Die Schreibwerkstatt "Das Textprojekt" bietet in regelmäßigem Rhythmus neue Kurse an. Oktober-Dezember: Kursabschnitt 1 / Januar-Februar: Kursabschnitt 2 / März-April: Kursabschnitt 1 / Mai-Juni: Kursabschnitt 2 / August - Oktober: Kursabschnitt 3 - Anmeldung unter: thomas.piesbergen (at) gmx.de

Dienstag, 14. Mai 2013

Eine achte Strategie zum Entwickeln neuer Storyplots

Als Ergänzung der sieben Strategien zur Entwicklung neuer Storyplots sei noch auf die Möglichkeit hingewiesen, Geschichten aus kleinen Schreibaufgaben abzuleiten, die man in der Regel dazu benutzt, um technische Handgriffe einzuüben. Diese Aufgaben sind so gestaltet, daß man sie beliebig oft mit jeweils völlig unterschiedlichen Ergebnissen wiederholen kann.

Der interessante Effekt dieser Schreibübungen ist, daß die Geschichten, die sich hinter den Szenen verbergen, fast nebenher entstehen, denn die Aufmerksamkeit ist zunächst vor allem auf die formalen Aspekte gerichtet. Wenn die Aufgabe bewältigt ist, hat man nahezu aus dem Nichts eine oder mehrere Figuren geschaffen, einen Konflikt, einen Schauplatz, eine Stimmung und bestenfalls einen größeren Zusammenhang oder einen angedeuteten Hintergrund - auf jeden Fall viel Potenzial.

Solche Fragmente treiben fast von selbst Wurzeln in ihre eigene Vorgeschichte und verlangen nach einer Fortsetzung, einer Entwicklung des angedeuteten Konflikts.

 Hier einige Beispiele:

1.
Inhaltliche Vorgabe: Ein Streit zwischen zwei Liebenden
Formale Vorgabe: Dialog mit jeweils fünf Äußerungen pro Dialogpartner. Die noch bestehende Liebe soll nur indirekt gezeigt werden! Sätze wie "Aber du weißt doch, daß ich dich trotzdem liebe." sind verboten

2.
Inhaltliche Vorgabe: Eine Figur und ihr innerer Konflikt sollen eingeführt werden
Formale Vorgabe: Dazu soll ausschließlich eine Beschreibung ihres Wohnumfeldes genutzt werden!

3.
Inhaltliche Vorgabe: Eine Figur kommt nach einer Reise/einem Ereignis an einen Ort, an dem sie etwas Ungewöhnliches vorfindet und sieht sich zu einer Aktion genötigt.
Formale Vorgabe: Es sollen unterschiedliche Textarten benutzt werden.Die Reise/das Ereignis: narrative Zusammenfassung; der Ort: Beschreibung; die Aktion: akute Handlung

4.
Inhaltliche Vorgabe: Eine Figur wohnt einer Beerdigung bei und erinnert sich dabei an ein Ereignis in der Kindheit, das die Beerdigung in einen besonderen Bedeutungszusammenhang rückt.
Formale Vorgabe: Die narrative Gegenwart soll im Präteritum geschrieben werden, die Rückblenden hingegen im Präsenz

5.
Inhaltliche Vorgabe: Eine Figur wartet an einem öffentlichen Ort auf eine andere Figur
Formale Vorgabe: Die Figur, der Ort, die Umstände, das Warum und das Auf-Wen sollen nur durch indirekte Trigger geklärt werden!
Wenn z.B. eine Frau in einer überhitzen Imbißbude wartet, sollte man nur darauf verweisen, daß sie sich den Schweiß mit einer dünnen Papierserviettte von der Stirn tupft und sie auf die halb aufgegessene Currywurst wirft. Danach ein nervöser Blick auf das Smartphone...

6.
Inhaltliche Vorgabe: Eine Konfrontation von zwei Widersachern
Formale Vorgabe: Der eigentliche Konflikt darf nicht angesprochen, die Konfrontation soll verdeckt geführt werden, z.B. in Form eines stellvertetenden Konflikts oder doppelbödigen Bemerkungen.
Als Beispiel sei ein klassischer Witz mit verdecktem Konflikt erwähnt, der zwar sehr überspitzt, aber deutlich zeigt, wie diese Technik funktioniert:
Zwei Männer, die sich bereits in ihrer Schulzeit nicht leiden konnten treffen sich am Bahnhof, der eine General, der andere Kardinal. Der Geistliche spricht den Soldaten an: "Können sie mir sagen, wann der nächste Zug nach Köln fährt, Herr Schaffner?"
Der General entgegnet: "In ihrem Zustand sollten sie nicht reisen, meine Dame."

