Die Schreibwerkstatt "Das Textprojekt" bietet in regelmäßigem Rhythmus neue Kurse an. Oktober-Dezember: Kursabschnitt 1 / Januar-Februar: Kursabschnitt 2 / März-April: Kursabschnitt 1 / Mai-Juni: Kursabschnitt 2 / August - Oktober: Kursabschnitt 3 - Anmeldung unter: thomas.piesbergen (at) gmx.de

Donnerstag, 26. September 2013

Rezension: "Die Tausend Herbste des Jacob de Zoet" von David Mitchell (2013)

Hier ist er nun also, der neue Mitchell. Hoch gelobt und mächtig dick (714 S.). Doch was kann der Autor, der vor allem durch seine Montagetechnik - mal virtuos (Wolkenatlas), mal etwas angestrengt (Chaos) - berühmt geworden ist, wirklich?

Gelungen in diesem umfangreichen Werk sind vor allem die plastischen und menschlichen Figuren, denen man gerne durch die teils etwas krude Handlung folgt, sowie der im hohen Maße exotische Schauplatz, der einem noch lange in Erinnerung bleiben wird: die niederländische Faktorei Dejima vor Nagasaki. Beeindruckend ist die historische Recherche, die Mitchell betrieben hat und durch die man eine gute Vorstellung der politischen Verhältnisse in Japan und Fernost um das Jahr 1800 bekommt. Und über weite Strecken schafft er es, Spannung zu erzeugen und zu überraschen.

Damit sind die positiven Aspekte allerdings schon genannt, denn auffällig sind vor allem die stilistische Fehlkonzeption und die dramaturgische Effekthascherei.

Stilistisch sind es vor allem die zahllosen, meist völlig unzusammenhängenden Detailbeobachtungen, mit denen fast alle Szenen gespickt sind und die nicht selten die Dialoge so sehr zerstückeln, daß man kaum noch die grammatikalischen Zusammenhänge der Äußerungen nachvollziehen kann, da regelmäßig mitten während eines Satzes jemand im Nebenzimmer anfängt Geige zu spielen oder ein dreibeiniger Hund irgendetwas anbellt. Das soll vielleicht japanisch anmuten ist aber einfach nur lästig.

Die auf dem Cover angekündigte „sprachliche Orgie“ sucht man ebenfalls vergeblich. Es erweckt eher den Anschein, als wolle Mitchell unbedingt einer entsprechenden Erwartungshaltung genügen. Und so ist der sonst eher angenehm schlichte und geradlinige Sprachduktus angereichert mit gewollt originellen Metaphern, die leider häufig nicht den Punkt treffen oder in manchen Fällen sogar völlig deplaziert sind.

Ein weiteres, echtes Ärgernis ist die erzählerische Unbeholfenheit mit der Mitchell nahezu alle Figuren im Laufe des Romans ihre Lebensgeschichte vorstellen läßt, die mit der Romanhandlung fast immer rein gar nichts zu tun hat. Vor allem auf den ersten 200 Seiten ahnt man schon, sobald eine neue Figur auftritt, daß Mitchell bald einen Anlass schaffen wird, sie erzählen zu lassen, wie und wann sie zum Marinedienst gepresst wurde etc.pp. und das über Seiten und Seiten. Besonders schlimm wird es, wenn nach 600 Seiten, während der Showdown bereits in vollem Gange ist, wieder eine Figur, die man bereits kennt, auf 10 Seiten ihre Lebensgeschichte ausbreiten darf - wiederum ohne den geringsten Nutzen für die Romanhandlung. Da blättert selbst der hartgesottenste Leser gerne mal weiter, bis man wieder zu den relevanten Ereignissen kommt.

Diese Fehler sind fraglos einer Schreibdisziplin anzukreiden, die sich Mitchell selbst auferlegt hat: Er befolgt stur ein Schema, ob es dem Stoff gut tut, oder nicht, aber wenigstens seine Lektoren hätten hier Aufmerksamkeit walten lassen müssen.

