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Mittwoch, 3. Dezember 2014

Die Kollateralschäden der Bequemlichkeit - Einführungsrede von Dr. Thomas Piesbergen zu einer Ausstellung von Werner Schöffel

Werner Schöffel / Vagari #8 - Bilder aus dem Zyklus
Ausstellung in der Galerie des Einstellungsraums e.V., Dezember 2014  
zum Jahresthema "Park & Ride"

Seit vielen Jahren wandert eine Figur durch das Werk von Werner Schöffel, eine einsame Figur, ein anonymer Wanderer, dessen Identität verborgen bleibt: Vagari, benannt nach dem Lateinischen Verbum für das Umherschweifen, namensgebend für den Werk-Zyklus, dessen achte Station wir in dieser Ausstellung sehen.

Der einsame Wanderer Vagari begegnet uns auf fast allen der sorgfältig inszenierten Fotografien als Rückenfigur. Niemals sehen wir sein Gesicht. Er erhält keine eigene Persönlichkeit, die eine unabhängige Dynamik entwickelt, er folgt keiner Narration, er steuert kein Ziel an, noch wird ein Ort angedeutet, von dem er fortgegangen ist. Genausowenig ist er ein Alter Ego des Künstlers.

Er verkörpert vielmehr zwei Prinzipien: das Prinzip der steten, unbehausten Bewegung und das Prinzip des Schauens.

Der Topos der Rückenfigur wird seit der Renaissance benutzt als Träger des Blicks, als im Bild befindlicher, anteilnehmender Stellvertreter des Betrachters vor dem Bild, so z.B. beim Fresko Stanza dell'Incendio di Borgo von Rafael oder später auf dem Gemälde Die Malkunst von Vermeer von Delft, das den Betrachter an dem Blick des Malers auf sein Modell und sein entstehendes Gemälde teilnehmen läßt.

Vermeer van Delft, Die Malkunst, 1666

Während der Romantik entwickelt vor allem Caspar David Friedrich die Rückenfigur maßgeblich weiter zu einem Symbol des reinen Schauens, das von den beobachteten Naturschauspielen weitgehend abgekoppelt ist, und zum Ort eines inneren Ereignisses wird, das sich aber tatsächlich im Bildbetrachter abspielt. Die Rückenfigur ist hier vollständig zu einem Ort des Übergangs, einem Tor geworden, zu einem Träger unseres Blickes und unserer Empfindungen und Reflexionen.

Diesen Aspekt finden wir auch in der Figur des Vagari wieder: sie läßt uns schauen, sie nimmt für uns einen Blickwinkel ein und führt unseren Blick, sie bezieht Stellung.

Doch was ist der Gegenstand ihrer Betrachtung? An was für Orte führt uns die ewige Wanderung des Vagari?
Die ersten Abschnitte des Zyklus` führten Vagari vor allem in die Natur. Der Kontext des Einstellungsraums und des Jahresthemas „Park & Ride“ ließen ihn in eine vom seßhaften Menschen geprägte oder sogar geschaffene Landschaft zurückkehren.
Doch wir begegnen keinen Menschen, wir werden an keine Orte geführt, die das menschliche Leben beherbergen oder die Spuren eines lebendigen Miteinanders tragen.

Statt dessen sehen wir die konkreten und massiven Spuren, die die Bewegungsmuster der Menschen hinterlassen haben, und wir werden an Orte geführt, die nur dazu dienen - oder dazu gedient haben - die Art der Fortbewegung zu ändern; Orte, an denen der Mensch das eine Vehikel zurückläßt, um sich mit einem anderen fortzubewegen. Und schließlich sehen wir in Form von Autofriedhöfen am Rande der Straße Orte, an denen die Bewegung endgültig endet.
Und wir sehen, welchen enormen Raum dieser Stillstand einnimmt, gewaltige, leere Flächen, die einst geplant wurden, nicht um die faktische Mobilität zu ermöglichen, sondern nur um deren Abfallprodukt, den „ruhenden Verkehr“ aufzunehmen.

Vagari führt uns die manifest gewordenen Folgen einer zunehmend eskalierenden Mobilität vor Augen. Das, was wir sehen, sind die Verkrustungen und der Stillstand, die die Mobilität gleichsam einer Ausscheidung absondert, erodierender Stillstand, in Zerstörung befindlicher Stillstand.
Und außer Vagari und uns, die wir stellvertretend durch ihn blicken, ist kein anderer Mensch zugegen, der diese immensen Zerfallserscheinungen am Rande der Mobilität, an den bröckelnden Ufern der Insel der Glückseligen bezeugen kann.

Werner Schöffel, aus dem Zyklus #8 -Vagari-, 2014


Und natürlich fragt man sich, wenn vielleicht auch nur im Stillen: wie konnten Menschen solche trostlosen, toten Unorte hervorbringen? Was für eine Kultur gebiert solche Landschaften? Sind diese Folgen der Mobilität schon vorher absehbar gewesen und deshalb auch gewollt oder wenigstens bei vollem Bewußtsein in Kauf genommen?

Gehen wir diesen Frage tiefer nach, stoßen wir schließlich auf einen Grunddisput der Kulturwissenschaften: Welche Kräfte geben der Kultur und all ihren materiellen und immateriellen Erscheinungsformen ihre Gestalt?

Vor allem seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert stehen sich in dieser Frage zwei Lager in einem steten Widerstreit gegenüber:
Die Verfechter des Determinismus, der sich vor allem in Form des historischen Materialismus ausgeprägt hat, auf der einen Seite, auf der anderen die Verfechter des Possibilismus, dessen Logik besonders im Strukturalismus von Claude Levi-Strauss seinen kulturtheoretisch einflußreichten Ausdruck gefunden hat.

Während die Deterministen die Kultur lediglich als das Ergebnis eines Anpassungsprozesses an die natürlichen Gegebenheiten und Ressourcen betrachten und davon ausgehen, daß Dinge und Beziehungen erst durch ihre Nützlichkeit und ihr Verhältnis zu den Ressourcen ihre kulturelle Bedeutung erlangen, gehen die Possibilisten davon aus, daß die materiellen Kräfte erst durch ihre Integration in die kulturellen Bedeutungsschemata wirksam und für den Menschen relevant werden.
Das heißt, daß sich der Mensch nicht, wie der Historische Materialismus postuliert, durch seine Arbeit selbst erschafft, sondern daß der Akt der Arbeit selbst bereits durch eine vorher bestehende kulturelle Struktur determiniert wird.

Während nach Anschauung der Kulturmaterialisten schließlich Individuen oder Machteliten an der Spitze der Hierarchien stehen, die durch Erschaffung, Erhalt oder Manipulation eines Status Quo versuchen, ihre Machtstellung zu festigen oder auszubauen, steht nach Anschauung des Strukturalismus die kulturelle Struktur selbst im Mittelpunkt, der die Individuen in erster Linie durch bewußte Reproduktion ihrer Bedeutungsmuster dienen.

Die Antwort auf die vorher gestellt Frage nach der Ursache des Zustands der Welt würde also im Sinne der Kulturmaterialisten lauten:
Machteliten führen durch Steuerung des sozio-ökonomischen Gefüges all diese furchteinflößenden Zustände bewußt herbei, um ihren Reichtum und ihre Macht zu mehren.
Strukturalisten müßten hingegen argumentieren: all diese Erscheinungen sind von den Mitgliedern unserer Gesellschaft bewußt und gewollt reproduzierte Strukturelemente unserer Kultur.

Beides scheint kaum annehmbar. Weder scheint es plausibel, das es Individuen möglich ist, die in eskalierender Entropie befindliche und unglaublich komplexe menschliche Zivilisation tatsächlich zu kontrollieren und zu steuern - sieht man sie doch bereits bei der Planung und Kontrolle von viel weniger komplexen Vorhaben scheitern - , noch scheint es glaubwürdig, daß eine große Gemeinschaft von Menschen sich darauf geeinigt hat, diese dem Individuum unerträglichen Zustände gezielt zu reproduzieren.
In diesem Sinne beschreibt ein Zitat von Oskar Kokoschka, auf das sich Werner Schöffel gerne bezieht, die Masse als instinktlos, das Individuum hingegen als ohnmächtig.

Doch was ist es dann, was das Vorgefundene hervorgebracht hat?

Im Laufe der zweiten Hälfte des 20. Jhd. haben sich zahlreiche Theoretiker daran versucht, die Unvereinbarkeit dieser beider Ansätze zu überbrücken.
Neben Pierre Bourdieu ist vor allem Anthony Giddens bekannt geworden, der mit seiner vom französischen Neo-Marxismus beeinflußten Theorie der Strukturation versucht hat, das Spannungsfeld zwischen dem Individuum und der Gesellschaft zu überbrücken.

Er stellt einerseits das fortdauernde Handeln des Individuums in den Mittelpunkt, andererseits dessen Motivation, denn „gemäß der Theorie der Strukturation haben soziale Systeme keine Absichten, Zwecke oder Bedürfnisse welcher Art auch immer, nur Menschen haben diese.“
Die Konsequenzen der Summe dieser individuellen Handlungen verdichten sich zu Strukturen, die mit den primären Handlungsabsichten und -gründen allerdings nichts gemein haben müssen.

Werner Schöffel, aus dem Zyklus #8 -Vagari-, 2014

Dieses Phänomen wird sehr bildhaft vor Augen geführt durch ein Blatt, auf dem Werner Schöffel mittels GPS-Tracking seine Bewegung durch Hamburg aufgezeichnet hat. Handlungsabsicht war die Suche nach Motiven für die Ausstellung. Zu diesem Zweck nutzte er verschiedenste Verkehrsangebote wie Bus, Bahn, Carsharing und StadtRAD. Mit der Suche verband er auch andere alltägliche Verrichtungen wie  einzukaufen, Freunde zu besuchen oder spazieren zu gehen. Als eine bleibende Konsequenz und Spur der Handlung sehen wir jedoch ein Blatt mit einer abstrakt anmutenden Linienführung vor uns, die in dieser Form nicht beabsichtigt war, sondern eine ungeplante Konsequenz darstellt.

Zwar sind die Machteliten, wie der Historische Materialismus sie beschreibt, darauf erpicht, diese individuellen Absichten und Bedürfnisse im Sinne ihrer eigenen Machtausübung so gut es geht zu Manipulieren und zu Kanalisieren, aber  nicht, um die vom Individuum unbeabsichtigten Spuren hervorzubringen, sondern jeweils nur im Dienste der wiederum eigenen individuellen Bedürfnisse und Absichten, die sich nicht zu Absichten eines „Systems“ verdichten.

Der Bankier, der Vorstand eines Pharma-Konzerns oder der Ölmagnat will durch seine Handlungsweise nicht den individuellen Tod von ihm unbekannten Menschen im Sudan, Somalia oder im Irak herbeiführen, er will lediglich über mehr Geld für Investitionen verfügen, das Gefühl individueller Macht und Potenz mehren und bestätigt finden oder ganz schlicht eine neue Segelyacht kaufen oder eine neue Geliebte beeindrucken. 
Ebensowenig will der ökonomisch bewußte Endverbraucher, daß zur Arbeit gezwungene Kinder in Bangladesh durch giftige Textilbehandlungsmittel vergiftet werden. Er möchte lediglich für seine Jeans nicht mehr als 20,- € zahlen.
Trotzdem führen die Handlungen dieser Individuen unter anderem zu genau diesen unerwünschten Folgen. Die Konsequenzen des individuellen Handelns sind durch die weltweit vernetzte Wirtschaft so weitreichend und dadurch so verschleiert, daß sie, selbst wenn man sich der Aufgabe mit Beharrlichkeit und aufwendiger Recherche widmet, kaum noch abzuschätzen und zu verfolgen sind.

Die kulturelle Struktur, der Status Quo unserer Gesellschaft, entpuppt sich nach Giddens also als ein Kollateralschaden unreflektierter Befriedigung menschlicher Bedürfnisse und Begierden. Der Mensch bezweckt nichts Böses, er hat lediglich und zuallererst sein persönliches Wohlergehen und seine Bequemlichkeit vor Augen.
 Der Autofahrer will lediglich seine individuelle und gemütliche Privatsphäre soweit ausdehnen wie möglich. Er will nicht auf dem Fahrrad oder dem Fußweg frieren oder vom Regen durchnäßt werden, er möchte zum Klang seiner Lieblings-CD auf dem Weg zur Arbeit alleine zu sich kommen und sich nicht mit Hunderten von anderen mürrischen Frühaufstehern um halb acht Uhr morgens in Bus und Bahn drängeln, er möchte sich nicht mit schweren Einkaufstaschen abmühen.

Werner Schöffel, Pano, 2014

Genausowenig möchte er aber die infrastrukturelle Zerstörung der Innenstädte durch die zunehmende Trennung von Arbeit, Konsum und Wohnen, die er durch seine individuelle Automobilisierung herbeiführt; er möchte keine Umweltverschmutzung durch CO2 und Feinstaub, er möchte keine Lawinen aus Blech, die die Innenstädte verstopfen, er möchte auch keine Wüsten aus Beton für den ruhenden Verkehr. Er möchte lediglich seine Bequemlichkeit. Doch genau diese unerwünschten Auswirkungen hat sein automobiler Lebensstil.

