende für beide gab, und Abende zum Lernen. Das war Paulas Heiratsantrag gewesen.
Und jetzt rennt Baermann dieser neuen Stelle hinterher, um nicht mit leeren Händen „Ja“ sagen zu müssen. Neunter Stock und er kann nicht mehr. Doch niemand rettet ihn.
Baermann sieht den Erstklässler wieder vor sich, wie er damals über die Felder rannte, über Rüben stolperte, sich schmutzige Knie aufschlug und weiter schlingerte; mit leeren Hosentaschen, in denen kurz vorher noch zwei Mark gewesen waren für des Vaters Zeitung. Die hatte er holen sollen, doch er war Stolle und Benk in die Hände gefallen. 
Sie hatten ihn kopfüber hängen lassen und das Geld war herausgerutscht. Das Baermännchen, wie sie ihn damals nannten, hatte sich stundenlang nicht nach Hause getraut, war verzweifelt in den Furchen auf und ab gelaufen, ohne Richtung, bis ihn der Hunger umkehren ließ. Baermann erinnert sich nicht mehr an die häusliche Hölle danach, doch an diesem Abend war die Entscheidung gefallen: Er wollte für das Recht in dieser Welt eintreten, für seines und später für Paulas und das ihrer gemeinsamen Kinder. 
Elfter Stock. Die Verzweiflung von damals treibt ihn auch jetzt weiter und Baermann denkt immer noch: „Ich will diesen Job, ich will es wenigstens versuchen, auch wenn ich längst schon zu spät bin.“ Noch etwas schneller. Zwölfter Stock, von oben sind Stimmen zu hören. Baermann lockert die Krawatte und liest: „Dreizehnter Stock. Dr. Branko Suderstadt – Vorzimmer.“ Eine Tür öffnet sich, ein Lächeln - nicht von dieser Welt - schaut ihm entgegen. „Nanu“, giggelt das Lächeln, „schon der dritte Bewerber heute im Dauerlauf! Nehmen Sie bitte noch einen Moment Platz, darf es ein Glas Wasser sein?“ Und Baermann nickt, kann kaum schlucken, nur das Wort „Uhr“ rutscht ihm heraus. „Ach ja, die gehen hier alle anders“, trällert das Lächeln und Baermann ahnt etwas. Er sinkt auf einen Stuhl und die Anzeige gegenüber lässt ihn wieder auffahren. Vier Ziffern könnten schöner nicht sein und Baermann liest: „10.00.“
„Pünktlich auf die Minute“, hört er kaum die tiefe Stimme, die von rechts kommt. „Eine interessante Bewerbung haben Sie uns da geschickt. Aber bitte doch, hier entlang.“ Ein fester Händedruck zieht Baermann von seinem Stuhl hoch und er stolpert in ein fremd riechendes Konferenzzimmer. Nimmt Platz und lässt Frage und Antwort an sich vorbeiziehen. Hört sich selbst sprechen, wie aus der Ferne, sieht hier und da ein nickendes Lächeln, nimmt Papiergeraschel wahr. Ein Fenster steht auf Kipp. Die Zeit fliegt und schon ist da wieder dieser kräftige Händedruck, der ihn ins Vorzimmer zurückführt. Zwei Stimmen wechseln sich nun ab, eine hohe, eine tiefe. Bruchstücke erreichen Baermanns Ohr. 
„Jaja, ganz eindeutig!“
 „Ab 1. Mai?“
 „Die Formulare zuschicken!“
 „Kennenlerntreffen organisieren?“ 

Und dann fliegt Baermann zum zweiten Mal an diesem Tag durch dreizehn Stockwerke, nun in umgekehrter Richtung. Er tritt in die Sonne hinaus, da winkt Paula. Sie schwenkt blaue Blumen, sie lächelt fragend und Baermann hört sich antworten: „Ja, Paula. Jetzt ja!“

Lektorat: Thomas Piesbergen


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Texte der Lesung "Zweimal im Leben": Ilka Volz - 2 mal im Leben

Thilo rannte. Er drückte seinen kleinen Schatz dabei fest an die keuchende Brust. Die Strasse war uneben. Schutt und Müll formten aus seinem Weg einen Parkour mit Hindernissen. Er schlitterte über Steine und Schotter und geriet ins Straucheln. Ein Adrenalinstoß floss brennend durch seinen Körper. Er fing sich und rannte weiter.
Nicht stürzen, nicht!
Er würde seinen Vorsprung verlieren und den brauchte er, dringend. Denn die runde Metalldose in seinen Händen gehörte nicht ihm, und sie durften ihn nicht einholen.

Der Raum war klein, die Decke hing niedrig und die Wände rochen nach feuchtem Kalk. Hier unten war es kalt und dunkel. Sie zog sorgfaltig die zerlumpte Decke fester um die Schultern, ohne den Eingang auch nur für einen Augenblick aus den Augen zu lassen. Die Kellertreppe führte steil nach oben. Der Eingang war gut versteckt. Er lag in einer dunklen Ecke des Hofes einer kleinen, verlassenen Vorstadtschule. Reste vereinzelter Mauern des Schulgebäudes ragten in den grauen Himmel und zeichneten lange, dunkle Schatten über den einsamen Platz. Der Kellereingang war kaum sichtbar gut verborgen zwischen dem Müll, verschlossen von einer eisernen Tür. Sie bot Schutz und den Hauch von Sicherheit. Dennoch, es war nur eine Tür. 
Wenigstens konnte man sie nicht ohne Lärm öffnen. Sie hing schwer in Angel und knarzte bei jeder Bewegung ein rostiges Lied.
Sie wäre gewarnt, sobald jemand käme. Sie wäre vorbereitet.
Ihre kleinen Finger schlossen sich fest um den Hammer, der immer griffbereit neben ihr unter einem Haufen Lumpen lag.

Sie hatten bewusst ein Versteck in der abgelegenen Vorstadt gewählt. Niemand traute sich mehr in die großen Städte – und auf dem Land... Das Land gab es nicht mehr. Aus Wiesen und Wäldern war ein graues Nichts geworden. 
Dieses Grau verspottete die letzten Lichtstrahlen, die noch vereinzelt durch die diesige Suppe die den Himmel verdunkelte, brachen. Es schluckte jede Farbe, jede Wärme, jedes Lachen. Es waren sowieso nur noch wenige übrig und denen war selten zum Lachen zumute.
Zuerst kamen die Algen. Keiner wusste genau woher. Sie waren rot und bedeckten die Meere. Ein schleimiger, dichter Teppich moderte kilometerweit. Die Algenkolonien verbreiteten sich schneller, als ein Haufen Hafenratten.
Das gesamte Ökosystem der Meere kippte. Dann das Klima und mit ihr das Leben an Land.
Niemand hatte eine Erklärung. Die Nationen und Umweltschutzorganisationen überhäuften  sich gegenseitig mit Theorien und Anschuldigungen. 
Sie erinnerte sich noch gut daran, als einige Wissenschaftler den Algen auserirdische Intelligenz und Herkunft andichteten.
Ihre Eltern hatten lange darüber diskutiert und gewitzelt. Damals lachte man noch.
Ihre Mutter war ganz auf der Seite einiger Umweltaktivisten, die recht einleuchtend ihre Theorie der Selbstverschuldung erläutern konnten. 
„Nein, nein, mein Lieber.“ hatte sie damals zu ihrem Vater gesagt. „Wir brauchen niemanden, der uns ausrottet, auch keine Alien-Algen. Das können wir selbst am besten. Die Presse streut wilde Gerüchte und die Konzerne und die Regierung machen sich gar nicht mehr die Mühe, diese zu dementieren. Ein verzweifelter Versuch der Schuldzuweisung. Wir hatten die Wahl, die Dinge zu ändern, manchmal muss man eine Entscheidung direkt treffen, „irgendwann“ ist es zu spät. Mache Chancen bekommt man nur einmal im Leben. 

Ihren Eltern blieb nicht mehr viel Zeit, ihre Diskussionen fortzuführen. Ihr Vater kam nach dem Versuch Vorräte aus der Stadt zu besorgen nicht zurück, und als ihre Mutter sich auf die Suche machte, verschwand auch sie.
Aber sie waren immer noch zu zweit. Als die Kämpfe lauter wurden und näher kamen floh Thilo mit ihr.
Sie dachte an Thilo. Er würde wieder kommen, ganz sicher. Thilo gab niemals auf. Auf ihn konnte sie sich verlassen. Selbst hier unten in diesem Loch verlor er nie seine Hoffnung.
Als der Hunger zu groß wurde, suchte er auf den feuchten Steinen, kratze Pilzkulturen zusammen und teste sie auf ihre Essbarkeit. Einige verursachten furchtbare Krämpfe, andere füllten für kurze Zeit den Bauch. 
„Ich würde auch die verdammten roten Algen essen, wenn das Meer nicht so weit weg wäre. Die leben immer noch, anscheinend brauchen sie die Sonne nicht.“ hatte Thilo gesagt.
„Nein, das würdest du nicht!“ hatte sie widersprochen. „Einige haben es versucht, sie zu essen, als nichts anderes mehr übrig war. Es heißt, sie erleichtern und beschleunigen das Sterben ganz erheblich.“
Er durfte nicht sterben, er durfte sie nicht auch noch verlassen. Sie wartete, jedes Zeitgefühl war ihr abhanden gekommen. Er schien bereits ewig fort, doch ihr blieb nichts anderes übrig, als zu warten. Zu warten und zu hoffen.

Thilo rannte weiter. Er konnte sie nicht mehr hören, sie waren weit zurückgefallen. Dennoch hatte er  Angst. Er war noch nie erwischt worden, doch er war auch schon lange nicht mehr so schnell und ausdauernd wie zu Beginn. Sein Puls raste, seine Beine schmerzten und schrieen nach einer Pause. Er wurde langsamer und versuchte seinen Atem zu beruhigen. 
Im kühlen Grau der Horizonts zeichnete sich das Betonskelett der zerfallenen Schule ab, ihr Versteck war ganz nah.
Er hatte die Gruppe stundenlang beobachtet. Sie besaßen einen Wagen und der war mit kostbarer Fracht beladen. 
Er hatte gewartet, sich versteckt gehalten und sich verborgen im Schatten Stück für Stück vorgewagt. Und dann war er in den letzten Minuten unvorsichtig geworden, auf dem letzten Meter hatten sie ihn entdeckt. Er konnte gerade noch in die offene Wagentür greifen und sich das Erst beste schnappen, was er erwischen konnte. Und dann musste er rennen und sie waren lange dicht hinter ihm gewesen.

Ein ganzer Tag Suche, stundenlanges Warten, Beobachten und Geduld und was blieb ihm? Eine Dose Erdnüsse. Haltbar bis mindestens 2018. Er schüttelte die Dose. „Das wirst du nicht mehr erleben, Schätzchen.“
Er trat in den Schatten der Mauern und lehnte sich erschöpft an die Tür, das kalte Metall im Rücken, die kühle Metalldose in den Fingern. 
„Hinter dieser Tür sitzt Ella,« dachte er. „Meine kleine Schwester, die unten auf mich wartet, schmal und schmutzig, immer frierend, in der Hoffnung das ihr Bruder noch etwas findet und bald zurückkehrt.“ 
Doch auch er war am Ende, er konnte keine Hoffnung mehr verbreiten. Sie nicht mehr aufmuntern. Es gab keine Hoffnung. Er konnte die Anstrengung, den Schein zu wahren kaum noch ertragen. Er konnte sich selbst kaum noch auf den Beinen halten und musste dennoch immer laufen, immer rennen. Rennen und suchen, stehlen und fliehen.
Dort unten Ella und in seiner Hand die Dose. Der Hunger brannte schon lange nicht mehr, er war einem ewigen Verlangen gewichen. Einer so großen Leere, die keinen Schmerz mehr spürte. Langsam drückte er den Metallring nach oben und zog. Mit einem frischen Knacken öffnete er den Deckel und hob die Dose dicht vor das Gesicht.
Bei dem Duft schwindelt ihm. Es gab kein zurück, er hätte sie niemals hier oben öffnen dürfen, er hätte ... Trocken, salzig. Er konnte nicht mehr klar denken. Es dauerte keine drei Minuten, dann war die Dose leer.
Er starrte entsetzt auf das leere Gefäß und glitt langsam mit dem Rücken an der Tür in die Hocke.
Sie hatten seit Tagen nichts gegessen und er musste doch immer so viel laufen und rennen. Er konnte doch nicht anders. Aber Ella, sie würde nicht mehr lange durchhalten. Sie war zu klein, zu schmal zu,...
Er kickte die leere Dose mit einem zornigen Tritt von sich. Sie schepperte laut über den Asphalt. Ein unschuldiges Geräusch, das sich im Echo der grauen Mauern vervielfältigte. »Früher haben die Kinder hier sicher Fußball gespielt«, dachte er. Die Dose schraddelte laut über den verlassenen Schulhof.
Jemand schrie. „Da, dort ist er.“ Thilo zuckte zusammen, aber es war zu spät. 
Schritte. Zwei kräftig Arme packten ihn und zerren ihn nach oben.
Der zweite Mann kickte die Dose weiter über den Platz »Leer!«
Er ging langsam auf Thilo und den Mann der ihn festhielt zu.
„Macht nichts, wir haben jetzt was besseres.“ sagte der erste.
Thilo schloss die Augen. „Wäre ich bloß im Schatten nach unten geschlichen. Sie hätten uns dort nie gefunden. Ich hatte einen guten Vorsprung. Hätte ich doch nicht, ... Wäre ich doch. Oh Gott, Ella ...“

