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Montag, 11. März 2013

Kurzgeschichte: "Alte Welt" von Thomas Piesbergen

„Literature. Cool“
Michael zog die Augenbrauen zusammen und nickte ein anerkennendes, großes amerikanisches Nicken. An ihm war eigentlich alles groß: seine Hände, seine Spiegelreflexkamera, sein Bart, sein Nike-Turnschuhe, seine Gesten. Er hätte auch Literatur studiert. An der Highschool. Er nahm einen großen Schluck Bier, runzelte erneut die Brauen und betrachtete die Flasche. Über ihr braunes Glas schwammen rote Lichtreflexe. Gutes Bier hätten wir in Deutschland. Dafür sei Deutschland schließlich auch bekannt. Aber inzwischen würden bei internationalen Bierwettbewerben vor allem amerikanische Brauereien gewinnen, ob ich das gewußt hätte?
Ich lächelte milde, verneinte und schob mir eine Zigarette zwischen die Zähne. Was mochte diesen hemdsärmeligen Knaben auf seiner Tour de Force durch Europa bloß auf den Kiez verschlagen haben?
„In Highschool we read Kafka.“ Er sah mit dem selben grimmigen Ernst, mit dem er das Etikett der Flasche betrachtet hatte, auf meine Zigarette. Was ich denn von ihm halte. Von Kafka. Darauf wollte er also hinaus: Er wollte sich unter die Boheme mischen.  Vor meinem inneren Auge sah ich ihn in einem Burger-Restaurant daheim in Ohio sitzen, oder in Alabama, und vor einem Mädchen in Cheerleader-Uniform damit prahlen, er hätte in einer Bar in Deutschland mit einem rauchenden Intellektuellen über Kafka diskutiert. Fast hatte ich Mitleid mit ihm.
„Did you read Kafka? What do you think of him?“
Ich zuckte irritiert mit den Schultern. Was kann man denn schon von Kafka halten! War auch schon verdammt lange her. Leistungskurs Deutsch. 1993. Aber warum sollte ich ihm nicht die Freude machen? Das war eben sein Kultur-Programm:  Eifelturm, Neuschwanstein, Colosseum, Kafka, verlotterte Boheme… Ich nickte mit demselben Ernst zurück. Natürlich hätte ich ihn gelesen! Einen der bedeutendsten deutschen Autoren!
„But he is no German.“ Michael sah mich konsterniert an. Er käme immerhin aus Prag, das wäre damals Teil von Österreich-Ungarn gewesen und heute Tschechien. Außerdem wäre Kafka Jude.
Ich lachte, sah rasch aus dem Fenster und machte eine ausweichende Bewegung mit der Hand, wobei ich fast die Betty Page-Frisur eines tätowierten Mädchens am Nebentisch in Brand steckte. Aber immerhin hätte Kafka ja auf deutsch geschrieben, und daß er Jude sei spiele doch überhaupt keine Rolle, wiegelte ich ab.
„Well.“ Er nippte an seinem Bier und lehnte sich zurück. Ob ich denn auch an seinem Grab gewesen wäre, schließlich sei Prag ja nicht weit weg von Hamburg. Ich verkniff mir ein spöttisches Grinsen. Amerikaner und Geographie… Er selbst sei da gewesen. „ A great City. A lot of culture is going on there.“ An meiner Stelle würde er sofort dorthin ziehen. Die einzige andere Stadt, die für ihn in Europa in Frage käme, sei Paris. Ob ich denn auch Pére Lachaise kenne. Er wäre an den Gräbern von Getrude Stein, Balzac und Oscar Wilde gewesen. „And a lot of others…“ Mir fiel dazu kaum mehr ein als Jim Morrison, also murmelte ich irgendetwas Bedeutungsschwangeres und hüllte mich in Rauch.