Und an diesem Punkt kehren wir wieder zurück in die Welt des Vagari. Denn Vagari ist kein Ausgestoßener, kein Ahasver, den seine Sünden zu der ewigen Wanderung durch die Zeit verdammt haben.
Vagari hat sich ganz bewußt von der Menschheit und vor allem von ihrer betäubenden Bequemlichkeit abgekehrt. Seine Einsamkeit ist das Ergebnis einer bewußten, freiwilligen Abkehr von der instinktlos und unbewußt handelnden Masse.

Er kehrt zurück in einen Nomadenzustand, in dem die Menschheit Jahrhunderttausende verbracht hat, bevor sie sich durch Ackerbau und Seßhaftigkeit selbst domestiziert hat.
Dadurch kehrt er auch zurück zu einer konsequenten Unmittelbarkeit des Handelns, mit der er versucht, die Entfremdung von Mensch und Natur zu überwinden: Alle Gegenstände, die die Figur des Vagari am Leib trägt sind selbst gefertigt - von den Schuhen über den Rucksack bis hin zu den Knöpfen am Mantel, die aus dem Holz eines Kirschbaums aus dem elterlichen Garten des Künstlers geschnitzt wurden. Die Materialien aller Gegenstände stammen aus natürlichen und dem Künstler bekannten Quellen und sind durch seine eigenen Hände gegangen.

Werner Schöffel, aus dem Zyklus #8 -Vagari-, 2014


Zwischen dem Menschen und der Natur entsteht so eine Schnittmenge, ein weiches Übergangsfeld: Wenn Vagari die Natur aufsucht, geht er nicht gerüstet mit einem High-Tech-Kokon in eine romantisierte Umwelt, die es heroisch zu bezwingen gilt, und die, sobald sie in diesen Kokon eindringt, z.B. in sein mit Polyurethan beschichtetes Nylonzelt, von „schöner Natur“ zu „Schmutz“ umgewertet wird; vielmehr wird die Natur an der Schnittstelle zum Menschen transformiert zu etwas, daß ihm ermöglicht, in ihr zu leben.
Durch diese Rückkehr zur Unmittelbarkeit hat Vagari wieder die Kontrolle über die Konsequenzen seines Handelns erlangt.

Werner Schöffel, aus dem Zyklus #8 -Vagari-, 2014

Und nun kehrt dieser einsame, unbehauste Nomade zurück an die Ränder dessen, was wir unsere westliche Kultur nennen und läßt uns einen Blick darauf werfen, was unser Tun und unser Wunsch nach Bequemlichkeit für ungewollte Konsequenzen haben.

Mit diesem Blickwinkel, den er stellvertretend für uns öffnet, stellt er die Frage, ob wir uns der Konsequenz unseres Tuns bewußt sind und ob wir bereit sind, die Verantwortung dafür zu übernehmen.

Ⓒ Dr. phil Thomas J. Piesbergen / VG Wort, Dezember 2014

Dienstag, 11. November 2014

3.12.2014 Vernissage im Einstellungsraum: Werner Schöffel "Park & Track" - mit einer Einführungsrede von Dr. Thomas Piesbergen

Zum Jahresthema des Einstellungsraum e.V. "Park & Ride" zeigt Werner Schöffel konzeptionelle Fotografien aus seinem langristigen Projekt "Vagari".

Einführungsrede: Dr. Thomas J. Piesbergen

Vernissage: 3. Dezember 2014
Beginn: 19:00

Einstellungsraum
Wandsbeker Chaussee 11
Hamburg

Werner Schöffel, aus dem "Vagari"-Zyklus, 2014

Dienstag, 28. Oktober 2014

Die Revolte des Kindlichen gegen das Kindische - Einführungsrede zu einer Ausstellung von Leopold Schröder

In der zeitgenössischen Kunst begegnen wir schon seit geraumer Zeit den Zeichen einer Verweigerung von Virtuosität. Bilder und Objekte erwecken häufig den Eindruck des Provisorischen, des Ephemeren, des Entwurfs oder den Eindruck des Naiven.

Es scheint, als suchten Illustratoren und Freie Künstler ihre Positionen vermehrt in den regressiven Bildwelten oder mit den Ausdrucksmitteln des Kindes, und man gewinnt den Eindruck, es läge eine gewisse Atmosphäre der Verweigerung in der Luft, eine Opposition gegen das, was als die gegenwärtige Welt des Erwachsenen und Professionellen konzeptualisiert wird.

Diese Haltung darf allerdings nicht verwechselt werden mit der Haltung, die der Kulturhistoriker Johan Huizinga als „Puerilismus“ oder „Infantilismus“ bezeichnet, die heutzutage zu einem Flächendeckenden Phänomen geworden ist, und auf die wir später noch zurück kommen werden.

Als Leopold Schröder seine Ausstellung „Die Verkehrung der Verkehrung“ im Einstellungsraum vorbereitete, stand die Frage im Raum, ob er die Auswahl der gezeigten Bilder unkommentiert lassen solle, oder sie von vornherein kenntlich machen solle als authentische Kinderzeichnungen. Denn genau die haben wir vor uns.

Die Ausstellung zeigt als zentralen Werkkomplex eine Reihe von Zeichnungen, die entstanden sind, als der Künstler zwischen 8 - 11 Jahren alt war.

Ihr Entstehungsprozess begann jeweils mit einer Art Vision. Die Szenen waren von Beginn an vollständig und mit ihrem ganzen Detailreichtum in der Vorstellung des Künstlers präsent.
Den anschließenden Prozess der Umsetzung beschreibt Leopold Schröder als eine Art Eruption, in der er selbst keine andere Rolle einnahm, als die eines Mediums. Dieses Phänomen hat er erst rund 10 Jahre später in Experimenten mit automatischem Zeichnen erneut nachvollzogen.

Die Bilder, die in dieser frühen Schaffensphase entstanden sind, zeigen eine eskalierende und oft auch apokalyptisch anmutende Wirklichkeit:
Präsentationen von bis zur Lächerlichkeit gesteigerten modischen Eskapaden, Bodybuilder, die ihre aufgedunsenen Körper in einer grotesken Fleischbeschau zeigen, FKK-Szenen, die in Orgien münden, Frauen, die winzige, blutende Menschlein verspeisen, schweineähnliche Monstren, die  nackten Frauen nachstellen, Operationsszenen gekrönt von sarkastischen Inschriften und immer wieder Massenkarambolagen mit bis zur Unkenntlichkeit zerstörten Automobilen und zerstückelten Leichen.



Bemerkenswert dabei ist, daß die Bilder bis auf einzelne Ausnahmen keine medialen Vorbilder haben, also weder in Comic- noch Fernsehwelten wurzeln, wie es bei Kinderzeichnungen solchen Inhalts zu erwarten wäre.
Ebensowenig handelt es sich um die akute Verarbeitung von Erlebtem. Der Künstler hat weder schwere Unfälle überlebt, noch längere Krankenhausaufenthalte durchstehen müssen, und nach eigener Versicherung auch sonst eine glückliche, normale Kindheit gehabt.

Die Frage stellt sich also: woher kommen diese detailversessenen Szenerien, die in ihrer grausamen Phantasie an die Visionen von Pieter Brueghel oder Hieronymus Bosch erinnern?

An dieser Stelle möchte ich einen kleinen Exkurs zu dem Konzept der kindlichen Intelligenzentwicklung von Jean Piaget einfügen:

Piaget begriff die Ontogenese des Denkens als einen selbstorganisierenden Prozess. In der Biologie sowie in der Physik beobachtete er die Eigenart von Systemen, die, sobald ihr Gleichgewicht gestört wird, sich so zu verändern, daß sie zu einem neuen Zustand des Gleichgewichts finden.

Auch im kindlichen Denken haben wir so einen Zustand des Gleichgewichts, solange es widerspruchsfrei ist und seine beschränkten Voraussagen eintreffen. Allerdings treten sowohl im Inneren des Denkens, als auch in der Sphäre der äußeren Phänomene immer wieder Ungleichgewichte auf: Widersprüche zwischen Urteilen, Entwicklungen, die sich nicht dem erwarteten Ausgang decken, Diskrepanzen zwischen Aussagen und Handlungen. Das Denken versucht immer wieder von neuem, diese Ungleichgewichte zu überwinden:
Es befindet sich in einem steten Prozess der Equilibration.

Die Bilder von Leopold Schröder entstanden nach Piaget entwicklungspsychologisch an der Schwelle von der konkret-operatorischen Intelligenz zu der formalen Intelligenz. Das Kind lernt in dieser Entwicklungsphase nicht mehr nur aus der konkreten Operation abzuleiten, sondern zusehends aus den Reaktionen seiner Umwelt allgemeingültige Regeln abzulesen und diese allgemeingültigen Regeln vice versa anzuwenden, um Vorhersagen zu treffen. Und das geschieht nicht nur auf der dinglichen Ebene, sondern auch auf der ideellen, insbesondere auf der moralischen Ebene.

Denn laut Piaget ist die Entstehung der Moral nicht wie meist angenommen vor allem ein Ergebnis bloßer Internalisierung, d.h. bestimmt durch die konformistische Übernahme von Regeln und Normvorstellungen, die das Kind in dem umgebenden gesellschaftlichen Milieu vorfindet.



Für ihn ist sie das genaue Gegenteil: die entscheidenden Fortschritte dieser Entwicklung vollziehen sich unabhängig vom Zwang der sozialen Umwelt. Sie sind das Ergebnis einer schöpferischen Konstruktion, in denen das Kind versucht, seine Wünsche und Bedürfnisse mit seiner Umwelt in Einklang zu bringen.

Doch wie sieht nun dieses gesellschaftliche Milieu aus, in dem das Kind versucht, sein moralisches Gerüst zu entwickeln?

Unsere Gesellschaft ist zusehends geprägt von dem eingangs bereits genannten Infantilismus, auf dessen kulturhistorische Bedeutung Johan Huizinga unter dem Begriff Puerilismus erstmals hingewiesen hat und mit dem er das infantile Verhalten erwachsener Menschen in der Moderne bezeichnet.
Dazu zählt er unter anderem das Bedürfnis nach banaler Zerstreuung, die Sucht nach Sensationen, die Lust an Massenschaustellungen, die Unterstellung von bösen Absichten oder Motiven bei anderen, die Unduldsamkeit gegen jede andere Meinung sowie maßloses Übertreiben von Lob und Tadel.

Die erwachende Intelligenz eines Kindes wird also mit einer verkehrten Welt konfrontiert, in der Erwachsene, die von dem Kind zunehmend „erwachsenes“ Verhalten fordern, selbst kindisch agieren. An diesem Punkt revoltiert das Kindliche gegen das Kindische: Das Kind findet eine „Verkehrung“ vor, die es selbst wieder ins Gleichgewicht bringen will. Es unternimmt den Versuch einer „Verkehrung der Verkehrung“.

Der naheliegendste Schritt, um dieses schwierige Unterfangen zu bewerkstelligen, besteht in der ebenso schlichten wie effektiven Strategie des Überzeichnens. Der vorgefundene Zustand wird ins Gargantueske gesteigert, um seine Abstrusität vor Augen zu führen:

• Freikörperkultur, Sexualtabus und die verleugnete Geilheit der Erwachsenenwelt kumulieren zu Orgien die dazu noch voyeuristisch dokumentiert werden
• der narzistische Körperkult endet in der Inszenierung grotesk aufgeblasener Muskelgebirge
• der automobile Wahn im Verein mit der Verdrängung von Unfallstatistiken erlebt sein Armageddon im tödlichen Kataklysmus der Massenkarambolage
• und schließlich werfen die Opfer eines im höchsten Maße infantilen Größenwahns dem „Größten Feldherren aller Zeiten“ in einem Akt der Verweigerung ihre Waffen vor die Füße.
Spätestens hier hat die Überzeichnung, die reine Hindeutung auf einen Mißstand zu der Formulierung einer konkreten Tat, einem Akt des Widerstands gegen den Status Quo gefunden.



An diesem Punkt wird die Entscheidung verständlich, authentische Kinderzeichnungen zu zeigen, statt nur aktuelle Arbeiten, die eine entsprechende Haltung beziehen:

Während der erwachsene Künstler bereits lange wieder durch die Mühlen der gesellschaftlichen Anpassung gegangen ist und um den Zynismus des normativen Verhaltens weiß, ist die Perspektive des Kindes ungefiltert und unvermittelt.
Die Bilder, mit der die kindliche Psyche versucht mit der oft kindischen Welt der Erwachsenen umzugehen, sind ohne Rücksicht auf eine Außenwirkung entstanden. Im Gegenzug berühren sie uns unmittelbar, da wir ihre Intention nicht in Frage stellen. Der erwachsene Künstler hingegen, der eine solche Position bezieht, gerät immer in den Verdacht eine pädagogische Absicht zu verfolgen.