Dann gibt es andere stilistische Fehlgriffe, die wie aus dem Nichts auftauchen und wieder darin verschwinden. So bedient sich Mitchell der „allwissenden“ auktorialen Perspektive und nutzt von Kapitel zu Kapitel verschiedene Reflektorpersonen, deren Innenleben er in der 3. Person schildert. Doch plötzlich, nach gut 500 Seiten haben wir es mit einem Ich-Erzähler zu tun, einer völlig nebensächlichen Figur, die uns natürlich erst einmal mit ihrer Lebensgeschichte langweilt. Nachdem dieser Ich-Erzähler uns über den derzeitigen Zustand des Protagonisten aufgeklärt hat, verschwindet er wieder im Dickicht des Romans, um nie wieder aufzutauchen. Wieso, weshalb, warum? fragt sich der aufmerksame Leser. Was hat dieser Kunstgriff zu bedeuten und warum wird diese Figur, die für die Handlung komplett irrelevant ist, auf eine so auffällige Weise ins Rampenlicht geholt? Die Antwort bleibt Mitchell uns schuldig - oder auch nicht, wenn sie lautet: weil es ein guter Effekt ist. Aber es bleibt ein Effekt ohne Sinn und Verstand.

Und die Geschichte? Ein historischer Wirtschaftsthriller, angereichert mit wüstem und dick aufgetragenem Horrorbeiwerk, interessantem Kulturvergergleich und einer Liebesgeschichte, die eigentlich aus zwei Liebesgeschichten besteht, die beide nicht stattfinden.

Man könnte noch auf viel Fehlerhaftes und einige gelungene Abschnitte hinweisen, aber abschließend bleibt nur zu sagen: ein schwacher Roman.

Mitchell hat in einigen Abschnitten von „Chaos“ und dem „Wolkenatlas“ bewiesen, daß er ein Erzähler von erschreckend intensiver Vorstellungskraft und sprachlichem Feingefühl sein kann. Ich wünsche ihm von Herzen, daß er zu einer Form findet, die ihm erlaubt, sein Potenzial endlich voll zu entfalten und daß er nicht im Mittelmaß stecken bleibt und sich und uns weitere Dokumente des Scheiterns zumutet, wie diesen Roman.


Thomas Piesbergen, September 2013

Mittwoch, 11. September 2013

Schichtung: Eine Technik zum Überarbeiten und Schreiben von Szenen

Das Schreiben in Schichten ist eine aus der Überarbeitung abgeleitete Technik, um komplexe Szenen zu schreiben. Sie kann vor allem effektiv sein, wenn man mit einer konkreten Handlungsabfolge arbeitet, die für die Entwicklung des Plots notwendig ist, man gleichzeitig auf eine psychologische Tiefe aber nicht verzichten möchte.

Bei dem Schreiben in Schichten werden in aufeinander folgenden Überarbeitungen immer mehr Aspekte der Figuren und ihrer Beziehungen zueinander in den handlungsorientierten Urtext eingearbeitet, ähnlich wie beim Siebdruck, bei dem eine Farbschicht nach der nächsten aufgetragen wird. Durch diese Vorgehensweise kann man eine sehr hohe Konflikt- und Ereignisdicht in einen Text bringen.

Es kann auch häufig passieren, daß sich plötzlich Angelpunkte bilden, also Ereignisse oder Dinge in den Vordergrund rücken, auf die auf verschiedenen Ebenen referiert wird. Sie erhalten dadurch eine mehrdeutige, changierende Qualität oder bestenfalls metaphorische Dimension. Von diesen Angelpunkten ausgehend erschließt sich dem Leser die Komplexität der Szene.



Schema:

1. Schicht: Man schreibt die Szene als äußere Handlungsabfolge.
z.B. die Personen A und B, gehen gemeinsam an einen Ort, tun dort etwas, führen ein Gespräch, den äußeren Handlungsablauf betreffend, tauschen Informationen aus, die den Fortgang der Handlung erklären bzw. in Gang setzen.