Der zweite Kerl stand nun direkt vor ihm. »Man sieht sich immer zwei mal im Leben, du Arsch!« Er trat ihn in den Magen. Thilo sackte röchelnd zu Boden. »Und in dieser Welt, ist das zweite mal das letzte Mal«

Lektorat: Thomas Piesbergen

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Mittwoch, 23. April 2014

Texte der Lesung "Zweimal im Leben": Thomas Piesbergen - Das letzte Gericht

Was sind das für Glocken? Was sind das für entsetzliche Glocken? Wollen sie denn gar nicht mehr aufhören? Wer läutet sie denn? Ich habe doch niemandem befohlen zu läuten! Und ich kenne ihren Klang nicht! Was ist das für ein fürchterlicher Ton! In wessen Kirche duldet man so einen entsetzlichen Ton?
Pater Gerhard Wenzel versucht sich in der Finsternis aufzurichten, doch er findet seinen Körper nicht. Etwas Großes, Schweres, Kaltes ist da, etwas Leeres, aber seinen Körper spürt er nicht.
Doch etwas ist noch da, wie ein Funken, wie eine Mondsichel: ein feiner Schmerz; der Daumennagel seiner linken Hand, fest in den Knöchel des Zeigefingers gekrallt, darüber ein Saum, die dünne Lage eines Tuchs, und darunter - da ist auch etwas darunter. Jetzt spürt er es ganz genau: etwas Weiches, das sich hebt und senkt. Atem. Herzschlag.

Er versucht die Augen zu öffnen. Endlich sickert ein klebriges Grau in die Finsternis, unscharfe Schatten, ein heller Streifen. Das ist nicht Nuestra Senora de la Concepcion. Wo bin ich? Was ist mit mir passiert? Was sind das für schrecklich Glocken?
Er versucht den Mund zu öffnen. Mit einem trockenen Schmerz klaffen seine Lippen auseinander. Er versucht um Hilfe zu rufen, doch ein dicker, lebloser Klumpen liegt vor seiner Kehle. Nur ein schwaches Stöhnen hallt kurz und kalt von den nackten Wänden wieder.
Oh, mein Gott, was ist mit mir geschehen? Was hast Du mit mir gemacht?
Eine unbändige Kraft, eine Zusammenballung von Angst und Wut steigt ihm in die Brust. Das Stöhnen wird lauter. Es schwillt an zu einem Grunzen, einem wütenden Heulen, das in seiner Kehle brennt. Oh, mein Gott, was hast Du mit mir gemacht? Warum hast Du mir meinen Körper genommen, warum hast Du mir meine Stimme genommen, was hast Du mit meinen Augen gemacht? An welchen schrecklichen Ort hast Du mich geworfen?
Seine Stimme reibt sich wund an einer Dürre wie Sandstein, die von den Lippen hinab bis tief in seinen Rachen gekrochen ist. Er stöhnt, keucht, er weiß nicht wie lange, bis der Furor seine Kraft aufgezehrt hat und auch seine ungehörte Stimme endlich ganz versiegt. Wenigstens hat sie das Dröhnen der Glocken mit sich genommen. Nur ein leiser Nachhall davon ist geblieben, ein stetes, modulierendes Pfeifen, das von einem Ohr zum anderen pendelt.
Erinnere dich! Erinnere dich! Was ist gewesen vor den schrecklichen Glocken, vor der Dunkelheit, vor der Leere, dieser unerträglichen Leere?

Pater Wenzel liegt nun ganz still da und starrt in das verwaschene, unbarmherzige Grau. Langsam lichtet sich seine Erinnerung. Es ist, als steige er aus einer ozeanischen Tiefe hinauf in eine Dämmerung der Bilder. Der Flughafen von Bogota. Der fahlgesichtige junge Mann auf dem Sitz neben ihm. Die Spielzeugkulisse von Köln in der jähen Tiefe vor dem Fenster. Der Fleischerblick des Zollbeamten, und dann die Hügel, die Felder, die sauberen Häuschen wie aus einem Sack über die Landschaft geschüttet, und dann höher hinauf in den Wald.

Er hat es doch nur noch einmal sehen wollen, das Dorf, die alte wuchtige Kirche, weißgetüncht wie das Pfarrhaus, die Schieferdächer. Ist er nicht dort gewesen? Hat er sich nicht auf den Rand des Dorfbrunnens gestützt, nachdem er dem Taxifahrer die grotesk hohe Summe in die Hand gedrückt hat? Ja, ich erinnere mich. Die Hitze ist es gewesen. Ich habe mich zum Wasser gebeugt, um mein Gesicht zu waschen, so wie ich es damals immer getan habe… Oh, mein Gott, das Wasser! Gib mir doch von diesem Wasser! Ist denn da niemand? Laß mich davon trinken, bevor ich wieder darin versinke! Wo sind denn nur die Menschen? Oh, Herr, schicke mir einen Menschen! Schicke mir einen, nur einen!
Von der Stirn und den Schläfen kriecht die Finsternis wieder an ihn heran. Er sinkt, tiefer und tiefer und der schmutzige graue Fleck, das Fenster in die Welt, zieht sich zusammen.

Als Pater Wenzel wieder zu sich kommt, dümpeln Stimmen auf der Oberfläche seiner Dunkelheit. Auf seinem linken Arm spürt er einen kalten Druck. Oder ist es ein Schmerz?  Er versucht seine Augenlider zu öffnen, aber sie sind schwer wie geronnenes Harz. Die Stimmen sind fremd und wie aus Teig, formlos, weich, doch ihre Melodie ist ihm vertraut. Aus ihrem verhaltenen Singsang lösen sich einzelne Silben, einzelne Worte. Er kennt diese Art zu reden. Nicht nur die Melodie der vertrauten Mundart.

Nein. Nein, es mußt ein Irrtum sein! Da ist sicher noch jemand, dem gerade die Hand auf die Stirn gelegt wird, jemand anderes, über dessen Haut sich die kalte Membran des Stethoskops tastet, wie eine Münze, jemand anderes, über den die Stimmen sprechen.
Er hört sie immer deutlicher. Er erkennt den Tonfall professioneller Anteilnahme, die Beiläufigkeit, mit der lateinische Versatzstücke in den Strom der Worte eingeflochten werden. So oft hat er schon andere auf diese Art sprechen hören, die an den Grenzen ihrer Kunst angelangt waren und ihre Anbefohlenen an ihn übergeben haben. Es ist der Tonfall der Resignation aller weltlichen Kunst und ihrem Kniefall vor der endgültigen Macht des Herrn.

Die Verschlüsse der Arzttasche schnappen zu, ein Stuhl wird gerückt. Dann lassen sie ihn wieder allein.

Oh nein, lass es nicht zu! Laß sie nicht gehen! Laß mich nicht allein hier zurück! Zurück mit diesem… Warum, O Herr, warum? Willst Du mich so bestrafen? Waren meine Dienste nicht hart genug? Habe ich nicht mein Leben riskiert, um Dein Wort zu predigen? Habe ich mich nicht an die Pforten der Hölle begeben, an den Rand der Welt, habe ich nicht all dem Wahnsinn, der Verblendung, all dem Morden getrotzt? Zu Deinem Ruhm habe ich Nuestra Senora de la Concepcion gegründet, umzingelt von Gewehrläufen und meine Herde standhaft geführt durch alle Gewalt! O Herr, ich weiß, auf jedem von uns lastet die Sünde, aber siehst Du nicht, was in der anderen Waagschale liegt? Siehst Du nicht, was ich getan habe? Hättest Du mich doch sterben lassen, als die Muchachos das Pfarrhaus anzünden wollten, damals, oder als sie die Geisel in der Kirche verstecken wollten. Für Deinen Ruhm hätte ich mein Leben mit Freude hingeben, aber so? Als elender Rest, gefangen in der Hülle eines absterbenden Körpers? Mit gelähmter Zunge, daß ich nicht einmal mehr eine Messe halten kann, ein Gebet sprechen - daß ich nicht beichten kann...

Ein leises Grauen, eine plötzliche Einsicht schiebt sich wie kalte Finger unter seine Kopfhaut. O Herr. So hast du es also beschlossen. Hier wird es enden, wo es angefangen hat. So elend, so banal, so allein. Als Fremder in der Heimat
Aber ich werde bekennen. Vor Dir, mein Gott. Laß mich nicht ohne die letzten Sakramente sterben! Es war doch immer eine gottesfürchtige Gegend, so weit weg von all der Verkommenheit der Städte. Es werden doch noch immer fromme Menschen sein. Sie werden doch niemanden sterben lassen, ohne einen Priester zu schicken, nicht wahr, mein Gott? Das kannst Du doch nicht zulassen! Ich werde vor Dir bekennen!


Pater Gerhard Wenzel wendet den Blick - wohin? Er spürt einen Widerwillen, ein stures Beharren. Was gibt es zu bekennen? Wende den Blick zurück, zwinge Dich zurück zu schauen!

Da ist das Dorf, das weiße Dorf unter den schwarzen Schieferdächern, umschlossen vom kräftigen Sommergrün der Baumkronen. Da ist der Schuppen des Pawlak´schen Hofs, die Eier, vierzehn Stück waren es, in gelben Schlieren auf dem neuen, leuchtenden Putz… ja, Herr, gestohlen habe ich  da und Deine Gaben verschwendet, mutwillig, kindisch… Nein, nein, aber dafür habe ich vierzehn Rosenkränze aufbekommen, für jedes Ei einen, und das Taschengeld von zwei Wochen. Zu lange ist das her… ich habe Buße getan...
Er spürt, wie sich sein Geist windet, wie er voran drängt, voran, voran. Das eine Jahr in Köln, dann die Studienjahre im Konvent, die Bilder wie Herbstlaub. Nein, keine Reue. Nichts, von dem er noch Rechenschaft ablegen müßte. Denn immer wieder ist da der gemusterte Schatten des Beichtstuhls in seiner Erinnerung. Wie der Teufel hat er da gebeichtet, jeden Groschen, den er gefunden und eingesteckt hat, statt ihn in den Opferstock zu geben, jeden ungerechten Vorwurf, den er seinen Kommilitonen gemacht hat, jeden unkeuschen Gedanken, jeden Traum hat er gebeichtet.
Mein Innerstes habe ich Dir offenbart, mein Gott! Dir und Deinen Dienern. Niemand hat sich so zu seinen unkeuschen Gelüsten bekannt, wie ich, niemand hat Dir sein Herz so vorbehaltlos dargeboten. Und mit welcher Seligkeit, mit welcher stillen Lust hast Du mich dafür beschenkt! So geläutert hast Du mich, mein Gott, daß ich bereit war, all das aufzunehmen, was man mir später zutrug, als ich wieder zurückgekehrt bin, und ich selbst schweigen mußte.

Und war ich nicht ein guter Hirte? Vielleicht hatte ich es zuerst allzu leicht, denn ich bin unter Freunde zurückgekehrt, aber ich mußte doch auch all ihre Last tragen. Und habe ich je all die schmutzigen kleinen Geheimnisse, die in ihren Seelen umher spukten, über meine Zunge kommen lassen? Ich habe ihre Last getragen und mit ihren Begierden und ihrer Lüsternheit leben müssen, mit ihrer Verkommenheit, die unter den schwarzen Schieferdächern eingeschlossen war wie in Gräbern!