Einer anderen Künstlerin, mit der ich zusammenarbeiten durfte, wurde von ihrer Professorin die provozierende Frage gestellt, ob sie denn „Weltverbesserer-Kunst“ machen wolle, was in den Augen der Professorin offenbar ein Makel war.
Diesen Vorwurf umgeht der gezeigte Werkkomplex Leopold Schröders geschickt aufgrund der fehlenden Intention, belehrend zu wirken. Und dennoch erzielt er die gewollte Wirkung.



In seinen zwei aktuellen Arbeiten, die den Kinderzeichnungen zur Seite gestellt werden, finden wir auch gut 30 Jahre später eine unveränderte Haltung des Künstlers gegenüber der Welt wieder. Auch hier wird der Versuch unternommen, etwas wieder in sein Gleichgewicht zu bringen.

Vor allem eine Videoarbeit nutzt dabei ein weiteres mal die entwaffnende kindliche Perspektive, hier natürlich artifiziell wiederhergestellt: Der Künstler in einem „Adamskostüm“ trägt eine frühe, von spätpubertärem Kitsch geprägte Malerei eines Aktes im Gras - seine erträumte Eva - zwischen Autos umher und konfrontiert den automobilen Bürger mit der Frage, ob es Autos im Paradies gebe.

Die Form der Inszenierung sowie die Frage sind bewußt schlicht und kindlich naiv gehalten, wodurch die Widersinnigkeit und schließlich die Lächerlichkeit einer vom erwachsenen Standpunkt aus gegebenen Erwiderung, die die gesellschaftliche Normalität repräsentiert, entlarvt wird.

Denn was ist schließlich kindischer? Die Hoffnung auf die Wiederherstellung eines Gleichgewichts oder das Beharren auf einem Status Quo, von dem man weiß, daß er schließlich „auto“-destruktiv ist?

Um zu seinem Ziel zu gelangen, hat der Leopold Schröder in dieser Ausstellung sein aktuelles Medium, seine erwachsene, komplexe und wenigstens in Teilen unvermeidlich korrumpierte Perspektive „geparkt“ und ist auf eine kindliche Schaffensphase umgestiegen. Er hat eine kindliche Perspektive wieder zugänglich gemacht und in den Dienst einer aktuellen Intention gestellt, ohne die genutzte Bildwelt und ihre Ausdruckskraft dadurch zu kontaminieren.

Dadurch ist es ihm möglich geworden so schlichte wie dringlich notwendige, aber in der Regel unerwünschte Fragen an eine Gesellschaft zu richten, die sich in zunehmendem Tempo ihrem endgültigen Infarkt nähert.



Wir alle laufen auf einen Abgrund zu, nachdem wir etwas vor uns aufgestellt haben, das uns daran hindert, ihn zu sehen.
Blaise Pascal, Pensèes

In all den Erscheinungen eines Geistes, der seine Mündigkeit freiwillig preisgibt, vermögen wir nur die Zeichen drohender Auflösung zu sehen. Die wesentliche Merkmale des echten Spiels fehlen darin, obwohl das puerile Betragen oftmals äußerlich die Form des Spiels annimmt. Um Weihe, Würde und Stil wiederzuerlangen, wird die Kultur andere Wege gehen müssen.
J. Huizinga, Humo Ludens

Dr. Thomas J. Piesbergen 2015 / VG Wort

Freitag, 10. Oktober 2014

15.10.2014 Vernissage "Die Verkehrung der Verkehrung" von Leopold Schröder mit einer Einführungsrede von Dr. Thomas Piesbergen

Vernissage am 15.10.2014 / 19:00
Dauer der Ausstellung 16. - 31.10. 2014

"Die Verkehrung der Verkehrung"
Zeichnungen, Videos und Objekte von Leopold Schröder
Einführungsrede: Dr. Thomas Piesbergen

Einstellungsraum e.V.
Wandsbeker Chaussee 11
22089 Hamburg







Montag, 4. August 2014

Ehemalige Textprojektteilnehmerin Katharina Unteutsch in der Auswahl des 25. Würth-Literaturpreises

Mit großer Freude möchte ich an dieser Stelle mitteilen, daß die Geschichte "Drift" von Katharina Unteutsch, einer ehemaligen Teilnehmerin der drei Textprojekt-Module und regelmäßiger Gast beim Jour Fixe, in die Auswahl der herausragenden Texte des 25. Würth-Literaturpreises der Tübinger Poetik Dozentur gewählt wurde!

Das Thema des renomierten Preises wurde in diesem Jahr von Hans Magnus Enzensberger und Dirk von Petersdorff gewählt: "Ein Ausflug zu dritt" - gleichzeitig auch der Titel des Sammelbandes, in dem neben den 2 Siegertexten die 12 Texte der Auswahl zu finden sind.

Hier zu finden:

http://www.swiridoff.de/ein-ausflug-zu-dritt

Mit herzlichen Glückwünschen vom Textprojekt!



Sonntag, 29. Juni 2014

Untote Zeit in der Sozialwurst - Lose Gedanken zu den Un-Orten des ÖPNV als sozio-kultureller Raum

Vortrag von Dr. Thomas Piesbergen anläßlich des Symposiums "Ein Park Aus Stieg" des Einstellungsraums e.V. 27. Juni 2014

Als ich bei meiner Rückkehr von einem längeren Arbeitsaufenthalt in Äthiopien um 7:00 morgens in der Frankfurter U-Bahn stand, erlitt ich etwas, worauf ich bei meiner Ankunft in Äthiopien vergeblich gewartet hatte: einen Kulturschock.

Die nach 2 Monaten afrikanischer Erfahrung verschobene Perspektive auf den vorgefundenen Zustand der Menschen ermöglichte mir, Verhaltensstrukturen zu erkennen, für die wir in der Regel blind sind, da sie unser Selbstverständnis und unseren Standpunkt ausmachen, von dem aus wir Dinge beobachten und beurteilen - sie sind unser blinder Fleck.

Das, was ich sah, waren lauter Menschen, die nicht an dem Ort waren, an dem ihre Körper sich befanden. Zudem schien niemand zu begreifen, was für eine Außenwirkung er seinen Mitmenschen zumutete, wie durch unkontrollierte Gestik und Mimik persönliche Intimität entgrenzt wurde, d.h. niemand schien sich bewußt zu sein, wieviel persönliches Leid, Frustration, Schmerz, Hass, Trauer und Apathie sich durch Gesichtsausdruck und Körpersprache vermittelte.

Niemand sah den anderen an und niemand schien daran zu denken, er selbst könne gesehen werden.   Niemand war dort, wo der eigene Körper war. Nahezu jedes Mitglied unseres Kulturkreises wird wohl diesen Zustand der Abwesenheit aus eigener Anschauung und Erfahrung kennen.

Erst durch diese wirklich schockierende Beobachtung wurde mir klar, was den habituellen Unterschied zwischen Deutschland, stellvertretend für die mediale, postindustrielle Gesellschaft, und Äthiopien, stellvertretend für eine noch weitgehend prä-mediale Gesellschaft, ausmacht, und wie gravierend dieser Unterschied ist.
Ich hatte dort im Berufsverkehr um 7:00 morgens in der Frankfurter U-Bahn in reinster Gestalt das erlebt, was Richard Sennett als die Tyrannei der Intimität bezeichnet, die dem Verfall und Ende des öffentlichen Lebens folgt.

Sobald in Äthiopien zwei Menschen sich begegnen, entsteht soziale Interaktion. Will ein Mensch etwas über die Welt wissen, ist er auf andere Menschen angewiesen, da es so gut wie keine Zeitungen oder Bücher gibt. Radios sind selten, Fernseher kaum zu finden und zudem fast immer nur an öffentlichen Orten.
Völlig unvorstellbar wäre dort ein Rückzug in den individuellen Raum der eigenen vier Wände, der noch vor wenigen Jahren in unserer Gesellschaft unter dem hippen Neologismus „Cocooning“ als neuer, erstrebenswerter Lifestyle angepriesen wurde.

Dieser Rückzug in die Isolation des Individuellen, in die „Tyrannei der Intimität“ ist in der etwa 2 Millionen Jahre währenden Geschichte der Menschheit nur den Bruchteil eines Augenblicks alt und kann angesichts der in diesem Zeitraum sich gefestigten natürlichen Bedürfnisse und „natürlichen“ Verhaltensmustern des Menschen als pathologische Abweichung angesprochen werden, deren totale Eskalation wir derzeit in Form der Abwanderung des Menschen in die digitale Realität beobachten können.

Doch kommen wir zurück zu der Situation, in der ich mich damals in der Frankfurter U-Bahn befand: Ich war Teil einer temporären Zwangsgemeinschaft, gekennzeichnet durch ein gegenseitiges Ignorieren, eingesperrt in einem länglichen Raum, der die Funktion hatte, diese sich einander fliehenden Menschen zu transportieren.
Dieser Raum, den meine Mitreisenden ebenfalls versuchten so gut es ging zu ignorieren, ist Teil eines gewaltigen Systems von architektonischen Un-Orten, in denen die meisten Menschen der postindustriellen, medialen Gesellschaft einen nicht unbeträchtlichen Teil ihrer Lebenszeit verbringen - wenigstens physisch.

Aus anthropologischer Perspektive, die immer die zeitliche Tiefe menschlicher Kultur einschließt, kann Architektur immer nur unter zwei Gesichtspunkten betrachtet werden: als Träger von Funktion und als Träger von sozio-kultureller Bedeutung. Vor allem ihre Eigenschaft als Träger von Bedeutung macht sie auf vielen verschiedenen Wirkebenen zu einem essentiellen Teil der menschlichen non-verbalen Kommunikation.
Und sie ist nur zu begreifen als eine „strukturierende Struktur“, d.h. daß sie einerseits vom Menschen nach seinen kulturellen Bedürfnissen gestaltet wird, und daß sie andererseits hilft, die kulturellen Strukturen wiederum zu reproduzieren.

Den angesprochenen „Un-Orten“ ist zwar eine Funktion zu eigen, kennzeichnend für sie ist aber das weitgehende Fehlen einer kulturellen Bedeutung (vergl.„The Geographie of Nowhere“, James Howard Kunstler). Für die Architektur bedeutet das, es gibt keine physischen Marker, die ein kulturell bedeutsames Handeln implizieren. Das, was von diesen strukturierenden Strukturen der Un-Orte öffentlicher Transportsysteme als kulturelles Muster reproduziert wird, ist also reine, bedeutungsleere, und damit unmenschliche Funktionalität.

Betrachtet man also diese Un-Orte im Hinblick auf die reziproke Eigenschaft als strukturierende Struktur wird sofort ihre Dissoziation von einem unmittelbaren Rückkoppelungsprozess deutlich. Ihre Gestalt wirkt unbedingt strukturierend, läßt aber keinerlei akute Strukturierung ihrer selbst zu. Unter dem Gesichtspunkt kultureller Rückkoppelung kann man diese Un-Orte also ohne weiteres als totalitäre Strukturen ansprechen, die dem menschlichen Bedürfnis nach kultureller Bedeutsamkeit nur dann nachkommen, wenn es funktional oportun ist.

Die übliche Strategie, mit denen das postindustrielle Individuum diesen totalitären Alltagsumgebungen, speziell den Innräumen des öffentlichen Nahverkehrs, begegnet, könnte man als „Park & Hide“ bezeichnen. Denn das Individuum vermeidet, ohne formgebende kulturell bedeutsame Übereinkunft, Blick- und Körperkontakt, zieht sich zurück, versteckt sich, kapselt sich von seiner Umwelt ab, ist nicht mehr als soziales Wesen ansprechbar.

Man flieht bestenfalls in Zeitungen oder in Bücher - als Variante „Park & Read“ - oder seit einigen Jahren zunehmend in die digitale Parallelwirklichkeit mittels Smartphone, in der einerseits die Tyrannei der Intimität ihre endgültige Emanation im Form sog. „sozialer Netzwerke“ gefunden hat, andererseits die Entgrenzung des Intimen atemberaubend voranschreitet - der Un-Ort U-Bahn wird hier also genutzt als Übertrittsort in eine substanzlose pseudo-private Gegenwirklichkeit: „Park & Slide“.
Das Smartphone als Computerspielkonsole bietet dazu die eskapistische Variante des „Park & Fight“.

All diese Strategien bestärken die Verhaltens-, Denk- und Wahrnehmungsmuster, die Lawrence Durrell als das „dunkle Labyrinth“ bezeichnet hat: das idiosynkratische Gedankengebäude, in dem sich der Mensch vor sich selbst und seinen Mitmenschen versteckt; das psychologische Gefängnis, das ihm unmöglich macht, zu einer wahrhaften Selbstwahrnehmung und Kommunikation mit anderen zu gelangen.

Da die Strategie des „Park & Hide" einem störungsfreien funktionalen Ablauf zuträglich ist und die unkalkulierbare Eigeninitiative der Fahrgäste einzudämmen hilft, wird sie nach Kräften durch das sogenannte „Fahrgastfernsehen“ gefördert, das inzwischen nicht nur in U-Bahnen, sondern auch schon auf manchen Bahnhöfen eingesetzt wird. Durch Werbeclips und weitgehend inhaltsleere Informationsklischees wird der Fahrgast dazu eingeladen, sich in einen pflegeleichten und sozial nicht mehr präsenten Standby-Modus zu begeben.

