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Donnerstag, 28. November 2013

Eröffnungsrede zu Sabine Rehlichs "Zäsuren", 28.11.2013, Einstellungsraum e.V. im Rahmen des Jahresthemas "Schneisen"

Eröffnungsrede zu Sabine Rehlichs "Zäsuren"
28.11.2013, Einstellungsraum e.V. im Rahmen des Jahresthemas "Schneisen"
Dr. Thomas J. Piesbergen


Bei unserem ersten Treffen bat mich Sabine Rehlich, die Einführung in ihre Arbeit kurz zu halten. Sie wollte, daß die Besucher der Installation „Zäsuren“ unvoreingenommen begegnen können, und daß eine unmittelbare Interaktion von Betrachter und Werk ermöglicht wird, ohne daß ein interpretativer Filter vorgegeben ist.



Die Ursache des Wunsches liegt in dem intuitiven Prozess, in dem die einzelnen Elemente der Installation  entstanden sind. Rehlich ließ sich dabei einerseits von Material leiten, andererseits von dem Format, das bewußt in Anlehnung an die Dimensionen menschlichen Körpers gewählt worden ist. Im Gegensatz zu der Arbeit an kleinen Formaten, die vor allem durch den Formwillen der Künstlerin bestimmt wird, haben sich diese Bilder, so Rehlich, nahezu „von selbst“ gemalt. 
Zum einen werden sie auf dem Boden liegend gemalt, was bestimmte Bewegungsabläufe erfordert. Zum anderen wird die Farbe von dem Malgrund sehr schnell aufgesogen, weshalb sehr schnelles Arbeiten notwendig ist. Auf diese Weise bestimmt also der Malprozess selbst das Ergebnis maßgeblich.



Übersetzen wir diese Konstellation in die Sprache des Philosophen Johann Gottlieb Fichte, haben wir es hier mit einem Ich zu tun, das sich einem Nicht-Ich handelnd stellt.
Fichte, in dem man einen Vorläufer des radikalen Konstruktivismus sehen kann, hatte einen großen Einfluß auf die romantischen Schriftsteller, allen voran auf Friedrich von Hardenberg/Novalis.



Novalis verstand unter dem Nicht-Ich vor allem die der Humanitas gegenübergestellte Natur, in der er aber gleichzeitig wieder eine Entsprechung für das menschliche Miteinander sah. So heißt es in den Lehrlingen zu Sais (Kap. II, Natur): „Man steht mit der Natur gerade in so unbegreiflich verschiedenen Verhältnissen so wie mit den Menschen.“

Dieses Unbegreifliche versuchte von Hardenberg zu überwinden und sein Mittel dazu war die artifizielle Konstruktion, die Ordnung des Menschen, die die Natur zähmen und sie so in einen „Geheimniszustand“ überführen sollte, in dem der Mensch sein Inneres wieder erkennen könne. Die Natur sollte Repräsentation des menschlichen Seelenlebens werden.



Wir haben es aus der Sicht Hardenbergs also mit einer Opposition zu tun, auf deren einer Seite das Wilde, Chaotische, Natürliche steht, auf der anderen Seite der Wunsch des Menschen das Chaos zu ordnen, bzw. die Prinzipien der Ordnung im scheinbaren Chaos aufzuspüren und hervorzuheben. Und das nicht nur mit den Mitteln der Dichtung! Vor allem in der Mathematik sah er ein Instrument, sich dem Göttlichen, der inneren Ordnung der Natur, zu nähern. Er bezeichnete sie als „höchste Religion“ und sah in der Mathematik den „Hauptbeweis der Sympathie und Identität der Natur und des Gemüts.“



Diese Opposition finden wir auch auf den Satinbahnen der „Zäsuren“ von Sabine Rehlich wieder. Wir finden das Raster, den noch heute ungebrochen gültigen Ur-Ausdruck menschlichen Ordnungswillens, der uns bereits auf Felsritzungen möglicherweise seit dem Mittelpaläolithikum, sicher aber seit dem Jungpaläolithikum, also ab 30.000 v. Chr. entgegentritt.



Diese Felsritzungen stellen den ersten dokumentierten Versuch dar, der Lebenswirklichkeit des Menschen ein Ordnungsschema zu geben, das ihm zudem ermöglicht, die so geordnete Lebenswirklichkeit zu anthropomorphisieren. Noch heute finden wir vor allem in Asien solche Ordnungsraster, die dem menschlichen Körper entsprechen, allen voran das indische Vastu-Purusha-Mandala, ein magisches, gerastertes Quadrat, das den zu Boden gedrückten Leib des Urmenschen darstellt, aus dem die Erde geschaffen worden ist. Auf diese Parallele zwischen Raster, Rechteck und dem menschlichen Körper stoßen wir auch, wie bereits weiter oben erwähnt, in Sabine Rehlichs Arbeit in Form der menschlich dimensionierten Formate der „Zäsuren“.





Andererseits sind auf den Tüchern Geflechte zu sehen, die an Wurzelwerk gemahnen, an den Blick durchs Geäst, an zellulares Gewebe, also an das Wilde, vom Menschen Nicht-Geordnete. Genauso können diese organischen Strukturen aber auch als Zusammenbrüche des ordnenden Rasters gelesen werden, als eine Rückkehr oder Rückführung in den natürlichen, organischen Zustand.

Ich selbst fühlte mich sofort an die verwüsteten Stahlbewehrungen erinnert, die nach dem Anschlag auf das World Trade Center aus dem Ground Zero ragten - so wie die Raster spontan die Assoziation mit Hochhäusern und die Installation Assoziation mit Straßenschluchten wachrufen.


Tatsächlich war ein Besuch in New York eine wichtige Inspiration für Sabine Rehlich - sowohl die beindruckenden Schneisen durch den „Großstadtdschungel“ der Wolkenkratzer, also die Versuche, die urbane Wildnis zu ordnen, als auch die Stahlkonstruktionen, vor allem die der Art Deco-Zeit, in denen die organischen Formen des Jugendstils weiterlebten und die so wiederum eine angestrebte Synthese von menschlichem Konstruktionswillen und natürlicher Selbstorganisation in sich tragen.



In diesem Kontext kann man die „Zäsur“, den Einschnitt, die Schneise, die oft als etwas Destruktives, als Ergebnis eines Akts der Verwüstung begriffen wird, als etwas Notwendiges verstehen; etwas, das wir brauchen, um die Wildnis der natürlichen und menschlichen Wirklichkeit zu ordnen; um dem Menschen zu ermöglichen, das Unbegreifliche, das sein Ich vom Nicht-Ich trennt, zu überwinden, sich in der Wirklichkeit zu orientieren, sich wieder darin zu erkennen, damit er, wie Hardenberg, im Äußeren das in den Geheimniszustand erhobene Innere entdecken kann, und im Inneren das in den Geheimniszustand erhobene Äußere, und ihm dadurch ermöglicht wird, Ausgleich und Übereinstimmung seines Selbsts mit der umgebenden Wirklichkeit herzustellen.



In diesem Sinne spricht aus Sabine Rehlichs Bildern die Hoffnung, der Mensch möge imstande sein, eine Ordnung zu finden, die ihm erlaubt, in der Wirklichkeit heimisch zu bleiben oder wieder zu werden und auf diesem Wege zu überleben.



Dr. Thomas J. Piesbergen, November 2013