Und ich habe mich der Kinder angenommen und sie auf den rechten Pfad geführt. Vielleicht hat es da manchmal ein strenges Wort gegeben, in der Sakristei... in der Sakristei…  aber weißt du noch, welchen Namen sie mir gegeben haben? Dompfaff nannten sie mich. Und wie haben wir miteinander gesungen, wenn es auf Ausfahrten in den Wald ging. Da war dann doch immer wieder alles gut. Ich war dann doch wieder wie einer von ihnen. Ich war ihr Dompfaff. Man gibt doch nur den Seinen solche liebevollen Spitznamen. Und alle habe ich sie zur Gottesfurcht erzogen… das eine oder andere schwarze Schaf ist da wohl gewesen... Aber vielleicht mag ja sogar einer mir auf dem Weg zu Dir gefolgt sein, mein Gott! Und den magst Du auch in die Waagschale werfen!

Mit einem erleichterten Seufzen läßt er die Erinnerung an die zweiten Jahre in der Heimat hinter sich. Atemholen. Sein Herz geht unregelmäßig und überraschend heftig, als habe er einen Anstieg überwunden. Das Pfeifen kehrt zurück und pendelt beharrlich zwischen seinen Schläfen hin und her. Er droht wieder zu versinken.
Nein! Ich muß wach bleiben! Sieh her, mein Gott, ich weiche nicht! Ich erfülle meine Pflicht in Deinem Angesicht! Ich bekenne…

Er betritt einen anderen Raum seiner Erinnerung, die erste Zeit der Mission, Obervolta, nur Hitze, Moskitos und Kakerlaken, dann Niger, Malaria, der Ärger mit den Franzosen, die Erinnerungen wie überbelichtete Photos, dunkel vor der drückenden Sonne, aber ohne Schatten. Weiter! Weiter! Voran! Noch einmal Köln, nur wenige Monate, und dann - Kolumbien.
Vor sich sieht er den schlanken Turm von Nuestra Senora de la Concepcion.
Hier, mein Gott, habe ich Dein Werk vollbracht, all die Jahre, all die langen, grausamen Jahre habe ich durchgestanden. Habe Dir ein Haus gegeben, Dir und meiner Herde, habe sie gehütet in Deinem Namen. Herr! Hier bin ich! Ich kann von keiner weiteren Schuld sprechen, die ich auf mich geladen habe! So erhöre mich und erlöse mich von diesem Leid! Gib mir Deinen Segen und hole Deinen treuen Diener zu Dir, damit ich…

Pater Gerhard Wenzel hält inne. Wie flüssiges Wachs spürt er es aufsteigen. Da ist sie wieder, die alte Inbrunst, die alte Lust der Selbstanklage.
O Herr, Du mein Gott, wie verblendet ich bin. Wie verblendet ich war! Die Superbia, die erste der sieben Sünden habe ich auf mich geladen! War ich hochmütig? War ich selbstgerecht? Ja, ich war es, ich habe mich über andere erhoben! Im Konvent wollte ich die anderen mit meiner Frömmigkeit beschämen, wollte ihnen zeigen, wie tief wahre Gottesliebe reicht. Und habe ich mich später über meine Nachbarn erhoben? Ich war ihnen ein guter Priester, aber in meinem Herzen habe ich auf sie hinab geschaut. Arrogant war ich. Und in Afrika. Ja, ich habe sie in ihrer Schlichtheit, ihrem Aberglauben und in ihrem Stupor belächelt, sie im Stillen meine Negerlein genannt. Und die Franzosen, wie habe ich sie für ihre Blasiertheit verachtet.
Ich habe mich über meine Brüder erhoben, O Herr, ich habe Schuld auf mich geladen, Ich habe Schuld auf mich geladen und neige mein Haupt vor Dir. Erlöse mich armen Sünder. Vergib mir meine Schuld wie auch ich vergebe meinen Schuldigern, und führe mich nicht in Versuchung… Gib mir ein Zeichen, O mein Gott, gib mir ein Zeichen, daß Du diese Sünde mit Deinem Blut von mir gewaschen hast, denn ich bekenne mich zu Dir! Gib mir ein Zeichen und hole mich zu Dir, damit ich an Deiner Seite sitzen kann, in der Gemeinschaft der Heiligen!

Pater Gerhard Wenzel sinkt in eine eigentümliche Ruhe zurück. Die dunkle Flut steigt. Sie hüllt die verlorenen Worte des Vaterunsers ein, des Ave Marias. Wie Nachtfalter taumeln sie durch die wachsende, kühle Finsternis.
Schritte auf dem Flur. Stimmen.
Die bleichen Falter suchen einander, finden sich, schließen sich zusammen wie zu einer dichten Blütentraube, zu einem Bewußtsein, einer letzten Insel in der Finsternis. Pater Gerhard Wenzel lauscht. Da geht die Tür. Die Stimme des Arztes, die Stimme eines anderen Mannes.  
Wen schickst Du mir, mein Gott?

Jemand betritt den Raum mit festen Schritten. Er spürt den kurzen, ziehenden Schmerz, mit dem der Arzt ihm die Nadel des Zugangs aus der Ader zieht. Die Tür wird geschlossen, Schritte entfernen sich auf dem Korridor. Ein Stuhl wird nah an das Bett gerückt. Eine Hand ergreift die seine. Sie schiebt etwas zwischen die schlaffen Finger. Perlen, eine Kette, das Kreuz.
O Herr, Du mein Gott, Du schickst mir ein Zeichen! Du hast mir einen Priester geschickt! Laß mich den Rosenkranz noch einmal beten! Laß mich eintreten in die Gemeinschaft der Heiligen!

„Mein Name ist Pater Engerlin. Lassen sie uns gemeinsam beten.“
Die Stimme des Paters ist wie ein altes, vertrautes Lied, die Melodie des Waldes, des Dorfes. Er ist einer von Ihnen. Schau, er ist Priester geworden! Ich habe ihn zu Dir geführt, mein Gott! 
Die Hand des Paters läßt die Perlen durch die seinen gleiten. Im Stillen spricht er jede einzelne Silbe nach.
„Ich glaube an Gott den Vater, den Schöpfer des Himmels und der Erde…“
Er gewährt mir die letzten Sakramente, ich danke Dir, mein Gott!
Der Ozean aus Kälte und Dunkelheit rollt mit großen Wogen an den schwindenden Strand.„...empfangen durch den Heiligen Geist…“
Er wird mir seinen Segen geben, mir Ablass gewähren!
Der Puls bleibt aus, kehrt wieder, wird überrollt von den näher kriechenden, stummen Wellen.
„... gekreuzigt, gestorben und begraben, am dritten Tage auferstanden von den Toten…“
Sieh her, mein Gott, wenn er mir vergibt, wie solltest Du mir da nicht auch vergeben können?
Die Luft entströmt den Lungen, weich, wie die Hand einer gütigen Mutter sich von dem schlafenden Kind zurückzieht.
„Von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten…“
An Deiner Tafel werde ich sitzen, Du mein Gott!
Ein Zittern in der Hand. Jeder Pulsschlag wie ein stürzender Fels in die lichtlose, stille Flut.
Warum spricht er nicht weiter? Ich glaube an den Heiligen Geist! Sprich doch weiter!

Pater Gerhard Wenzel spürt, wie die der Rosenkranz Perle um Perle aus seiner schlaffen Hand gezogen wird. Die Stuhlbeine schurren heftig über den Boden. Schritte. Zögernd. Vor. Zurück.
Erlöse mich! Sprich weiter! Vergebung der Sünden! Die Vergebung der Sünden!

Pater Engerlin neigt sich zu dem Sterbenden herab, streicht ihm über die Stirn, streicht ihm die Haare hinter das Ohr und beugt sich so nah zu ihm hin, daß er ihn mit seinen Lippen beinah berührt.
Nur noch eine Handvoll Sand ist da, eine Handvoll Staub am Rande der Ewigkeit.
Sein Flüstern reicht kaum weiter als sein Atem geht. „Ich habe die Sakristei nicht vergessen, Dompfaff. Ich habe die harte Bank hinter dem großen Taufengel nicht vergessen. Ich bin schon an dem Ort gewesen, an den Du jetzt gehen wirst, Dompfaff, ich bin dort mein Leben lang gewesen. Und deshalb gebe ich Dir jetzt das letzte Geleit, im Namen des Herrn. Es gibt keine Vergebung. Fahr zur Hölle, Dompfaff. Fahr zur Hölle!“

Und dann nur noch Dunkelheit. Kälte. Stille. Von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen


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Texte der Lesung "Zweimal im Leben: Lena Richter

Ich schreibe dir ein Märchenbuch.
Das Papier knistert unter meinen Händen. Blöcke. Notizbücher. Lose Seiten. Ich häufe sie um mich und weiß nicht, wo ich beginnen soll. Draußen vor dem Fenster liegt grauer Schnee. Hier drin legt sich der Geruch von Krankheit und Medizin schwer auf meine Zunge. An den Wänden bröckelt die gelbe Farbe ab. Ab und zu eilen Schritte quietschend über das Linoleum.
Du, kleine Schwester, schläfst. Nur das Surren und Piepen der Geräte, die um dein Bett versammelt sind, unterbricht die Stille.

Da ist ein Mädchen, das geht durch den finsteren Wald und trifft den bösen Wolf. Er verschlingt sie und ihre Großmutter. Sie können nichts dagegen tun. Nur der Jäger kann sie retten.
Aber hier gibt es keine Jäger und gäbe es welche, so stünden sie johlend um den Wolf und feuerten ihn an, weideten sich an den Schreien und dem Blut. Wölfe verschlingen niemanden am Stück. Sie zerfleischen ihre Beute, bis nichts mehr übrig ist.


Die Mädchen in den Märchen machen mich wütend. Sie leiden sanft und hoffen und warten, bis der Prinz sie erlöst. Sie sind schön und bescheiden und manchmal sogar klug, aber sie tun keiner Seele etwas zu Leide. Schreien nicht, treten nicht, wehren sich nicht. Ihr gutes Herz bringt sie immer in Schwierigkeiten. Du hättest eine gute Prinzessin abgegeben, kleine Schwester. Doch für dich gab es keinen Prinzen in strahlender Rüstung. Du hättest dich selbst retten müssen.
Ich schreibe dir ein Märchenbuch.

Das Mädchen mit den Schwefelhölzern fühlt seine Glieder nicht mehr. Es schaut zum Himmel und sieht, wie fern und kalt die Sterne sind. Da zieht es sein Kleidchen aus und seine Strümpfe und stopft alles in das Loch in der Hauswand, das der reiche Kaufmann, der darin wohnt, nie entdeckt hat. Es entzündet die Schwefelhölzer, eins nach dem anderen.
Schließlich brennt das Haus lichterloh und die Funken steigen bis hoch zu den kalten Sternen. Vor dem Feuer steht das Mädchen, splitternackt, und lacht und tanzt mit den Flammen.

Die Schwestern und Ärzte betrachten uns mitleidig, dich in dem viel zu großem Bett und mich in meinem See aus Papier und Wortfetzen. Deine Haut scheint jeden Tag durchsichtiger zu werden, die Schatten unter deinen Augen dunkler. Ab und zu kommt jemand in einem weißen Kittel, untersucht dich und schüttelt den Kopf.
„Es ist weiterhin sehr unwahrscheinlich, dass Ihre Schwester aus dem Koma erwacht.“ Die Worte rauschen an mir vorbei. Ich nicke und sehe aus dem Fenster, auf den Schnee, der langsam schmilzt.
In ihren Träumen kämpft Dornröschen hundert Jahre lang gegen die Bestien und die schwarzgeflügelten Feen. Als sie erwacht, nimmt sie Schwert und Spindel und verlässt ihr leeres Schloss. Als sie das Ende der Dornenhecke erreicht, hängt ihre Haut in Fetzen von den Armen. Doch sie lächelt beim Gedanken daran, die Spindel im Herz der bösen Fee zu versenken.

Ich betrachte dich lange. Mein Dornröschen, schlafend und träumend und unerreichbar. Weder Dornen noch Küsse können dich retten.

Heute ist Dienstag. Jeden Dienstag rufe ich die Polizei an und frage nach Neuigkeiten. 
„Es tut mir leid.“ Herr Lewandowski ist immer freundlich, wenn ich nachfrage. Über seinem Schreibtisch hängt das Fahndungsfoto der Bestie, ein Ausdruck der verschwommenen, pixeligen Sicherheitskamera. In meiner Tasche habe ich immer eine Kopie davon. Herr Lewandowski hat sie mir gegeben. Auf seinem Schreibtisch steht ein Foto seiner Frau neben einer Schüssel mit Hustenbonbons. 
„Es tut mir leid“, wiederholt er und ich glaube ihm.