2. Schicht: Der Konflikt zwischen A und B: was kann zwischen zwei Figuren, auch unabhängig  von den zentralen Bewegungen der Handlung entstehen? Wenn sich die Figuren bereits einmal begegnet sind, nimmt man sich ihre vorangegangene Konfrontation vor und spinnt beim ersten Überarbeiten der neuen Szene den vorangegangen Konflikt in die Handlung ein und entwickelt ihn weiter.

3. Schicht: Man prüft die Disposition und grundlegende Motivation von Person A und arbeitet
ihre Aspekte, die unabhängig von dem Konflikt mit Person B sein können, ein.

4. Schicht: Man verfährt ebenso mit Person B

Beispiel:

Schicht 1
(Die junge Schauspielerin Iris ist bei ihren Freunden Jan und Katrin zu Besuch. Während sie allein in der Stadt unterwegs gewesen ist, hat sie einen Anruf wegen eines kurzfristigen Theaterengagements erhalten. Sie muß umgehend abreisen, hat aber ihren Koffer bei Katrin und Jan gelassen, den die beiden nun rechtzeitig zum Flughafen bringen müssen.)

Jan wuchtet den Koffer in den Wagen. „Hast Du auch ihre Sonnenbrille? Die lag auf der Kommode.“
Katrin dreht auf der Schwelle um und läuft zurück ins Haus. „Einen Moment, hab sie gleich.“
Kurz darauf sitzen sie im Auto. „Ich habe auch noch ihr Notizbuch gefunden. Hast du diese Figur sicher eingepackt?“
„Ja.“
Er läßt den Wagen an. „Ich bezweifle, daß wir es noch rechtzeitig schaffen.“
„Wenn wir an der Ringstraße abfahren, sollte es klappen. Dahinter staut es sich immer. Ihr Flugzeug startet in 40 Minuten. Wenn uns nicht das Benzin ausgeht, kann eigentlich gar nichts schiefgehen.“
Der Motor heult auf. „Schnall dich an. Ich hoffe, es gibt heute keine Radarkontrollen.“


Schicht 2
(Die Spannungen in Jan und Katrins Beziehung)

Jan wuchtet den Koffer in den Wagen. „Hast Du auch ihre Sonnenbrille? Die lag auf der Kommode.“
Katrin dreht auf der Schwelle um und läuft zurück ins Haus. „Wie oft soll ich eigentlich noch hin und her rennen?“
Kurz darauf sitzen sie im Auto. „Das nächste mal, wenn du sagst, du hättest alles gepackt, dann hab bitte auch alles gepackt! Ich habe noch ihr Notizbuch gefunden. Hast du diese Figur sicher verstaut?“
„Was denkst denn Du?“
Sie zieht vielsagend die Augenbrauen in die Höhe und sucht nach dem Anschnallgurt.
Er läßt den Wagen an. „Ich bezweifle, daß wir es noch rechtzeitig schaffen.“
„Wenn wir an der Ringstraße abfahren, sollte es klappen. Dahinter staut es sich immer. Ihr Flugzeug startet erst in 40 Minuten. Das schaffen wir, es sei denn, du hast mal wieder vergessen zu tanken.“
Jan starrt stur geradeaus und läßt den Motor aufheulen. „Schnall dich endlich an. Und kannst du dir  endlich mal abgewöhnen, dein Schminkzeug auf der Konsole rumliegen zu lassen? Ich habe keine Lust, daß nachher wieder alles durch den Wagen fliegt.“


Schicht 3
(Jans heimlicher Schwarm für Iris.)

