Die Schreibwerkstatt "Das Textprojekt" bietet in regelmäßigem Rhythmus neue Kurse an. Oktober-Dezember: Kursabschnitt 1 / Januar-Februar: Kursabschnitt 2 / März-April: Kursabschnitt 1 / Mai-Juni: Kursabschnitt 2 / August - Oktober: Kursabschnitt 3 - Anmeldung unter: thomas.piesbergen (at) gmx.de

Montag, 31. März 2014

Das Textprojekt bei den HEW Lesetagen am 14. und 16 April 2014


Die Schreibwerkstatt "Das Textprojekt" freut sich, bei den diesjährigen HEW-Lesetagen mit dabei zu sein! Ehemalige Teilnehmer lesen 10 böse, fantastische, groteske und komische Geschichten zum Thema:

"Zweimal im Leben"

Montag, den 14.April 2014, 19:30

Heiko Eggers
Petra Stolz
Christian Diers
Silke Tobeler
Michaela Victoria Hoepffner

Mittwoch, 16.April 2014, 19:30

Ilka Volz
Lena Richter
Nicola Nawe
Thomas Piesbergen
Luitgard Hefter

Der Eintritt ist frei!

Atelierhaus Breite Straße 70
(oberhalb des Fischmarkts)
Bus: 112, Haltestelle Fischmarkt
S-Bahn: Königstraße

Wir freuen uns auf zwei spannende Abend!



Mittwoch, 19. März 2014

2. April 2014: Eröffnung der Ausstellung SAMSARA von Maria Luisa Uth, Einstellungsraum, Hamburg, mit einer Einführungsrede von Dr. Thomas J. Piesbergen

Einstellungsraum e.V.
Wandsbeker Chaussee 11
Hamburg

2.4.2014
19:00


"Auf der Schwelle" - Einführungsrede zu der Ausstellung PROSPEKT von Jann Launer, Einstellungsraum, Hamburg, März 2014

Der Titel der Ausstellung PROSPEKT im Rahmen des Jahresthemas Park & Ride im Einstellungsraum e.V.  weist zunächst in zwei scheinbar deutlich voneinander getrennte Bezirke des menschlichen Alltags:

Mit dem lateinischen Begriff Prospekt, der in wörtlicher Übersetzung „Ausblick“ oder „Blick voraus“ bedeutet, bezeichnet man heutzutage in der Regel Werbebroschüren, vor allem die von Reiseveranstaltern, die einen „Blick voraus“ in den geplanten Urlaub gestatten.
Andererseits gibt es den Begriff des Bühnenprospekts, der den gemalten Hintergrund einer Theaterkulisse bezeichnet.

Doch wie sind nun diese drei scheinbar disparaten Dinge zusammen zu führen?
- Die Urlaubsindustrie
- Das Theater
- Der Begriff des Park & Ride

Das Park & Ride ist vor allem gekennzeichnet durch seine Eigenschaft als Übergang, als eine Schwelle. Solche Übergänge und Schwellen sind in traditionellen Stammeskulturen die Hot Spots der Generierung von symbolischen Inhalten und Strukturen: Initiationsriten bei der Mannwerdung, Hochzeiten, Heilungsriten, Fruchtbarkeitsrituale, Abspaltung von Teilen der Dorfgemeinschaft etc.pp.
Der Ethnologe und Kulturtheoretiker Victor Turner hat ausgehend von der Forschung Arnold van Genneps drei Phasen in solchen Transitionsvorgängen ausgemacht:

Die Trennungsphase
Die Schwellenphase
Die Angliederungsphase

In der Trennungsphase wird der Initiand seiner bisherigen sozialen Identität beraubt: Er verliert z.B. seinen Namen, wird geschminkt oder maskiert etc.

In der Schwellenphase befindet er sich in dem Zustand der sog. Liminalität: ein unsicherer Zustand der in erster Linie geprägt ist von Auflösung gesellschaftlicher Symbolsysteme und Konventionen, von ludischen Prozessen, Besitzlosigkeit, von Suche, Neuorientierung und Reorganisation. Der Initiand besitzt in vielen Fällen eine „Narrenfreiheit“, die ihm sogar sonst sozial geächtete Übergriffe gestattet.
Durch die Auflösung von Hierarchien unter den Initianden ist diese liminale Phase geprägt von einem starken Erleben der „Communitas“, so z.B. bei Zimmerleuten auf der Walz.