Ariadne sieht Theseus in die Augen und weiß, dass er lügt und ihre Hilfe nicht belohnen wird. Sie lässt ihn stehen, bindet den Faden selbst an die Tür des Labyrinths und steigt in die Dunkelheit hinab. Sie sucht und findet den Minotaurus, und als sie ihm sein Wiegenlied singt, wird er friedlich und fällt in tiefen Schlaf. Ariadne betrachtet ihn schweigend. Er ist ein Monster. Er ist ihr kleiner Bruder. Sie streicht ihm sanft über den Kopf, ehe sie ihr Messer zieht.
Als die Männer ihres Vaters sie finden, sitzt Ariadne weinend neben dem toten Monstrum, ihrem toten Bruder, in einem See aus Blut.

Gregor ist ein alter Schulfreund, einer von denen, bei denen ich kaum traurig war, ihn aus den Augen zu verlieren. Dass ich eines Tages im selben Bahnwaggon mit ihm sitze, ist Zufall, aber ich spreche ihn an und gebe ihm meine Nummer. Gregor ist Ex-Soldat und aktuell Personenschützer, ein Kleiderschrank von Mann. Seine Worte klingen wie Befehle, selbst wenn sie Bitten sind. Er versteht viel vom Krieg und wenig vom Leben, sagt er ein wenig hilflos, als wir kurz darauf essen gehen. Er ist einsam. Ich hebe mein Glas, wir stoßen an. 
In Gregors Nachtschrank, das weiß ich am Ende des Abends, liegt seine Waffe.

Medusa schreit, bis ihre Lungen bersten und Blut von ihren Lippen tropft. Sie wirft sich ins Meer und sinkt bis auf den Grund, wo Poseidon, ihr Peiniger, auf seinem Unterwasserthron regiert. Mit ihrem letzten Blick verwandelt sie ihn zu Stein.

Mein Blick wandert wieder und wieder über das verschwommene Bild, den Ausdruck der Sicherheitskamera.  Die schmutzigen Kacheln des U-Bahnhofes, die Schemen von eilenden Menschen – und die Bestie im Zentrum des Bildes. Der Mann auf dem Foto ist mittelgroß und mittelkräftig. Kurze Haare. Unauffällig, würde man wohl sagen. Er trägt ein blaues Hemd und Jeans und irgendwelche Schuhe. Um seinen Unterarm zieht sich eine Tätowierung aus verschlungenen Linien. Vielleicht Worte, vielleicht eine Schlange oder ein Oktopus oder einfach ein Muster ohne Sinn. 
„An dem Tattoo erkennen wir ihn“, hat Herr Lewandowski mir versichert. „Wenn wir ihn erstmal haben, erkennen wir ihn.“ Aber die Bestie bleibt verschwunden. Tausend Jäger wären nicht genug, um sie im Dschungel der Stadt zu fangen. 
Das Gesicht auf dem Foto ist kaum mehr als ein Fleck, eine Ansammlung von Pixeln. Ein Rätsel ohne Lösung.  
Ich starre auf das Bild. Auf dem blauen Hemd der Bestie klebt in dunklen Flecken dein Blut.

Sheherazade schlägt den König mit blumigen Märchen in ihren Bann, doch sobald er eingeschlafen ist, flüstert sie andere Worte in sein Ohr. Dunkle Worte sind es, alte Worte voller Magie und Zorn. Sie spricht vom Wüstenwind, der über bleiche Knochen weht, von Dämonen, die in Menschengestalt über die Erde wandeln. Von Gift, das von Schlangenzähnen trieft, von Käfern und Larven, die sich quälend langsam durch Körper fressen. In ihren Geschichten ist die Dunkelheit lebendig, ein hetzendes, hungriges Tier auf der Suche nach Beute.
In diesen Nächten erwacht der König schreiend aus seinen Albträumen und Sheherazade tröstet ihn und küsst ihn und reibt duftendes Öl auf seine Schläfen. Je schlimmer er träumt, desto mehr verlangt es den König nach den bunten Gestalten aus ihren Märchen, und bald schläft er jede Nacht in Shereazades Armen ein.
Nach tausendundeiner Nacht findet man den König tot in seinem Bett. Von Sheherazade fehlt jede Spur.

 „Das mit deiner Schwester ist schrecklich“, sagt Gregor bei unserem dritten Treffen. Wir sitzen auf seinem Sofa. „Steht ihr euch nahe?“
Ich weiß nicht warum, aber ich erzähle ihm alles. Von dem Verkehrsunfall unserer Eltern, nach dem nur noch wir beide übrig waren. Davon, wie ich mein Studium schmiss und zwei Jobs annahm, damit wir nicht aus der Wohnung ausziehen mussten. Davon, wie stolz ich auf uns beide war, weil wir es ohne staatliche Hilfe geschafft hatten. Von der Feier zu deinem 18. Geburtstag, nicht die große Party mit deinen Freunden, sondern unser Abendessen zu zweit, in dem teuren Restaurant, an dem wir Jahre lang nur vorbeigelaufen waren. Unserem Besuch auf dem Friedhof. Zwei Kerzen auf dem Grab, deine Hand in meiner. 
Und dann der Anruf, der mich mitten in der Nacht aus dem Schlaf riss. 
Gregor hört zu und nickt. Ich sehe ihm an, dass er nicht weiß, was er sagen soll. Stattdessen küsst er mich und ich lasse es geschehen.

Schneewittchen erwacht allein in ihrem Sarg aus Glas. Sie würgt den Apfel aus und fühlt, wie das Gift in ihrem Körper brennt. Doch noch bleibt ihr Zeit. Sie tritt und schlägt den Deckel entzwei, kriecht aus den Scherben und macht sich auf den Weg zum Schloss der Königin. In ihren Adern kocht das Blut und ihre Glieder zittern vor Schmerz, als sie es erreicht. Vom Jäger, der sie verschonte, nimmt sie Pfeil und Bogen. Ein Schuss bleibt ihr, ehe das Gift sie tötet. Schneewittchen zielt und schießt und sieht mit ihrem letzten Atemzug den Pfeil das Auge der Königin durchbohren.

Ich sitze in deinem Zimmer und drehe die Waffe in den Händen. Seit jenem Tag habe ich nichts in diesem Raum angerührt. Auf deinem Schreibtisch steht noch eine leere Kaffeetasse, ein aufgeschlagener Block mit Schulnotizen liegt herum. Neben deinem Bett stapeln sich Bücher, ein ungewaschenes T-Shirt liegt auf dem  Boden. Es riecht nach dir, mehr als du selbst nach dir riechst, wenn ich im Krankenhaus meine Nase in deinen Haaren vergrabe und unter dem Geruch nach Desinfektionsmitteln und Medizin nach dir suche.

Gregor ist verreist. Er und seine Kollegen wurden für zwei Kongresse in Frankreich angestellt. Er wird über zwei Monate fort sein. Ich habe ihm versichert, dass es kein Problem ist, alle paar Tage nach seiner Post zu sehen und seine beiden Topfpflanzen zu gießen. Der Abschied war unbeholfen. Er fehlt mir kaum.
Seit Gregor fort ist, liegt seine Waffe geladen und gesichert in meiner Handtasche. Es war leichter als ich dachte, herauszufinden, wie sie funktioniert. Am Wochenende werde ich aufs Land fahren, in irgendeinen Wald, und lernen, damit zu schießen. Ich lerne mich zu wehren gegen die Monster, die da draußen lauern. Ich lerne es für dich.

Kassandra stürmt aus dem Palast ihres Vaters, in dem niemand ihr Glauben schenkt. Mit einer Axt bewaffnet läuft sie durch die Menschen, die auf den Straßen feiern. Mühsam klettert sie auf das hölzerne Pferd, das Geschenk, das in ihren Visionen Troja den Untergang bringt. Sie hackt auf das Holz ein wie eine Wahnsinnige, bis endlich ein Loch darin klafft und der erste Grieche aufschreit, als ihre Axt ihn trifft. 
Sekunden später stürzt sie zu Boden. Ein Schwert ragt aus ihrer Brust.
 Die Stadt ist gerettet.

Lisa bringt immer Blumen mit, wenn sie dich besucht, sorgsam ausgewählte Sträuße, die gut duften und den Krankenhausgeruch für ein paar Tage aus deinem Zimmer vertreiben. Sie sitzt auf der Bettkante und redet mit dir, während ich in meiner Ecke Papierstapel sortiere und Notizen mache. Es ist Samstag. Früher hättest du um diese Zeit mit Lisa in unserer Küche gesessen. Ihr hättet Nudeln mit Pesto gekocht und Sekt dazu getrunken und beratschlagt, auf welche Party ihr geht und was ihr dazu anzieht. 
„Hat die Polizei sich gemeldet?“, fragt sie, wie bei jedem Besuch. Ich schüttele den Kopf. Es gibt nichts Neues.
 Lisa sieht zu Boden. Ich weiß, dass sie sich noch immer Vorwürfe macht. Weil sie nicht erkannt hat, dass der Kerl, der euch beide schon im Club belästigt hat, im selben Bahnwaggon saß. Weil sie zwei Stationen vor dir ausgestiegen und nach Hause gelaufen ist. Weil sie dich der Bestie überlassen hat. Sie hat alles versucht, um es wieder gut zu machen. Mit dem Phantombild, das nach ihren Angaben entstanden ist, ist sie zu jedem gelaufen, der in jener Nacht im selben Club war oder gewesen sein könnte, zu jedem, der oft dort feiert. Sie hat alle deine Freunde und Bekannten angerufen, damit ich es nicht tun musste. Doch niemand kannte das Gesicht. Niemand konnte helfen.
Die Blumen duften nach Sommer. Der Schnee vor dem Fenster ist längst verschwunden. 
Lisa hält deine Hände vorsichtig in ihren. Tränen fallen auf deine Haut. Ich denke an das Märchen von der Schneekönigin. Doch kein Eis schmilzt in deinem Herzen, und dein böser Traum endet nicht.

Rotkäppchen tritt auf die Waldlichtung und sieht, wie die Tür zum Haus der Großmutter offen steht. Krähen kreisen über dem Haus und der Geruch nach Blut und Raubtieren liegt in der Luft. Sie dreht sich um und geht, ganz langsam und leise erst, dann immer schneller und schließlich rennt sie, so schnell sie kann. Sie meint, das Heulen von Wölfen hinter sich zu hören. Mit wunden Füßen kommt sie zu Hause an.

Ich habe nie an Schicksal geglaubt. Und doch schließt sich am Ende der Kreis. An dem Tag, an dem ich erfahre, dass es für dich keine Hoffnung mehr gibt, finde ich die Bestie. Wie betäubt bin ich aus dem Krankenhaus getaumelt. Die Ärzte haben mir gesagt, dass sie deine Geräte abschalten wollen. Die Untersuchungen haben gezeigt, dass du längst aus deinem bleichen, schmalen Körper gewichen bist. Ich schüttele den Kopf, will ihre Worte nicht hineinlassen. Ich reiße das Fenster auf und werfe all meine Notizen nach draußen, all die nutzlosen Märchen, die dich nicht retten konnten. Der Sommerwind trägt sie fort.

Später sitze ich ohne einen klaren Gedanken im Kopf in der Bahn. Es ist schon dunkel draußen. Ein Fenster steht offen und schwüle Luft weht in den Waggon, vermischt sich mit dem Geruch nach Schweiß und überfüllten Mülleimern. Als die Bestie an mir vorbeigeht, dauert es einige Sekunden, ehe sich die Puzzleteile in meinem Kopf zusammenfügen. Das Gesicht aus dem Phantombild. Der Unterarm mit der verschlungenen Tätowierung. Der unauffällige Mann, Kopfhörer in den Ohren, mittelgroß und mittelkräftig. Die Türen der Bahn schließen sich schon fast, als ich aufspringe und hinter ihm her auf den Bahnsteig haste. Ich sehe, wie er in der Unterführung verschwindet.
Ich folge ihm ganz allein in diesen Tunnel, und doch fühle ich mich, als wären all die Frauen aus meinen Märchen an meiner Seite. Wie Persephone, die am Ende des Sommers in die Welt der Toten hinabsteigt, gleite ich die Treppe hinunter. Es wird kühl. Die Bestie schreitet arglos ihrer Wege. Ahnungslos, so wie du es warst. Ich folge langsam. Niemand sonst ist hier. Das Metall der Waffe ist kalt in meiner Hand, der Geruch von Eisen kriecht in meine Nase.

