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Donnerstag, 28. November 2013

Eröffnungsrede zu Sabine Rehlichs "Zäsuren", 28.11.2013, Einstellungsraum e.V. im Rahmen des Jahresthemas "Schneisen"

Eröffnungsrede zu Sabine Rehlichs "Zäsuren"
28.11.2013, Einstellungsraum e.V. im Rahmen des Jahresthemas "Schneisen"
Dr. Thomas J. Piesbergen


Bei unserem ersten Treffen bat mich Sabine Rehlich, die Einführung in ihre Arbeit kurz zu halten. Sie wollte, daß die Besucher der Installation „Zäsuren“ unvoreingenommen begegnen können, und daß eine unmittelbare Interaktion von Betrachter und Werk ermöglicht wird, ohne daß ein interpretativer Filter vorgegeben ist.



Die Ursache des Wunsches liegt in dem intuitiven Prozess, in dem die einzelnen Elemente der Installation  entstanden sind. Rehlich ließ sich dabei einerseits von Material leiten, andererseits von dem Format, das bewußt in Anlehnung an die Dimensionen menschlichen Körpers gewählt worden ist. Im Gegensatz zu der Arbeit an kleinen Formaten, die vor allem durch den Formwillen der Künstlerin bestimmt wird, haben sich diese Bilder, so Rehlich, nahezu „von selbst“ gemalt. 
Zum einen werden sie auf dem Boden liegend gemalt, was bestimmte Bewegungsabläufe erfordert. Zum anderen wird die Farbe von dem Malgrund sehr schnell aufgesogen, weshalb sehr schnelles Arbeiten notwendig ist. Auf diese Weise bestimmt also der Malprozess selbst das Ergebnis maßgeblich.



Übersetzen wir diese Konstellation in die Sprache des Philosophen Johann Gottlieb Fichte, haben wir es hier mit einem Ich zu tun, das sich einem Nicht-Ich handelnd stellt.
Fichte, in dem man einen Vorläufer des radikalen Konstruktivismus sehen kann, hatte einen großen Einfluß auf die romantischen Schriftsteller, allen voran auf Friedrich von Hardenberg/Novalis.



Novalis verstand unter dem Nicht-Ich vor allem die der Humanitas gegenübergestellte Natur, in der er aber gleichzeitig wieder eine Entsprechung für das menschliche Miteinander sah. So heißt es in den Lehrlingen zu Sais (Kap. II, Natur): „Man steht mit der Natur gerade in so unbegreiflich verschiedenen Verhältnissen so wie mit den Menschen.“

Dieses Unbegreifliche versuchte von Hardenberg zu überwinden und sein Mittel dazu war die artifizielle Konstruktion, die Ordnung des Menschen, die die Natur zähmen und sie so in einen „Geheimniszustand“ überführen sollte, in dem der Mensch sein Inneres wieder erkennen könne. Die Natur sollte Repräsentation des menschlichen Seelenlebens werden.



Wir haben es aus der Sicht Hardenbergs also mit einer Opposition zu tun, auf deren einer Seite das Wilde, Chaotische, Natürliche steht, auf der anderen Seite der Wunsch des Menschen das Chaos zu ordnen, bzw. die Prinzipien der Ordnung im scheinbaren Chaos aufzuspüren und hervorzuheben. Und das nicht nur mit den Mitteln der Dichtung! Vor allem in der Mathematik sah er ein Instrument, sich dem Göttlichen, der inneren Ordnung der Natur, zu nähern. Er bezeichnete sie als „höchste Religion“ und sah in der Mathematik den „Hauptbeweis der Sympathie und Identität der Natur und des Gemüts.“



Diese Opposition finden wir auch auf den Satinbahnen der „Zäsuren“ von Sabine Rehlich wieder. Wir finden das Raster, den noch heute ungebrochen gültigen Ur-Ausdruck menschlichen Ordnungswillens, der uns bereits auf Felsritzungen möglicherweise seit dem Mittelpaläolithikum, sicher aber seit dem Jungpaläolithikum, also ab 30.000 v. Chr. entgegentritt.



Diese Felsritzungen stellen den ersten dokumentierten Versuch dar, der Lebenswirklichkeit des Menschen ein Ordnungsschema zu geben, das ihm zudem ermöglicht, die so geordnete Lebenswirklichkeit zu anthropomorphisieren. Noch heute finden wir vor allem in Asien solche Ordnungsraster, die dem menschlichen Körper entsprechen, allen voran das indische Vastu-Purusha-Mandala, ein magisches, gerastertes Quadrat, das den zu Boden gedrückten Leib des Urmenschen darstellt, aus dem die Erde geschaffen worden ist. Auf diese Parallele zwischen Raster, Rechteck und dem menschlichen Körper stoßen wir auch, wie bereits weiter oben erwähnt, in Sabine Rehlichs Arbeit in Form der menschlich dimensionierten Formate der „Zäsuren“.





Andererseits sind auf den Tüchern Geflechte zu sehen, die an Wurzelwerk gemahnen, an den Blick durchs Geäst, an zellulares Gewebe, also an das Wilde, vom Menschen Nicht-Geordnete. Genauso können diese organischen Strukturen aber auch als Zusammenbrüche des ordnenden Rasters gelesen werden, als eine Rückkehr oder Rückführung in den natürlichen, organischen Zustand.

Ich selbst fühlte mich sofort an die verwüsteten Stahlbewehrungen erinnert, die nach dem Anschlag auf das World Trade Center aus dem Ground Zero ragten - so wie die Raster spontan die Assoziation mit Hochhäusern und die Installation Assoziation mit Straßenschluchten wachrufen.


Tatsächlich war ein Besuch in New York eine wichtige Inspiration für Sabine Rehlich - sowohl die beindruckenden Schneisen durch den „Großstadtdschungel“ der Wolkenkratzer, also die Versuche, die urbane Wildnis zu ordnen, als auch die Stahlkonstruktionen, vor allem die der Art Deco-Zeit, in denen die organischen Formen des Jugendstils weiterlebten und die so wiederum eine angestrebte Synthese von menschlichem Konstruktionswillen und natürlicher Selbstorganisation in sich tragen.



In diesem Kontext kann man die „Zäsur“, den Einschnitt, die Schneise, die oft als etwas Destruktives, als Ergebnis eines Akts der Verwüstung begriffen wird, als etwas Notwendiges verstehen; etwas, das wir brauchen, um die Wildnis der natürlichen und menschlichen Wirklichkeit zu ordnen; um dem Menschen zu ermöglichen, das Unbegreifliche, das sein Ich vom Nicht-Ich trennt, zu überwinden, sich in der Wirklichkeit zu orientieren, sich wieder darin zu erkennen, damit er, wie Hardenberg, im Äußeren das in den Geheimniszustand erhobene Innere entdecken kann, und im Inneren das in den Geheimniszustand erhobene Äußere, und ihm dadurch ermöglicht wird, Ausgleich und Übereinstimmung seines Selbsts mit der umgebenden Wirklichkeit herzustellen.



In diesem Sinne spricht aus Sabine Rehlichs Bildern die Hoffnung, der Mensch möge imstande sein, eine Ordnung zu finden, die ihm erlaubt, in der Wirklichkeit heimisch zu bleiben oder wieder zu werden und auf diesem Wege zu überleben.



Dr. Thomas J. Piesbergen, November 2013




Donnerstag, 26. September 2013

Rezension: "Die Tausend Herbste des Jacob de Zoet" von David Mitchell (2013)

Hier ist er nun also, der neue Mitchell. Hoch gelobt und mächtig dick (714 S.). Doch was kann der Autor, der vor allem durch seine Montagetechnik - mal virtuos (Wolkenatlas), mal etwas angestrengt (Chaos) - berühmt geworden ist, wirklich?

Gelungen in diesem umfangreichen Werk sind vor allem die plastischen und menschlichen Figuren, denen man gerne durch die teils etwas krude Handlung folgt, sowie der im hohen Maße exotische Schauplatz, der einem noch lange in Erinnerung bleiben wird: die niederländische Faktorei Dejima vor Nagasaki. Beeindruckend ist die historische Recherche, die Mitchell betrieben hat und durch die man eine gute Vorstellung der politischen Verhältnisse in Japan und Fernost um das Jahr 1800 bekommt. Und über weite Strecken schafft er es, Spannung zu erzeugen und zu überraschen.

Damit sind die positiven Aspekte allerdings schon genannt, denn auffällig sind vor allem die stilistische Fehlkonzeption und die dramaturgische Effekthascherei.

Stilistisch sind es vor allem die zahllosen, meist völlig unzusammenhängenden Detailbeobachtungen, mit denen fast alle Szenen gespickt sind und die nicht selten die Dialoge so sehr zerstückeln, daß man kaum noch die grammatikalischen Zusammenhänge der Äußerungen nachvollziehen kann, da regelmäßig mitten während eines Satzes jemand im Nebenzimmer anfängt Geige zu spielen oder ein dreibeiniger Hund irgendetwas anbellt. Das soll vielleicht japanisch anmuten ist aber einfach nur lästig.

Die auf dem Cover angekündigte „sprachliche Orgie“ sucht man ebenfalls vergeblich. Es erweckt eher den Anschein, als wolle Mitchell unbedingt einer entsprechenden Erwartungshaltung genügen. Und so ist der sonst eher angenehm schlichte und geradlinige Sprachduktus angereichert mit gewollt originellen Metaphern, die leider häufig nicht den Punkt treffen oder in manchen Fällen sogar völlig deplaziert sind.

Ein weiteres, echtes Ärgernis ist die erzählerische Unbeholfenheit mit der Mitchell nahezu alle Figuren im Laufe des Romans ihre Lebensgeschichte vorstellen läßt, die mit der Romanhandlung fast immer rein gar nichts zu tun hat. Vor allem auf den ersten 200 Seiten ahnt man schon, sobald eine neue Figur auftritt, daß Mitchell bald einen Anlass schaffen wird, sie erzählen zu lassen, wie und wann sie zum Marinedienst gepresst wurde etc.pp. und das über Seiten und Seiten. Besonders schlimm wird es, wenn nach 600 Seiten, während der Showdown bereits in vollem Gange ist, wieder eine Figur, die man bereits kennt, auf 10 Seiten ihre Lebensgeschichte ausbreiten darf - wiederum ohne den geringsten Nutzen für die Romanhandlung. Da blättert selbst der hartgesottenste Leser gerne mal weiter, bis man wieder zu den relevanten Ereignissen kommt.

Diese Fehler sind fraglos einer Schreibdisziplin anzukreiden, die sich Mitchell selbst auferlegt hat: Er befolgt stur ein Schema, ob es dem Stoff gut tut, oder nicht, aber wenigstens seine Lektoren hätten hier Aufmerksamkeit walten lassen müssen.

Dann gibt es andere stilistische Fehlgriffe, die wie aus dem Nichts auftauchen und wieder darin verschwinden. So bedient sich Mitchell der „allwissenden“ auktorialen Perspektive und nutzt von Kapitel zu Kapitel verschiedene Reflektorpersonen, deren Innenleben er in der 3. Person schildert. Doch plötzlich, nach gut 500 Seiten haben wir es mit einem Ich-Erzähler zu tun, einer völlig nebensächlichen Figur, die uns natürlich erst einmal mit ihrer Lebensgeschichte langweilt. Nachdem dieser Ich-Erzähler uns über den derzeitigen Zustand des Protagonisten aufgeklärt hat, verschwindet er wieder im Dickicht des Romans, um nie wieder aufzutauchen. Wieso, weshalb, warum? fragt sich der aufmerksame Leser. Was hat dieser Kunstgriff zu bedeuten und warum wird diese Figur, die für die Handlung komplett irrelevant ist, auf eine so auffällige Weise ins Rampenlicht geholt? Die Antwort bleibt Mitchell uns schuldig - oder auch nicht, wenn sie lautet: weil es ein guter Effekt ist. Aber es bleibt ein Effekt ohne Sinn und Verstand.

Und die Geschichte? Ein historischer Wirtschaftsthriller, angereichert mit wüstem und dick aufgetragenem Horrorbeiwerk, interessantem Kulturvergergleich und einer Liebesgeschichte, die eigentlich aus zwei Liebesgeschichten besteht, die beide nicht stattfinden.

Man könnte noch auf viel Fehlerhaftes und einige gelungene Abschnitte hinweisen, aber abschließend bleibt nur zu sagen: ein schwacher Roman.