In der Angliederungsphase wird der Initiand schließlich mittels eines streng geordneten Rituals als transformiert wieder in die Gesellschaft aufgenommen, z.B. als Krieger, als heiratsfähige Frau, als „einheimisch“ gemeldeter Geselle, der nun seine Meisterprüfung machen darf etc.

In jedem Fall spiegeln die Übergangsriten ein „soziales Drama“ wieder und haben meist Formen, die analog sind zu mythologischen Narrationen.
In diesem stellvertretenden mythologisierten Nachvollzug sozialer Dramen und deren Lösung verortet Victor Turner den Ursprung des Theaters. Und tatsächlich ist in dem Ablauf der drei Phasen bereits das dramatischen Schema des Dreiakters und das Muster der „Heldenreise“ zu erkennen.

Doch diese Strukturen haben sich auch in vielen anderen Formen erhalten und tradiert:

Gerade in diesen Tagen erleben wir die Rudimente solcher Transitionsriten in Form der Fastnacht, die zwar nicht als liminal anzusprechen ist, doch wenigstens als liminoid:
Geschützt durch Maskerade und Mummenschanz wird das Individuum von gesellschaftlichen Konventionen befreit und geht in einer enthemmten „Communitas“ auf, in der auf etlichen Ebenen experimentiert wird: im Zwischenmenschlichen, wie in Ausnutzung der „Narrenfreiheit“ in Form politischer Kritik.

Von dem Beispiel des Karnevals als Rudiment des Übergangsritus ist es nur noch ein Schritt zu dem Phänomen des Urlaubmachens:
Am offenkundigsten wird der Zusammenhang im Englischen: die Herleitung des Begriffes „Holidays“ von den „Holy Days“, also den heiligen, geweihten Tagen.
Generell ist der Mensch in der sog. „Freizeit“ und im „Urlaub“, wie ursprünglich während der liminalen „heiligen Tage“ von den gewohnten Pflichten und Handlungsmustern entbunden, die sonst mit der Sphäre der Arbeit assoziiert sind. Seine Entscheidungen sind nun individuelle Entscheidungen und er agiert nicht mehr als Teil einer Hierarchie.
Doch im Gegensatz zu traditionellen, vorindustriellen Stammeskulturen, hat diese Trennung in unserem postindustriellen Kontext keine natürlichen und notwendigen Anlässe mehr. Sie ist willkürlich konstruiert - deshalb nicht als liminal, sondern nur als liminoid anzusprechen.

Betrachten wir uns den Menschen, der heutzutage solche liminoiden Prozesse durchläuft, im Vergleich zu dem Menschen in vorindustriellen, symbolisch straff strukturierten Kulturen:

Die vorindustrielle Gesellschaft ist vor allem geprägt durch die Reproduktion ihrer Strukturen, was Claude Levi-Strauss dazu bewogen hat, seine Theorie des Strukturalismus zu entwickeln. Ihr alltäglicher Zustand ist ein Zustand struktureller Sicherheit und Konstanz. Die liminalen Phasen hingegen durchbrechen diese Sicherheit und führen den Menschen in eine unstete Zone, in der soziale Spielregeln weitgehend aufgehoben sind.
Der Mensch in der post-industriellen Gesellschaft befindet sich hingegen nicht in einer symbolisch-strukturellen Sicherheit, wie sie vom Strukturalismus beschrieben wird, sondern in einer ständigen Progression, in der sein Status permanent gefährdet ist. Repräsentiert wird diese gesellschaftliche Eingebundenheit durch die Theorie des Historischen Materialismus.

Das heißt: wenn der post-industrielle Mensch in eine liminoide Phase eintritt, begibt er sich aus einem Zustand der Unsicherheit und unterschwelligen Angst in einen Zustand der Unsicherheit! In einen Zustand, in dem er nicht nur frei ist von seinen Pflichten, sondern auch frei, sich zu entscheiden; in einen Zustand, in dem er zwischen unzähligen Optionen zu wählen hat und eine Konfrontation mit dem Unbekannten, mit dem Fremden möglich wird, ebenso wie mit der eigenen Utopie und ihren eskapistischen Aspekten.

In diesem Zusammenhang kam ich bei einer vorbereitenden Begegnung mit Jann Launer auf den utopischen Autoren und Philosophen Stanislaw Lem zu sprechen. Ein Topos in den Werken von Lem ist die Unfähigkeit, das wirklich Fremde zu begreifen. Lem kam auf dem philosophischen und literarischen Weg zu dem gleichen Ergebnis wie die Evolutionäre Erkenntnistheorie: Daß unsere Gehirne und Begriffssysteme nicht in der Lage sind, etwas zu dechiffrieren, für das sie nicht geschaffen worden sind, bzw. für das sie sich nicht entwickelt haben. Und das, was dem Menschen fremd und unverständlich ist, was sich seiner Kontrolle entzieht, macht ihm in der Regel Angst.