Rotkäppchen ist erwachsen geworden. Sie trägt Stiefel und Mütze aus Pelz. Die Messer an ihrer Seite sind kalt und scharf, und in den Wäldern gibt es weder Wölfe noch Jäger mehr.

Mit einem leisen Klacken entsichere ich die Pistole. Ein tiefer Atemzug. Mein Herz klopft wild, doch meine Hände sind ruhig. Ich ziele, langsam. Mein Finger krümmt sich um den Abzug.
Leb wohl, Dornröschen.

Der Knall im Tunnel ist ohrenbetäubend.

Es war einmal.


Lektorat: Thomas Piesbergen


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Texte der Lesung "Zweimal im Leben": Petra Stolz - 89290

89290

„Können Sie mich verstehen? Ich bin Ihre Ärztin und werde Sie betreuen. Ich werde Sie jetzt in einen Raum bringen, da kann Ihnen nichts passieren. Wenn Sie gleich wieder vollständig wach sind, kommen Sie erst einmal an. Gewöhnen Sie sich an Ihre neue Umgebung. Ich werde bei Ihnen sein. Gleich auf der anderen Seite der Tür. Machen Sie sich keine Sorgen, hier sind Sie sicher.“

Der Augenblick, wenn ein Patient in unsere Klinik kommt, ist für mich der Wichtigste, Hochwürden. Meist sind sie so verwirrt, dass wir sie zunächst in unseren isolierten Sicherheitsraum bringen, wo sie ohne Einflüsse von außen zur Ruhe kommen können. Über eine Kamera und ein Mikrofon kann ich sie beobachten, ohne sie zu bedrängen. Zunächst schließe ich die Augen und versuche zu hören, wie sie sich fühlen. Atmen sie schwer? Weinen sie? Dann betrachte ich sie und versuche mich in sie hinein zu versetzen.

Als Heinrich eingeliefert wurde, wimmerte er leise vor sich hin. Er kauerte in der Mitte des Raumes, die Hände wie schützend über dem Kopf verschränkt. Sein Blick hüpfte unstet über die Wände und die Tür, als suche er etwas. Scheinbar war das Ergebnis für ihn beruhigend, denn nach einer Weile entspannte er sichtlich und schlief kurz darauf zusammen gekauert ein. Schon bald wurde mir klar, dass Heinrich genau diesen Raum brauchte, denn immer wenn ich ihn hinausbringen wollte, schrie, tobte und weinte er ohne Unterlass. Meine ersten Gespräche mit ihm fanden also in unserer Weichzelle statt.

„Heinrich, wissen Sie warum Sie hier sind?“
„Ja“
„Erinnern Sie sich was Ihnen zugestoßen ist?“

„Heinrich? Was ist Ihnen zugestoßen?“
„Polizei“
„Die Polizei hat Sie hergebracht. Weil es Ihnen schlecht ging?“
„Ja“
„Sind Sie froh hier zu sein?“
„Ja“
„Warum macht Sie das froh?“

„Heinrich, können Sie mir das sagen, warum sie froh sind hier zu sein?“
„Sicher“
„Sie fühlen sich hier sicher. Wovor sind Sie sicher Heinrich?“

„Verraten Sie es mir.“
„Gottes Rache“

Aus Heinrichs Akte ging hervor, dass er 1918 geboren war. Er war jetzt 1979 also 61 Jahre alt. Damit gehörte er zu der Generation, mit der ich nie Frieden geschlossen hatte.

Er war, ein Jahr ehe er zu uns kam, vom Blitz getroffen worden, als er während seiner Arbeit als Elektriker eine Antenne auf dem Dach eines Hauses reparieren wollte. Wie durch ein Wunder hatte er überlebt.

Als ich das las fröstelte ich. Damit hatten wir etwas Entscheidendes gemein. Auch ich hatte einen fürchterlichen Stromschlag überlebt. Ich weiß genau, wie es sich anfühlt, wenn der Strom durch deinen Körper wütet.

Wenn er an der Spitze des Zeigefingers in dich eindringt. Wie zerberstendes Glas, das mit Millionen messerscharfer Kanten deine Adern, Sehnen und Muskeln durchtrennt, gräbt sich der Strom durch jedes einzelne Glied deines Fingers. Sämtliche Muskeln beginnen sofort unkontrollierbar spastisch zu zucken, als versuchten sie den Weg zu versperren. Du beißt dir auf die Zunge, in die Wange und der Schaum vor deinem Mund färbt sich rot. Du willst schreien, willst um Erlösung betteln, aber dein Kiefer ist wie verschweißt und kein Laut kommt über deine verzerrten, blutenden Lippen.

Wenn der Strom durch das Schultergelenk dringt, ist der Schmerz so unerträglich, so blau, so zitternd, dass sich deine Blase entleert und es warm und klebrig an dir hinab läuft. Die Welt wird weiß und das zweischneidige Schwert, das das Mark vom Bein und die Seele vom Geist zu scheiden vermag zerreißt dich gleichermaßen von außen und von innen.

Wenn der Strom durch die Nieren tobt, fragst du dich, für welche Taten Gott dich bestrafen will. Ist es, weil du hochmütig warst und die schwarzen Lackschuhe zur Synagoge anziehen wolltest oder weil du deine Mutter nicht gerettet hast, als sie abgeholt wurde. Du möchtest um Gnade flehen. Aufhören! Aufhören! Bitte, bitte aufhören!

In dem Augenblick, da der Strom in dein Bein eindringt und sich mit der Wärme deines Urins vereinigt, beginnt eine Angst von dir Besitz zu ergreifen. Die abgrundtiefe Angst sterben zu müssen. Obwohl du noch viel zu jung bist, noch ein Kind.

Und wenn nach scheinbar unendlich langer Zeit der Strom dein gequältes Fleisch durch den Fuß wieder verlässt, spürst du, wie dein Geist durch den geöffneten Körper entfliehen will. Du willst ihn festhalten, zum Dableiben bewegen und dann, nach einer Weile ängstlicher Stille, setzt der normale Zeitfluss wieder ein und du erkennst, dass du lebst.

Ja, Hochwürden, ich hatte das Schrecklichste, was Sie sich vorstellen können überlebt, aber entronnen war ich den Folterkammern damit noch nicht.

„Heinrich, wie geht es dir heute?“
„Gut, hier ist es sicher.“
„Das freut mich. Dann möchte ich heute mit dir über die Zeit nach deinem Unfall sprechen. Bist du dafür bereit?“
„Ich weiß es nicht. Wir können es versuchen.“
„Das ist gut. Also ich stelle dir wie immer Fragen und wenn es dir schlecht geht, hören wir einfach auf.“
„Ja“
„Als du nach deinem Unfall aus dem Krankenhaus kamst, Heinrich, was hast du dann gemacht, kannst du dich daran erinnern?“
„Ich ging als erstes in die Bibliothek.“
„Warum hast du das gemacht?“
„Eine Krankenschwester hatte mir von Roy Sullivan erzählt. Ich musste alles über ihn in Erfahrung bringen. Ich musste wissen, wie so etwas passieren konnte  und wie ich es verhindern könnte, dass es mir passierte.“
„Sullivan wurde auch von einem Blitz getroffen, richtig?“
„Von einem? 1977 das siebte Mal!“

Könnt Ihr euch vorstellen Hochwürden, wie mich Heinrichs Worte trafen? Ich hatte mich zwar gründlich vorbereitet und von Sullivan gelesen, deshalb war es nicht neu für mich, dass es Menschen gibt, die Blitzschläge überlebt haben und in wenigen, rätselhaften Fällen sogar mehrfach. Aber als ich Heinrichs Stimme diese Worte sagen hörte, holte mich meine Vergangenheit erneut ein und ich zitterte bei der Vorstellung was Sullivan erlitten hatte. Und die schrecklichen Worte, die mich seit über 20 Jahren Nacht für Nacht verfolgen, hallten auch in diesem Augenblick erbarmungslos in mir wieder. „Sie lebt noch. Schließ sie morgen noch mal an. Gleiche Zeit wie heute. Und wasch sie, sie stinkt.“

Ja, sie lebte noch.

Jede Nacht wache ich auf, schweißgebadet, und warte darauf, dass mich wieder jemand, der auch nichts ist, als eine Nummer in dem Zählwerk des Grauens, ein abgemagertes Skelett, so wie ich, von meinem Schlafplatz zerrt. Es dauert immer eine ganze Weile, bis mir bewusst wird, dass ich nicht mehr an dem Ort meiner Alpträume bin. Nie träume ich von meiner Rettung. Meiner Befreiung in jener Nacht, als ich wach lag und jede Sekunde meines Lebens festhalten wollte, als ich alles tat, um die Zeit anzuhalten, es nicht Morgen werden zu lassen, damit ich nicht erneut von meinem Peiniger hingerichtet würde. Nie träume ich von dem Soldaten, der die Tür zu meiner Zelle eintrat, als ob sie aus Sperrholz wäre. Nie von seinen Tränen in den Augen, als er mich ansah und mich auf seinen starken Armen in die kühle Morgenluft trug. Es ist, als ob meine Rettung erst noch erfolgen müsse.

Nie habe ich, Hochwürden, die Ängste eines Patienten besser verstanden als die von Heinrich.

„Hat dir der Gedanke an Sullivan Angst gemacht, Heinrich?“
„Schreckliche Angst. Der Gedanke ein zweites Mal getroffen zu werden, ist schlimmer als der Blitzeinschlag selbst.“

„Was hast du dann unternommen?“
„Ich habe versucht mich dagegen zu schützen. Ich habe Blitzableiter angebracht, habe alle elektrischen Geräte isoliert, habe mir Schutzkleidung angefertigt. Und ich bin nie bei schlechtem Wetter nach draußen gegangen. Selbst bei Sonnenschein konnte ich mich kaum im Freien aufhalten.“

Ja, Hochwürden, auch ich brauchte Schutz, genau wie Heinrich. Dabei haben mir meine Pflegeeltern geholfen, die mich mit all ihrer Liebe ins Leben zurückgeholt haben, die mir ihren Katholischen Glauben nahe gebracht haben. Zwar konnten sie mir nicht meine Eltern ersetzen und es ist vielleicht nicht recht, dass sie mich in ihrem, nicht in meinem Glauben unterrichtet haben, aber ich bin ihnen auf ewig dankbar, dass sie sich meiner angenommen haben. Mir hat mein Wille geholfen, meinem Leben einen Sinn zu geben, anderen zu helfen. Mein Beruf, bei dem ich lernen konnte, dass Elektroschocktherapie auch etwas Gutes bewirken kann. All das war wie ein Panzer um meine geschundene Seele.

„Fühltest du dich durch deine Schutzmaßnahmen sicherer, Heinrich?“

„Nein. Es half nichts.“
„Warum glaubst du, half es nichts?“

„Weil Gott sich mit dem Teufel verbündet hat.“
„Warum sollte Gott das tun?“

Heinrich senkte seinen Blick zu Boden und schwieg. Dann nach einer Weile hob er den Kopf, der immer wieder nach rechts und links wegrutschte, bis es ihm schließlich gelang mir in die Augen zu schauen. Vorsichtig berührte ich seine zitternde Hand. Er rang nach Worten und ich ließ ihm Zeit.

Wie Ihr wisst Hochwürden, waren meine liebevollen Pflegeltern sehr gläubig und im Laufe der Jahre wurde ihr Gott auch zu meinem Vertrauten. Ich habe gelernt, was Vergebung ist. Der christliche Gott war in meinen Augen gütig, barmherzig und kein Gott der Rache. Ich konnte ihn mir nicht vorstellen als einen, der sich mit dem Teufel verbündete. Trotzdem, mir gefiel der Gedanke, dass Gott sich erzürnen könnte über das Unrecht und das Grauen, das auf dieser Welt geschieht. Und als Heinrichs Worte in der Luft schwangen, wünschte ich mir auf einmal, es wäre wahr. Ich wünschte von tiefstem Herzen Gott würde Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um mich und Millionen meiner Brüder und Schwestern zu rächen.

„Weil ich Dinge getan habe“, flüsterte Heinrich, „die Gott nicht mehr ruhig schlafen lassen.“

Seine Worte verursachten mir Übelkeit. Ich versuchte die Gedanken, die von den Lippen eines des Schlafes beraubten Gottes unaufhörlich auf mich einstürmten, zu verdrängen, bis ich mir endlich eingestand, dass ich sie zulassen musste. In jenem Augenblick verstand ich plötzlich, was Gott mir sagen wollte.