Mitchell hat in einigen Abschnitten von „Chaos“ und dem „Wolkenatlas“ bewiesen, daß er ein Erzähler von erschreckend intensiver Vorstellungskraft und sprachlichem Feingefühl sein kann. Ich wünsche ihm von Herzen, daß er zu einer Form findet, die ihm erlaubt, sein Potenzial endlich voll zu entfalten und daß er nicht im Mittelmaß stecken bleibt und sich und uns weitere Dokumente des Scheiterns zumutet, wie diesen Roman.


Thomas Piesbergen, September 2013

Mittwoch, 11. September 2013

Schichtung: Eine Technik zum Überarbeiten und Schreiben von Szenen

Das Schreiben in Schichten ist eine aus der Überarbeitung abgeleitete Technik, um komplexe Szenen zu schreiben. Sie kann vor allem effektiv sein, wenn man mit einer konkreten Handlungsabfolge arbeitet, die für die Entwicklung des Plots notwendig ist, man gleichzeitig auf eine psychologische Tiefe aber nicht verzichten möchte.

Bei dem Schreiben in Schichten werden in aufeinander folgenden Überarbeitungen immer mehr Aspekte der Figuren und ihrer Beziehungen zueinander in den handlungsorientierten Urtext eingearbeitet, ähnlich wie beim Siebdruck, bei dem eine Farbschicht nach der nächsten aufgetragen wird. Durch diese Vorgehensweise kann man eine sehr hohe Konflikt- und Ereignisdicht in einen Text bringen.

Es kann auch häufig passieren, daß sich plötzlich Angelpunkte bilden, also Ereignisse oder Dinge in den Vordergrund rücken, auf die auf verschiedenen Ebenen referiert wird. Sie erhalten dadurch eine mehrdeutige, changierende Qualität oder bestenfalls metaphorische Dimension. Von diesen Angelpunkten ausgehend erschließt sich dem Leser die Komplexität der Szene.



Schema:

1. Schicht: Man schreibt die Szene als äußere Handlungsabfolge.
z.B. die Personen A und B, gehen gemeinsam an einen Ort, tun dort etwas, führen ein Gespräch, den äußeren Handlungsablauf betreffend, tauschen Informationen aus, die den Fortgang der Handlung erklären bzw. in Gang setzen.

2. Schicht: Der Konflikt zwischen A und B: was kann zwischen zwei Figuren, auch unabhängig  von den zentralen Bewegungen der Handlung entstehen? Wenn sich die Figuren bereits einmal begegnet sind, nimmt man sich ihre vorangegangene Konfrontation vor und spinnt beim ersten Überarbeiten der neuen Szene den vorangegangen Konflikt in die Handlung ein und entwickelt ihn weiter.

3. Schicht: Man prüft die Disposition und grundlegende Motivation von Person A und arbeitet
ihre Aspekte, die unabhängig von dem Konflikt mit Person B sein können, ein.

4. Schicht: Man verfährt ebenso mit Person B

Beispiel:

Schicht 1
(Die junge Schauspielerin Iris ist bei ihren Freunden Jan und Katrin zu Besuch. Während sie allein in der Stadt unterwegs gewesen ist, hat sie einen Anruf wegen eines kurzfristigen Theaterengagements erhalten. Sie muß umgehend abreisen, hat aber ihren Koffer bei Katrin und Jan gelassen, den die beiden nun rechtzeitig zum Flughafen bringen müssen.)

Jan wuchtet den Koffer in den Wagen. „Hast Du auch ihre Sonnenbrille? Die lag auf der Kommode.“
Katrin dreht auf der Schwelle um und läuft zurück ins Haus. „Einen Moment, hab sie gleich.“
Kurz darauf sitzen sie im Auto. „Ich habe auch noch ihr Notizbuch gefunden. Hast du diese Figur sicher eingepackt?“
„Ja.“
Er läßt den Wagen an. „Ich bezweifle, daß wir es noch rechtzeitig schaffen.“
„Wenn wir an der Ringstraße abfahren, sollte es klappen. Dahinter staut es sich immer. Ihr Flugzeug startet in 40 Minuten. Wenn uns nicht das Benzin ausgeht, kann eigentlich gar nichts schiefgehen.“
Der Motor heult auf. „Schnall dich an. Ich hoffe, es gibt heute keine Radarkontrollen.“


Schicht 2
(Die Spannungen in Jan und Katrins Beziehung)

Jan wuchtet den Koffer in den Wagen. „Hast Du auch ihre Sonnenbrille? Die lag auf der Kommode.“
Katrin dreht auf der Schwelle um und läuft zurück ins Haus. „Wie oft soll ich eigentlich noch hin und her rennen?“
Kurz darauf sitzen sie im Auto. „Das nächste mal, wenn du sagst, du hättest alles gepackt, dann hab bitte auch alles gepackt! Ich habe noch ihr Notizbuch gefunden. Hast du diese Figur sicher verstaut?“
„Was denkst denn Du?“
Sie zieht vielsagend die Augenbrauen in die Höhe und sucht nach dem Anschnallgurt.
Er läßt den Wagen an. „Ich bezweifle, daß wir es noch rechtzeitig schaffen.“
„Wenn wir an der Ringstraße abfahren, sollte es klappen. Dahinter staut es sich immer. Ihr Flugzeug startet erst in 40 Minuten. Das schaffen wir, es sei denn, du hast mal wieder vergessen zu tanken.“
Jan starrt stur geradeaus und läßt den Motor aufheulen. „Schnall dich endlich an. Und kannst du dir  endlich mal abgewöhnen, dein Schminkzeug auf der Konsole rumliegen zu lassen? Ich habe keine Lust, daß nachher wieder alles durch den Wagen fliegt.“


Schicht 3
(Jans heimlicher Schwarm für Iris.)

Jan wuchtet den Koffer in den Wagen. „Hast Du auch ihre Sonnenbrille? Du weißt doch, wieviel Iris daran liegt. Die lag auf der Kommode.“
Katrin dreht auf der Schwelle um und läuft zurück ins Haus. „Wie oft soll ich eigentlich noch hin und her rennen?“
Kurz darauf sitzen sie im Auto. „Das nächste mal, wenn du sagst, du hättest alles gepackt, dann hab bitte auch alles gepackt! Ich habe noch ihr Notizbuch gefunden, das lag unter den Zeitungen."
Jan streicht sich beiläufig über das Kinn. "So? Was denn für ein Notizbuch."
"Männer! Na, dieses schwarze, das sie ständig dabei hatte. Und hast du ihren Porzellantiger sicher verstaut?“
„Jaja, den habe ich in ihre… naja, in ihre Sachen eingewickelt. Was denkst denn Du?“
Sie zieht vielsagend die Augenbrauen in die Höhe und sucht nach dem Anschnallgurt.
Der Wagen springt an, doch Jan mach keine Anstalten, loszufahren. Mit verschlossener Miene betrachtet er seine Handrücken. „Das schaffen wir doch sowieso nicht. Reicht es denn nicht, wenn sie morgen fliegt? Ihre Proben fangen doch erst am Montag an und um diese Uhrzeit staut es sich immer auf dem Zubringer.“
„Ach was, wir müssen nur vor der Ringstraße abfahren. Ihr Flugzeug startet erst in 40 Minuten. Das schaffen wir, es sei denn, du hast mal wieder vergessen zu tanken.“
Jan starrt stur geradeaus. „Gut, wenn es so sein soll. Schnall dich an.“ Er läßt den Motor aufheulen. „Und kannst du dir nicht endlich abgewöhnen, dein Schminkzeug auf der Konsole rumliegen zu lassen? Ich habe keine Lust, daß nachher wieder alles durch den Wagen fliegt.“


Schicht 4

(Katrins Eifersucht und ihre Abneigung gegen die attraktivere und in ihren Augen affektierte Iris)

Jan wuchtet den Koffer in den Wagen. „Hast Du auch ihre Sonnenbrille? Du weißt doch, wieviel Iris daran liegt. Die war auf der Kommode.“
Katrin dreht auf der Schwelle um und läuft zurück ins Haus. „Ach ja, die hochheilige Sonnenbrille! Wie oft soll ich eigentlich noch hin und her rennen?“
Kurz darauf sitzen sie im Auto. „Das nächste mal, wenn du sagst, du hättest alles gepackt, dann hab bitte auch alles gepackt! Ich habe noch ihr Notizbuch gefunden, das lag unter den Zeitungen. Ich frage mich, wie es da hin geraten ist.“
Jan streicht sich beiläufig über das Kinn. "So? Was denn für ein Notizbuch."
"Als wenn du das nicht wüßtest!"
Er zuckt kaum merklich unter ihrem scharfen Seitenblick zusammen. „Ach das. Na, wird wohl irgendwie druntergerutscht sein.“
"Druntergerutscht. Soso." Sie sieht ihn spöttisch an. "Findest du es nicht irgendwie albern, mit 32 noch Tagebuch zu schreiben?"
Jan schweigt und sieht aus dem Fenster.
"Pu, und hast du diesen geschmacklosen Porzellantiger verstaut?“
Seine Lippen werden schmal. „Ja, das habe ich. Den habe ich ihn in ihre… naja, in ihre Sachen eingewickelt. Was denkst denn Du?“
Sie zieht vielsagend die Augenbrauen in die Höhe und sucht nach dem Anschnallgurt.
Der Wagen springt an, doch Jan mach keine Anstalten, loszufahren. Mit verschlossener Miene betrachtet er seine Handrücken. „Das schaffen wir doch sowieso nicht mehr. Reicht es denn nicht, wenn sie morgen fliegt? Ihre Proben fangen doch erst am Montag an und um diese Uhrzeit staut es sich immer auf dem Zubringer.“
„Soll sie etwa, wo sie doch sooo begabt ist, ihr erstes großes Engagement verpassen? Wir müssen nur vor der Ringstraße abfahren. Ihr Flugzeug startet erst in 40 Minuten. Das schaffen wir, es sei denn, du hast mal wieder vergessen zu tanken. Oder ist dir ihre tolle Karriere plötzlich gar nicht mehr so wichtig...?“
Jan starrt stur geradeaus. „Schnall dich an.“ Er läßt den Motor aufheulen. „Und gewöhn dir endlich ab, dein Schminkzeug auf der Konsole rumliegen zu lassen. Ich habe keine Lust, daß nachher wieder alles durch den Wagen fliegt.“



(c) Thomas Piesbergen

Montag, 19. August 2013

"Eine Schneise der Erinnerung" Einführungsrede zu Angela Breidbach Einstellungsraum Hamburg

Einführungsrede von Dr. Thomas Piesbergen anläßlich der Ausstellung "Eine einzige Katastrophe" der Künstlerin Angela Breidbach im Einstellungsraum e.V. zum Jahresthema 2013 „Schneisen“


Beschäftig sich ein Künstler explizit mit dem Vergangenen, wie Angela Breidbach es in Ihrem Projekt „Eine einzige Katastrophe“ tut, erscheint es für das Verständnis Ihrer Position sinnvoll zu klären, was die „Vergangenheit“ eigentlich ist, was sie für uns bedeutet, wie wir damit umgehen.
Die Vergangenheit ist zunächst das Nicht-Mehr-Existente. Sie ist das, in dem wir den Ursprung unserer Gegenwart verorten; das, aus dem heraus wir versuchen, unsere Gegenwart und damit uns selbst zu begreifen.

Da der Mensch ein kollektives Wesen ist, hat er sich ein kollektives Werkzeug geschaffen, um sich dieser ungeheueren und unüberschaubaren Ursache zu bemächtigen, ein Werkzeug, mit dem er versucht, die Kenntnis dieser Ursache aus dem Flickenteppich der oft trügerischen Erinnerung in eine kollektive Objektivität zu überführen, in der Hoffnung, die Ursache so zu entschlüsseln und dadurch die Gegenwart besser meistern zu können. Dieses Werkzeug ist die Geschichtsschreibung.

Doch wie nähert sich die Geschichtsschreibung dem Vergangenen, dem Inexistenten, dem Unbeobachtbaren?
In ihren Quellen unterscheidet sie sich kaum von ihrer Schwesterdisziplin der Archäologie: Von der Warte des Status Quo richtet sie den Blick auf Artefakte und Befunde, die sie lesbar machen und in Beziehung zueinander setzen muß. Dabei bleibt sie auf das beschränkt, was die Zeit nicht hat spurlos auslöschen können.
In der IX These „Über den Begriff der Geschichte“ schreibt Walther Benjamin, inspiriert von einem kleinen Gedicht Gerhard Scholems und der Zeichnung „Angelus Novus“ von Paul Klee:

Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.