An dieser Stelle tritt also dem eskapistischen Wunsch, der alltäglichen Last von Unsicherheit und Pflicht temporär zu entkommen, die Neophobie gegenüber, sowie der Horror Vacui, die Angst vor dem weißen Blatt Papier, die Angst vor dem möglicherweise unkontrollierbaren Neuen, die Angst, von den ungezählten Möglichkeiten, seine freie Zeit zu nutzen, vielleicht die falsche zu wählen, die Angst, vor den unvorhersehbaren Konsequenzen dieser eigenen Entscheidung und wahrscheinlich auch die unterschwellige Angst, sich selbst ungefiltert zu begegnen.

Mit diesem ganzen Bündel an Ängsten sieht sich der post-industrielle, verunsicherte Mensch, der sich durch Freizeit und „Urlaubmachen“ in einen Zustand des Liminoiden begibt, in der Regel konfrontiert:
Entweder sieht er sich einer Fremde gegenüber, die ihn einschüchtert, da er sie mangels Verständnisses und Verständigung nicht kontrollieren kann, oder er ist wie gelähmt angesichts der nahezu unendlich vielen möglichen Entscheidungen, die er treffen könnte.

Mit diesem Zwiespalt eskapistischer Wünsche einerseits und andererseits der Angst, sich in eine wirkliche Fremde zu begeben, mit diesem Zustand „auf der Schwelle“ korrespondieren die Arbeiten Jann Launers.

Wir sehen einen Bildschirm, auf dem ein Radiergummi klebt. Dahinter bewegt sich das virtuelle Auge durch die Animation eines Gartens. Es wird eine Wirkung erzielt, als flöge das Radiergummi durch diesen Garten.
Der Ist-Zustand ist gekennzeichnet durch einen der profansten Gegenstände, die man sich heute vorstellen kann: den Monitor, fester Bestandteil nahezu aller moderner Lebensbereiche. Das Vehikel der eskapistischen Phantasie: Ein ebenfalls reichlich gewöhnlicher Alltagsgegenstand - ein Radiergummi, Instrument der Auslöschung, das erlaubt, ein beschriebenes Blatt Papier wieder zu einem leeren zu machen.
Doch der Fluchtort, der sich jenseits der Oberfläche des Bildschirms befindet, ist nicht einmal ein realer Garten, er ist nur eine schlechte Imitation dessen, die mit einem Instrument geschaffen worden ist, das für die meisten Menschen mit der Sphäre der Arbeit assoziiert ist: dem Computer, einem Gerät zur Kontrolle und Steuerung.
Eine wirkliche Flucht oder Transition findet also nicht statt. Statt dessen wird eine Illusion, ein Surrogat geschaffen, zusammengestellt aus vertrauten Dingen, die uns fest im Ist-Zustand verankern.

Überwindet der Mensch das Verharren im Ist-Zustand schließlich doch, betritt er aber nur in seltensten Fällen einen wahrhaftig liminalen Erlebnisbereich. Davor bewahren ihn die oben geschilderten Ängste. Und diese Ängste sind es, die ihn nicht nur in der Arbeitswelt zu einer Resource degradieren, die es auszubeuten gilt, sondern auch in seiner Freizeit.

Denn seine Angst vor dem Fremden und der Selbstverantwortlichkeit wird in der Regel in einem von der Urlaubsindustrie nach den Gesetzen der Arbeit strukturierten und künstlich geschaffenen Umfeld aufgefangen, das er nur zu gerne in Anspruch nimmt, denn es erlöst ihn von seiner Neophobie und dem Horror Vacui.
Eine Konstellation, die der des Radiergummis vor dem virtuellen Garten erschreckend gleicht.

Anstatt sich also in ein Areal der Wirklichkeit zu begeben, in der er tatsächliche Erlebnisse und Erfahrungen machen könnte, flüchtet er in das Umfeld vorproduzierter „All-inclusive“-Erlebnisstrukturen von Aquadomes, Clubhotels, Themenparks, organisierten Busreisen oder Kreuzfahrtschiffen.
Vertraute Dinge, wiedererkennbare Stereotypen und Symbole, die stellvertretend für die eskapistische Wunschvorstellung stehen, werden dort so miteinander kombiniert, daß eine Illusion des Fremden oder Exotischen entsteht, die dem Urlauber aber vertraut und kontrollierbar scheint und ihm eine scheinbare Befriedigung seiner eigentlichen eskapistischen Phantasien vorgaukelt.
Von der anderen Seite betrachtet wird er selbst innerhalb dieser Strukturen als Konsument und Ressource kontrollierbar gemacht.