Welche gravierenden Konsequenzen diese soziale Abwesenheit an den öffentlichen Un-Orten des ÖPNV haben kann, zeigen immer wieder die unerträglichen Beispiele der Gleichgültigkeit bei gewaltsamen Übergriffen in der Bahn. Geparkt ist hier offenbar nicht nur das individuelle Verkehrsmittel der Fahrgäste, sondern auch gleich deren Mitgefühl, Zivilcourage und soziale Verantwortung. Schließlich ist man ja gar nicht da; man ist in der Bildzeitung, man ist auf Facebook, man hat gerade das 6. Level erreicht, man ist noch bei der Arbeit oder bereits zuhause beim Vorabendprogramm.

Da die Isolierung des Individuums in unserer Gesellschaft zum Glück aber noch kein abgeschlossener Prozess ist und der Verfall und die z.T. sogar gezielte Unterbindung öffentlichen Lebens durch repressives Reglement und entsprechende Raumgestaltung es noch nicht geschafft haben, das in 2 Millionen Jahren entstandene Bedürfnis nach Gemeinschaft und spontaner, bedeutungs-generierender Interaktion zu unterbinden, gab es und gibt es immer wieder Formen einer kulturellen Selbstorganisation, die gezielt oder unbewußt den „befriedeten“ und kontrollierten öffentlichen Raum zurück erobern.

Da keine faktische Umstrukturierung der vorgefundenen Gestalt des öffentlichen Raums vorgenommen werden kann, müssen die strukturierenden Strukturen der angesprochenen Un-Orte umgedeutet werden.

Eine recht häufige Variante dieser Umdeutung ist die Nutzung des Waggons als Konzertsaal in dem die Fahrgäste das mehr oder weniger freiwillige Auditorium stellen. Diese Strategie der Umdeutung wird unterdrückt durch die Interpretation der musikalischen Darbietungen als Nötigung - mit dem Effekt, daß die Musiker nur noch von Waggon zu Waggon hetzen und nichts anderes mehr von sich geben können, als klägliche Fragmente von Musik, die in der Tat meist sehr unerfreulich sind.

Eine zweite Variante war die Umdeutung des Waggons zur mobilen Party-Location. Zum Ende der ersten Dekade gab es in Hamburg eine regelrechte Explosion dieser Art der Umfunktionierung der Transportgehäuse des ÖPNVs zu Räumen akuter sozialer Interaktion: die Partybahn am Freitagabend in Richtung Innenstadt, in der man sich mit absurden Getränken wie Wodka-Redbull in Stimmung brachte und spontane Zufallsbekanntschaften schloß.
Für einen kurzen Zeitraum fügte sich der HVV sogar diesem Phänomen und führte den „Nightcruiser“ ein, eine Nachtbuslinie mit DJs und Bar, die aber schon seit längerer Zeit wieder von der Bildfläche verschwunden ist.
Diese Strategie der Aneignung öffentlichen Raums wurde erfolgreich unterbunden durch das Alkoholverbot in den Bahnen und auf Bahnhöfen.

Egal wie man diese Strategien persönlich beurteilen mag, sie sind nicht zu leugnende Symptome des Bedürfnisses, sich der totalitären und inhaltsleeren Struktur der angesprochenen Un-Orte zu widersetzen, sich die Räume wieder anzueignen und sie kulturell bedeutsam zu machen.
Denn selbst die von vielen ungeliebten Musiker treten in der U-Bahn auf, da es immer noch genügend Fahrgäste gibt, die für diese Art der Abwechslung gerne etwas in den herumgereichten Spendenbecher werfen.

Warum also nicht diese Bedürfnis aufgreifen und zulassen, daß die rein funktionalen Transporthülsen zu kulturell bedeutsamen Orten werden, anstatt sie als rollende Wartezimmer zu belassen, in denen das Fahrgastvieh für den Transport möglichst störungsfrei medial sediert wird?

Warum nicht dem gewillten Fahrgast ein Angebot machen, daß ihn davon erlöst, Anstrengungen zu unternehmen, nicht auf das Fahrgastfernsehen zu starren, nicht unfreiwillig den Telephonaten seiner Nachbarn zu lauschen, und nicht aus der akuten Situation, in der er sich befindet auf irgendeine Weise flüchten zu müssen.

Ein Trend, der auf der Hand liegt und in manchen Metro-Bussen bereits aufgegriffen wird, wäre eine Nutzung einzelner Waggons als mobile Lesesäle mit Bibliothek.

Genauso naheliegend wäre ein als solcher funktional gestalteter rollender Konzertsaal, in dem Musiker mit vorheriger Anmeldung kleine Konzerte geben können - dem Konzept folgend, das in der Untergrundbahn von London bereits vor vielen Jahren umgesetzt worden ist: dort werden in großen Bahnhöfen kleine Zonen extra als Spielorte für Straßenmusiker ausgewiesen. Denn die Musik wird dort als essentieller Bestandteil des menschlichen Lebens begriffen, nicht als Nötigung.

Ebenfalls denkbar wäre, ein Model, das auf vielen Bahnhöfen bereits realisiert ist, auf die Schiene zu bringen: einzelne Waggons zu mobilen Orten der Stille, der Andacht oder Meditation umzufunktionieren.

Und natürlich muß auch die Möglichkeit genannt, die mobilen Un-Orte des ÖPNV als Kunst-Orte zu erschließen, deren Eigenart dazu führen könnte, völlig neue Kunst-“Formate“ zu entwickeln.

In einer Zeit der fortschreitenden Anonymisierung und Atomisierung der Gesellschaft, eines rapiden Verfalls von kulturellen Werten und Bedeutungssystemen, sollte nicht nur darüber nachgedacht werden, welche Strategien sinnvoll sind, um sich regelrechte Orte wieder anzueignen - man denke da nur an die weltweiten Aktivitäten der „Occupy“ oder der „Reclaim the Street“ -Bewegung, das Guerilla-Gardening, Flashmobs etc. -  sondern auch, wie man die kaum wahrgenommenen öffentlichen Un-Orte sozial und kulturell umdeuten und nutzen könnte, um den Verfall des öffentlichen Lebens, die endgültige Isolation und Entsozialisierung des Individuums, die Zerstörung sozio-kultureller Verhaltenssysteme und die darauf folgende totalitäre Herrschaft der Funktionalität aufzuhalten.




© Dr. Thomas J. Piesbergen / VG Wort, 2014


Donnerstag, 26. Juni 2014

"Ein Park Aus Stieg" - Vorträge und Gespräche im Einstellungsraum e.V., Hamburg, 27. Juni 2014

Das diesjährige Symposium zum Jahresthema "Park & Ride" im Einstellungsraum vereint eine ganze Reihe sehr verschiedener Perspektiven auf das Konzept des Umstiegs vom Automobil in den ÖPNV:

Ingo Freund (SPD): Zur Parksituation in Wandsbek
Karsten Lubkert (Dipl.-Ing.): Ruhender Verkehr in der Großstadt
Dr. Thomas J. Piesbergen (Kulturanthropologe, Schriftsteller): Untote Zeit in der Sozialwurst
Bettina Sefkow (bild. Künstlerin): Der Sockel als Leitsystem der Blicke
Christoph Riemer (Playing Arts): Parken = Kunstpause

Moderation: Brigitte Engel-Hiddemann


27.Juni 2014
18:00

Einstellungsraum
Wandsbeker Chaussee 11
22089 Hamburg




Mittwoch, 7. Mai 2014

Der Parkplatz des Universums - Einführungsrede zu der Austellung "Tan Bartnitzki feat. Uwe Kraft: Physiopark", Einstellungsraum, Hamburg, von Dr. Thomas Piesbergen

Das menschliche Gehirn, als komplexestes Werkstück der auf Kohlenstoff basierenden Evolution und als bedeutendstes Werkzeug menschlichen Tuns, ist ein Anpassungsorgan.
Seine zentrale Aufgabe, ausgehend von dem primären Riechhirn, ergänzt durch taktile, visuelle und auditive Sinnesorgane, besteht darin, Reize der umgebenden Wirklichkeit aufzunehmen, zu verarbeiten und angemessene Reaktionen daraus abzuleiten.

Im Laufe der Evolution neuraler Strukturen entstanden aus den ersten miteinander korrespondierenden Sinneszellen immer komplexere Systeme, die zunehmend zu Rückkoppelungen und irgendwann sogar zu Gedächtnisleistungen imstande waren.

Unter diesen Vorraussetzungen entwickelte sich als höchst effektive Anpassungsstrategie höherer Lebewesen die spielerische Neugier. Sie veranlaßt das Gehirn sich zunächst in zweckfreiem Spiel und ohne existentielle Notwendigkeit mit der umgebenden Wirklichkeit auseinander zu setzen. Erfahrungen mit der Umwelt werden nicht mehr erlitten, sondern gezielt provoziert.

Die Erkenntnisse, die daraus gewonnen werden, können später in Situationen, in denen unter existentiellem Druck rasch gehandelt werden muß, abgerufen und angewendet werden. Durch das Vermeiden des Trial and Error-Prozesses in bedrohlichen Situationen, erhalten Lebewesen, die mit spielerischer Neugier ausgestattet sind, einen deutlichen evolutiven Vorteil gegenüber Spezies, die in Untätigkeit verharren, bis sie durch existentiellen Druck dazu gezwungen werden, zu agieren.

Beim Menschen, dessen Gehirn mit seinen etwa 100 Billionen Synapsen das komplexeste bekannte System überhaupt darstellt, das wir bisher kennen, hat sich diese spielerische Neugier in einen Wissensdurst und einen Drang nach Erkenntnis gesteigert, der beispiellos ist. Er geht soweit, daß der Mensch sich mit kaum weniger zufrieden geben möchte, als der Antwort auf die Frage nach dem Urgrund allen Seins, der Frage nach der Beschaffenheit der Wirklichkeit.

Seit der Antike haben sich dazu vor allem zwei entgegengesetzte Strategien durchgesetzt, um diese Frage zu beantworten: die eine ist der nach innen gerichtete Erkenntnisweg der Mystik, der andere der nach außen gerichtete, empirische Erkenntnisweg Wissenschaft.

Die Kunst, also die Hervorbringung von Bildwelten mit eigener Dynamik und implizierter Bedeutungslogik, hat ihre Wurzeln in einer Zeit, in der diese beiden Strategien noch nicht voneinander getrennt gedacht wurden. Seit der Trennung von Religion und Wissenschaft, die sich in der Antike vollzog, blieb sie allerdings vor allem der Sphäre der Religion verhaftet.
Im europäischen Kontext emanzipierte sie sich erst während der Renaissance von religiösen Inhalten und bildete auch Profanes ab: Portraits aus der bürgerlichen Lebenswelt, Naturstudien und schließlich auch, jedoch als Ausnahmeerscheinungen, Zeichnungen im Dienste wissenschaftlicher Überlegungen, wie z.B. die berühmten Skizzen Leonardo DaVincis.

Eine zielgerichtete Bewegung der Kunst auf die Wissenschaft zu wurde erst im Laufe des 20. Jhds. verstärkt vorgenommen, seit sich die Kunst von ihrer Rolle als bloßer Träger von Bild- und Bedeutungsinhalt emanzipiert hat und sich vornehmlich mit den allgemeineren Mechanismen der Wahrnehmung auseinandersetzt, Sehgewohnheiten aufbricht, Rezeptionsroutinen transzendiert und sich in transmediale Kommunikationsstrukturen fortsetzt, d.h. ihre Funktion und Wirksamkeit auch jenseits von Bild oder Objekt entwickelt, wie z.B. in der Prozess- oder Konzeptkunst.

Der Imperativ des uns konstituierenden Anpassungsorgans blieb aber auch hier ungebrochen fortbestehen: die Frage nach den primären Gegebenheiten unserer Wirklichkeit; so ist es auch in dem künstlerischen Ansatz von Tan Bartnitzki und Uwe Kraft.

Sie richten den Blick auf die grundlegenden physikalischen Vorgänge, die uns ständig und unmittelbar umgeben, die unsere physische Existenz bestimmen und deshalb für uns nahezu unsichtbar sind - weshalb es viele hunderttausend Jahre gedauert hat, bis der Mensch in der Lage war, sie zu erkennen und zu formulieren.

Da wir sie als unwandelbare Konstanten des Seins hinnehmen, nehmen wir meist nur ihr ausbleiben oder die Abweichung von ihnen wahr. Man könnte sie fast im Sinne von Niklas Luhmann und John Spencer Brown als den blinden Fleck oder die selektive Blindheit bezeichnen, die uns überhaupt erst möglich macht, Unterscheidungen vorzunehmen und Beobachtungen anzuzeigen.

Um diese Rezeptionsroutinen aufzubrechen, die verhindern, daß wir das Wirken grundlegender physikalischer Gegebenheiten wahrnehmen, nutzen Bartnitzki und Kraft die erwähnte spielerische Neugier des Menschen und locken ihn in Räume des zweckfreien Spiels, das eine neue und überraschende Perspektive auf die natürlichsten und grundlegendsten Gegebenheiten unseres Seins ermöglicht.