Gerade diesen Blick vermeidet aber die Geschichtsschreibung, denn sie ist darum bemüht, die von Benjamin genannte „Kette der Begebenheiten“ anhand der Trümmer zu rekonstruieren. In dieser heuristischen Bedingtheit, aus den Ruinen und Trümmern lesen zu müssen, ordnet und interpretiert sie Indizien und bildet Modelle von dem, was gewesen sein könnte, deren Anspruch auf Authentizität aber streng genommen immer nur anhand ihrer Wahrscheinlichkeit beurteilt werden kann.

Doch im Gegensatz zu der Archäologie und ihren Quellen, sind die Artefakte und Befunde, mit denen sich die Historiker auseinandersetzen, nicht nur materieller Natur. Die Artefakte sind vor allem ideeller, die Befunde sozio-politischer Natur. Denn die Wahrnehmung der in der Geschichte wurzelnden Gegenwart gebiert im Vollzug derselben ein stetes Kommentieren und Interpretieren gegenwärtiger Vorgänge und ihrer Hintergründe, ein Prozess, der schleichend in eine Geschichts-schreibung übergeht.

Der Blick zurück verliert sich zunächst in einem unergründlichen Dickicht von primären, sekundären und schließlich tertiären Quellen mit ihren verschiedensten Lesarten und Interpretationen, die immer wieder neue Verbindungen schaffen, Bewertungen vornehmen und Ursachenzuweisungen nahelegen.

Doch schließlich greifen die synergetischen Mechanismen der Selbstorganisation und formen zunächst die wissenschaftliche Lehrmeinung und im Anschluß eine journalistisch gefilterte und aufbereitete Version der Vergangenheit, die über die Massenmedien im öffentlichen Geschichtsbewußtsein verankert wird.

So legt sich Schicht um Schicht über die ursprünglichen Quellen und in jeder Schicht wird die Vergangenheit auf der Basis dessen transformiert, was von der unmittelbar darunter liegenden Schicht verstanden und für relevant erachtet worden ist. Die Rudimente, die sich schließlich in unserem Alltagsbewußtsein halten, sind stark vereinfachte Schemen, die in ihrer Funktion oft kaum von Mythologien zu unterscheiden sind.

Wenn ehemals das Sprichwort „Geschichte wird von den Siegern geschrieben“ in dem Sinne galt, daß eine Siegermacht den im Krieg Besiegten ihre historische Perspektive aufzwang und imstande war, sie an nachfolgende Generationen zu überliefern, sind es heute vor allem die Sieger im medialen Diskurs und die hinter ihnen stehenden Interessengruppen, die das öffentliche Geschichtsbewußtsein bestimmen.

Doch diese offizielle oder journalistisch geprägten Geschichtswahrnehmungen sind immer tendenziös. Ihr Anspruch auf Objektivität ist absurd, denn ihr Fundament ist und bleibt heuristischer Natur, ihre Datenbasis ist in ständiger Bewegung, weshalb sie immer hypothetisch sein muß!

Ein weiterer Trugschluß besteht darin zu glauben, diese Art der Geschichtsschreibung könne dazu dienen, die subjektive Gegenwart begreifen und meistern zu lernen. Dieser Ansatz ist von vorn herein zum Scheitern verurteilt, denn das Mysterienspiel der großen Namen, Daten und Ereignisse berührt die individuelle Geschichte fast immer nur am Rande und macht nicht begreifbar, wie und warum die Vergangenheit ihre Spuren unbestreitbar und unwiderruflich in das persönliche Realitätskontinuum eingeschrieben hat. Denn dieses individuelle Realitätkontinuum speist sich immer nur aus dem subjektiven Erlebnis und schreibt sich nur auf diese Weise im interpersonalen Rahmen fort.

Die gewaltigste Einschreibungen, die mit ihren Nachbeben bis in unsere Gegenwart wirksam sind, sind durch die Katastrophe des Nationalsozialismus, des Holocausts, des 2. Weltkriegs entstanden. Doch für die nach dem Krieg Geborenen ist diese Katastrophe zunächst nur etwas Schwarz-Weißes, etwas, über das Guido Knopp im Fernsehen doziert, etwas, mit dem man in der Schule ausführlich malträtiert worden ist, und vor allem etwas, über das die Eltern und Großeltern meist hartnäckig schweigen, das sie verdrängen und kleinreden.

So ist diese Traumatisierung zwar Teil des öffentlichen, aber nur selten Teil des persönlichen Geschichtsbewußtseins, da sie immer nur öffentlich und vermeintlich objektiv, fast nie aber subjektiv thematisiert und aufgearbeitet worden ist. Die Schutzmechanismen, die durch das Trauma hervorgerufen wurden, sind entsprechend unbewußt von Generation zu Generation weitergegeben worden. So leiden die Spätgeborenen unter den ererbten neurotischen Verhaltensmustern, ohne sie mit dem Trauma ihrer Eltern oder Großeltern in Verbindung zu bringen. Ihr Ursprung bleibt also fast immer im Verborgenen. Für die Generation der „Kriegsenkel“ sind diese Verhaltensmuster Normalität, denn sie wurden ihnen als „normal“ vermittelt, nicht als krankhaftes Symptom!

Diese Diskrepanz schafft die Rahmenbedingungen, innerhalb derer Angela Breidbach künstlerisch agiert. Mit den Arbeiten unter dem Ausstellungstitel „Eine einzige Katastrophe“ versucht sie, eine subjektive Schneise durch das vielschichtige, vermeintlich objektive Dickicht der öffentlichen Bilder und Interpretationen zu schlagen, um sich den Ursprüngen der Erschütterung und der Traumatisierung zu nähern, die sich in ihr subjektives Realitätskontinuum eingeschrieben haben.

Eine wichtige Prämisse ist dabei die Transzendierung der Täter/Opferdebatte, die sich bereits in dem Ausstellungstitel zeigt. Es geht nicht um die Katastrophe von Coventry, die Operation Gomorrha oder den Feuersturm von Dresden. Das Thema ist vor allem die Verwüstung des Menschen durch den Dialog der Grausamkeiten.
Angela Breidbach nimmt den Blickwinkel von Benjamins Engel der Geschichte ein, der in allem nur eine „einzige“ Katastrophe sieht, die er heilen möchte.

Ausgangspunkt und Zielort dieses Versuchs sind Fotografien, die Breidbachs Vater, der als Kindersoldat zum Flak-Dienst eingezogen wurde, im Schützengraben während der Bombardierung Aachens aufgenommen hat. Nach Angela Breidbachs Umzug von Aachen nach Hamburg kamen als eine zweite wichtige Quelle Fotografien hinzu, die Hamburger Feuerwehrleute von der ausgebrannten Stadt nach dem Feuersturm aufgenommen haben.

Diese und andere Bilder hat sich Angela Breidbach durch den subjektiven Akt des Zeichnens angeeignet, die privaten und öffentlichen Fotos durch die Transformation des Zeichnens zu eigenen inneren Bildern gemacht. Als Zeichenmaterial wählte sie dazu intuitiv die Kohle. Kein anderes Zeichenmedium könnte den verkohlten Ruinen und den durch das Feuer in all seinen Erscheinungsformen vernichteten Lebenswelten gerechter werden.
Die Bilder wiederum sind mit fremden und eigenen Kommentaren überlagert; ein Hinweis auf die Schichten versuchter Deutung, die sich bereits über das Vergangene gelegt haben.

Das Ergebnis ist eine als Folge lesbare zeichnerische Aneignung in 43 Bildern. An ihrem Anfang stehen die Zerstörungen von Coventry und London, kommentiert von Hitlers größenwahnsinnigen Racheandrohungen. Doch schon bald stoßen wir erstmals auf das Gesicht des Traumas: das Portrait eines englischen Jungens vor der verkohlten Ruine seines Elternhauses.
Die weitere Folge der Bilder führt durch die Ruinen zerstörter Städte und Faksimiles von Abschussprotokollen aus dem Besitz des Vaters der Künstlerin. Wir sehen den „Arbeitsplatz“ des Vaters, der als Richtschütze die feindlichen Flugzeuge anvisierte und das Feuer frei gab. Und schließlich stehen wir vor dem zweifachen Portrait des Vaters an der Flak, das wie eine Spiegelung des Jungens aus London wirkt. Das Trauma des Opfers und das Trauma des Täters verschmelzen zu einer Wunde. Daneben wird ein Brief der Schwester des minderjährigen Flak-Helfers gezeigt, der die komplexe Eingebundenheit des Jugendlichen in die Strukturen des Krieges veranschaulicht. Zwar wird er von seiner Schwester als „Lieber Spatz“ angeschrieben und dadurch als Kind gekennzeichnet, doch gleichzeitig wird er gefragt, ob ihm denn auch die Ehre teil würde, wie ein echter Soldat gegrüßt zu werden, denn er hätte doch genauso Teil an den „Erfolgen“ der Wehrmacht, wie „richtige“ Soldaten. Die Früchte dieser angeblichen Erfolge werden auf den Zeichnungen überdeutlich.
Schließlich sehen wir die zweifach phallische Erscheinung eines SS-Mannes, umschwärmt von jungen Frauen, wie das Licht von den Motten. Eine von ihnen könnte die Schwester des jungen Flak-Helfers sein.



Ein Mittel auf das wir in der Bilderserie mehrfach stoßen ist die Spiegelung und der Versuch, die unsichtbare Grenze dieses Spiegels, dieser Polarität sowohl der Kriegsdialektik, als auch der künstlerischen Perspektive zu überschreiten.

Neben der offensichtlichen Spiegelung von traumatisiertem Opfer und traumatisiertem Täter finden wir auf den Blättern immer wieder Textpassagen, die in Spiegelschrift geschrieben sind. Sie sind Spuren des Versuchs, in die innere Wirklichkeit des Gezeigten einzudringen, so als betrachte man das Dargestellte nicht von außen, sondern als blicke man aus dem Dargestellte heraus und sei Teil des subjektiven Erlebnisses, das dem Betrachter aus den Bildern entgegentritt.

Andere kommentierende Textpassagen sind in gewöhnlicher Schrift gehalten und stammen aus Büchern von Jonathan Safran Foer und W.G. Sebald. Der Amerikaner Foer ist Enkel eines Holocaustüberlebenden. Der Schriftsteller und Literaturwissenschaftler W.G. Sebald hingegen ist ein Deutscher, Sohn eines Wehrmachtsoffiziers, der Deutschland verließ, sobald es möglich war, in der Schweiz studierte und anschließend nach England, das Land des ehemaligen Kriegsgegners, zog, wo er bis zu seinem Tod lehrte und schrieb.
In beiden Fällen wird die Seite gewechselt, der Spiegel durchschritten. Indem die Sprache des ehemaligen Kriegsgegners gewählt wurde, um die Bilder zu kommentieren, wird sein Blickwinkel auf das Geschehen eingenommen. Und in beiden Fällen sind es indirekt Traumatisierte, die, wie die Künstlerin selbst, versuchen, sich der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs auf subjektivem Weg zu nähern - Sebald in der zweiten, Foer in der dritten Generation.

Diesen Wechsel in die Sprache des ehemaligen Gegners vollzieht auch die Künstlerin selbst, wenn sie auf die Kirche ihrer Kindheit hinweist, deren Umriss auf einem der Bilder zu erahnen ist. Bei dem Versuch, die traumatische Welt des Krieges und die behütete Welt ihrer Kindheit, die so erschreckend nah beieinander liegen, auch weiterhin, wie in der Kindheit erlebt, voneinander geschieden zu wissen, floh sie aus dem Deutschen in die Sprache des Gegners und späteren Befreiers. Denn sich in dem Zeit- und Bildkontext des Nationalsozialismus der Sprache des Kriegstreibers zu bedienen, um auf die eigenen Wurzeln hinzuweisen, wäre für sie gleichbedeutend gewesen, sich mit den Deutschen von damals gemein zu machen und auf ihrer Seite der Grenze zu verharren, sich und die eigene Vergangenheit vereinnahmen zu lassen.

So folgen wir der Künstlerin in einem steten Grenzgang zwischen dem Innen und Außen, zwischen Aneignung und Abgrenzung und können daran die Spur ablesen, die sich in einem subjektiven Realitätskontinuum eingeschrieben und so die Wirkmächtigkeit des Traumas erkennen, die sich bis auf den heutigen Tag erhalten hat.
Wir können durch eine subjektive Schneise, die die Künstlerin durch das Dickicht öffentlicher Geschichtswahrnehmung geschlagen hat, einen erschreckend unmittelbaren Blick auf die große, schwärende Wunde werfen, an der unsere Gegenwart noch immer leidet.