Michael trommelte den Rhythmus eines Gogol Bordello Songs mit. In den zwanziger Jahren müsse Paris großartig gewesen sein! „They all met there! Hemingway, Getrude Stein, F.Scott Fitzgerald…“
Ich fügte hinzu: „Dali, Bunuel, Man Ray…“ Es war zum Glück noch nicht lange her, daß ich Midnight in Paris von Woody Allen gesehen hatte. Dann fiel mir der erste Satz des Malte Laurids Brigge ein. Ich legte den Kopf in den Nacken, machte eine wegwerfende Geste und posaunte heraus, Rilke hätte hingegen geschrieben, die Leute kämen zwar nach Paris um dort zu leben, aber schließlich stürbe es sich dort besser.
„Wasn´t he born in Prague, aswell?“
Ich schüttelte entschieden den Kopf, doch Michael war sich sicher. Er zog aus seinem Rucksack einen zerlesenen Reiseführer, blätterte rasch durch die Seiten und legte mir mit streng weisendem Zeigefinger eine Liste berühmter Söhne der Stadt vor. Nur mit Mühe gelang es mir, meine Verlegenheit zu verbergen. Natürlich hätte ich gemeint, Rilke wäre dort nicht begraben; begraben wäre er, nun ja, in…
„In Switzerland.“, beendet Michael meinen Satz, bevor er in einem ungefähren Nirgendwo verreckte. „That´s were I´m going to.“
Sils Maria, Montagnola, ich wüßte doch sicher Bescheid. Mir dämmerte es leider nur sehr vage und ich bemühte mich, wenn schon nicht wissend, so doch wenigstens freundlich zu lächeln. Er leerte die Flasche mit einem letzten, großen Zug; ich zündete mir hastig eine neue Zigarette an. Als er sich nach vorn lehnte, knarrte der Tisch bedenklich. Es wäre sicher ein fantastisches Gefühl, an den Orten zu sein, wo der Steppenwolf und Zarathustra entstanden seien. Ich lachte erleichtert auf: Ach ja, natürlich! Hesse! Nietzsche! Alte Bekannte von mir…
Bevor er mir die Gelegenheit gab, mich weiter zu blamieren, warf er einen kurzen Blick auf sein Smartphone. Mit einem Ausruf des Erstaunens erhob er sich. Es täte ihm leid, aber es sei schon sehr spät und er müsse morgen rechtzeitig zum Flughafen. Dann bedankte er sich überschwänglich für das interessante Gespräch; ich solle mich doch unbedingt bei ihm melden, wenn ich mal in die USA käme. Schon einen Atemzug später war er aus der Kneipe gerauscht und in die betrunkene Nacht verschwunden.
Ich atmete tief durch und drückte die Zigarette aus. Jetzt brauchte ich erstmal einen Schnaps. Als ich mich mit Bier und Wodkaglas von der Bar zurück an meinen Tisch schob, fiel mir sein Reiseführer ins Auge. Er hatte ihn zwischen den leeren Flaschen und dem Aschenbecher liegen gelassen. Schnell stürzte ich den Schnaps hinunter, griff das Buch und lief hinaus auf die Straße.
Draußen empfing mich ein klebriger Nieselregen. Bei der Davidstraße, noch in Rufweite, sah ich eine große Silhouette über das schimmernde Kopfsteinpflaster davon eilen. Ich lief eine paar Schritte, dann blieb ich stehen. Es war sicher jemand anders gewesen. Michael war doch sicher schon auf der Reeperbahn. Er hatte doch sicher schon ein Taxi genommen. Ich sah auf das Buch in meiner Hand. Prag. Mein Daumen strich über den angestoßenen Rücken, über den von Eselsohren gezeichneten Buchschnitt. In meinem Magen breitete sich die heiße Blase des Wodkas aus. Prag. Verstohlen ließ ich das Buch in meine Tasche gleiten. Soll schön sein. Und ist eigentlich gar nicht so weit weg.


Thomas Piesbergen ⓒ 2012/13