Diesen Ansatz spiegelt auch die Wahl des Ausstellungstitels wieder: „Physiopark“. Unter einem Park versteht man heutzutage vor allem einen Ort des Ausruhens, der Zerstreuung, des Spiels, auch einen Ort der Attraktionen - in diesem Fall einen Ort physikalischer Attraktionen.

Doch sind diese Attraktionen eben keine Bestandteile eines physikalischen Kuriositätenkabinetts, keine Phänomene, die scheinbar von den „unwandelbaren“ Konstanten abweichen, sondern es sind diese Konstanten selbst, die uns ohne ihre alltägliche Maskerade vorgeführt werden! Ganz im Sinne eines Zitats des vietnamesischen Zen-Lehrers Thich Nhat Hanh: „Im gegenwärtigen Augenblick zu leben ist ein Wunder. Über das Wasser zu schreiten ist es nicht.“

Eine dieser Konstanten ist die Gravitation, die wir zwar immer und überall spüren und beobachten, über deren Wesen und ihre vielfältige Wirkung wir uns aber so gut wie nie Gedanken machen. Tatsächlich ist Gravitation nichts anderes als Bewegung und Beschleunigung.
Selbst wenn wir vermeinen, still zu stehen, ist dieser Stillstand eigentlich nichts anderes, als ein aufgehaltener Sturz auf den Erdmittelpunkt zu; gleichzeitig natürlich auch die rasende Rotation um diesen Mittelpunkt herum; und gemeinsam mit dem Erdball eine noch schnellere Bewegung um das Gravitationszentrum der Sonne herum, die sich mit unserem ganzen Sonnensystem wiederum in rasender Fahrt um den Mittelpunkt unserer Galaxie bewegt, die schließlich unvorstellbar schnell, angetrieben von der Gewalt des Urknalls, durch das expandierende All saust.

Um die Gravitation auf simpelst mögliche Weise erfahrbar zu machen, wählten Bartnitzki und Kraft in ihrer Arbeit „1 durch r Quadrat“ die schiefe Ebene, mit der es bereits Galileo 1594 gelungen war, die Erdbeschleunigung zu ermitteln.

Bartnitzki & Kraft, 1 durch r Quadrat, 2014


Auf einem Video der Apollo 15 Mission erleben wir die Erfüllung einer Voraussage, die Newton auf der Basis von Galileos Erkenntnis formuliert hat, nämlich daß ein Hammer und eine Feder, wenn da nichts ist, das ihren Fall bremst, wie z.B. die Luft, die gleiche Fallgeschwindigkeit entwickeln.
Wiederum ein deutlicher Verweis auf unsere Wahrnehmungsroutinen, deren Bedingtheit und Beschränktheit wir im Alltag weder wahrnehmen noch in Frage stellen.

Ein nächster Komplex beschäftig sich mit dem Urknall und dessen Echo, der kosmischen Hintergrundstrahlung, in deren Strukturen erst vor kurzem Gravitationswellen entdeckt worden sind, die aus der (gerade entstandenen!) Zeit kurz nach dem Urknall stammen und damit das Modell des Inflationären Universums bestätigt haben.
Als Verweis auf diese uns stets umgebende Hintergrundstrahlung und die darin enthaltene Information wird der Raum durch die Klanginstallation „Nachhallgerät“ beschallt, die die Gravitationswellen des Urknalls in ein hörbares Spektrum übersetzt.

Ein Teil des Ausstellungsraums wird beherrscht von einer visuellen Umsetzung des Urknalls mit dem Titel „Big Bäng 1, 2, 3“ in Form dreier Schaukästen und einer chaotisch anmutenden Explosion von allerlei merkwürdiger Materie, eingewoben in Klopapier-Superstrings; eine kleine Erinnerung daran, das alle Materie „kosmisch“ ist, nicht nur Dinge, die von Hubble beobachtet werden, sondern auch die Dinge, die in den Regale der Drogerien stehen.
In einem der Schaukästen fliegen Atome und Steinbrocken auseinander, in einem zweiten die Tiere der Arche Noah - Verweis darauf, daß nicht nur die unbelebte Materie des Universums dem Prozess gehorcht, der durch den Urknall ausgelöst worden ist, sondern auch die Evolution der Organismen: die stete Zunahme von Vielfalt und Komplexität bei einer gleichzeitigen Expansion.

Bartnitzki & Kraft, Big Bäng 1, 2, 3, 2014


Natürlich stellt sich dem an seiner Alltagstauglichkeit gewachsenen Verstand die Frage: was habe ich denn mit dem Urknall zu schaffen? Die Antwort darauf liegt wiederum in der Frage nach dem Zentrum des Urknalls verborgen. Denn die Expansion des Universum ist derart beschaffen, das sich alles in gleicher Geschwindigkeit von allem anderen fort bewegt. Das bedeutet: das ehemalige Zentrum des Urknalls ist überall, auch genau an dem Ort, an dem ich mich jetzt befinde - oder an dem sie gerade stehen. Sie selbst befinden sich genau jetzt und ihr ganzes Leben lang genau an dem Ort, an dem die allererste Quantenfluktuation stattgefunden hat, die unser Universum hervorgebracht hat!
Der Mittelpunkt ist überall: eine Erkenntnis, in der sich moderne empirische Kosmologie und mystische Einsicht wieder begegnen!

Ein dritter Themenkomplex der Ausstellung beschäftigt sich mit der zyklischen Natur der meisten, möglicherweise sogar aller Vorgänge innerhalb des Universums.
Das Zyklische erleben wir auf zwei, von unserem Verstand künstlich getrennten Ebenen: im Raum und in der Zeit: Die Elektronenwolken kreisen um den Atomkern, die Erde um ihre eigene Achse, der Mond um die Erde, die Planeten um die Sonne, die Sonnensysteme um das galaktische Zentrum etc., während alle lebendigen Organismen sich in dem zeitgebundenen Zyklus der physischen Reproduktiuon befinden, in der stets wiederkehrenden Abfolge von Geburt und Tod, möglicherweise auch von Tod und Wiedergeburt, im Kreislauf der Jahreszeiten, selbst angetrieben vom Blutkreislauf, eingebunden in den Kreislauf des Wassers, des Sauerstoffs etc., und dabei gedanklich meistens kreisend um sich selbst.

Das Symbol dieser Idee der ewigen Wiederkehr finden wir in der liegenden 8, dem Unendlichkeitszeichen, hier in der Arbeit „Lemniskatenoperator“ von einem motorisierten Gelenkmodell, in das eine Leuchtdiode eingebaut ist, mit Licht in den Raum gezeichnet wird, sowie in den Multiple-Objekten „Das Allgestaltende“, zwei ineinander geschobene Scheiben, in deren Umlauf auf die vierte Dimension verwiesen wird.

Bartnitzki & Kraft, Lemniskatenoperator, 2014


Auch eines der Urknallmodelle greift die Idee des zyklischen Charakters der Raumzeit auf, das sogenannte „geschlossene“ Universum, das sich nach einer Zeit der Expansion wieder zusammenzieht, um schließlich in einer Singularität wieder in sich zusammen zu fallen - hier als eine Implosion von Wollfäden inszeniert.

Eine weitere Arbeit, in der zyklisches Verhalten im Raum und in der Zeit ineinander fallen, ist die „Vollmonduhr“, die die Erdumdrehung und die Umlaufzeit des Mondes als Drehung einer Scheibe und Umlauf einer daran hängenden Kette darstellt.

Angesichts dieser allgewaltig wirksamen und in ihrem ganzen Ausmaß unvorstellbaren Kräfte,  Zusammenhänge und Bewegungen stellt sich natürlich die Frage nach dem Standort und Stellenwert des Menschen.

Und hier kommen wir wieder zu dem eingangs erwähnten Blinden Fleck zurück.

Wie wir gesehen haben, gibt es keinen Stillstand im Universum. Ebensowenig scheint es Anfang und Ende zu geben, wenigstens nicht auf eine zeitlich determinierte Art und Weise, die wir zu erfassen imstande wären, - unabhängig von der Frage, ob das Universum nun „offen“ oder „geschlossen“ ist - denn wie soll man sich schließlich etwas vorstellen, was vor der Zeit gewesen ist?
Dennoch denken wir Zustände wie „Stillstand“ oder letztlich metaphysische Begriffe wie „Anfang“ und „Ende“!

Die Physik hat Jahrhunderte gebraucht, bis sie auf dem Feld der Quantenphysik endlich auf die möglicherweise wichtigste Größe überhaupt gestoßen ist: den Beobachter! Plötzlich wurde offensichtlich, daß gewisse Dinge erst in dem Moment in eine beobachtbare Wirklichkeit übergehen, in dem sie tatsächlich beobachtet werden. Denn bis dahin verharren sie lediglich in einem Zustand der Möglichkeit.

Und das trifft nicht nur auf quantenphysikalische Vorgänge zu. In einem sich permanent bewegenden Universum ohne einen zu verortenden Mittelpunkt kann nur dann gemessen werden, wenn von einem Ort aus gemessen wird, den man mit dem Begriff des Stillstands, des Anfangs oder des Endes kennzeichnet: der ruhende Pol, der Bezugspunkt, zu dem man die Dinge in Relation setzt. Und dieser ruhende Punkt ist der Mensch selbst, unser blinder Fleck der Beobachtung.

Hier begegnen wir ein weiteres mal dem zyklischen Charakter der Wirklichkeit: selbst wenn das Universum laut dem aktuellen Forschungsstand offen und nicht geschlossen ist, erleben wir die Inversion in der Wahrnehmung des Universums! Denn schließlich ist unser Bewußtsein nichts vom Universum Unabhängiges. Das Universum hat das Bewußtsein hervorgebracht und blickt durch unsere Augen auf sich selbst zurück! Und in diesem Blick begegnen sich auf kognitiver Ebene auch die nach außen gerichtete Wissenschaft und die nach innen gerichtete Mystik in der Entsprechung ihrer Erkenntnisse und schließen damit den Kreis unserer Erkenntnisfähigkeit.

Um in den Begrifflichkeiten des Jahresthemas „Park & Ride“ zu bleiben, könnte man also den Beobachter, das menschliche Bewußtsein als Parkplatz des Universums bezeichnen, an dem es innehält, um einen Blick auf sich selbst zu richten und seine eigenen Bewegungen zu ermessen.

Im Physiopark von Tan Bartnitzki und Uwe Kraft wird diese Inversion, dieser Punkt, unser Standort, markiert durch das Objekt „Ontologischer Spiegel“, das aus nur drei mit einem Laser aus schwarzem Plexiglas geschnittenen Buchstaben besteht: „I am“. Das ist der Mittelpunkt des Universums, der Mensch, Gott, der Ort an dem der Urknall stattgefunden hat, der Anfang, das Ende - unser fleischgewordener Parkplatz, zu dem wir immer wieder zurückkehren müssen, egal in welche kosmischen Bereiche unser Bewußtsein uns hat blicken lassen.



Bartnitzki & Kraft, Ontologischer Spiegel, 2014


Mit dem „Ontologischen Spiegel“ und der weiter oben erwähnten Schnittstelle von dem nach außen und nach nach innen gewandten Weg der Erkenntnis korrespondiert auch ein Leuchtkasten im Keller mit dem Titel „Kraft/Sterkte/Power“, auf dem das Große Arkanum „Kraft“ aus dem Rider-Waite-Tarot wiedergegeben ist. Davor steht ein einzelnen Stuhl - Aufforderung zur Kontemplation: Eine weibliche Figur, über deren Kopf die liegende Acht, die Lemniskate schwebt, bezwingt mit bloßen Händen einen Löwen. Der Mensch schöpft im Bewußtsein der Unendlichkeit Kraft zum Handeln im Gegenwärtigen.

Bartnitzki & Kraft, Kraft/Sterkte,Power, 2014


Ein Zen-Schüler fragte einmal seinen Meister: „Und was kommt nach der Erleuchtung?“
Der Meister antwortete: „Wasser holen und Holz hacken.“ 



© VG Wort / Dr. Thomas Piesbergen, Mai 2014

Montag, 5. Mai 2014

Tan Bartnitzki feat. Uwe Kraft "Physiopark" - Vernissage mit einer Einführungsrede von Thomas Piesbergen - 6. Mai 2014

Das Künstlerduo Tan Bartnitzki und Uwe Kraft setzen sich mit der Frage auseinander, wie Erkenntnisse der Physik und unsere meist unbewußten Grunderfahrungen damit mittels künstlerischer Prozesse in das Alltagsbewußtsein zurückgeholt werden können.

"Eines Tages kann man die Erde aus einem anderen Blickwinkel betrachten.
Der Mond eignet sich hervorragend dazu. Dort findet die Entschleunigung unserer Bewegungen und Gedanken statt. Hier könnten wir vielleicht auf die Essenz unseres Daseins stoßen. Wie schade dass man da oben bisher nur in einer künstlichen Atmosphäre verweilen kann!" 