Montag, 5. August 2013

"Eine Einzige Katastrophe..." Ausstellung von Angela Breidbach mit einer Eröffnungsrede von Dr. Thomas Piesbergen


In ihrer Ausstellung "Eine einzige Katastrophe" zeigt Angela Breidbach im Einstellungsraum zum Jahresthema "Schneisen" eine Folge von 43 Kohlezeichnungen, in denen sie sich mit dem Trauma des Luftkriegs auseinandersetzt. Ein zentrales Anliegen dabei ist die Überwindung der Täter/Opfer-Debatte zugunsten einer Subjektivierung, die die unzureichenden Schemen journalistischer Geschichtskonstruktionen durchbricht.
Dabei greift sie auf historische Dokumente und Aufnahmen zurück sowie auf Fotografien ihres Vater als Flakhelfer im Schützengraben, die sie sich durch den zeichnerischen Akt und vielschichtige Kommentierung aneignet.

Die Einführungsrede hält Dr. phil. Thomas Piesbergen

Vernissage
8. August 2013
19:00

Einstellungsraum
Wandsbeker Chaussee 11
22089 Hamburg

Dienstag, 4. Juni 2013

"Alles könnte ebenso ein großer leerer Bluff sein" Ausstellung der Ateliergemeinschaft Breite Straße 8. und 9. Juni 2013


Im Rahmen der Offenen Ateliers des BBK am 08./.9. Juni 2013 lädt die Ateliergemeinschaft Breite Straße  zu einer Ausstellung aktueller Arbeiten.

Birgit Bornemann (Fotografische Installation, Collagen)
Thomas Piesbergen (Text- und Klanginstallation)
Claudia Rüdiger (Malerei, Objekte)
Adriane Steckhan (Fotografische Installation)
Silke Storjohann (Fotografie, Zeichnung)
Kathrine Uldbaek Nielsen (Fotografie)


Samstag 08.06.
Öffnungszeiten: 12:00 - 20:00 Uhr

Brunch ab 12 Uhr

Führung:
15:00 Uhr mit Thomas Piesbergen
17:00 Uhr mit Claudia Rüdiger

Sonntag 09.06. 
Öffnungszeiten: 12:00 -19:00 Uhr

Führung:
13:00 Uhr mit Silke Storjohann
16:00 Uhr mit Adriane Steckhan

Atelierhaus Breite Straße 70
22767 Hamburg
www.breitestrasse.com


Dienstag, 14. Mai 2013

Eine achte Strategie zum Entwickeln neuer Storyplots

Als Ergänzung der sieben Strategien zur Entwicklung neuer Storyplots sei noch auf die Möglichkeit hingewiesen, Geschichten aus kleinen Schreibaufgaben abzuleiten, die man in der Regel dazu benutzt, um technische Handgriffe einzuüben. Diese Aufgaben sind so gestaltet, daß man sie beliebig oft mit jeweils völlig unterschiedlichen Ergebnissen wiederholen kann.

Der interessante Effekt dieser Schreibübungen ist, daß die Geschichten, die sich hinter den Szenen verbergen, fast nebenher entstehen, denn die Aufmerksamkeit ist zunächst vor allem auf die formalen Aspekte gerichtet. Wenn die Aufgabe bewältigt ist, hat man nahezu aus dem Nichts eine oder mehrere Figuren geschaffen, einen Konflikt, einen Schauplatz, eine Stimmung und bestenfalls einen größeren Zusammenhang oder einen angedeuteten Hintergrund - auf jeden Fall viel Potenzial.

Solche Fragmente treiben fast von selbst Wurzeln in ihre eigene Vorgeschichte und verlangen nach einer Fortsetzung, einer Entwicklung des angedeuteten Konflikts.

 Hier einige Beispiele:

1.
Inhaltliche Vorgabe: Ein Streit zwischen zwei Liebenden
Formale Vorgabe: Dialog mit jeweils fünf Äußerungen pro Dialogpartner. Die noch bestehende Liebe soll nur indirekt gezeigt werden! Sätze wie "Aber du weißt doch, daß ich dich trotzdem liebe." sind verboten

2.
Inhaltliche Vorgabe: Eine Figur und ihr innerer Konflikt sollen eingeführt werden
Formale Vorgabe: Dazu soll ausschließlich eine Beschreibung ihres Wohnumfeldes genutzt werden!

3.
Inhaltliche Vorgabe: Eine Figur kommt nach einer Reise/einem Ereignis an einen Ort, an dem sie etwas Ungewöhnliches vorfindet und sieht sich zu einer Aktion genötigt.
Formale Vorgabe: Es sollen unterschiedliche Textarten benutzt werden.Die Reise/das Ereignis: narrative Zusammenfassung; der Ort: Beschreibung; die Aktion: akute Handlung

4.
Inhaltliche Vorgabe: Eine Figur wohnt einer Beerdigung bei und erinnert sich dabei an ein Ereignis in der Kindheit, das die Beerdigung in einen besonderen Bedeutungszusammenhang rückt.
Formale Vorgabe: Die narrative Gegenwart soll im Präteritum geschrieben werden, die Rückblenden hingegen im Präsenz

5.
Inhaltliche Vorgabe: Eine Figur wartet an einem öffentlichen Ort auf eine andere Figur
Formale Vorgabe: Die Figur, der Ort, die Umstände, das Warum und das Auf-Wen sollen nur durch indirekte Trigger geklärt werden!
Wenn z.B. eine Frau in einer überhitzen Imbißbude wartet, sollte man nur darauf verweisen, daß sie sich den Schweiß mit einer dünnen Papierserviettte von der Stirn tupft und sie auf die halb aufgegessene Currywurst wirft. Danach ein nervöser Blick auf das Smartphone...

6.
Inhaltliche Vorgabe: Eine Konfrontation von zwei Widersachern
Formale Vorgabe: Der eigentliche Konflikt darf nicht angesprochen, die Konfrontation soll verdeckt geführt werden, z.B. in Form eines stellvertetenden Konflikts oder doppelbödigen Bemerkungen.
Als Beispiel sei ein klassischer Witz mit verdecktem Konflikt erwähnt, der zwar sehr überspitzt, aber deutlich zeigt, wie diese Technik funktioniert:
Zwei Männer, die sich bereits in ihrer Schulzeit nicht leiden konnten treffen sich am Bahnhof, der eine General, der andere Kardinal. Der Geistliche spricht den Soldaten an: "Können sie mir sagen, wann der nächste Zug nach Köln fährt, Herr Schaffner?"
Der General entgegnet: "In ihrem Zustand sollten sie nicht reisen, meine Dame."

7.
Inhaltliche Vorgabe: Die Charakterisierung einer Figur, die eine unerwartete Wandlung durchgemacht hat.
Formale Vorgabe: Der Leser soll alle Informationen über die Figur, ihre Vorgeschichte, ihre Wandlung und deren mutmaßliche Ursache ausschließlich dem Gespräch zweier Bekannter der betreffenden Figur entnehmen.



Donnerstag, 9. Mai 2013

Neue Veröffentlichung: "Schalten + Walten"

Jahreskatalog des Einstellungsraum e.V,  12 Positionen von Künstlerinnen und Künstlern 2012

Mit einem Auszug der Eröffnungsrede zu Jürgen Heckmanns Ausstellung "Netze-Leitern-Trichter-Röhren" im Einstellungsraum e.V, Hamburg, von Dr. Thomas Piesbergen.

Mit weiteren Beiträgen von Dr. Johannes L. Schröder, Elke Suhr, Christine Biehler, Daniel Caleb Thompson, Stilla Seis et. al.


Hg.: Einstellungsraum e.V.
Hyperzine Verlag, Hamburg, 2013

ISBN: 978-3-938218-64-8
9,- €




Montag, 6. Mai 2013

Sieben Strategien zum Entwickeln neuer Storyplots

Gerade wenn man in der kleinen Form arbeitet (Kurzgeschichten, Erzählungen, Novellen), ist man darauf angewiesen, stetig neue Ideen hervorzubringen und großzuziehen, bis aus ihnen lebendige, literarische Stoffe werden.
Auch der Romancier steht vor dem Problem, wenn er sich an das nächste große Projekt macht. Er braucht eine Geschichte, die soviel Substanz, Relevanz und Strahlkraft hat, daß sie ihn selbst und den Leser über mehrere hundert Seiten trägt. Wenn er nur eine Idee hat, der er sich auf Gedeih und Verderb verschreibt, kann ein Scheitern sehr viel mehr zugrunde richten, als nur einen mißglückten Roman, sondern das ganze Selbstbewußtsein und damit die Handlungsfähigkeit des Autors.

Deshalb sollte man immer mehr Ideen in der Hinterhand haben, als nötig. Das gibt Sicherheit, Selbstvertrauen und versetzt den Autoren in die komfortable Lage, sich aus einem größeren Repertoire möglicher Projekte das Beste herauszusuchen.

Doch wie schafft man es, sich so eine Reserve guter Ideen anzulegen, wenn man sich nicht selten dabei ertappt, nicht einmal eine einzelne Idee so zu entwickeln, das sie trägt?
Im Folgenden möchte ich einige dieser Strategien vorstellen. Natürlich hat jeder Autor ein anderes Schreibtemperament, weshalb nicht jede Strategie für jeden sinnvoll ist. Hier gilt es, auszuprobieren und die beste Strategie für sich zu finden. Viel Spaß dabei!

1. Große Projekte unterteilen
Oft sind Schreibanfänger dazu verleitet den „einen großen Roman“ schreiben zu wollen. Der muß dann für alle Ideen herhalten, die einem in die Quere kommen. In der Regel führt das zu einem Kollaps von Struktur und Dramaturgie. In solchen Fällen gilt es, die vielen Ideen für Konflikte - denn die stehen im Zentrum jeder Geschichte - zu isolieren und jedem einzelnen den eigenen Textraum zuzugestehen. Steht man am Anfang, ist es ohnehin sinnvoller, in kleiner Form zu arbeiten. Die Befriedigung und Erfahrung, die das Beenden einer kurzen Erzählung mit sich bringt, ist ein besserer Lehrmeister, als das pathetische Scheitern an einem umwerfend gewaltigen Romanentwurf.

2. Den Charakter in den Mittelpunkt stellen
Der große französische Krimiautor George Simenon entwarf zunächst auf blauen Dunst Figuren und stattete sie mit Vorgeschichte und markanten Wesenszügen aus. Diese Notizen verwahrte er in einem gelben Umschlag. Dann stellte er sich folgende Frage:
„Gesetzt sei dieser Mensch, der Ort, an dem er sich befindet, wo er wohnt, das Klima, in dem er lebt, sein Beruf, seine Familie etc. – was kann ihm widerfahren, das ihn zwingt, bis ans Ende seiner selbst zu gehen?“ (Nach: Daniel Kampa u.a. (Hrsg.): Georges Simenon. Sein Leben in Bildern, S. 263)
Verfolgt man diese Prämisse und versucht, wie Karel Capek über die literarische Arbeit schreibt, seine Figur soviel Leid und Lächerlichkeit preiszugeben, wie nur irgend geht, sollte sich recht rasch ein veritabler Stoff entwickeln. Dabei darf man nie vergessen: Protagonisten sollten immer eine starke Motivation haben, ein Ziel erreichen wollen, und wenn es nur das eigene Überleben ist…

2. Leichen im Keller
Eine starke Motivation für Figuren kann sein, eine große Schwäche, ein Verbrechen, eine Krankheit, eine unverzeihliche Verfehlung oder eine Lächerlichkeit vor der Umwelt verbergen zu wollen. Jeder von uns hat solche blinden Flecken, derer er sich schämt und diese blinden Flecken bzw. Leichen im Keller können ein starker Motor einer Geschichte sein und Figuren unter Druck setzen. Deshalb sollte man sich selbst fragen, was für Umstände, Erlebnisse oder Dinge, die man getan hat, so unangenehm, erniedrigend oder bedrückend sind, daß man sie vor der Welt verbergen möchte. Was für Zwangslagen könnten sich daraus ableiten lassen? Was wäre die bedrohlichste Situation für die Figur, die versucht ihr Geheimnis zu bewahren? Was für eine Kette der Eskalation könnte sich aus einer schrittweisen Enthüllung des Geheimnisses entwickeln?