Hier kommt noch ein anderer Aspekt ins Spiel: In unserer Gesellschaft, die vor allem durch den Kapitalismus protestantischer Prägung geformt ist, werden auch Freizeit und Spiel in erster Linie in einem auf die Arbeit fokussierten Kontext begriffen: das wirklich „ludische“, also das freie Spiel, das Experiment, wird verteufelt, das „ergische“ Spiel hingegen, also das Spiel mit Arbeitscharakter, bzw. die Freizeitbeschäftigung, die vor allem dazu dient, die Arbeitseffizienz des Menschen wieder herzustellen, wird geadelt.

Diese unter den genannten Gesichtspunkten gestalteten, künstlichen und oft hermetischen Erlebnisumfelder, also die Clubhotels, Wellness-Resorts, Centerparks etc., sind mit ihrer spezifischen Ästhetik nach eigenen Aussagen Launers in seine Arbeiten dieser Ausstellung eingeflossen.

Auf den Zeichnungen werden in Form schlichter Grafiken, die an technische Zeichnungen erinnern, die wiederum den Aspekt des Kontrollierbaren implizieren, uns vertraute Dinge zu Ensembles zusammengestellt, die den Eindruck von Interieurs oder Landschaften erwecken, in denen sich etwas ereignen könnte. Statt auf das Fremde stoßen wir höchstens auf das subtil Befremdende. Die Interieurs und Landschaften selbst sind statisch, als warteten sie darauf, betreten zu werden.

Den Aspekt des Liminoiden greift vor allem die Grafik einer Drehtür auf, wie man sie in vor allem aus Hotels oder Flughäfen kennt. Ihre spiegelnden Oberflächen deuten darauf hin, daß es eine Tür aus Glas ist, dennoch sehen wir nicht, was sich jenseits von ihr befindet. Das einzige, was wir wissen, ist, das wenn wir ihrem Drehmoment folgen, sie uns wieder dorthin führen wird, wo wir uns jetzt bereits befinden.
Wie bereits bei dem Objekt aus Monitor und Radiergummi wird die Illusion eines Übergangs erzeugt. Tatsächlich aber ist es ein Verharren auf der Schwelle, ein Verharren in einem hermetischen Umfeld ohne Graustufen oder Unschärfen, das nur ein Spiel in exakt vorgeschriebenem Rahmen duldet.

Und schließlich haben in Gestalt einer zentralen Installation die Schnittstelle zwischen der Welt der Arbeit und der Welt der vorproduzierten Erlebnisstrukturen vor uns: den Tresen, der bewußt die Ästhetik des Reisebüros oder des Flughafenschalters aufgreift.
Das ist der Ort, an dem der Mensch mittels einer Inszenierung der Symbole seiner eskapistischen Phantasie den Schritt der Trennung, den Schritt vom alltäglichen zum liminoiden Zustand vollzieht.
Doch auch hier findet kein Übergang statt. Auf einem Bildschirm kreiselt stoisch eine digitale Zeitanzeige, die uns lediglich das Verstreichen einer vollständig ereignislose Wartezeit vor Augen führt, daneben pendelt ein Kugelschreiber an der Kette, als hätte ihn gerade jemand aus der Hand gelassen.

An solchen Orten, auf die die Installation Launers anspielt, werden auch die drei eingangs genannten Dinge wieder zusammengeführt:
Die Prospekte, die dem Reisewilligen eine Erfüllung seiner Wünsche vorgaukeln.
Die Kulisse von Palmen und Strand, analog zum Bühnenprospekt; stellvertretend mag hier die Ausstellungseinladung mit der Fotografie einer exakt umrahmten Palmengruppe gelten.
Und schließlich der Vorgang des Park & Ride, des Umsteigens mit dem ausgelegten Köder, der verspricht: Parke dein Alltags-Selbst und steige um in ein befreites, ludisches Selbst.

Ein, wie wir gesehen haben, weitgehend falsches Versprechen, denn der wirkliche Übergang findet nicht statt. Der Mensch bleibt gefangen auf der Schwelle, in einer hermetischen Umgebung, die von den Parametern der Kontrolle bestimmt wird.

Dr. Thomas J. Piesbergen, Ⓒ März 2014