7.
Inhaltliche Vorgabe: Die Charakterisierung einer Figur, die eine unerwartete Wandlung durchgemacht hat.
Formale Vorgabe: Der Leser soll alle Informationen über die Figur, ihre Vorgeschichte, ihre Wandlung und deren mutmaßliche Ursache ausschließlich dem Gespräch zweier Bekannter der betreffenden Figur entnehmen.



Donnerstag, 9. Mai 2013

Neue Veröffentlichung: "Schalten + Walten"

Jahreskatalog des Einstellungsraum e.V,  12 Positionen von Künstlerinnen und Künstlern 2012

Mit einem Auszug der Eröffnungsrede zu Jürgen Heckmanns Ausstellung "Netze-Leitern-Trichter-Röhren" im Einstellungsraum e.V, Hamburg, von Dr. Thomas Piesbergen.

Mit weiteren Beiträgen von Dr. Johannes L. Schröder, Elke Suhr, Christine Biehler, Daniel Caleb Thompson, Stilla Seis et. al.


Hg.: Einstellungsraum e.V.
Hyperzine Verlag, Hamburg, 2013

ISBN: 978-3-938218-64-8
9,- €




Montag, 6. Mai 2013

Sieben Strategien zum Entwickeln neuer Storyplots

Gerade wenn man in der kleinen Form arbeitet (Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen), ist man darauf angewiesen, stetig neue Ideen hervorzubringen und großzuziehen, bis aus ihnen lebendige, literarische Stoffe werden.
Auch der Romancier steht vor dem Problem, wenn er sich an das nächste große Projekt macht. Er braucht eine Geschichte, die soviel Substanz, Relevanz und Strahlkraft hat, daß sie ihn selbst und den Leser über mehrere hundert Seiten trägt. Wenn er nur eine Idee hat, der er sich auf Gedeih und Verderb verschreibt, kann ein Scheitern sehr viel mehr zugrunde richten, als nur einen mißglückten Roman, sondern das ganze Selbstbewußtsein und damit die Handlungsfähigkeit des Autors.

Deshalb sollte man immer mehr Ideen in der Hinterhand haben, als nötig. Das gibt Sicherheit, Selbstvertrauen und versetzt den Autoren in die komfortable Lage, sich aus einem größeren Repertoire möglicher Projekte das Beste herauszusuchen.

Doch wie schafft man es, sich so eine Reserve guter Ideen anzulegen, wenn man sich nicht selten dabei ertappt, nicht einmal eine einzelne Idee so zu entwickeln, das sie trägt?
Im Folgenden möchte ich einige dieser Strategien vorstellen. Natürlich hat jeder Autor ein anderes Schreibtemperament, weshalb nicht jede Strategie für jeden sinnvoll ist. Hier gilt es, auszuprobieren und die beste Strategie für sich zu finden. Viel Spaß dabei!

1. Große Projekte unterteilen
Oft sind Schreibanfänger dazu verleitet den „einen großen Roman“ schreiben zu wollen. Der muß dann für alle Ideen herhalten, die einem in die Quere kommen. In der Regel führt das zu einem Kollaps von Struktur und Dramaturgie. In solchen Fällen gilt es, die vielen Ideen für Konflikte - denn die stehen im Zentrum jeder Geschichte - zu isolieren und jedem einzelnen den eigenen Textraum zuzugestehen. Steht man am Anfang, ist es ohnehin sinnvoller, in kleiner Form zu arbeiten. Die Befriedigung und Erfahrung, die das Beenden einer kurzen Erzählung mit sich bringt, ist ein besserer Lehrmeister, als das pathetische Scheitern an einem umwerfend gewaltigen Romanentwurf.