3. Tragende Themen aufspüren
Leser interessieren sich in der Regel für Dinge, die für ihr eigenes Leben relevant sind. Weshalb also nicht Themen aufgreifen, die in der Luft liegen und eine Geschichte um sie herum spinnen? Manchmal genügt ein Blick in die Zeitung, um auf relevante Themen zu stoßen, die die Bearbeitung lohnen:
Wie steht es denn eigentlich um die V-Männer in der Neonazi-Szene? Was für Menschen könnten das sein und was für Bedrohungen sind sie ausgesetzt? Was für Menschen sind es, die in den Städten Autos in Brand stecken? Warum tun sie es? Wie geht ein Mensch in prominenter Position mit seiner Spiel- oder Alkoholsucht um? Was bedeutet das für sein Umfeld? Was geschieht, wenn ein harmloser zurückgezogen lebender Mensch unter Terrorverdacht gerät und die einzigen, die ihm die Hand zur Hilfe reichen, tatsächlich aus einem Terrorumfeld kommen? Was würde eine Homo-Ehe in einem religiös restriktiven Umfeld auslösen?
Reichlich Material für Geschichten, die nur noch auf Charaktere warten, die die Geschichten tragen können.

4. Was wäre wenn?
Dieses Gedankenspiel läßt sich zu jedem Zeitpunkt spielen und bringt immer wieder interessante Ideen hervor, die nicht nur ganze Comicreihen hervor gebracht haben (wie z.B. die „What if“-Serie der Marvel Comics“), oder großartiges Material für Bestseller liefern (wie z.B. „Vaterland“ von Robert Harris oder „Er ist wieder da“ von Timur Vermes, in denen jeweils das Gespenst des Nationalsozialismus siegreich war bzw. überlebt hat), sondern es sogar zum Nobelpreis bringen, wie der Roman „Alfred und Emily“ von Doris Lessing, in dem sie den ersten Weltkrieg ungeschehen macht.
Diese Gedankenspiele funktionieren natürlich ebenso im Kleinen, wie im Großen und können auch auf literarische Stoffe ausgedehnt werden. Was, wenn es Kafkas Gregor Samsa gelungen wäre, aus seinem Zimmer zu entkommen und sich an seiner Familie zu rächen? Was, wenn der Junge aus Cormack McCarthys „Die Straße“ in die Hände der Kannibalen gefallen wäre? Was, wenn der Selbstmordversuch Romeos zwar scheitert, das Gift aber verheerende Wirkung auf sein Gehirn hat und Julia sich von nun an um einen geistig Behinderten kümmern muß?
Für diese Vorgehensweise empfiehlt sich zusätzlich auch der folgende Handgriff:


5. Alter Wein in neuen Schläuchen
Geschichten befassen sich mit menschlichen Bedingtheiten und Schicksalen und die sind sich seit Jahrtausenden gleich geblieben. Es gibt Liebe, Tod, Verrat, Sexualität, Moral, Mord, Krieg, Alter, Rache oder die Suche nach Identität.
Das bedeutet: alle Geschichten wiederholen sich, alle Geschichten werden immer wieder neu erzählt und jede Generation braucht ihre eigene Version. So wurde aus „Romeo und Julia“ die „West Side Story“, aus Shakespeares „Sturm“ wurde „Alarm im Weltall“, aus „Orpheus und Eurydike“ wurden „Hinter dem Horizont“ und „Taxidriver“. Mal mit identischem Ausgang, mal mit einem „Was-wäre-wenn“-Haken.
Shakespeare hat alten Stoff neu bearbeitet, Goethe hat es getan, George Lucas hat aus der Heldenreise von James Campbell den „Krieg der Sterne“ gestrickt, Christopher Paolini hat sich wiederum den „Krieg der Sterne“ angeeignet und ihn zu „Eragon“ umgearbeitet, in dem er nichts anderes getan hat, als den Stoff 1:1 in ein Fantasy-Setting zu versetzen.
Warum also nicht versuchen, das Grundgerüst eines guten Stoffes in ein anderes Setting zu versetzen? Wie würde sich Dorian Gray im Cyber-Zeitalter ausnehmen? Was müßte verändert werden, was für ungeahnte Möglichkeiten würden sich bieten? Auf was für Narreteien würde Don Quixote heute verfallen? Was wäre, wenn Kapitän Ahab kein Seefahrer, sondern ein Bergsteiger wäre und der weiße Wal eine bisher unbezwungene Wand in den Anden?

6. Mit Settings spielen
Ich habe in meiner Schreibwerkstatt oft erlebt, daß Teilnehmer, die sich mit charaktergestützten Handlungsentwürfen schwer taten, plötzlich aufblühten und vor Geschichten nur so übersprudelten, wenn sie dazu aufgefordert waren, sich ein exotisches Setting auszudenken und anschließend zu überlegen, was für Figuren es bevölkern und was für Geschichten sich dort abspielen könnten?
Wie z.B. sieht der Alltag in einer Wetterstation auf Spitzbergen aus? Was für Menschen haben sich einen derart abgelegenen, rauen Arbeitsplatz ausgesucht und warum? Was für ein Leben könnten Kinder auf einer philippinischen Müllhalde führen und was könnte ihnen dort zustoßen? Was für Geschichten könnten sich um eine der Eselsbibliotheken ranken, die in Kolumbien Bücher in die entlegensten Bergdörfer bringen? Was für eine Geschichte könnte in einer asiatischen Transsexuellen-Bar ihren Anfang nehmen? Oft fördert die Recherche über solche exotischen Settings bereits eine ganze Menge Ideen zutage, wenn nicht sogar die Figuren wie von selbst vor dem inneren Auge entstehen.

7. Mit dem Titel beginnen
Gelegentlich stolpert man in Büchern über andere, nie geschriebene Bücher, deren Titel mehr als vielversprechend klingen. Warum nicht selbst ungeschriebene Bücher erfinden? Was für Titel wären aufregend, verstörend oder verlockend? „Das Vermächtnis des Schnabeltiers“, „Serienmord für Amateure“, „Die Kolonisierung der falschen Welt“, „Drei Gräber, zwei Namen“, „Das byzantinische Komplott“, „Die rote Nacht“, „Die Liebe der Abrissbirne“, „Mein 13. Nervenzusammenbruch und was dann geschah“, „Das kopierte Leben“, „Keine Gnade für Wühlmäuse“, „Die Rache des Messdieners“, „Plastikmama“, „Gestern in Utopia“, etc. pp.
Je weiter man dieses Spiel treibt, desto schneller und vielfältiger entstehen die ungeschriebenen Bücher. Hat man eine ansehnliche Anzahl beieinander, gilt es nur noch 10 davon auszusuchen und Klappentexte für sie zu schreiben. Und ehe man es sich versieht ist eine Idee dabei, die man am liebsten schon gestern gehabt hätte, um sich wieder an die Arbeit zu machen.







Dienstag, 23. April 2013

Sechs neue Frühlingshaiku


von Thomas Piesbergen


Es fällt Halm für Halm

das Stroh meiner Sandalen
Haltet bis zum Mai!


Mitten in der Stadt:
nahe bei dem toten Laub
die Pflaumenblüte


Der Teich unberührt
bis der Wind Kirschblüten
herabschneien läßt


Morgen schon werden
Blätter die Häuser drüben
verborgen haben


Verschatte den Blick.
Viel zu hell in der Sonne
das Weiß der Blüten


Die Wasserläufer
umtanzen ganz aufgeregt
ein Kirschblütenblatt

Montag, 11. März 2013

Kurzgeschichte: "Alte Welt" von Thomas Piesbergen

„Literature. Cool“
Michael zog die Augenbrauen zusammen und nickte ein anerkennendes, großes amerikanisches Nicken. An ihm war eigentlich alles groß: seine Hände, seine Spiegelreflexkamera, sein Bart, sein Nike-Turnschuhe, seine Gesten. Er hätte auch Literatur studiert. An der Highschool. Er nahm einen großen Schluck Bier, runzelte erneut die Brauen und betrachtete die Flasche. Über ihr braunes Glas schwammen rote Lichtreflexe. Gutes Bier hätten wir in Deutschland. Dafür sei Deutschland schließlich auch bekannt. Aber inzwischen würden bei internationalen Bierwettbewerben vor allem amerikanische Brauereien gewinnen, ob ich das gewußt hätte?
Ich lächelte milde, verneinte und schob mir eine Zigarette zwischen die Zähne. Was mochte diesen hemdsärmeligen Knaben auf seiner Tour de Force durch Europa bloß auf den Kiez verschlagen haben?
„In Highschool we read Kafka.“ Er sah mit dem selben grimmigen Ernst, mit dem er das Etikett der Flasche betrachtet hatte, auf meine Zigarette. Was ich denn von ihm halte. Von Kafka. Darauf wollte er also hinaus: Er wollte sich unter die Boheme mischen.  Vor meinem inneren Auge sah ich ihn in einem Burger-Restaurant daheim in Ohio sitzen, oder in Alabama, und vor einem Mädchen in Cheerleader-Uniform damit prahlen, er hätte in einer Bar in Deutschland mit einem rauchenden Intellektuellen über Kafka diskutiert. Fast hatte ich Mitleid mit ihm.
„Did you read Kafka? What do you think of him?“
Ich zuckte irritiert mit den Schultern. Was kann man denn schon von Kafka halten! War auch schon verdammt lange her. Leistungskurs Deutsch. 1993. Aber warum sollte ich ihm nicht die Freude machen? Das war eben sein Kultur-Programm:  Eifelturm, Neuschwanstein, Colosseum, Kafka, verlotterte Boheme… Ich nickte mit demselben Ernst zurück. Natürlich hätte ich ihn gelesen! Einen der bedeutendsten deutschen Autoren!
„But he is no German.“ Michael sah mich konsterniert an. Er käme immerhin aus Prag, das wäre damals Teil von Österreich-Ungarn gewesen und heute Tschechien. Außerdem wäre Kafka Jude.
Ich lachte, sah rasch aus dem Fenster und machte eine ausweichende Bewegung mit der Hand, wobei ich fast die Betty Page-Frisur eines tätowierten Mädchens am Nebentisch in Brand steckte. Aber immerhin hätte Kafka ja auf deutsch geschrieben, und daß er Jude sei spiele doch überhaupt keine Rolle, wiegelte ich ab.
„Well.“ Er nippte an seinem Bier und lehnte sich zurück. Ob ich denn auch an seinem Grab gewesen wäre, schließlich sei Prag ja nicht weit weg von Hamburg. Ich verkniff mir ein spöttisches Grinsen. Amerikaner und Geographie… Er selbst sei da gewesen. „ A great City. A lot of culture is going on there.“ An meiner Stelle würde er sofort dorthin ziehen. Die einzige andere Stadt, die für ihn in Europa in Frage käme, sei Paris. Ob ich denn auch Pére Lachaise kenne. Er wäre an den Gräbern von Getrude Stein, Balzac und Oscar Wilde gewesen. „And a lot of others…“ Mir fiel dazu kaum mehr ein als Jim Morrison, also murmelte ich irgendetwas Bedeutungsschwangeres und hüllte mich in Rauch.
Michael trommelte den Rhythmus eines Gogol Bordello Songs mit. In den zwanziger Jahren müsse Paris großartig gewesen sein! „They all met there! Hemingway, Getrude Stein, F.Scott Fitzgerald…“
Ich fügte hinzu: „Dali, Bunuel, Man Ray…“ Es war zum Glück noch nicht lange her, daß ich Midnight in Paris von Woody Allen gesehen hatte. Dann fiel mir der erste Satz des Malte Laurids Brigge ein. Ich legte den Kopf in den Nacken, machte eine wegwerfende Geste und posaunte heraus, Rilke hätte hingegen geschrieben, die Leute kämen zwar nach Paris um dort zu leben, aber schließlich stürbe es sich dort besser.
„Wasn´t he born in Prague, aswell?“
Ich schüttelte entschieden den Kopf, doch Michael war sich sicher. Er zog aus seinem Rucksack einen zerlesenen Reiseführer, blätterte rasch durch die Seiten und legte mir mit streng weisendem Zeigefinger eine Liste berühmter Söhne der Stadt vor. Nur mit Mühe gelang es mir, meine Verlegenheit zu verbergen. Natürlich hätte ich gemeint, Rilke wäre dort nicht begraben; begraben wäre er, nun ja, in…
„In Switzerland.“, beendet Michael meinen Satz, bevor er in einem ungefähren Nirgendwo verreckte. „That´s were I´m going to.“
Sils Maria, Montagnola, ich wüßte doch sicher Bescheid. Mir dämmerte es leider nur sehr vage und ich bemühte mich, wenn schon nicht wissend, so doch wenigstens freundlich zu lächeln. Er leerte die Flasche mit einem letzten, großen Zug; ich zündete mir hastig eine neue Zigarette an. Als er sich nach vorn lehnte, knarrte der Tisch bedenklich. Es wäre sicher ein fantastisches Gefühl, an den Orten zu sein, wo der Steppenwolf und Zarathustra entstanden seien. Ich lachte erleichtert auf: Ach ja, natürlich! Hesse! Nietzsche! Alte Bekannte von mir…
Bevor er mir die Gelegenheit gab, mich weiter zu blamieren, warf er einen kurzen Blick auf sein Smartphone. Mit einem Ausruf des Erstaunens erhob er sich. Es täte ihm leid, aber es sei schon sehr spät und er müsse morgen rechtzeitig zum Flughafen. Dann bedankte er sich überschwänglich für das interessante Gespräch; ich solle mich doch unbedingt bei ihm melden, wenn ich mal in die USA käme. Schon einen Atemzug später war er aus der Kneipe gerauscht und in die betrunkene Nacht verschwunden.
Ich atmete tief durch und drückte die Zigarette aus. Jetzt brauchte ich erstmal einen Schnaps. Als ich mich mit Bier und Wodkaglas von der Bar zurück an meinen Tisch schob, fiel mir sein Reiseführer ins Auge. Er hatte ihn zwischen den leeren Flaschen und dem Aschenbecher liegen gelassen. Schnell stürzte ich den Schnaps hinunter, griff das Buch und lief hinaus auf die Straße.
Draußen empfing mich ein klebriger Nieselregen. Bei der Davidstraße, noch in Rufweite, sah ich eine große Silhouette über das schimmernde Kopfsteinpflaster davon eilen. Ich lief eine paar Schritte, dann blieb ich stehen. Es war sicher jemand anders gewesen. Michael war doch sicher schon auf der Reeperbahn. Er hatte doch sicher schon ein Taxi genommen. Ich sah auf das Buch in meiner Hand. Prag. Mein Daumen strich über den angestoßenen Rücken, über den von Eselsohren gezeichneten Buchschnitt. In meinem Magen breitete sich die heiße Blase des Wodkas aus. Prag. Verstohlen ließ ich das Buch in meine Tasche gleiten. Soll schön sein. Und ist eigentlich gar nicht so weit weg.