(pressetext einstellungsraum)

6. Mai 2014
19:00

Einstellungsraum
Wandbeker Chaussee 11
22089 Hamburg

Mit einer Einführungsrede von Dr. Thomas Piesbergen

Tan Bartnizki feat. Uwe Kraft, Physiopark, 2014

Donnerstag, 24. April 2014

Das Textprojekt bei den HEW-Lesetagen: 8 Geschichten

Nach zwei ausgesprochen schönen Abenden im Rahmen der "Hamburger Energie Wechsel - Lesetage" möchten wir einige Texte, die Teilnehmer der Schreibwerkstatt zum Thema "Zweimal im Leben" verfasst und vorgetragen haben, auf dem Blog zum Nachlesen zur Verfügung stellen.

Viel Spaß mit diesen Fenstern in groteske, komische, düstere, exotische und apokalyptische Textwelten!

Thomas Piesbergen: Das letzte Gericht
Lena Richter: Was einmal war
Petra Stolz: 89290
Christian Diers: Reife(n)prüfung auf der Überholspur
Silke Tobeler: Hadithas Liste
Heiko Eggers: Der zweite Mann
Ilka Volz: 2 mal im Leben
Nicola Nawe: Der längere Weg

Texte der Lesung "Zweimal im Leben": Nicola Nawe - Der längere Weg

Baermann denkt: „Ich auch! Will diesen Job. Ich will auch diesen Job!“ Und er sieht es gleich beim Hereinkommen. Zwei dürre Zeiger machen sich lang und Baermann schießt es durch den Kopf: „Das darf nicht sein!“ Doch Baermann deutet richtig: 10.00 Uhr und nicht eine Minute früher. „Nein“, schreit es in Baermann und gleich darauf: „Doch - ich will den Job!“ Er zettelt in seinen Papieren und sieht die Dreizehn. Dreizehnter Stock und denkt: „Das schaffe ich nicht!“ Denn Baermann kann schon lesen. Jetzt liest er „Aufzug defekt“ und also läuft er los. 
Er sieht sich hinaufeilen, wie er Stufe für Stufe überschlägt und da erscheint Paula in seinen Gedanken. Paula, die einzige, für die er um die halbe Welt laufen würde. 
Lange Jahre, fast ein ganzes Leben war es her, als er sie in dem alten Hörsaal zum ersten Mal bemerkt hatte. Leicht gebeugt über ein Buch saß sie da, in einer blaugeblümten Tunika, die ihr nicht stand und mit der sie so deutlich auffiel, dass Baermann nicht hatte glauben können, der Einzige zu sein, der sie aus der Nähe anschauen wollte. 
Paula saß dort, weil ihr Pate es gewünscht hatte, denn das Paula-Mädchen sollte nach einer elternlosen Kindheit eine größere Zukunft haben. Anders als Baermann, der sich mit Wucht und Wut den Eltern entgegen stemmen musste. Sie wollten keinen Juristen in der Familie, keinen Besserwisser, allenfalls einen armen Musiker. Baermann hatte dennoch diesen Saal erreicht und das erste was er lernte war, dass Paula – blaugeblümt – noch immer ein großes Mädchen war. 
Der zweite Stock rast an ihm vorbei - und weiter. Baermann duldet jetzt keinen Aufschub. 
Bald war es auch mit Paula weiter gegangen, beim zweiten Lerntreff, welches Baermann morgens fast verpasst hatte, weil es so spät geworden war am Abend vorher im Bella Vista. Nie eine Zugabe verweigern war für Baermann der einzige Weg, sein Studium zu finanzieren und er spielte sich mit heißen Fingern einem Leben entgegen, in dem Paula mittendrin war. Kein Geld für den angehenden Besserwisser gab es im Heimatdorf, das ihn lange festgehalten hatte, um doch noch einen Priester aus ihm zu formen. Im Dorf gab es keine Anwälte. Man einigte sich durch monatelanges Schweigen, schaute nach vorn und ließ das Gras wachsen, auf dem Baermann schließlich davongelaufen war.
„Kunstrasen“, denkt Baermann jetzt und liest: „Fünfter Stock!“ Wie viele Minuten nach Zehn mögen es jetzt sein?
Doch Paula hatte an jenem Tag auf ihn gewartet. Sie war nicht mit der Hornbrille von Tisch vier Kaffee trinken gegangen. Paula verstand wenig, doch sie war da und wollte bleiben. Baermann fiel es schwer, das zu glauben und er stürzte sich tiefer in die Strafgesetzbücher, tauchte durch Kommentare und Absätze, denn die waren eindeutig. Paragraphen wurden ihm Halt und Geländer, wenn die dunklen Gestalten nachts an seine Fenster klopften und ihn auch tagsüber nicht mehr verließen mit ihrem Geflüster: „Du wirst nie ein guter Jurist!“
 „Das liebe ich an dir“, hatte das Paula-Mädchen Jahre später gesagt, „dass du nie zweifelst, dass dein Wort echt ist und du mein verlässlicher Held.“ Baermann war sich nun gewiss, dass Paula seine Beständigkeit liebte und seitdem gab es nicht nur die dunklen Gestalten in der Nacht, sondern es herrschte auch die Angst, Paula könnte diesen Dämonen begegnen. Denn dann würde auch sie davonlaufen und Paula zu verlieren wäre stechender als alles andere.
 „Siebter Stock“, liest Baermann, „hört das denn nie auf? Das ist die Hälfte“, zählt er, „mehr als die Hälfte.“ Und weiter läuft er seinem Ziel entgegen.
Nach dem ersten juristischen Staatsexamen hätte Baermann beinahe auf halber Strecke aufgegeben. Die nächtlichen Bassläufe hatten seine Arme ruiniert, weil die Musik längst keine mehr war, sondern Schichtarbeit bis es hell wurde. In diesem Moment war Paula erwachsen geworden. Sie hatte das Erbe ihrer Eltern ohne Innehalten verfügbar gemacht, so dass es jetzt Abende für beide gab, und Abende zum Lernen. Das war Paulas Heiratsantrag gewesen.
Und jetzt rennt Baermann dieser neuen Stelle hinterher, um nicht mit leeren Händen „Ja“ sagen zu müssen. Neunter Stock und er kann nicht mehr. Doch niemand rettet ihn.
Baermann sieht den Erstklässler wieder vor sich, wie er damals über die Felder rannte, über Rüben stolperte, sich schmutzige Knie aufschlug und weiter schlingerte; mit leeren Hosentaschen, in denen kurz vorher noch zwei Mark gewesen waren für des Vaters Zeitung. Die hatte er holen sollen, doch er war Stolle und Benk in die Hände gefallen. 
Sie hatten ihn kopfüber hängen lassen und das Geld war herausgerutscht. Das Baermännchen, wie sie ihn damals nannten, hatte sich stundenlang nicht nach Hause getraut, war verzweifelt in den Furchen auf und ab gelaufen, ohne Richtung, bis ihn der Hunger umkehren ließ. Baermann erinnert sich nicht mehr an die häusliche Hölle danach, doch an diesem Abend war die Entscheidung gefallen: Er wollte für das Recht in dieser Welt eintreten, für seines und später für Paulas und das ihrer gemeinsamen Kinder. 
Elfter Stock. Die Verzweiflung von damals treibt ihn auch jetzt weiter und Baermann denkt immer noch: „Ich will diesen Job, ich will es wenigstens versuchen, auch wenn ich längst schon zu spät bin.“ Noch etwas schneller. Zwölfter Stock, von oben sind Stimmen zu hören. Baermann lockert die Krawatte und liest: „Dreizehnter Stock. Dr. Branko Suderstadt – Vorzimmer.“ Eine Tür öffnet sich, ein Lächeln - nicht von dieser Welt - schaut ihm entgegen. „Nanu“, giggelt das Lächeln, „schon der dritte Bewerber heute im Dauerlauf! Nehmen Sie bitte noch einen Moment Platz, darf es ein Glas Wasser sein?“ Und Baermann nickt, kann kaum schlucken, nur das Wort „Uhr“ rutscht ihm heraus. „Ach ja, die gehen hier alle anders“, trällert das Lächeln und Baermann ahnt etwas. Er sinkt auf einen Stuhl und die Anzeige gegenüber lässt ihn wieder auffahren. Vier Ziffern könnten schöner nicht sein und Baermann liest: „10.00.“
„Pünktlich auf die Minute“, hört er kaum die tiefe Stimme, die von rechts kommt. „Eine interessante Bewerbung haben Sie uns da geschickt. Aber bitte doch, hier entlang.“ Ein fester Händedruck zieht Baermann von seinem Stuhl hoch und er stolpert in ein fremd riechendes Konferenzzimmer. Nimmt Platz und lässt Frage und Antwort an sich vorbeiziehen. Hört sich selbst sprechen, wie aus der Ferne, sieht hier und da ein nickendes Lächeln, nimmt Papiergeraschel wahr. Ein Fenster steht auf Kipp. Die Zeit fliegt und schon ist da wieder dieser kräftige Händedruck, der ihn ins Vorzimmer zurückführt. Zwei Stimmen wechseln sich nun ab, eine hohe, eine tiefe. Bruchstücke erreichen Baermanns Ohr. 
„Jaja, ganz eindeutig!“
 „Ab 1. Mai?“
 „Die Formulare zuschicken!“
 „Kennenlerntreffen organisieren?“ 

Und dann fliegt Baermann zum zweiten Mal an diesem Tag durch dreizehn Stockwerke, nun in umgekehrter Richtung. Er tritt in die Sonne hinaus, da winkt Paula. Sie schwenkt blaue Blumen, sie lächelt fragend und Baermann hört sich antworten: „Ja, Paula. Jetzt ja!“

Lektorat: Thomas Piesbergen


Zu anderen Geschichten der Lesung, bitte hier klicken

Texte der Lesung "Zweimal im Leben": Ilka Volz - 2 mal im Leben

Thilo rannte. Er drückte seinen kleinen Schatz dabei fest an die keuchende Brust. Die Strasse war uneben. Schutt und Müll formten aus seinem Weg einen Parkour mit Hindernissen. Er schlitterte über Steine und Schotter und geriet ins Straucheln. Ein Adrenalinstoß floss brennend durch seinen Körper. Er fing sich und rannte weiter.
Nicht stürzen, nicht!
Er würde seinen Vorsprung verlieren und den brauchte er, dringend. Denn die runde Metalldose in seinen Händen gehörte nicht ihm, und sie durften ihn nicht einholen.

Der Raum war klein, die Decke hing niedrig und die Wände rochen nach feuchtem Kalk. Hier unten war es kalt und dunkel. Sie zog sorgfaltig die zerlumpte Decke fester um die Schultern, ohne den Eingang auch nur für einen Augenblick aus den Augen zu lassen. Die Kellertreppe führte steil nach oben. Der Eingang war gut versteckt. Er lag in einer dunklen Ecke des Hofes einer kleinen, verlassenen Vorstadtschule. Reste vereinzelter Mauern des Schulgebäudes ragten in den grauen Himmel und zeichneten lange, dunkle Schatten über den einsamen Platz. Der Kellereingang war kaum sichtbar gut verborgen zwischen dem Müll, verschlossen von einer eisernen Tür. Sie bot Schutz und den Hauch von Sicherheit. Dennoch, es war nur eine Tür. 
Wenigstens konnte man sie nicht ohne Lärm öffnen. Sie hing schwer in Angel und knarzte bei jeder Bewegung ein rostiges Lied.
Sie wäre gewarnt, sobald jemand käme. Sie wäre vorbereitet.
Ihre kleinen Finger schlossen sich fest um den Hammer, der immer griffbereit neben ihr unter einem Haufen Lumpen lag.

Sie hatten bewusst ein Versteck in der abgelegenen Vorstadt gewählt. Niemand traute sich mehr in die großen Städte – und auf dem Land... Das Land gab es nicht mehr. Aus Wiesen und Wäldern war ein graues Nichts geworden. 
Dieses Grau verspottete die letzten Lichtstrahlen, die noch vereinzelt durch die diesige Suppe die den Himmel verdunkelte, brachen. Es schluckte jede Farbe, jede Wärme, jedes Lachen. Es waren sowieso nur noch wenige übrig und denen war selten zum Lachen zumute.
Zuerst kamen die Algen. Keiner wusste genau woher. Sie waren rot und bedeckten die Meere. Ein schleimiger, dichter Teppich moderte kilometerweit. Die Algenkolonien verbreiteten sich schneller, als ein Haufen Hafenratten.
Das gesamte Ökosystem der Meere kippte. Dann das Klima und mit ihr das Leben an Land.
Niemand hatte eine Erklärung. Die Nationen und Umweltschutzorganisationen überhäuften  sich gegenseitig mit Theorien und Anschuldigungen. 
Sie erinnerte sich noch gut daran, als einige Wissenschaftler den Algen auserirdische Intelligenz und Herkunft andichteten.
Ihre Eltern hatten lange darüber diskutiert und gewitzelt. Damals lachte man noch.
Ihre Mutter war ganz auf der Seite einiger Umweltaktivisten, die recht einleuchtend ihre Theorie der Selbstverschuldung erläutern konnten. 
„Nein, nein, mein Lieber.“ hatte sie damals zu ihrem Vater gesagt. „Wir brauchen niemanden, der uns ausrottet, auch keine Alien-Algen. Das können wir selbst am besten. Die Presse streut wilde Gerüchte und die Konzerne und die Regierung machen sich gar nicht mehr die Mühe, diese zu dementieren. Ein verzweifelter Versuch der Schuldzuweisung. Wir hatten die Wahl, die Dinge zu ändern, manchmal muss man eine Entscheidung direkt treffen, „irgendwann“ ist es zu spät. Mache Chancen bekommt man nur einmal im Leben. 