Ich fragte mich jede Nacht, Hochwürden, ob ich meinen Peiniger wohl wiedererkennen würde, wenn ich ihm jemals wieder gegenüber stehe. Ich erinnere jedes Detail, jedes Flackern der nackten Glühbirnen, den Geruch des Desinfektionsmittels, nur das Gesicht des Menschen, der mein Leben zerstört hatte, war in meinen Träumen stets verschwommen und verzerrt gewesen. Vielleicht hat aber auch meine kindliche Seele dem Grauen einfach kein Gesicht geben wollen.

„Keine Sorge, Heinrich, wir werden Gott seinen Schlaf zurückgeben.“
Ich wusste jetzt, was notwendig war.

„Liebe Kollegen, ich weiß, dass es sich vielleicht in Ihren Ohren seltsam anhören mag, aber ich möchte vorschlagen es auch in diesem Fall mit der EST zu versuchen.“

Der Chefarzt schaute mich befremdlich an. „Liebe Kollegin, ich weiß ja, dass Sie mit der Anwendung der Elektroschocktherapie bisher beachtliche Erfolge erzielt haben. Aber in diesem Fall wollten wir doch die posttraumatische Belastungsstörung mit Medikamenten behandeln. Ein Stromschlag ist doch genau dass, was der Patient am meisten fürchtet.“

Ich atmete tief durch, ehe ich erwiderte. „Meines Erachtens sind seine Ängsten und Vorstellungen zwanghafter Natur, weshalb mir eine Konfrontationstherapie mit Unterstützung von Medikamenten die Wirkungsvollste scheint. Wir konfrontieren ihn kontrolliert mit seiner Angst, so lernt er, den Stier bei den Hörnern zu packen.“

„Bisher“ ergänzte die Oberschwester, „hat keines der Medikamente auch nur im Geringsten angeschlagen.“

„Ab morgen, mein lieber Heinrich, werden wir eine neue Therapie beginnen. Ich will offen zu dir sein, bisher hatten wir nicht viel Erfolg, deshalb hat der Chefarzt vorgeschlagen außergewöhnliche Wege zu beschreiten. Du musst lernen, dass das, was du fürchtest nicht bedrohlich ist.“

„Ich verstehe nicht, was das bedeutet.“

„Das bedeutet, dass wir morgen mit einer Elektrotherapie beginnen werden.“

Es war, als ob etwas in Heinrichs Kopf „klick“ gemacht hätte. Seine Furcht spiegelte sich in seinen Augen wider. Ich dachte, er würde schreien und toben, und sich mit aller Macht wehren. Doch Heinrichs Kampf spielte sich nur in seinem Inneren ab. Seine Augen wurden glasig, aus seinem Mund kam nur ein Röcheln und es bildeten sich Spuckebläschen auf seinen Lippen. Er zuckte auf seinem Stuhl, als ob er bereits an eines der Geräte angeschlossen sei.

„Du willst doch wieder gesund werden Heinrich, oder? Heinrich, hörst du mir zu? Du willst doch deinen Seelenfrieden wieder finden!“

„Hilfe“
Ich konnte ihn kaum verstehen.

„Ja, ich bin mir auch sicher, dass dir das helfen wird, dann sind wir uns ja einig.“ Ich rief die Schwester, „bitte bringen Sie ihn hinaus. Morgen um diese Zeit können wir dann beginnen. Und waschen Sie ihn noch einmal, er hat sich eingenässt.“

Als ich in dieser Nacht aus meinem Alptraum aufwachte, wusste ich sofort, wo ich war. Eine wundervoll kribbelnde Elektrizität durchflute mich. Ich genoss jede Sekunde davon und lag wach, bis der Morgen dämmerte. Wisst Ihr Hochwürden, dass manche Nächte Flügel haben? Ganz anders als die Nächte, durch die wir uns Schritt für Schritt selbst kämpfen müssen, immer in der Angst in einen der zahlreichen Abgründe zu stürzen, die im Dunkeln auf uns lauern. Eine Nacht mit Flügeln gleitet ganz sanft vorbei und trägt uns mit sich, bis sie uns behutsam auf den ersten Sonnenstrahlen absetzt. Diese Nacht war meine erste Nacht mit Flügeln seit meinem 10. Lebensjahr.

Heinrichs glasige Augen schienen, durch seine fettigen Haarsträhnen hindurch an mir vorbei, einen Punkt auf der Wand zu fixieren. Er saß nahezu regungslos auf seiner Pritsche, bis eine träge summende Fliege seinen Blick kreuzte und er jäh zusammenzuckte.

„Komm Heinrich, gehen wir, wir wollen gleich beginnen.“

Heinrich wehrte sich nicht. Es ließ sich von mir wie eine Marionette führen. Er wirkte, als wäre er bereits nicht mehr Teil dieser Welt. Wie ein Geist, dachte ich und fragte mich, wo der Mann, der er einmal gewesen war, sich in diesem Augenblick wohl befand. Ihm lief ein Speichelfaden aus dem Mund und seine Augen starrten auf den Boden. Er setzte einen Schritt vor den anderen ohne auch nur einen Laut von sich zu geben. Als er mit nacktem Oberkörper auf der Liege lag, wirkte er äußerlich ruhig. Nur seine geweiteten Augen und seine zitternden Hände ließen erahnen, was in seinem Inneren vor sich ging. Ich kannte das Gefühl genau, das in ihm wütete und sein Nervensystem kollabieren ließ.

Nein, Hochwürden, ich bitte nicht um Vergebung für mich, denn ich handelte im Auftrag eines schlaflosen Gottes. Ich bitte auch nicht um Vergebung für Heinrich, denn manche Dinge können nicht vergeben werden. Ich bitte Euch einzig Hochwürden, um Vergebung für Gott, der alles geschehen ließ, was geschah.

Als ich die verschiedenen Dioden auf Heinrichs Haut klebte, wusste ich, dass ich mein ganzes Leben zielstrebig auf diesen Tag hingearbeitet hatte.

„Eine, um den Herzschlag zu kontrollieren, zum Schutz des Patienten“ sagte ich mit fester Stimme. Ich wusste, dass dies der Augenblick meiner Befreiung war.

„Zwei für die Aufzeichnung der Hirnströme zu wissenschaftlichen Zwecken.“ Ich wusste, dass ich in der kommenden Nacht ohne Alptraum schlafen würde.

„Und schließlich die letzten beiden für die Therapie selbst.“ Ich war mit Gott und dem Teufel in Einklang.

Heinrichs Puls raste und das EEG zeigte ein skurriles Bild wild schwingender Kurven.

„89290“ sagte ich und hielt ihm meinen Unterarm vor das Gesicht. „Sicher erinnerst du dich.“ Ich wartete noch einen Augenblick, so dass Heinrichs Gehirn den Anblick der Tätowierung zu deuten vermochte.


Lektorat: Thomas Piesbergen


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Texte der Lesung "Zweimal im Leben": Christian Diers - Reifen(n)prüfung auf der Überholspur

Der ockerfarbene Briefumschlag mit frankiertem Behördenabsender auf den Küchentisch verhieß schon nichts Gutes. Doch bevor mir mein preisgekröntes Kopfkino wieder neue Kurzfilme zum Thema „Liebesgrüße aus dem Einwohnermeldeamt“ präsentierte, schlitzte ich den Umschlag lieber auf, um folgenden Text lesen zu müssen:
„Sehr geehrter Herr Schulze, Ihnen wird vorgeworfen, am 11.11.11 und 11:11 Uhr in Köln, Düsseldorfer Straße 111 als Führer des PKW mit dem Kennzeichen HH – MS 1980 folgende Ordnungswidrigkeiten begangen zu haben: Sie überschritten die zulässige Höchstgeschwindigkeit innerhalb geschlossener Ortschaften (nach Toleranzabzug) um 35 km/h. Nachdem Sie die Beamten der Verkehrspolizei Köln auch nach wiederholter Aufforderung über Lichtsignal und Lautsprecher nicht dazu bewegen konnten, ihren PKW unverzüglich am Fahrbahnrand anzuhalten, musste mit Hilfe eines zweiten Streifenfahrzeugs die Verfolgung aufgenommen werden. (…)“
Und einen Absatz tiefer: „Bei der anschließenden Alkoholkontrolle wurde ein für die Fahrzeugführung unzulässiger Wert von 2,0 Promille festgestellt. Die mitgeführten Fahrzeugpapiere und der Führerschein wurden umgehend beschlagnahmt. Zur Wiedererlangung Ihrer Fahrerlaubnis nach § 48 Absatz VI. StVO der Bundesrepublik Deutschland werden Sie dazu aufgefordert, sich innerhalb einer Frist von vier Wochen nach Zustellung dieses Schreibens bei einer medizinisch-psychologischen Untersuchung (MPU) und einer Fahrschulung mit anschließender Fahreignungsprüfung anzumelden. Mit freundlichen Grüßen, Koslowski.“
Mit aufgerissenen Augen und weit geöffnetem Mund, der den neutralen Beobachter vermutlich an die Verladeluke einer Autofähre erinnert hätte, stand ich für Minuten paralysiert vor dem Stück Papier und verfolgte immer wieder die surreale Buchstabenreihenfolge, um mich zu vergewissern, ob das Ganze nicht nur der Karnevalsscherz eines frustrierten Papierstapelkantenklopfers aus der rechtsrheinischen Verwaltungsvorhölle war?! Tatsächlich war ich vor ein paar Tagen in Köln von einer routinemäßigen Polizeikontrolle angehalten worden, aber an einen derartigen Sachverhalt konnte ich mich bis heute nicht erinnern. Obgleich ich nicht wusste, wie stark mein Alkoholpegel nach einigen Gläschen Kölsch hätte gewesen sein können, wenn man mich hätte pusten lassen?! 

Drei Tage später – Nein, es war weder ein Traum, noch ein Irrtum, geschweige denn ein Karnevalsscherz. Die für Verkehrsdelikte zuständige Auskunft hatte das Schreiben nach Anfrage am Telefon in folgendem O-Ton bestätigt:
„Ja, sicher. Was denken Sie denn, was wir hier den ganzen Tag machen? Postkarten versenden, Liebesgedichte schreiben oder Glückskekse eintüten?! Da trommelt doch die Hähnchenkeule auf der Biotonne herum! Seitdem wir nicht mehr Behördenauskunft, sondern Info-Center heißen, werden Ihre Anfragen auch immer bekloppter!“
Nach dem abrupten Ende des Telefongesprächs erinnerte ich mich wieder an ein Zitat meines anonymen Online-Coachs von www.das-leben-ist-kein-ponyhof.de: „Egal was Ihnen widerfährt! Bleiben Sie in Interaktion mit den handelnden Akteuren stets kooperativ und versuchen Sie über einen konstruktiven Lösungsansatz das Bestmögliche aus Ihrer suboptimalen Situation herauszuholen!“

Eine Woche später – Das Leben war weder ein Ponyhof noch ein Pilgerpfad und deshalb hatte ich mich nicht für den „Gang nach Canossa“, sondern für die „Fahrt nach PKW-Zulassungsstelle“ in Hamburg entschieden, um dort die Termine der nächsten MPU zu erhalten. Beiläufig wurde mir mitgeteilt, dass die Behörde bereits einen Fahrlehrer gefunden hätte, der sich schnell bereiterklärt hatte, mich in meiner schwierigen Situation unterstützen zu wollen. Zu diesem Zeitpunkt dachte ich noch an nichts Schlimmes und war neugierig, wer sich denn als freiwilliger Helfer so uneigennützig zur Verfügung gestellt hatte?! Derartig spontane Nächstenliebe in einer von Egoismus und Narzissmus geprägten Gesellschaft hatte ich persönlich – zumindest in diesem Leben – nicht mehr erwartet.
Als ich auf dem Behördenformular dann aber den Namen des Fahrlehrers las, konnte ich auf den ersten Blick nichts damit anfangen. Bis mir auf den zweiten Blick wieder bewusst wurde, dass ich diesen Namen nicht zum ersten Mal in meinem Leben gelesen hatte: Volker Rachow – Spitzname „Rowdy“ – war laut Eigenwerbung „der tollkühne Teufelskerl von Deutschlands lustigster Fahrschule“, der mich schon vor der ersten Fahrstunde mit dem Kennzeichen „ROW – DY – 6666“ irritiert und danach mit seiner „Transatlantischen Straßenverkehrskulturkampftheorie“ an den Rand des Wahnsinns getrieben hatte. Demnach hatte der Amerikaner nur deshalb noch nie einen Formel-Eins-Weltmeister hervorgebracht, weil er wegen des kupplungsfreien Autofahrens mit Automatikgetriebe pausenlos am Pommeskauen, Burgerverdauen und Strohhalmsaugen war und keine Zeit mehr hatte, um sich auf das Autofahren zu konzentrieren. Während der Europäer spätestens ab der zweiten Fahrstunde wusste, in welchem Kurvenradius man ein Schlangenlinienüberholmanöver durchführte und bei welcher exakten Drehzahl man vom dritten in den vierten Gang schalten musste, um den optimalen Beschleunigungseffekt zu erzielen.
Zwar hatte ich auch ohne Schlangenlinientechnik und Beschleunigungseffekt irgendwann einmal Autofahren gelernt, doch selbst 15 Jahre nach meiner letzten Fahrstunde wurden beim Echo von Rowdys Namen Erinnerungen an eine Zeit lebendig, die meine damaligen Schulfreunde am liebsten unter folgender BILD Schlagzeile inklusive Titelseiten-Dreizeiler veröffentlicht hätten: „Reife(n)prüfung auf der Überholspur – Nach 86 Fahrstunden und zahlreichen Vorfahrt-Irrtümern, Hupkonzerten, Stoßstangenkratzern, Beinahe-Unfällen, Wutausbrüchen und angedrohten Suizidversuchen hatte nun auch Matthias Schulze erfolgreich die Fahrprüfung bestanden!“