Thomas Piesbergen ⓒ 2012/13


Dienstag, 15. Januar 2013

Sechs neue Winter-Haiku

Thomas Piesbergen


Im Vogelbeerbaum
selbstzufrieden zwei Amseln
Noch macht er sie satt


Für einen Moment
erstarb das Schneegestöber
den Mond zu schauen


Auf Buchenzweigen
balanciert hoher Neuschnee
Windstille im Park


Dicht und beharrlich
über den dunklen Pfützen
Schnee im Dämmerlicht


Vom Ufer herauf
tönt nur ein leises Knirschen
von treibendem Eis


Der knospende Zweig
Er wagt kaum sich zu rühren
Aus Angst vor dem Frost








Montag, 7. Januar 2013

Neue Veröffentlichung: "hühnerhaus volksdorf.kunst (3)"

Katalog mit Texten von Thomas Piesbergen, Johannes L. Schröder, Eberhard Stosch, Alice Peragine, Ralf Jurszo, Matthias Will, Edith Sticker und Ilka Vogler

Hyperzine-Verlag, Dezember 2012
ISBN 978-3-938218-60-0

Freitag, 4. Januar 2013

Texte der Lesung "Fremdkörper" 5, Silke Tobeler "Chinesisches Marzipan"

Silke Tobeler
CHINESISCHES MARZIPAN


Alfreds Geist hatte sich in einem Keller des Café Niederegger manifestiert. Verwirrt blickte er auf den steifgefrorenen Körper des Mannes vor ihm, während sich die Gedanken formten: „Warum bin ich hier? Was habe ich getan?“ Antworten konnte Alfred sich selbst nicht mehr. Der Mund des Gestorbenen war halb geöffnet. An den Zähnen klebten Schokoladenreste, die nicht mehr weggeputzt werden mussten.

Vor einem Monat noch, saß er kurzatmig, aber quicklebendig Frau Dr. Haller gegenüber. Wie immer schaute sie streng und leicht gereizt über ihre randlose Brille, während sie rhythmisch mit ihrem Kugelschreiber auf dem Tisch pochte.
„Herr Nusseck“, begann sie das Gespräch in scharfem Ton. „machen wir uns nichts vor – Sie sind süchtig!“
Alfred zog ein Stofftaschentuch aus seiner Cordhose und wischte sich die Schweißperlen von der Stirn. Er räusperte sich: „Es ist nur wegen Weihnachten, Frau Doktor.“ Bittend blickte er seine Internistin an. „Seit zwei Jahren schon reiße ich mich zusammen, nur um Ihren Anweisungen zu folgen.“ „Herr Nusseck“, die Ärztin rollte ihre Augen zur Decke, „Blutwerte lügen nicht. Wir haben so hart daran gearbeitet, dass Ihre Diabetes mehr oder weniger zufriedenstellend eingestellt ist, und was machen Sie? Wenn Sie schon keinen Sport treiben, müssen Sie umso mehr auf ihre Ernährung achten. In ihrem Zustand können Sie sich einfach keine Ausnahmen leisten!“
Alfreds Augen füllten sich mit Tränen. „Es ist die Hölle! Jedes Jahr sehe ich die Familien auf dem Weihnachtsmarkt glücklich gebrannte Mandeln essen -  und was bleibt mir? Natreen!“ 
Ungerührt fuhr Frau Dr. Haller fort: „Herr Nusseck, sie sind fett! Und wenn Sie so weitermachen, dann wird das Ihr letztes Weihnachtsfest gewesen sein!“
Sie seufzte. „Halten Sie sich doch um Gottes Willen an die Diät! Und sollte sich ihre Wahrnehmung trüben, oder wenn Sie einen merkwürdigen Geruch, wie zum Beispiel von Nagellackentferner bemerken, dann begeben Sie sich sofort in die Klinik!“

Mutlos verließ Alfred die Arztpraxis. Aus seiner Jackentasche zog er das Päckchen zuckerfreien Kaugummi und stopfte sich gleich drei Stück in den Mund. Ein billiger Ersatz für das krosse, karamellige Knacken von gebrannten Mandeln zwischen seinen Zähnen. Missmutig stolperte er in den Lübecker Weihnachtsmarkt. All die Erinnerungen vom Duft des nelkendurchzogenem Glühpunsches und auch die herrliche Erfahrung von fettigem, mit Puderzucker bestäubtem Schmalzgebäck, wurden in Alfred wieder wach. Er spuckte den Kaugummi auf die Straße und stellte sich an die Bude mit Printen. „500 Gramm , bitte!“ Sobald er die Tüte in der Hand hielt, riss er sie auf und stopfte sich das längliche Gebäck gierig in den Mund.
Alfred stöhnte, denn die Strafe folgte auf dem Fuß. Da war er wieder: Der schreckliche, quälende Durst, der ihn nach jedem Zuckerkonsum peinigte. Er musste nach Hause, um sich ins Bett zu legen, literweise Wasser zu trinken und zu beten, dass Morgen ein anderer Tag käme.

Der Schneeregen durchmatschte die herrenlosen Blätter auf den Gehwegen. Als er in den Hausflur trat, war er trotz der Kälte schweissgebadet. Missmutig öffnete er den Briefkasten. Es fiel ihm die übliche Post entgegen: eine Telefonabrechnung, ein Werbeprospekt des neuen Pizzaservices, zuletzt ein rotbunter Umschlag. Mit einem Seufzer fischte er ihn aus der Schmelzwasserpfütze. Er blickte auf die Adresse: Albert Netzer – Alfred stöhnte und schloss die Wohnungstür auf. Immer wieder lagen Briefe an Herrn Netzer in seinem Kasten. Jedesmal strich er den Namen durch und schickte die Briefe retour. Aber diesmal weckte der Umschlag  in seiner karminroten Pracht Alfreds Interesse. An seinem Schreibtisch angekommen, legte er das Kuvert vor sich und strich das verwaschene Reispapier glatt . Die Klebung an seinem Rand hatte sich durch das Schmelzwasser gelöst. Vorsichtig wendete Alfred den Umschlag in seinen Händen. Plötzlich flatterte ihm ein Bündel Geldscheine auf den Schoß. Er fragte sich wie man in Peking so doof sein konnte, so viel Geld mit der Post zu versenden und wie viel Geld es schon gekostet haben musste, dieses Schriftstück mit wertvollem Inhalt an den wachsamen Augen der  chinesischen Beamten vorbeizumogeln. Er wollte die Zeilen auf dem Brief wirklich nicht lesen und er hatte auch gar nicht damit gerechnet, dass der Inhalt tatsächlich auf Deutsch geschrieben sei. Doch schon war er mittendrin: „Herre Netzer“, stand da, „wir sined vorzüglich erfreut, dass Sie Ihres Dienste der Volksrepublik of China widmen wollen und schickken Ihnes eine Geld für die Aufwand. Eines Frage wir haben noch: Nicht nur Nougat isset interssant. Auch die Marsipan. Sie heben die Marsipan inne Lübeck? Bitte Sie shcreiben uns nach Erhalt von die Geld als Dankeschön fürr die Nougat oder Sie rufen Herre Lim Kim Chi an. Tel: 0086/162 346567.
Viel Grüße und Gesundheit an Sie und Familie, Lee Xiao Bin.“

5000,- EURO... Alfreds Mund war trocken wie Papier. Er konnte nicht widerstehen. Er schob die Schreibtischschublade auf und schob sich eine Marzipankartoffel in den Mund - 5000- EURO! Was für ein schlüpfriger Auftrag konnte das sein, der mit Nougat und Marzipan zu tun hatte? Alfred seufzte und versuchte das Geld und den Brief in den durchgeweichten Umschlag zurückzustopfen. Seine Finger hinterließen klebrige, hellbraune Abdrücke auf dem zerlesenen Papier.

Nachts konnte Alfred nicht schlafen. Sein Herz raste, seine Beine kribbelten. Er musste unendlich viel trinken, um seinen Blutzucker wieder auf ein normales Maß zu reduzieren. In seinem Kopf fuhren die Gedanken Karussell.: Sollte er dort anrufen? Er ahnte den Hintergrund der chinesischen Suche nach echtem Marzipan. Alfred schmeckte die Illegalität auf seiner Zunge - ein Hauch von Bitterschokolade mit einer kräftigen Prise Chilli.
Am nächsten Morgen ging es ihm nach seiner ausschweifenden Zuckerorgie denkbar schlecht. Nachdem er den ganzen Vormittag in seinem Bademantel vertrödelt hatte, nahm er wieder den Brief zur Hand und studierte ihn eingehend. Marsipan inne Lübeck... Ganz klar, es konnte sich hier nur um das sagenumwobene Haus Niederegger handeln. Alfred nahm das Telefon und wählte die ausländische Telefonnummer. Es klingelt, dann sprach eine Stimme am anderen Ende der Leitung: „Wei?“ Alfred räusperte sich: „Hallo? Hier ist Albert Netzer aus Lübeck.“ „Ah, de Herre Netzer... Sie habe die Brief bekomme?“ Alfred nickte und die hohe Stimme am anderen Ende der Leitung fuhr unbeirrt in ihrem PidginSingsang fort: „Das mitte die Nougat isset von Ihnen gut gelaufen. Nun wir brauchen die Resept für die Marsipan von Fabrik in Lübeck. Sie könne helfen?“ Alfred schluckte und krächzte: „Ja...“ „ Dann wir machen wie letzte Mal. Sie finde exakte Zutaten und dann unsere Mann komme in swei Wochen fürre Originalresept. Danke und gutte Glück!“ Es klickte in der Leitung und Alfred blickte fassungslos auf den Hörer in seiner Hand. Er strich noch einmal den Brief auf seinem Küchentisch glatt und suchte nach dem Briefkopf. Die chinesischen Schriftzeichen konnte er nicht entziffern. „Marzipan. Niederegger“ - schoss es durch seinen Kopf.
Jedes Kind, das in Lübeck aufwuchs, wusste, dass der echte Herr Niederegger vor zweihundert Jahren ein Rezept für Marzipan entwickelt hatte, das in seiner Einzigartigkeit von keinem Konditor nachgekocht werden konnte. Aber er kannte doch jede geschmackliche Nuance. Konnte das echte Lübecker Marzipanbrot unter drei Dutzend Sorten mit geschlossenen Augen spielend herausschmecken! Wenn es einen Fachmann für den richtigen Geschmack gab, dann doch ihn! Ja, seine Erfahrungswerte würden gebaucht. Endlich würde sich die jahrelange, leidenschaftliche Mühe an der Zuckerfront auszahlen. Wer, wenn nicht er, Alfred Nusseck, wäre in der Lage das Unmögliche zu schaffen: das Marzipan des Hauses Niederegger so zu durchschmecken, dass er es nachkochen konnte.