Ihren Eltern blieb nicht mehr viel Zeit, ihre Diskussionen fortzuführen. Ihr Vater kam nach dem Versuch Vorräte aus der Stadt zu besorgen nicht zurück, und als ihre Mutter sich auf die Suche machte, verschwand auch sie.
Aber sie waren immer noch zu zweit. Als die Kämpfe lauter wurden und näher kamen floh Thilo mit ihr.
Sie dachte an Thilo. Er würde wieder kommen, ganz sicher. Thilo gab niemals auf. Auf ihn konnte sie sich verlassen. Selbst hier unten in diesem Loch verlor er nie seine Hoffnung.
Als der Hunger zu groß wurde, suchte er auf den feuchten Steinen, kratze Pilzkulturen zusammen und teste sie auf ihre Essbarkeit. Einige verursachten furchtbare Krämpfe, andere füllten für kurze Zeit den Bauch. 
„Ich würde auch die verdammten roten Algen essen, wenn das Meer nicht so weit weg wäre. Die leben immer noch, anscheinend brauchen sie die Sonne nicht.“ hatte Thilo gesagt.
„Nein, das würdest du nicht!“ hatte sie widersprochen. „Einige haben es versucht, sie zu essen, als nichts anderes mehr übrig war. Es heißt, sie erleichtern und beschleunigen das Sterben ganz erheblich.“
Er durfte nicht sterben, er durfte sie nicht auch noch verlassen. Sie wartete, jedes Zeitgefühl war ihr abhanden gekommen. Er schien bereits ewig fort, doch ihr blieb nichts anderes übrig, als zu warten. Zu warten und zu hoffen.

Thilo rannte weiter. Er konnte sie nicht mehr hören, sie waren weit zurückgefallen. Dennoch hatte er  Angst. Er war noch nie erwischt worden, doch er war auch schon lange nicht mehr so schnell und ausdauernd wie zu Beginn. Sein Puls raste, seine Beine schmerzten und schrieen nach einer Pause. Er wurde langsamer und versuchte seinen Atem zu beruhigen. 
Im kühlen Grau der Horizonts zeichnete sich das Betonskelett der zerfallenen Schule ab, ihr Versteck war ganz nah.
Er hatte die Gruppe stundenlang beobachtet. Sie besaßen einen Wagen und der war mit kostbarer Fracht beladen. 
Er hatte gewartet, sich versteckt gehalten und sich verborgen im Schatten Stück für Stück vorgewagt. Und dann war er in den letzten Minuten unvorsichtig geworden, auf dem letzten Meter hatten sie ihn entdeckt. Er konnte gerade noch in die offene Wagentür greifen und sich das Erst beste schnappen, was er erwischen konnte. Und dann musste er rennen und sie waren lange dicht hinter ihm gewesen.

Ein ganzer Tag Suche, stundenlanges Warten, Beobachten und Geduld und was blieb ihm? Eine Dose Erdnüsse. Haltbar bis mindestens 2018. Er schüttelte die Dose. „Das wirst du nicht mehr erleben, Schätzchen.“
Er trat in den Schatten der Mauern und lehnte sich erschöpft an die Tür, das kalte Metall im Rücken, die kühle Metalldose in den Fingern. 
„Hinter dieser Tür sitzt Ella,« dachte er. „Meine kleine Schwester, die unten auf mich wartet, schmal und schmutzig, immer frierend, in der Hoffnung das ihr Bruder noch etwas findet und bald zurückkehrt.“ 
Doch auch er war am Ende, er konnte keine Hoffnung mehr verbreiten. Sie nicht mehr aufmuntern. Es gab keine Hoffnung. Er konnte die Anstrengung, den Schein zu wahren kaum noch ertragen. Er konnte sich selbst kaum noch auf den Beinen halten und musste dennoch immer laufen, immer rennen. Rennen und suchen, stehlen und fliehen.
Dort unten Ella und in seiner Hand die Dose. Der Hunger brannte schon lange nicht mehr, er war einem ewigen Verlangen gewichen. Einer so großen Leere, die keinen Schmerz mehr spürte. Langsam drückte er den Metallring nach oben und zog. Mit einem frischen Knacken öffnete er den Deckel und hob die Dose dicht vor das Gesicht.
Bei dem Duft schwindelt ihm. Es gab kein zurück, er hätte sie niemals hier oben öffnen dürfen, er hätte ... Trocken, salzig. Er konnte nicht mehr klar denken. Es dauerte keine drei Minuten, dann war die Dose leer.
Er starrte entsetzt auf das leere Gefäß und glitt langsam mit dem Rücken an der Tür in die Hocke.
Sie hatten seit Tagen nichts gegessen und er musste doch immer so viel laufen und rennen. Er konnte doch nicht anders. Aber Ella, sie würde nicht mehr lange durchhalten. Sie war zu klein, zu schmal zu,...
Er kickte die leere Dose mit einem zornigen Tritt von sich. Sie schepperte laut über den Asphalt. Ein unschuldiges Geräusch, das sich im Echo der grauen Mauern vervielfältigte. »Früher haben die Kinder hier sicher Fußball gespielt«, dachte er. Die Dose schraddelte laut über den verlassenen Schulhof.
Jemand schrie. „Da, dort ist er.“ Thilo zuckte zusammen, aber es war zu spät. 
Schritte. Zwei kräftig Arme packten ihn und zerren ihn nach oben.
Der zweite Mann kickte die Dose weiter über den Platz »Leer!«
Er ging langsam auf Thilo und den Mann der ihn festhielt zu.
„Macht nichts, wir haben jetzt was besseres.“ sagte der erste.
Thilo schloss die Augen. „Wäre ich bloß im Schatten nach unten geschlichen. Sie hätten uns dort nie gefunden. Ich hatte einen guten Vorsprung. Hätte ich doch nicht, ... Wäre ich doch. Oh Gott, Ella ...“

Der zweite Kerl stand nun direkt vor ihm. »Man sieht sich immer zwei mal im Leben, du Arsch!« Er trat ihn in den Magen. Thilo sackte röchelnd zu Boden. »Und in dieser Welt, ist das zweite mal das letzte Mal«

Lektorat: Thomas Piesbergen

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Mittwoch, 23. April 2014

Texte der Lesung "Zweimal im Leben": Thomas Piesbergen - Das letzte Gericht

Was sind das für Glocken? Was sind das für entsetzliche Glocken? Wollen sie denn gar nicht mehr aufhören? Wer läutet sie denn? Ich habe doch niemandem befohlen zu läuten! Und ich kenne ihren Klang nicht! Was ist das für ein fürchterlicher Ton! In wessen Kirche duldet man so einen entsetzlichen Ton?
Pater Gerhard Wenzel versucht sich in der Finsternis aufzurichten, doch er findet seinen Körper nicht. Etwas Großes, Schweres, Kaltes ist da, etwas Leeres, aber seinen Körper spürt er nicht.
Doch etwas ist noch da, wie ein Funken, wie eine Mondsichel: ein feiner Schmerz; der Daumennagel seiner linken Hand, fest in den Knöchel des Zeigefingers gekrallt, darüber ein Saum, die dünne Lage eines Tuchs, und darunter - da ist auch etwas darunter. Jetzt spürt er es ganz genau: etwas Weiches, das sich hebt und senkt. Atem. Herzschlag.

Er versucht die Augen zu öffnen. Endlich sickert ein klebriges Grau in die Finsternis, unscharfe Schatten, ein heller Streifen. Das ist nicht Nuestra Senora de la Concepcion. Wo bin ich? Was ist mit mir passiert? Was sind das für schrecklich Glocken?
Er versucht den Mund zu öffnen. Mit einem trockenen Schmerz klaffen seine Lippen auseinander. Er versucht um Hilfe zu rufen, doch ein dicker, lebloser Klumpen liegt vor seiner Kehle. Nur ein schwaches Stöhnen hallt kurz und kalt von den nackten Wänden wieder.
Oh, mein Gott, was ist mit mir geschehen? Was hast Du mit mir gemacht?
Eine unbändige Kraft, eine Zusammenballung von Angst und Wut steigt ihm in die Brust. Das Stöhnen wird lauter. Es schwillt an zu einem Grunzen, einem wütenden Heulen, das in seiner Kehle brennt. Oh, mein Gott, was hast Du mit mir gemacht? Warum hast Du mir meinen Körper genommen, warum hast Du mir meine Stimme genommen, was hast Du mit meinen Augen gemacht? An welchen schrecklichen Ort hast Du mich geworfen?
Seine Stimme reibt sich wund an einer Dürre wie Sandstein, die von den Lippen hinab bis tief in seinen Rachen gekrochen ist. Er stöhnt, keucht, er weiß nicht wie lange, bis der Furor seine Kraft aufgezehrt hat und auch seine ungehörte Stimme endlich ganz versiegt. Wenigstens hat sie das Dröhnen der Glocken mit sich genommen. Nur ein leiser Nachhall davon ist geblieben, ein stetes, modulierendes Pfeifen, das von einem Ohr zum anderen pendelt.
Erinnere dich! Erinnere dich! Was ist gewesen vor den schrecklichen Glocken, vor der Dunkelheit, vor der Leere, dieser unerträglichen Leere?

Pater Wenzel liegt nun ganz still da und starrt in das verwaschene, unbarmherzige Grau. Langsam lichtet sich seine Erinnerung. Es ist, als steige er aus einer ozeanischen Tiefe hinauf in eine Dämmerung der Bilder. Der Flughafen von Bogota. Der fahlgesichtige junge Mann auf dem Sitz neben ihm. Die Spielzeugkulisse von Köln in der jähen Tiefe vor dem Fenster. Der Fleischerblick des Zollbeamten, und dann die Hügel, die Felder, die sauberen Häuschen wie aus einem Sack über die Landschaft geschüttet, und dann höher hinauf in den Wald.

Er hat es doch nur noch einmal sehen wollen, das Dorf, die alte wuchtige Kirche, weißgetüncht wie das Pfarrhaus, die Schieferdächer. Ist er nicht dort gewesen? Hat er sich nicht auf den Rand des Dorfbrunnens gestützt, nachdem er dem Taxifahrer die grotesk hohe Summe in die Hand gedrückt hat? Ja, ich erinnere mich. Die Hitze ist es gewesen. Ich habe mich zum Wasser gebeugt, um mein Gesicht zu waschen, so wie ich es damals immer getan habe… Oh, mein Gott, das Wasser! Gib mir doch von diesem Wasser! Ist denn da niemand? Laß mich davon trinken, bevor ich wieder darin versinke! Wo sind denn nur die Menschen? Oh, Herr, schicke mir einen Menschen! Schicke mir einen, nur einen!
Von der Stirn und den Schläfen kriecht die Finsternis wieder an ihn heran. Er sinkt, tiefer und tiefer und der schmutzige graue Fleck, das Fenster in die Welt, zieht sich zusammen.

Als Pater Wenzel wieder zu sich kommt, dümpeln Stimmen auf der Oberfläche seiner Dunkelheit. Auf seinem linken Arm spürt er einen kalten Druck. Oder ist es ein Schmerz?  Er versucht seine Augenlider zu öffnen, aber sie sind schwer wie geronnenes Harz. Die Stimmen sind fremd und wie aus Teig, formlos, weich, doch ihre Melodie ist ihm vertraut. Aus ihrem verhaltenen Singsang lösen sich einzelne Silben, einzelne Worte. Er kennt diese Art zu reden. Nicht nur die Melodie der vertrauten Mundart.

Nein. Nein, es mußt ein Irrtum sein! Da ist sicher noch jemand, dem gerade die Hand auf die Stirn gelegt wird, jemand anderes, über dessen Haut sich die kalte Membran des Stethoskops tastet, wie eine Münze, jemand anderes, über den die Stimmen sprechen.
Er hört sie immer deutlicher. Er erkennt den Tonfall professioneller Anteilnahme, die Beiläufigkeit, mit der lateinische Versatzstücke in den Strom der Worte eingeflochten werden. So oft hat er schon andere auf diese Art sprechen hören, die an den Grenzen ihrer Kunst angelangt waren und ihre Anbefohlenen an ihn übergeben haben. Es ist der Tonfall der Resignation aller weltlichen Kunst und ihrem Kniefall vor der endgültigen Macht des Herrn.

Die Verschlüsse der Arzttasche schnappen zu, ein Stuhl wird gerückt. Dann lassen sie ihn wieder allein.