Zwei Wochen später – Fünfhundert Meter lagen noch zwischen ihm und mir. Fünfhundert Meter bis ich „Rowdys Fahrschule“ wieder betreten und aus Volker wieder Rowdy werden würde. Wegstrecke genug, um das zweite Aufeinandertreffen nach 15 Jahren schon mal vorab in Szene setzen zu können. Weitere 90 Minuten Fahrschulung auf drei Quadratmetern Fahrgastraum – die man auch als Faradayschen Käfig bezeichnete, weil exogene Prozesse nicht eindringen und endogene Prozesse nicht ausbrechen konnten – würden folgen, bis ich den ersten meiner vier geplanten Urlaubstage bei einem Feierabendbierchen getrost ad acta legen konnte.
Doch dazwischen lagen mehrere große, wenn nicht gar riesige Fragezeichen: Wie würde Rowdy heute aussehen und welche Art von „guter Laune“ würde er haben? Ich konnte mich da an drei verschiedene Aggregatszustände seiner guten Laune erinnern. Erstens: Die ehrliche und freundliche gute Laune, bei der man kurzfristig nichts Bösartiges zu befürchten hatte, die aber so gut wie nie vorkam. Zweitens: Die künstlich inszenierte gute Laune, die sich mittelfristig – vor allem bei kleineren Fahrflüchtigkeitsfehlern – in ein verdammt unfreundliches Kontrastprogramm verwandeln konnte. Und drittens: Die ironisch-zynische gute Laune, bei der man auch langfristig nie ganz sicher war, ob er überhaupt gute Laune hatte oder mit Sprüchen wie „Wenn Du noch einmal so eine Hausfrauenkurve fährst, dann häng ich Deinen Sack an der nächsten Ampel auf!“ seine schlechte Laune überspielen wollte.

Fünfhundert Meter später – Pausbacken, Grauhaarkranz und Kugelplauze wären drei Merkmale gewesen, die ich in einem TV-Quiz zum Thema „Wie sieht der Rowdy von heute aus?“ aus einem Antwortkatalog mit vier Vorgaben hätte nennen können. Außerdem wäre ich vielleicht auf den ausgestreckten Unterarm gekommen, den mir Rowdy entgegenstreckte und der mich an „Die Erschaffung Adams“ von Michelangelo erinnerte, obwohl Rowdy Adams körperliche Ästhetik nur schwer nachahmen konnte. Trotz der fehlenden Ästhetik zogen sich Rowdys Mundwinkel bösartig in die Breite, um seine frisch geputzten Zähne zu präsentieren und mir gleichzeitig sagen zu können: „Moin! Na, das passt ja wie die Faust aufs Auge. Dann können wir gleich mal loslegen mit der Fahrstunde, was?!“ Obwohl er womöglich viel lieber „Na, Du alte Kackwurst! Siehst ja ganz schön scheiße aus! Mein lieber Herr Toilettenwart, nun bist Du schon so alt geworden und kannst immer noch nicht richtig Auto fahren. Mal gucken, ob ich Dir den ganzen Dünnschiss heute aus dem Gehirn schreien kann?!“ gesagt hätte.
Als ich dann meinen Arm mit hängender Hand ausfuhr, um an seinen Arm mit angewinkelter Hand andocken zu können, bemerkte ich, dass mein schlaffes Händchen durch seinen festen Händedruck sofort zum Zurückdrücken genötigt worden war, damit er nicht das Gefühl bekam, abgestorbenes Muskelgewebe anfassen zu müssen.

Nach 10 Minuten – Rowdy alias Volker bzw. Volker alias Rowdy war offenbar immer noch der alte Volkswagen-Fan, doch statt des damaligen Heckscheibenaufklebers „Rowdys rasante Rumpelkarre!“ war nun der Slogan „VW – Volkers Wagen!“ zu lesen. Das war dann aber auch schon die einzige Besonderheit, die Volkers Fahrschulauto von anderen VW Fahrschulwagen unterschied, wobei er damals einen Golf 4 hatte fahren lassen und mittlerweile zum Golf 8 gewechselt war. Ohnehin hatte ich das Gefühl, dass 95% aller Fahrschulen in Deutschland einen Rabattvertrag mit Volkswagen abgeschlossen hatten, um für die nächste Fahrschulsaison wieder das neueste Golf-Modell der aktuellen Golf-Generation zu erhalten. Aber das war wieder eine andere Geschichte …

Nach 20 Minuten – Wir waren schon eine Weile auf der Hauptstraße unterwegs, die frontal gen Osten ging und in wellenförmigen Bewegungen den Horizont touchierte. Dabei ging es immer geradeaus, da die Straße auf den nächsten Kilometern so zugeschnitten war, dass es links und rechts von Ihr kein Entkommen gab. Entweder durfte man nicht abbiegen, weil es keine Abbiegespur gab oder man konnte nicht abbiegen, weil es einfach keine Seitenstraße gab, auf die man hätte abbiegen können. Rowdys spezielle Aura hatte mittlerweile den ganzen Fahrgastraum eingenommen und ich fühlte mich wie im zuvor beschriebenen Faradayschen Käfig, aus dem es auch für mich – mangels Schleudersitz mit TÜV-Zulassung – kein Entkommen mehr gab. Ein nervöses Kribbeln erfasste meine Fingerkuppen, während meine Füße eisig wurden und sich auf meiner Stirn langsam kleine Schweißperlen bildeten. Von vorne glotzten mich die großen Augen von Tachometer, Drehzahlmesser und Tankanzeige an, während Rowdy von der Seite irritierende Grummelgeräusche von sich gab und ich aus lauter Nervosität immer wieder den knüppeldicken Joystick bediente, der in so manch abgefahrenem Erotikfilm sicherlich eine Hauptrolle hätte spielen können. Ganz nebenbei nickten unter der Windschutzscheibe zwei Wackeldackel, als ob sie mir mit ihren Murmelaugknöpfen signalisieren wollten, dass ich bis jetzt eigentlich alles richtig gemacht hatte.

Nach 30 Minuten – „So, da ich jetzt ja gesehen hab, dass Du eigentlich ganz gut Autofahren kannst, wollen wir nun doch mal testen, was noch so in Dir steckt, nicht wahr?!“ meinte Rowdy mit künstlich inszeniertem Grinsen, während die Ampel vor uns auf Rot wechselte und ich das Auto durch stakkatoartige Bremsbewegungen zum Stehen brachte. Ich nickte im gleichen Takt wie die Wackeldackel, bevor Rowdys Grinsen allmählich breiter wurde und er sein Fahrschulkonzept der nächsten zwei Stunden erläuterte: „Erstmal wollen wir auf der B-431 zügig von Schenefeld nach Wedel kommen, ohne dabei die Navigation zu benutzen. Anschließend fahren wir einfach mal querfeldein durch alle Wohn- und Gewerbegebiete, dann kannst Du Dein Können im Kreisverkehr unter Beweis stellen und wenn zum Schluss etwas Zeit übrig bleibt, habe ich noch eine ganz besondere Aufgabe für Dich!“
Bevor die Ampel wieder auf Grün wechselte, erkundete ich mit dem rechten Fuß noch einmal die Reichweite des Gaspedals und tastete mit dem linken Fuß die Kupplung nach deren Schleifpunkt ab. „Auf die Plätze, fertig, los!“ Die Ampel sprang von Rot-Gelb auf Grün, ich löste mich von der Kupplung, drückte das Gaspedal durch und wir schossen die vierspurige Bundesstraße längs, immer dem westlichen Horizont und der nun untergehenden Sonne entgegen. Nun konnte ich Rowdy endlich zeigen, was alles in mir steckte! Zunächst wirkte er von meinen Fahrkünsten total begeistert und schaute alle 30 Sekunden auf seine Armbanduhr. Das war für mich das Zeichen die Geschwindigkeit zu erhöhen und auf die linke Überholspur zu wechseln, um keine Zeit an der nächsten roten Ampel zu vergeuden, sondern stattdessen auf der grünen Welle der von Formel-Eins-Rennfahrern getesteten Ampelschaltung in den Sonnenuntergang zu surfen.

Nach 40 Minuten – Unsere Geschwindigkeit erhöhte sich von 50 auf 60, 70 und dann 80 km/h, nachdem wir bereits alle Ampelgrünphasen mit Bravour gemeistert hatten und noch bevor wir den „Canyon“ passieren würden. Der Canyon war der einzige Schnellstraßenabschnitt im Westen von Hamburg und erstreckte sich wie eine Badewanne unterhalb des historischen Ortskerns. Was ursprünglich als Verkehrsberuhigungsmaßnahme für Anwohner und Naturschützer angelegt worden war, diente nun als Beschleunigungsstreifen für Berufspendler, die vor dem nächsten Business-Meeting noch mal eben schnell die Motorenleistung ihrer Oberklasselimousine testen wollten, um mit gesteigertem Testosteronspiegel ein besseres Verhandlungsergebnis erzielen zu können. Wer hier mit voller Geschwindigkeit durchrauschte und dabei den Schwung seiner grünen Welle nutzte, der konnte mit tödlicher Sicherheit davon ausgehen, dass er auch die Ampelgrünphase am anderen Ende der Wanne rechtzeitig passieren würde. Vorausgesetzt er beschleunigte auf der Strecke noch einmal auf 140 bis 160 km/h, um dann mit Hilfe der einsetzenden Fliehkräfte über die Ampelkreuzung zu schweben.

Nach 50 Minuten – Es war wie ein Rausch! Mit beschleunigter Geschwindigkeit, stieg auch mein Adrenalinpegel. Ich fühlte mich schon lange nicht mehr so frei, wie in jenem Augenblick als wir mit fast 160 km/h über den Rand des Canyons und die Ampelkreuzung flogen und dabei für Millisekunden die Schwerkraft überwanden, um ein belebendes Kribbeln in der Magen-Darm-Region zu verspüren, welches man auch vom „Point of No Return“ am Steilhang einer Achterbahnfahrt kannte. Auch Rowdy schien äußerst begeistert von der „Freiheit über dem Asphalt“ zu sein, als wir kurz nach dem Abheben wieder den Straßenbelag berührten, um mit vollem Schwung die nächste Aufgabe bewältigen zu können. „Jaaaaa! Super, super! Jetzt können wir aber mal ein wenig vom Gas runtergehen, was?! Denn am Hamburger Ortsausgang steht öfter mal eine Polizeikontrolle!“ meinte Rowdy weit weniger begeistert als ich zuvor gedacht hatte. Doch, dem Formel-Eins-Gott sei Dank, gab es weder am Ausgang von Hamburg, noch am Eingang von Wedel eine Polizeikontrolle, so dass wir mit beschleunigter Geschwindigkeit durchheizen konnten.