Jan wuchtet den Koffer in den Wagen. „Hast Du auch ihre Sonnenbrille? Du weißt doch, wieviel Iris daran liegt. Die lag auf der Kommode.“
Katrin dreht auf der Schwelle um und läuft zurück ins Haus. „Wie oft soll ich eigentlich noch hin und her rennen?“
Kurz darauf sitzen sie im Auto. „Das nächste mal, wenn du sagst, du hättest alles gepackt, dann hab bitte auch alles gepackt! Ich habe noch ihr Notizbuch gefunden, das lag unter den Zeitungen."
Jan streicht sich beiläufig über das Kinn. "So? Was denn für ein Notizbuch."
"Männer! Na, dieses schwarze, das sie ständig dabei hatte. Und hast du ihren Porzellantiger sicher verstaut?“
„Jaja, den habe ich in ihre… naja, in ihre Sachen eingewickelt. Was denkst denn Du?“
Sie zieht vielsagend die Augenbrauen in die Höhe und sucht nach dem Anschnallgurt.
Der Wagen springt an, doch Jan mach keine Anstalten, loszufahren. Mit verschlossener Miene betrachtet er seine Handrücken. „Das schaffen wir doch sowieso nicht. Reicht es denn nicht, wenn sie morgen fliegt? Ihre Proben fangen doch erst am Montag an und um diese Uhrzeit staut es sich immer auf dem Zubringer.“
„Ach was, wir müssen nur vor der Ringstraße abfahren. Ihr Flugzeug startet erst in 40 Minuten. Das schaffen wir, es sei denn, du hast mal wieder vergessen zu tanken.“
Jan starrt stur geradeaus. „Gut, wenn es so sein soll. Schnall dich an.“ Er läßt den Motor aufheulen. „Und kannst du dir nicht endlich abgewöhnen, dein Schminkzeug auf der Konsole rumliegen zu lassen? Ich habe keine Lust, daß nachher wieder alles durch den Wagen fliegt.“


Schicht 4

(Katrins Eifersucht und ihre Abneigung gegen die attraktivere und in ihren Augen affektierte Iris)

Jan wuchtet den Koffer in den Wagen. „Hast Du auch ihre Sonnenbrille? Du weißt doch, wieviel Iris daran liegt. Die war auf der Kommode.“
Katrin dreht auf der Schwelle um und läuft zurück ins Haus. „Ach ja, die hochheilige Sonnenbrille! Wie oft soll ich eigentlich noch hin und her rennen?“
Kurz darauf sitzen sie im Auto. „Das nächste mal, wenn du sagst, du hättest alles gepackt, dann hab bitte auch alles gepackt! Ich habe noch ihr Notizbuch gefunden, das lag unter den Zeitungen. Ich frage mich, wie es da hin geraten ist.“
Jan streicht sich beiläufig über das Kinn. "So? Was denn für ein Notizbuch."
"Als wenn du das nicht wüßtest!"
Er zuckt kaum merklich unter ihrem scharfen Seitenblick zusammen. „Ach das. Na, wird wohl irgendwie druntergerutscht sein.“
"Druntergerutscht. Soso." Sie sieht ihn spöttisch an. "Findest du es nicht irgendwie albern, mit 32 noch Tagebuch zu schreiben?"
Jan schweigt und sieht aus dem Fenster.
"Pu, und hast du diesen geschmacklosen Porzellantiger verstaut?“
Seine Lippen werden schmal. „Ja, das habe ich. Den habe ich ihn in ihre… naja, in ihre Sachen eingewickelt. Was denkst denn Du?“
Sie zieht vielsagend die Augenbrauen in die Höhe und sucht nach dem Anschnallgurt.
Der Wagen springt an, doch Jan mach keine Anstalten, loszufahren. Mit verschlossener Miene betrachtet er seine Handrücken. „Das schaffen wir doch sowieso nicht mehr. Reicht es denn nicht, wenn sie morgen fliegt? Ihre Proben fangen doch erst am Montag an und um diese Uhrzeit staut es sich immer auf dem Zubringer.“
„Soll sie etwa, wo sie doch sooo begabt ist, ihr erstes großes Engagement verpassen? Wir müssen nur vor der Ringstraße abfahren. Ihr Flugzeug startet erst in 40 Minuten. Das schaffen wir, es sei denn, du hast mal wieder vergessen zu tanken. Oder ist dir ihre tolle Karriere plötzlich gar nicht mehr so wichtig...?“
Jan starrt stur geradeaus. „Schnall dich an.“ Er läßt den Motor aufheulen. „Und gewöhn dir endlich ab, dein Schminkzeug auf der Konsole rumliegen zu lassen. Ich habe keine Lust, daß nachher wieder alles durch den Wagen fliegt.“



(c) Thomas Piesbergen