Oh nein, lass es nicht zu! Laß sie nicht gehen! Laß mich nicht allein hier zurück! Zurück mit diesem… Warum, O Herr, warum? Willst Du mich so bestrafen? Waren meine Dienste nicht hart genug? Habe ich nicht mein Leben riskiert, um Dein Wort zu predigen? Habe ich mich nicht an die Pforten der Hölle begeben, an den Rand der Welt, habe ich nicht all dem Wahnsinn, der Verblendung, all dem Morden getrotzt? Zu Deinem Ruhm habe ich Nuestra Senora de la Concepcion gegründet, umzingelt von Gewehrläufen und meine Herde standhaft geführt durch alle Gewalt! O Herr, ich weiß, auf jedem von uns lastet die Sünde, aber siehst Du nicht, was in der anderen Waagschale liegt? Siehst Du nicht, was ich getan habe? Hättest Du mich doch sterben lassen, als die Muchachos das Pfarrhaus anzünden wollten, damals, oder als sie die Geisel in der Kirche verstecken wollten. Für Deinen Ruhm hätte ich mein Leben mit Freude hingeben, aber so? Als elender Rest, gefangen in der Hülle eines absterbenden Körpers? Mit gelähmter Zunge, daß ich nicht einmal mehr eine Messe halten kann, ein Gebet sprechen - daß ich nicht beichten kann...

Ein leises Grauen, eine plötzliche Einsicht schiebt sich wie kalte Finger unter seine Kopfhaut. O Herr. So hast du es also beschlossen. Hier wird es enden, wo es angefangen hat. So elend, so banal, so allein. Als Fremder in der Heimat
Aber ich werde bekennen. Vor Dir, mein Gott. Laß mich nicht ohne die letzten Sakramente sterben! Es war doch immer eine gottesfürchtige Gegend, so weit weg von all der Verkommenheit der Städte. Es werden doch noch immer fromme Menschen sein. Sie werden doch niemanden sterben lassen, ohne einen Priester zu schicken, nicht wahr, mein Gott? Das kannst Du doch nicht zulassen! Ich werde vor Dir bekennen!


Pater Gerhard Wenzel wendet den Blick - wohin? Er spürt einen Widerwillen, ein stures Beharren. Was gibt es zu bekennen? Wende den Blick zurück, zwinge Dich zurück zu schauen!

Da ist das Dorf, das weiße Dorf unter den schwarzen Schieferdächern, umschlossen vom kräftigen Sommergrün der Baumkronen. Da ist der Schuppen des Pawlak´schen Hofs, die Eier, vierzehn Stück waren es, in gelben Schlieren auf dem neuen, leuchtenden Putz… ja, Herr, gestohlen habe ich  da und Deine Gaben verschwendet, mutwillig, kindisch… Nein, nein, aber dafür habe ich vierzehn Rosenkränze aufbekommen, für jedes Ei einen, und das Taschengeld von zwei Wochen. Zu lange ist das her… ich habe Buße getan...
Er spürt, wie sich sein Geist windet, wie er voran drängt, voran, voran. Das eine Jahr in Köln, dann die Studienjahre im Konvent, die Bilder wie Herbstlaub. Nein, keine Reue. Nichts, von dem er noch Rechenschaft ablegen müßte. Denn immer wieder ist da der gemusterte Schatten des Beichtstuhls in seiner Erinnerung. Wie der Teufel hat er da gebeichtet, jeden Groschen, den er gefunden und eingesteckt hat, statt ihn in den Opferstock zu geben, jeden ungerechten Vorwurf, den er seinen Kommilitonen gemacht hat, jeden unkeuschen Gedanken, jeden Traum hat er gebeichtet.
Mein Innerstes habe ich Dir offenbart, mein Gott! Dir und Deinen Dienern. Niemand hat sich so zu seinen unkeuschen Gelüsten bekannt, wie ich, niemand hat Dir sein Herz so vorbehaltlos dargeboten. Und mit welcher Seligkeit, mit welcher stillen Lust hast Du mich dafür beschenkt! So geläutert hast Du mich, mein Gott, daß ich bereit war, all das aufzunehmen, was man mir später zutrug, als ich wieder zurückgekehrt bin, und ich selbst schweigen mußte.

Und war ich nicht ein guter Hirte? Vielleicht hatte ich es zuerst allzu leicht, denn ich bin unter Freunde zurückgekehrt, aber ich mußte doch auch all ihre Last tragen. Und habe ich je all die schmutzigen kleinen Geheimnisse, die in ihren Seelen umher spukten, über meine Zunge kommen lassen? Ich habe ihre Last getragen und mit ihren Begierden und ihrer Lüsternheit leben müssen, mit ihrer Verkommenheit, die unter den schwarzen Schieferdächern eingeschlossen war wie in Gräbern!

Und ich habe mich der Kinder angenommen und sie auf den rechten Pfad geführt. Vielleicht hat es da manchmal ein strenges Wort gegeben, in der Sakristei... in der Sakristei…  aber weißt du noch, welchen Namen sie mir gegeben haben? Dompfaff nannten sie mich. Und wie haben wir miteinander gesungen, wenn es auf Ausfahrten in den Wald ging. Da war dann doch immer wieder alles gut. Ich war dann doch wieder wie einer von ihnen. Ich war ihr Dompfaff. Man gibt doch nur den Seinen solche liebevollen Spitznamen. Und alle habe ich sie zur Gottesfurcht erzogen… das eine oder andere schwarze Schaf ist da wohl gewesen... Aber vielleicht mag ja sogar einer mir auf dem Weg zu Dir gefolgt sein, mein Gott! Und den magst Du auch in die Waagschale werfen!

Mit einem erleichterten Seufzen läßt er die Erinnerung an die zweiten Jahre in der Heimat hinter sich. Atemholen. Sein Herz geht unregelmäßig und überraschend heftig, als habe er einen Anstieg überwunden. Das Pfeifen kehrt zurück und pendelt beharrlich zwischen seinen Schläfen hin und her. Er droht wieder zu versinken.
Nein! Ich muß wach bleiben! Sieh her, mein Gott, ich weiche nicht! Ich erfülle meine Pflicht in Deinem Angesicht! Ich bekenne…

Er betritt einen anderen Raum seiner Erinnerung, die erste Zeit der Mission, Obervolta, nur Hitze, Moskitos und Kakerlaken, dann Niger, Malaria, der Ärger mit den Franzosen, die Erinnerungen wie überbelichtete Photos, dunkel vor der drückenden Sonne, aber ohne Schatten. Weiter! Weiter! Voran! Noch einmal Köln, nur wenige Monate, und dann - Kolumbien.
Vor sich sieht er den schlanken Turm von Nuestra Senora de la Concepcion.
Hier, mein Gott, habe ich Dein Werk vollbracht, all die Jahre, all die langen, grausamen Jahre habe ich durchgestanden. Habe Dir ein Haus gegeben, Dir und meiner Herde, habe sie gehütet in Deinem Namen. Herr! Hier bin ich! Ich kann von keiner weiteren Schuld sprechen, die ich auf mich geladen habe! So erhöre mich und erlöse mich von diesem Leid! Gib mir Deinen Segen und hole Deinen treuen Diener zu Dir, damit ich…

Pater Gerhard Wenzel hält inne. Wie flüssiges Wachs spürt er es aufsteigen. Da ist sie wieder, die alte Inbrunst, die alte Lust der Selbstanklage.
O Herr, Du mein Gott, wie verblendet ich bin. Wie verblendet ich war! Die Superbia, die erste der sieben Sünden habe ich auf mich geladen! War ich hochmütig? War ich selbstgerecht? Ja, ich war es, ich habe mich über andere erhoben! Im Konvent wollte ich die anderen mit meiner Frömmigkeit beschämen, wollte ihnen zeigen, wie tief wahre Gottesliebe reicht. Und habe ich mich später über meine Nachbarn erhoben? Ich war ihnen ein guter Priester, aber in meinem Herzen habe ich auf sie hinab geschaut. Arrogant war ich. Und in Afrika. Ja, ich habe sie in ihrer Schlichtheit, ihrem Aberglauben und in ihrem Stupor belächelt, sie im Stillen meine Negerlein genannt. Und die Franzosen, wie habe ich sie für ihre Blasiertheit verachtet.
Ich habe mich über meine Brüder erhoben, O Herr, ich habe Schuld auf mich geladen, Ich habe Schuld auf mich geladen und neige mein Haupt vor Dir. Erlöse mich armen Sünder. Vergib mir meine Schuld wie auch ich vergebe meinen Schuldigern, und führe mich nicht in Versuchung… Gib mir ein Zeichen, O mein Gott, gib mir ein Zeichen, daß Du diese Sünde mit Deinem Blut von mir gewaschen hast, denn ich bekenne mich zu Dir! Gib mir ein Zeichen und hole mich zu Dir, damit ich an Deiner Seite sitzen kann, in der Gemeinschaft der Heiligen!

Pater Gerhard Wenzel sinkt in eine eigentümliche Ruhe zurück. Die dunkle Flut steigt. Sie hüllt die verlorenen Worte des Vaterunsers ein, des Ave Marias. Wie Nachtfalter taumeln sie durch die wachsende, kühle Finsternis.
Schritte auf dem Flur. Stimmen.
Die bleichen Falter suchen einander, finden sich, schließen sich zusammen wie zu einer dichten Blütentraube, zu einem Bewußtsein, einer letzten Insel in der Finsternis. Pater Gerhard Wenzel lauscht. Da geht die Tür. Die Stimme des Arztes, die Stimme eines anderen Mannes.  
Wen schickst Du mir, mein Gott?

Jemand betritt den Raum mit festen Schritten. Er spürt den kurzen, ziehenden Schmerz, mit dem der Arzt ihm die Nadel des Zugangs aus der Ader zieht. Die Tür wird geschlossen, Schritte entfernen sich auf dem Korridor. Ein Stuhl wird nah an das Bett gerückt. Eine Hand ergreift die seine. Sie schiebt etwas zwischen die schlaffen Finger. Perlen, eine Kette, das Kreuz.
O Herr, Du mein Gott, Du schickst mir ein Zeichen! Du hast mir einen Priester geschickt! Laß mich den Rosenkranz noch einmal beten! Laß mich eintreten in die Gemeinschaft der Heiligen!

„Mein Name ist Pater Engerlin. Lassen sie uns gemeinsam beten.“
Die Stimme des Paters ist wie ein altes, vertrautes Lied, die Melodie des Waldes, des Dorfes. Er ist einer von Ihnen. Schau, er ist Priester geworden! Ich habe ihn zu Dir geführt, mein Gott! 
Die Hand des Paters läßt die Perlen durch die seinen gleiten. Im Stillen spricht er jede einzelne Silbe nach.
„Ich glaube an Gott den Vater, den Schöpfer des Himmels und der Erde…“
Er gewährt mir die letzten Sakramente, ich danke Dir, mein Gott!
Der Ozean aus Kälte und Dunkelheit rollt mit großen Wogen an den schwindenden Strand.„...empfangen durch den Heiligen Geist…“
Er wird mir seinen Segen geben, mir Ablass gewähren!
Der Puls bleibt aus, kehrt wieder, wird überrollt von den näher kriechenden, stummen Wellen.
„... gekreuzigt, gestorben und begraben, am dritten Tage auferstanden von den Toten…“
Sieh her, mein Gott, wenn er mir vergibt, wie solltest Du mir da nicht auch vergeben können?
Die Luft entströmt den Lungen, weich, wie die Hand einer gütigen Mutter sich von dem schlafenden Kind zurückzieht.
„Von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten…“
An Deiner Tafel werde ich sitzen, Du mein Gott!
Ein Zittern in der Hand. Jeder Pulsschlag wie ein stürzender Fels in die lichtlose, stille Flut.
Warum spricht er nicht weiter? Ich glaube an den Heiligen Geist! Sprich doch weiter!

Pater Gerhard Wenzel spürt, wie die der Rosenkranz Perle um Perle aus seiner schlaffen Hand gezogen wird. Die Stuhlbeine schurren heftig über den Boden. Schritte. Zögernd. Vor. Zurück.
Erlöse mich! Sprich weiter! Vergebung der Sünden! Die Vergebung der Sünden!

Pater Engerlin neigt sich zu dem Sterbenden herab, streicht ihm über die Stirn, streicht ihm die Haare hinter das Ohr und beugt sich so nah zu ihm hin, daß er ihn mit seinen Lippen beinah berührt.
Nur noch eine Handvoll Sand ist da, eine Handvoll Staub am Rande der Ewigkeit.
Sein Flüstern reicht kaum weiter als sein Atem geht. „Ich habe die Sakristei nicht vergessen, Dompfaff. Ich habe die harte Bank hinter dem großen Taufengel nicht vergessen. Ich bin schon an dem Ort gewesen, an den Du jetzt gehen wirst, Dompfaff, ich bin dort mein Leben lang gewesen. Und deshalb gebe ich Dir jetzt das letzte Geleit, im Namen des Herrn. Es gibt keine Vergebung. Fahr zur Hölle, Dompfaff. Fahr zur Hölle!“

Und dann nur noch Dunkelheit. Kälte. Stille. Von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen


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