Nach einer Stunde – „Erst rechts, dann links, dann wieder rechts und noch mal links!“ lautete Rowdys Anweisung, nachdem ich ihn gefragt hatte, wohin es im Wohn- und Gewerbebiet von Wedel gehen sollte. Ich überlegte nicht lange, ob er mich auf eine Rechts-Links-Schwäche untersuchen wollte, sondern machte dort weiter, wo ich nach dem Canyon aufgehört hatte. Links und rechts ging es genauso flott um die Ecke wie rechts und dann links und deshalb wechselte ich nun immer wieder die Fahrtrichtung, um das intuitive Gefühl für den Golf 8 und seine fahrtechnischen Möglichkeiten zu bekommen. Und wieder rechts und noch mal links und dann wieder rechts, links, rechts, links, rechts. (…) Der Spaß drohte erst aufzuhören als wir nach der schlangenlinienartigen Fortbewegung plötzlich auf einen Kreisverkehr zufuhren. „Um den Kreisverkehr herum!“ kam etwas einsilbig von Rowdys Seite und mittlerweile erkannte ich die Gegend, in der wir nach zahlreichen Richtungswechseln gelandet waren: Es war das Streckenareal, in dem ich vor 15 Jahren meine erste Fahrprüfung ablegen musste. Fast wäre ich damals an einem Stopp-Schild kurz vor dem Kreisverkehr durch die Prüfung gefallen. Doch weil Rowdy den damaligen Fahrprüfer in eine kontroverse Diskussion über die Vor- und Nachteile ostdeutscher Ampelmännchen im westdeutschen Straßenverkehr verwickelt hatte, hatte der wiederum nicht gemerkt, dass ich weit vor der Drei-Sekunden-Warteregel über die Stoppschildmarkierung gefahren war. Aber das war wieder eine andere Geschichte …

Nach über einer Stunde – Irgendwie waren wir immer noch im Kreisverkehr und mir wurde langsam schwindelig, weil ich schon länger nichts mehr von Rowdy gehört hatte und nicht genau wusste, ob ich nun die nächste, die übernächste oder erst die überübernächste Straße rechts abbiegen sollte. Was mir zu Beginn der Kreisverkehrsodyssee noch Spaß gemacht hatte – nämlich das ununterbrochene Herumkreisen um die eigene Verkehrsachse bis die ersten Autofahrer mit Lichthupe, Lauthupe und diversen Mittelfingersignalen verdeutlichen wollten, dass man mal irgendwo abbiegen sollte – war nun etwas langweilig geworden. Und da sich Rowdy nun auch nicht mehr wirklich engagierte, ergriff ich selbst die Initiative und fuhr die überüberübernächste Straße rechts ab, um schließlich festzustellen, dass wir genau dort gelandet waren, von wo wir ursprünglich hergekommen waren.
„Einfach zurück nach Hause!“ kam nach längerer Pause wieder ein erstes Lebenszeichen von Rowdy. Ohne zu knurren richtete ich mich nach seiner Anweisung und fuhr zurück zur Fahrschule. „Immer geradeaus!“ hieß es in unregelmäßigen Abständen vom Beifahrersitz, wobei ich nicht sehen konnte, ob Rowdy noch wach war oder im Halbschlaf seine imaginäre Landkarte verfolgte. Als wir nach längerer Fahrt schließlich den halbbeschrankten Bahnübergang im Wedeler Autal erreichten, vor dem sich seit geraumer Zeit eine unübersichtlich lange Wagenkolonne angesammelt hatte, kam vom herumdösenden Rowdy wieder nur die Anweisung: „Immer geradeaus!“
Ich fragte ihn noch, ob er das jetzt ernst meinen würde und ich die Gegenfahrbahn als Überholspur nutzen sollte, um mich an den Anfang der Wagenkolonne zu drängeln. Da hieß es von Rowdys Seite nur „Ist mir scheißegal! Mir ist schlecht und ich will nach Hause! Also fahr gefälligst geradeaus!“ Gesagt, getan. Obwohl ich nicht genau wusste, weshalb Rowdy urplötzlich so schlecht drauf war – denn eigentlich hatten die letzten eineinhalb Fahrstunden doch irgendwie Spaß gemacht – befolgte ich wieder seine Anweisung und fuhr stur geradeaus.
Wenn dem Rowdy nun wirklich so schlecht war, wie er meinte, dann musste ich jetzt wohl dafür sorgen, dass er demnächst auf irgendeinem Herren-WC ankommen würde, damit er seinen emporkommenden Nachmittagssnack nicht ungewollt auf dem Beifahrersitz verteilte. Ich spürte schon wieder ein nervöses Kribbeln in den Fingerkuppen, während meine Füße eisig wurden und sich auf meiner Stirn langsam kleine Schweißperlen bildeten.
„Jetzt oder nie!“ kam mir in den Sinn als ich das Gaspedal durchdrückte, mit zischenden Lauten an der wartenden Wagenkolonne vorbeirauschte und zugleich den nahenden S-Bahn-Zug sah, der wohl noch ein paar hundert Meter vom Bahnübergang entfernt war, auf dessen schmale Öffnung zwischen den Halbschranken ich nun direkt zusteuerte. Nun war alles möglich! Der Adrenalinkick bestätigte meine Aktion. Nur noch wenige Sekunden lagen zwischen uns, dem Bahnübergang und der anfahrenden S-Bahn als ich auf einmal zu realisieren begann, worum es hier eigentlich genau ging und erst dann anfing zu schreien: „Scheißeeeeee!“ kam es eruptionsartig aus mir heraus und „Scheißeeeeee!“ schallte das Echo kurz danach von der Beifahrerseite (…)
Ich wusste nur noch, dass mir irgendwie schwarz vor Augen geworden war, nachdem ich einen dumpfen Schlag auf dem Hinterkopf gespürt hatte. Danach war alles wie ausgelöscht und meine Erinnerung setzte erst wieder ein, als ich am frühen Morgen des nächsten Tages auf dem Sofa der Fahrschule aufwachte. Die Fahrschulsekretärin hatte unbestimmte Zeit auf mich aufgepasst und mich anschließend mit der Bitte nach Hause geschickt, doch erst in einer Woche wiederzukommen.

Eine Woche später – „Tja, das war wohl doch nicht so ganz die Ausbildung, die wir uns beide vorgestellt hatten, oder?!“ meinte Sören Hinrichsen – Spitzname „Softie“ – der einfühlsamere Fahrlehrerkollege von Rowdy, den ich auch noch von früher kannte und der nach Rowdys krankheitsbedingtem Ausfall meine letzte Fahrstunde und die Fahrprüfung betreuen sollte. Ich nickte wieder im gleichen Takt wie die Wackeldackel, während Softie auf einmal sein Smartphone aus der Handtasche holte. „Dank unserer tollen neuen VW Multimediatechnik können wir im Golf 8 nun alle Fahrstunden aufnehmen, um dass Ganze hinterher mit den Fahrschülern zu besprechen!“ erklärte mir Softie und startete dann einen Film auf seinem Smartphone, der von versteckten Kameraaugen hinter dem Tachometer, Drehzahlmesser und der Tankanzeige des VW Golfs aufgenommen worden war und aus verschiedenen Blickwinkeln die ungeschönte Realität des alltäglichen Fahrunterrichts dokumentieren sollte, wobei der O-Ton von zwei unter den Wackeldackeln installierten Mikrofonen geliefert wurde.
Und als ob das nicht alles schon genug der heimlichen Überwachung gewesen wäre, hatte der phallusartige Joystick aus der Mittelkonsole zusätzliche Daten von der Pulsfrequenz meiner Blutgefäße und der Hautfeuchtigkeit meiner Schweißfinger gespeichert, die nun als bunte Verlaufskurven und Tortendiagramme unterhalb der Videoanzeige zu sehen waren. „So, hier siehst Du nun den Rowdy auf der rechten oder von Dir aus gesehen auf der linken Seite und Dich auf der linken oder rechten … Ja, Du weißt schon, was ich meine, oder?!“ Ich nickte erneut, ohne dabei den Wackeldackel imitieren zu wollen, während mir Softie im melodisch betonten Erklärbärmodus eines Grundschulpädagogen das Video zu erläutern versuchte: „Ja, das siehst Du, wie der Rowdy etwas irritiert ist von Deinem Fahrstil!“ meinte Softie während ich guckte. „Und da drückst Du wohl ordentlich auf die Tube und das gefällt dem Rowdy wohl gar nicht, guck mal!“ meinte Softie mit gerunzelter Stirn und kreisrundem Schmollmund, während ich guckte und er gleichzeitig weiterredete: „Und hier wird dem Rowdy im Kreisverkehr wohl ordentlich schlecht und dann fängt er fast an zu kotzen!“ meinte Softie mit hochgezogenen Stirnwellen und hervorstechender Unterkieferlippe, während ich immer noch guckte. Langsam mussten wir zur entscheidenden Stelle meines Blackouts kommen. „Guck mal, und da drehst Du dann völlig durch und willst plötzlich Selbstmord machen!“
„Nein, das stimmt nicht!“ wehrte ich mich vehement, ohne weiter zu gucken. „Ich wollte den Rowdy nur rechtzeitig nach Hause fahren, bevor er auf den Sitz kotzt!“ Irgendwas wollte ich noch ergänzen, sah dann aber im Film wie Rowdy und ich „Scheiße!“ brüllten und er mir Sekunden später den Erste-Hilfe-Kasten über die Rübe haute, bevor ihm offenbar einfiel, dass er ja genauso gut auf seine Beifahrerbremse hätte treten können.
Für einen Augenblick lang herrschte Stille, denn das Video war zu Ende. Dann fuhr Softie mit seiner Erklärung fort: „Ja, das Ganze hat den Rowdy doch zu sehr an den Fall Koslowski erinnert!“ Erst im zweiten Anlauf meines Gedankengangs meinte ich mich auch an etwas zu erinnern: „Wie bitte? An wen hat ihn das Ganze erinnert?!“
Softie guckte skeptisch, formte wieder den Schmollmund und erklärte: „Na, an den Rüdiger Koslowski – genannt Rudi K. – der mal vor 5 Jahren mit über 40 seinen Führerschein hier gemacht hat und ähnlich komisch drauf war wie Du, obwohl Du ja noch gar keine 40 bist, oder?! Der Rudi war auf jeden Fall über 25 Jahre im Hamburger Polizei-Innendienst beschäftigt und hatte plötzlich keinen Bock mehr auf Aktenzeichen XY eingedöst. Deshalb hat er erst bei uns nach über 90 Fahrstunden den Führerschein gemacht und ist dann mit Sondergenehmigung von Hamburg nach NRW, in den Kölner Außendienst gewechselt.“
Mit aufgerissenen Augen und weit geöffnetem Mund, der den neutralen Beobachter … naja, sie wissen schon, saß ich da und lauschte den sich puzzleartig ergänzenden Worten von Softie. „Ja, das war echt ein komischer Typ! Der hielt sich immer für den größten Autofahrer aller Zeiten und bekam ganz schnell Axelschweiß und tollwütigen Mundwinkelschaum, wenn man ihm sagte, dass er etwas nicht konnte oder nicht machen durfte. Deshalb hat mich Rowdy mal um Rat gebeten! Und da meinte ich halt zu ihm, dass ich da neulich von meinem Coach, von diesem komischen Portal … Wie heißt das noch mal?!“
„Das Leben ist kein Ponyhof?!“ ergänzte ich.
„Ja, genau! Dort hatte mir so’n Coach mal auf die Frage geantwortet, wie man sich denn im Servicebereich bei Kunden verhalten sollte, die immer alles besser wissen und keine Grenzen kennen und so?! Und daraufhin meinte der Coach, dass man dem Kunden zunächst immer Recht geben und ihn wie einen König behandeln sollte. Erst wenn der Kundenkönig auch nicht mehr weiter weiß oder mal so richtig auf die Schnauze gefallen ist, dann sollte man ihm fürsorglich unter die Arme greifen. Ja, und das hat sich der Rowdy halt zu Herzen genommen und danach die Fahrschule umgekrempelt. Heißt ja nun auch nicht mehr Rowdys, sondern Volkers Fahrschule!“
Jetzt wurde mir schon Einiges und kurz danach noch Einiges mehr klar. Fehlte eigentlich nur noch die Antwort auf eine allerletzte Frage: „Und was ist aus diesem Koslowski geworden?“
„Den Rudi K. meinst Du?! Ja, von dem hab ich neulich mal wieder was gehört! Der war jahrelang Verkehrspolizist in Köln bis er sich so einen merkwürdigen Karnevalsscherz erlaubt hatte. Ich weiß nicht, worum es genau ging, aber seitdem arbeitet er wohl wieder im Innendienst!“

Lektorat: Thomas Piesbergen


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