Schon am nächsten Morgen saß Alfred im Marzipan Salon des Café Niederegger mit seinen feinen Konditortischchen, vor sich ein großes Stück Nusstorte. Alfred nahm seine Aufgabe ernst. Er stach die Gabel in das Kuchenstück und beobachtete die Geschwindigkeit dieses Vorgangs, kalkulierte den Widerstand und die Reibung der Marzipanschicht an seiner Gabel. Aufgrund seiner Erkrankung, ließ Alfred Vorsicht walten und aß immer nur so viel, wie er später mit seinen Insulinspritzen ausgleichen konnte. Es fiel ihm relativ leicht, so dosiert zu schlemmen und zu verzichten, da die Auseinandersetzung mit dem Zuckergehalt der edelsten Pralinen dieser Welt, ihm wahrhaft intellektuelle Orgasmen vermittelten. Er testete: Edelbitter Mousse, Vanilletrüffel auf Pistazie (eine ganz feine sich ergänzende Würze durch die aromatischen Nüsse), rustikale Marzipanbrote (ehrlich, aber etwas einfallslos), Baumkuchen und so fort. Sorgfältig notierte Alfred die Ergebnisse in seinem Notizbuch und übertrug diese Manuskripte zu Hause in seinem Notebook. Der nächste Schritt bestand darin, die Zutaten zu recherchieren.  Hier konnte er einen Hauch Zitronenschale und dort eine Prise Sternanis erkennen.
Alfred schmunzelte, als er an seine Kämpfe der letzten Jahre mit all dem süßen Weihnachtsklimbim dachte. Was hatte er sich zusammengerissen, nur um nachts von all den sündigen Milkaschokonikoläusen zu träumen.

Frau Dr. Haller war alles andere als erfreut über die Blutzuckerwerte ihres Patienten: „Geben Sie´s zu – Sie naschen doch heimlich! Herr Nusseck, ich habe es Ihnen schon vor wenigen Wochen gesagt: Sie spielen um Leben und Tod!“
Alfred nickte und kochte zu Hause unbeirrbar die Ergebnisse seiner hingebungsvollen Recherche zusammen.
So verging die erste Woche seines erschlichenen Auftrags aus China und Alfred war so glücklich, wie schon lange nicht mehr in seinem Leben.
Der Lübecker Weihnachtsmarkt war in vollem Schwung. Überall dröhnten, bummerten und klingelten Band Aid, Wham! und Frank Sinatra. Alfred machte es nichts aus. Er tänzelte neidlos an Familien vorbei, die Weihnachtsmandeln und Lebkuchen in sich hineinstopften und den Jahresendstress mit Glühwein ersäuften. Er hingegen schwelgte in einem Kosmos aus Aromen, balancierte mit unendlicher Geduld das Verhältnis von süßen und bitteren Mandeln aus, probierte mit Zitronenschale, Bourbonvanille, Zimt und Rosenwasser dem Geheimnis des Hauses Niederegger auf die Spur zu kommen. Danach kostete er zum Vergleich die Originalwaren im Café, notierte, was noch fehlte und kochte zu Hause weiter.

Sein Durst war unstillbar. Er trank eimerweise Wasser und sein Atem war kurz. Aber es war schon Samstag, der 17. Dezember. In vier Tagen sollte die ominöse Übergabe des Rezeptes an Herrn Lim am Holstentor stattfinden. In seinen kurzen Telefonaten hatte Alfred diesen historischen Platz ausgewählt, da er dachte, das Ambiente mit den Türmen würde seiner Mission als Niedereggerspion Glück bringen.

Doch wie er sich auch abmühte, Alfreds Pralinen mundeten  nie so, wie sie  sollten. Er hatte alles versucht. Dennoch schmeckte alles was er mühevoll in langen Stunden am Tag und in der Nacht zubereitete,  entweder zu fad, zu süß oder im schlimmsten Fall: es zerfiel einfach auf dem Teller.

Am 19. Dezember sah Alfred ein, dass er es nicht ohne Hilfe schaffte. Es ging kein Weg daran vorbei, er musste an das Expertenwissen herankommen, an die Quelle vordringen. Am frühen Nachmittag eilte Alfred in die Breite Strasse 76 und spritzte sich schon Mal vorsorglich, eine minimale Dosis Insulin - zur Sicherheit.

Es war kalt geworden in Lübeck.  Seine Nasenspitze fühlte sich taub an. Die Finger liessen sich trotz der Fellhandschuhe kaum bewegen. Alfred fragte sich, ob Herr Lim solche Temperaturen gewohnt sei und ob in China der Winter auch spätestens im Januar allen den letzten Nerv rauben würde.
Er duselte am Weihnachtsmarkt, mit all seinen Märchenfiguren und der in Holz geschnitzten heiligen Familie, vorbei. Sein Atemhauch umwolkte ihn wie ein Dickens’scher Geist. Da lag es wieder vor ihm: das Café Niederegger.

Die Bedienung hatte bereits auf Alfred gewartet: „ Ich dachte schon Sie kommen gar nicht mehr.“ Alfred erwiderte ihr Lächeln. „Ich hätte gerne einen Tee.“ Schwerfällig ließ er sich auf dem zierlichen Mobiliar nieder. Trotz allen Insulins fiel ihm das Atmen schwer und er spürte wieder diesen quälenden Durst.
Er versuchte sich abzulenken und betrachtete die im Weihnachtsrausch dahindümpelnden Touristen: Amerikaner mit schirmmützigen Männern, deren Frauen mit rotlackierten Fingernägeln das süße deutsche Kulturgut befühlten und Japaner, die entzückt mit ihren Smartphones Fotos von sich in putziger Zuckerbäckeratmosphäre machten. Alfred schwitzte und keuchte. Sein Herz schlug die Sechzehntel von Rolf Zuckowskis „Weihnachtsbäckerei“. Er wartete auf den Augenblick, um in das Allerheiligste hinter den verführerischen Auslagen vorzudringen, um die Rezeptur zu finden, die seit zweihundert Jahren wohlgehütet wurde. Die Bedienung brachte ihm den Tee und liess sich dann nur allzugern in ein Gespräch mit dem in Rockstarkluft gekleideten Japaner verwickeln, der sie charmant um ein Foto bat. Alfred nutzte den Moment um auf der Toilette zu verschwinden und in das Headquarter des Hauses Niederegger zu gelangen.

Alfred war sich selbst nicht darüber im Klaren, wonach er eigentlich suchte. Glaubte er, ein vergilbtes Blatt Papier zu finden, auf dem in Sütterlin das Geheimnis des Niedereggerschen Marzipans stand? Beispielsweise: Johann Georg Niederegger 1842, Marzipan: „ Man nehme 1500g Mandeln aus Persien, 350g Honigh aus Lüchow“, womöglich mit einer Anmerkung „(Lotte meint man solle den Honigh mit Zucker vermängen...)“? Oder wollte Alfred rotgesichtige Köche beim Zartbitterschokoladerühren beobachten und hören wie sie ihren Eleven erklärten: „Nur 8 Zesten einer unbehandelten Zitrone aus Sienna, jedes weitere Stück würde die Creme verfälschen..“?
Ja, wahrscheinlich schlug Alfreds Phantasie genau solche romantischen Blasen.

Nach seinem vorgeschobenen Toilettengang, ging Alfred nicht zurück in den Cafébereich, sondern öffnete die Tür neben der Herrentoilette, auf der ein Schild mit der Aufschrift: „Privat“ hing. Doch dahinter verbarg sich nichts anderes als eine gewöhnliche Besenkammer. Gerade wollte Alfred enttäuscht umkehren, als er hinter einem vollgerümpelten Regal eine silberne Türklinke hervorschimmern sah. Aha – es geht also weiter: Alfred schob sich mit seinem massigen Leib an einem Staubsauger vorbei und drückte die Türklinke hinunter. Blindlings griff er nach einem Handlauf und fand auf halber Treppe sein Gleichgewicht wieder. Er atmete tief durch. Doch anstatt der erhofften paradiesischen Düfte, schlug ihm nur feuchtkalte, modrige Luft entgegen. Er starrte in die Dunkelheit, fluchte über seine Naivität und wollte sich gerade umdrehen, da hörte er mit Entsetzen, wie die eiserne Tür in seinem Rücken ins Schloss fiel. Mit den Händen voran tastete er sich Stufe um Stufe hinauf, bis er die kalte Oberfläche der Tür unter den Fingerkuppen spürte. Erleichtert schloss sich seine Hand um den Türknauf – Er rührte sich keinen Millimeter. Alfred versuchte es erneut, doch es hatte keinen Sinn. Er war gefangen! Nichts mit Zuckerbäckern mit hohen Mützen oder geheimnisvollen zweihundertjährigen Briefen – er war gefangen! Sein Kopf schmerzte. Seine Kehle war ausgedörrt. Aber um seinen Durst konnte er sich jetzt nicht kümmern – er musste einfach raus!
Es gab weitere Stufen und von unten strömte der Luftzug herauf, den er bitter nötig hatte. Denn inzwischen hatte sich ein Ring um seine Brust gelegt und zog sich mit jedem Atemzug fester zu. Er versuchte ruhig zu atmen. Doch je mehr er sich bemühte, desto bedrohlicher wurde das Gefühl zu ersticken. Seine Hände tasteten sich an den rauen Kellerwänden abwärts. Er spürte, dass es kälter wurde. Raus – an die Luft – zu irgendeinem Getränk! Er kletterte die Stufen weiter hinunter.
Endlich war er am Fuße der Treppe angekommen. Hier war es kälter und zugiger als an jedem Ort, den er zuvor in seinem Leben betreten hatte. Er stieß gegen eine scharfe Kante. Mit steifen Fingern folgte er den Umrissen und kam zu dem Schluss, dass es sich um einen Werkstatttisch handeln musste.

Alfreds Zunge klebte an seinem Gaumen. Er konnte nicht anders: Er musste in die Tasche greifen, um sich eine Lindorkugel zu holen und in seinen Mund zu schieben. Während er nervös kaute, machte sich der scharfe Geruch von Aceton in seiner Nase breit. Welche Frau entfernte sich hier wohl ihren Nagellack? Ihm wurde schwindelig. Ein weisser Strudel begann sich um ihn zu schließen, dann erlosch sein Bewusstsein.

Bekümmert blickte Alfred Nusseck auf seinen leblosen Körper herab. „Alfred – was hast Du getan? Was wolltest Du hier?“
Doch der Körper regte sich nicht mehr. Es sollte tatsächlich drei Wochen dauern, bis man Alfreds Leiche fand. Kalt, grau und schlaff lag sie auf dem nackten Beton vor dem Kellerfenster.

Das wabernde Grau seiner Seele strömte zum Lübecker Holstentor und umstrich den bibbernden chinesischen Mann, der vergeblich mit seinem fest umschlossenen Geldköfferchen auf und ab trippelte. Neben Herrn Lim glomm eine andere fahle, ätherisch anmutende Gestalt. Alfred´s Geist konnte einen Mann mit Zylinder, weißen Haarlocken und einem Backenbart erkennen, dessen Frack im Nordwind flatterte. Spöttisch blickte die Erscheinung auf den kleinen Asiaten, der von einem Bein aufs andere trat. Dann richtete der frackbemantelte Geist  seine betongrauen Augen auf  das, was von Alfred übrig geblieben war „Du hättest die Mandeln rösten und salzen sollen!“ Und vor Alfred´s Augen wedelte der Geist des Herrn Niederegger das vergilbte Rezept in seiner aschfahlen Hand.
„Rösten... und salzen...“

Überarbeitung: Thomas Piesbergen

Texte der Lesung "Fremdkörper" 4, Nauka Zartnack "Paolos Rückkehr"

Nauka Zartnack
Paolos Rückkehr

Rums…ein Schlagloch. Paolo hob benommen den Kopf.
Seine Hände glitten über eine vertraute Oberfläche. Es war die Rückbank seines Jeeps. Er blinzelte in das grelle Nachmittagslicht, doch die Sicht blieb verschwommen.
Vor ihm auf dem Fahrersitz zeichnete sich langsam eine Silhouette ab. Und wieder ein Schlagloch. Der Kopf schmerzte und drohte zu platzen.
„Was machst du hier? Was hast du getan?“, stöhnte Paolo. Die Silhouette drehte sich um. „Jetzt gibt es nur noch uns beide!“
Ein hämisches, irres Lachen stieg aus der Tiefe hervor, füllte das Wageninnere, drang in Paolos hämmernden Schädel, spülte die schrecklichen Bilder wieder empor und raubte ihm ein weiteres Mal das Bewusstsein...