2. Den Charakter in den Mittelpunkt stellen
Der große französische Krimiautor George Simenon entwarf zunächst auf blauen Dunst Figuren und stattete sie mit Vorgeschichte und markanten Wesenszügen aus. Diese Notizen verwahrte er in einem gelben Umschlag. Dann stellte er sich folgende Frage:
„Gesetzt sei dieser Mensch, der Ort, an dem er sich befindet, wo er wohnt, das Klima, in dem er lebt, sein Beruf, seine Familie etc. – was kann ihm widerfahren, das ihn zwingt, bis ans Ende seiner selbst zu gehen?“ (Nach: Daniel Kampa u.a. (Hrsg.): Georges Simenon. Sein Leben in Bildern, S. 263)
Verfolgt man diese Prämisse und versucht, wie Karel Capek über die literarische Arbeit schreibt, seine Figur soviel Leid und Lächerlichkeit preiszugeben, wie nur irgend geht, sollte sich recht rasch ein veritabler Stoff entwickeln. Dabei darf man nie vergessen: Protagonisten sollten immer eine starke Motivation haben, ein Ziel erreichen wollen, und wenn es nur das eigene Überleben ist…

2. Leichen im Keller
Eine starke Motivation für Figuren kann sein, eine große Schwäche, ein Verbrechen, eine Krankheit, eine unverzeihliche Verfehlung oder eine Lächerlichkeit vor der Umwelt verbergen zu wollen. Jeder von uns hat solche blinden Flecken, derer er sich schämt und diese blinden Flecken bzw. Leichen im Keller können ein starker Motor einer Geschichte sein und Figuren unter Druck setzen. Deshalb sollte man sich selbst fragen, was für Umstände, Erlebnisse oder Dinge, die man getan hat, so unangenehm, erniedrigend oder bedrückend sind, daß man sie vor der Welt verbergen möchte. Was für Zwangslagen könnten sich daraus ableiten lassen? Was wäre die bedrohlichste Situation für die Figur, die versucht ihr Geheimnis zu bewahren? Was für eine Kette der Eskalation könnte sich aus einer schrittweisen Enthüllung des Geheimnisses entwickeln?

3. Tragende Themen aufspüren
Leser interessieren sich in der Regel für Dinge, die für ihr eigenes Leben relevant sind. Weshalb also nicht Themen aufgreifen, die in der Luft liegen und eine Geschichte um sie herum spinnen? Manchmal genügt ein Blick in die Zeitung, um auf relevante Themen zu stoßen, die die Bearbeitung lohnen:
Wie steht es denn eigentlich um die V-Männer in der Neonazi-Szene? Was für Menschen könnten das sein und was für Bedrohungen sind sie ausgesetzt? Was für Menschen sind es, die in den Städten Autos in Brand stecken? Warum tun sie es? Wie geht ein Mensch in prominenter Position mit seiner Spiel- oder Alkoholsucht um? Was bedeutet das für sein Umfeld? Was geschieht, wenn ein harmloser zurückgezogen lebender Mensch unter Terrorverdacht gerät und die einzigen, die ihm die Hand zur Hilfe reichen, tatsächlich aus einem Terrorumfeld kommen? Was würde eine Homo-Ehe in einem religiös restriktiven Umfeld auslösen?
Reichlich Material für Geschichten, die nur noch auf Charaktere warten, die die Geschichten tragen können.

4. Was wäre wenn?
Dieses Gedankenspiel läßt sich zu jedem Zeitpunkt spielen und bringt immer wieder interessante Ideen hervor, die nicht nur ganze Comicreihen hervor gebracht haben (wie z.B. die „What if“-Serie der Marvel Comics“), oder großartiges Material für Bestseller liefern (wie z.B. „Vaterland“ von Robert Harris oder „Er ist wieder da“ von Timur Vermes, in denen jeweils das Gespenst des Nationalsozialismus siegreich war bzw. überlebt hat), sondern es sogar zum Nobelpreis bringen, wie der Roman „Alfred und Emily“ von Doris Lessing, in dem sie den ersten Weltkrieg ungeschehen macht.
Diese Gedankenspiele funktionieren natürlich ebenso im Kleinen, wie im Großen und können auch auf literarische Stoffe ausgedehnt werden. Was, wenn es Kafkas Gregor Samsa gelungen wäre, aus seinem Zimmer zu entkommen und sich an seiner Familie zu rächen? Was, wenn der Junge aus Cormack McCarthys „Die Straße“ in die Hände der Kannibalen gefallen wäre? Was, wenn der Selbstmordversuch Romeos zwar scheitert, das Gift aber verheerende Wirkung auf sein Gehirn hat und Julia sich von nun an um einen geistig Behinderten kümmern muß?
Für diese Vorgehensweise empfiehlt sich zusätzlich auch der folgende Handgriff:


5. Alter Wein in neuen Schläuchen
Geschichten befassen sich mit menschlichen Bedingtheiten und Schicksalen und die sind sich seit Jahrtausenden gleich geblieben. Es gibt Liebe, Tod, Verrat, Sexualität, Moral, Mord, Krieg, Alter, Rache oder die Suche nach Identität.
Das bedeutet: alle Geschichten wiederholen sich, alle Geschichten werden immer wieder neu erzählt und jede Generation braucht ihre eigene Version. So wurde aus „Romeo und Julia“ die „West Side Story“, aus Shakespeares „Sturm“ wurde „Alarm im Weltall“, aus „Orpheus und Eurydike“ wurden „Hinter dem Horizont“ und „Taxidriver“. Mal mit identischem Ausgang, mal mit einem „Was-wäre-wenn“-Haken.
Shakespeare hat alten Stoff neu bearbeitet, Goethe hat es getan, George Lucas hat aus der Heldenreise von James Campbell den „Krieg der Sterne“ gestrickt, Christopher Paolini hat sich wiederum den „Krieg der Sterne“ angeeignet und ihn zu „Eragon“ umgearbeitet, in dem er nichts anderes getan hat, als den Stoff 1:1 in ein Fantasy-Setting zu versetzen.
Warum also nicht versuchen, das Grundgerüst eines guten Stoffes in ein anderes Setting zu versetzen? Wie würde sich Dorian Gray im Cyber-Zeitalter ausnehmen? Was müßte verändert werden, was für ungeahnte Möglichkeiten würden sich bieten? Auf was für Narreteien würde Don Quixote heute verfallen? Was wäre, wenn Kapitän Ahab kein Seefahrer, sondern ein Bergsteiger wäre und der weiße Wal eine bisher unbezwungene Wand in den Anden?

6. Mit Settings spielen
Ich habe in meiner Schreibwerkstatt oft erlebt, daß Teilnehmer, die sich mit charaktergestützten Handlungsentwürfen schwer taten, plötzlich aufblühten und vor Geschichten nur so übersprudelten, wenn sie dazu aufgefordert waren, sich ein exotisches Setting auszudenken und anschließend zu überlegen, was für Figuren es bevölkern und was für Geschichten sich dort abspielen könnten?
Wie z.B. sieht der Alltag in einer Wetterstation auf Spitzbergen aus? Was für Menschen haben sich einen derart abgelegenen, rauen Arbeitsplatz ausgesucht und warum? Was für ein Leben könnten Kinder auf einer philippinischen Müllhalde führen und was könnte ihnen dort zustoßen? Was für Geschichten könnten sich um eine der Eselsbibliotheken ranken, die in Kolumbien Bücher in die entlegensten Bergdörfer bringen? Was für eine Geschichte könnte in einer asiatischen Transsexuellen-Bar ihren Anfang nehmen? Oft fördert die Recherche über solche exotischen Settings bereits eine ganze Menge Ideen zutage, wenn nicht sogar die Figuren wie von selbst vor dem inneren Auge entstehen.

7. Mit dem Titel beginnen
Gelegentlich stolpert man in Büchern über andere, nie geschriebene Bücher, deren Titel mehr als vielversprechend klingen. Warum nicht selbst ungeschriebene Bücher erfinden? Was für Titel wären aufregend, verstörend oder verlockend? „Das Vermächtnis des Schnabeltiers“, „Serienmord für Amateure“, „Die Kolonisierung der falschen Welt“, „Drei Gräber, zwei Namen“, „Das byzantinische Komplott“, „Die rote Nacht“, „Die Liebe der Abrissbirne“, „Mein 13. Nervenzusammenbruch und was dann geschah“, „Das kopierte Leben“, „Keine Gnade für Wühlmäuse“, „Die Rache des Messdieners“, „Plastikmama“, „Gestern in Utopia“, etc. pp.
Je weiter man dieses Spiel treibt, desto schneller und vielfältiger entstehen die ungeschriebenen Bücher. Hat man eine ansehnliche Anzahl beieinander, gilt es nur noch 10 davon auszusuchen und Klappentexte für sie zu schreiben. Und ehe man es sich versieht ist eine Idee dabei, die man am liebsten schon gestern gehabt hätte, um sich wieder an die Arbeit zu machen.