Acht Monate zuvor.
Der Wind schnitt mit seinem eisigen Atem um die Berge. So kalt wurde es zuhause in der Toskana nie.
„Paolo, pass auf! Die drei Damen da drüben wollen ausbrechen. Treib sie hier rüber und komm den Kälbern nicht zu nahe. Sonst machst du gleich mit den Hörnern Bekanntschaft. Vergiss nicht, das sind keine Pferde wie bei Dir zuhaus.“.
Sepp nahm Paolo hart ran. Was konnte ein italienischer Pferdewirt schon von Milchkühen wissen. Genauso wenig hatte er verstanden, was der junge Spund bei ihm hier oben suchte, auch wenn Paolo ihm fast jeden Abend nach getaner Arbeit davon erzählte, wie er seine ganze Jugend davon geträumt hatte, mit einem Rucksack durch Europa zu reisen.
Nun half er für drei Wochen dem alten Milchbauern Sepp Heininger. Sie trieben das Vieh hinunter ins Tal. Paolo bekam schnell Frostbeulen an den Händen. Abends jedoch bei heißer Milch und einem Glas Most wurden die Glieder wieder warm und er sah dem nächsten Tag mit Freude entgegen.
Sepp war ein komischer alter Kauz. Er hatte sein Leben lang einsam in der Berghütte gehaust. Die meisten aus dem nahegelegenen Dorf hielten ihn für verrückt. Aber Paolo hatte ihn gleich in sein Herz geschlossen und störte sich nicht daran wenn Sepp wieder mit den Vögeln in den Bäumen über Fußball diskutierte. Was für ein einsames Leben musste das sein. Paolo dachte wehmütig an seine Frau Emilia. Doch dann hieß es wieder die Ärmel hochkrempeln und sein Heimweh war wie weggeblasen.
Als sie am letzten Abend an Sepps Hütte ankamen, war es schon dunkel. Die Tage wurden jetzt immer kürzer.
 „So das war die letzte Herde. Jetzt ist das gröbste für den Winter vorbereitet. Und du ziehst morgen weiter nach…wohin?“ „Nach England und dann hoch nach Schottland.“ „Nun…wenn dich das glücklich macht, mein Junge.“ Sepp setzte sich an den Kamin und rümpfte die Nase.
Paolo sah den Alten an, der mit sich stille Zwiesprache hielt, während dieser in die Glut blickte. Ihm wurde warm ums Herz.
„Hey Sepp, die letzten Wochen bei dir waren schön. Ich habe viel gelernt. Ich würde dich gerne wieder besuchen, um dir beim Viehtreiben zu helfen.“
„ Wenn du unbedingt willst. Ich werde schon ein paar Aufgaben für dich finden. Aber lässt dich deine Frau denn nach der Geburt überhaupt noch weg?“, brummte er mürrisch.
Paolo wusste, dass das das Herzlichste war, was man von Sepp erwarten konnte. Vergnügt tranken sie ihren Most am Kamin.

Rattatta rattata rattata…die Landschaft wurde rauer. Regen peitschte gegen die Scheibe. „Nächster Halt Fort William in 30 Minuten.“ Nach einem kurzen Aufenthalt in
London, fuhr er weiter in den Norden von Schottland. Über Bekannte hatte er die Adresse von Sir John Scotterfield erhalten, einem passionierter Jäger und Briefmarkensammler. Die Jagdsaison hatte gerade begonnen und Paolo sollte Sir Scotterfield zur Hand gehen.
Der Zug fuhr in den kleinen Bahnhof ein. Mit seinem Wanderrucksack bepackt kletterte er aus dem Zug und suchte nach einem älteren Herrn, der Sir Scotterfield sein könnte. Als der Bahnsteig sich geleert hatte, trat hastig ein Mann durch die Bahnhofstür gefolgt von einer riesigen Dogge.
„He Sie da. Sind sie Paolo?“ „Ja das bin ich. Sir Scotterfield? “„Nennen Sie mich Sir John. Kommen Sie mit.” Paolo folgte ihm zu einen Range Rover. Dieser hatte seine besten Jahre bereits hinter sich. „Setz dich auf die Ladefläche. Maggie sitz vorne.“, sprach Sir John und tätschelte dabei den Kopf der Dogge. Komische Sitten, dachte sich Paolo, zog seine Jacke fester und bemühte sich nicht von der Ladefläche zu fallen.
In den nächsten zwei Wochen war Paolo der Laufbursche für Sir John. Er begleitete ihn auf der Jagd und trug für diesen die erlegten Tiere zum Gut. Sir John hatte eine ruppige Art, und der für Paolo kaum verständliche schottische Dialekt machte es nicht einfacher, mit ihm umzugehen. Allerdings stellte sich Paolo auch nicht sehr geschickt an. Tiere nur zum Zeitvertreib zu töten widerstrebte ihm. Sir John entging sein Widerwillen nicht und so wurde ihr ohnehin distanziertes Verhältnis von Tag zu Tag kühler.
Sie waren gerade in einem der Nebengebäude des Anwesens und zogen den erlegten Tieren das Fell ab. „Wie oft soll ich es dir noch sagen? Erst den Bauch aufschlitzen, ausbluten lassen und dann den Kopf abtrennen. Ich zeig es dir hier bei dem Hasen.“ Mit funkelnden Augen schlitzte Sir John den Hasen auf. Beherzt griff er nach den Eingeweiden und ließ sie in einen Eimer fallen. „Das gibt es nachher zum Essen. So und jetzt schön ausbluten lassen. Siehst du wie herrlich das fließt? Da gibt es kaum einen Unterschied zwischen Menschen und Tieren.“ Als das Blut nur noch zäh herab tropfte, nahm er ein Hackmesser und schlug den Kopf mit einem einzigen Schlag ab. „So du Italiener, dann zeig mal, was du kannst. Ist halt was anderes als Pasta, was.“, lachte Sir John gehässig.
An diesem Tag war Sir John besonders übellaunig. Erbarmungslos fuhr er Paolo an und kommandierte ihn von einer Aufgabe zu nächsten. Schließlich schlug er Paolo das Messer aus der Hand und schrie: „Jetzt hast du das ganze Fell versaut. Wie dumm kann man nur sein! Elender Spaghettifresser!“ Nun hatte Paolo genug. „Ständig brüllen sie mich an! Das muss ich mir nicht mehr antun! Ich gehe!“
Er stürmte aus der Werkstatt, stieg hinauf in die kleine Kammer unter dem Dach und
packte seine Sachen. Dann kehrte er zurück in die Werkstatt, um sich zu verabschieden. Auf halben Weg kam ihm Sir John entgegen. In seiner Hand hielt er
ein Gewehr. „Verschwinde du Nichtsnutz! Undankbarer Kerl! Dich hier durchfüttern lassen
und nicht arbeiten wollen! So hab ich es besonders gern!“ Er schoss zweimal in die Luft.
Paolo zuckte heftig zusammen. „Sie sind ja wahnsinnig!“
„So, bin ich das?“
Ein dritter Schuss zerriss die graue Luft. Paolo stolperte hastig über den Kiesweg zum Tor. Weitere Schüsse fielen.
Gerade als er das Tor erreicht hatte, glitt er auf dem Kies aus und stürzte. Wieder ein Schuss. Sir John kam immer näher. Paolo rappelte sich auf, hastete durch das Dickicht der Kiefern und Rhododendren und rannte und rannte. Sein Atem war flach, Schweiß lief ihm die Stirn und den Rücken hinunter. Nach einiger Zeit verlangsamte er seine Schritte. Er hörte Sir John nicht mehr schreien und auch die Schüsse waren inzwischen nur noch leise zu hören. Er war fürs erste in Sicherheit.

Irland. Windig, regnerisch und grün wohin das Auge reicht. Gleich bei der Ankunft lernte er an einer Bushaltestelle Brandon O´Boyle kennen. Es waren nur wenige Worte und wenige Blicke nötig um ihren Pakt zu besiegeln. Paolo schien es fast so, als hätte er einen lang verloren geglaubten Bruder gefunden.
Brandon war Extremsportler und ständig auf Reisen. Keine Klippe war für ihn zu hoch und keine Schlucht zu tief. Ständig war er auf der Suche nach dem nächsten Nervenkitzel, der nächsten Herausforderung. Drei Wochen lang streiften sie Unbeschwert wie die Kinder über Wiesen und Heide, bezwangen Felsen und Burgruinen, spielten Spiele.
„Wetten das ich diese Klippe hinauf komme mit nur einem Arm und meinen Beinen?“
„Ha, das ist doch verrückt. Lass das Brandon.“, lachte Paolo und machte eine wegwerfende Handbewegung.
„Los Kleiner, bind mir den linken Arm auf den Rücken. Los mach schon.“
„Das ist doch nicht dein Ernst?“
„Und wie das mein Ernst ist!“ jubelte Brandon, nahm einen Schal und gab ihn Paolo.
Zögernd band er ihm den Arm auf den Rücken und schon machte sich Brandon an den Aufstieg. Paolo war nicht wohl bei dem Anblick, doch Brandon meisterte Meter für Meter problemlos. Es war unglaublich. Oben angekommen, stieß Brandon einen
Siegesschrei aus und forderte Paolo auf, ihm nach zu kommen. Beim letzten Vorsprung reichte Brandon ihm die Hand und zog ihn mit Schwung hinauf. Mit einem triumphierenden Lachen sprang Brandon um Paolo herum, dann lief er die Weide hinunter, die auf der anderen Seite der Klippe zum Tal führte.
Paolo sah ihm mit einem Lächeln nach, schüttelte den Kopf und sagte zu sich selbst: „Wie ein übermütiges Kind. Ich werde dich vermissen, Brandon.“
Als sie abends beim Lagerfeuer saßen, brachte Paolo es kaum übers Herz seine
bevorstehende Abreise anzusprechen.
„Das waren die besten drei Wochen meines Lebens, Brandon. Aber, weißt Du, es wird Zeit für mich.“
„Ach Kleiner, was zieht dich nur nach Hause? So unbeschwert wie hier wird es nirgends sein.“, murmelte Brandon.
„Ich würde es mir nie verzeihen, wenn ich nicht bei der Geburt dabei bin, weißt Du? Ich habe es Dir noch nicht erzählt, aber Emilia erwartet unser drittes Kind. Danach muss man etwas ruhiger werden, das verstehst du doch, oder?“
Er hielt Brandon das Ultraschallbild hin, das er seit Monaten wie einen Schatz bei sich trug.
„Aha, das Dritte also.“ Brandon sah kaum hin und spuckte in die Glut
„Aber du kannst mich besuchen kommen, wann immer du willst. Du bist für
mich wie der große Bruder, den ich nie hatte.“
„Wie ein Bruder, was?“
„Ja, wie ein Bruder! Du bist dann der Onkel Brandon.“
 „Na gut. Ich nehm dich beim Wort. Onkel Brandon…tztztztz.“, gab er kopfschüttelnd zurück.
Am nächsten Morgen wachte Paolo alleine im Zelt auf. Brandon war verschwunden. Wahrscheinlich mag er keine langen sentimentalen Abschiede, dachte sich Paolo. Traurig machte er sich auf den Weg nach Dublin, um von dort aus weiter nach Paris zu reisen.

Paris. Laut und hektisch. Überall hupten Autos und ertönten immer wieder Sirenen von vorbeifahrenden Kranken- und Polizeiwagen. Ein Straßenmusiker quälte seine alte Ziehharmoniker bis aufs äußerste. Noch drei Wochen bis er wieder nach Hause fahren würde. Die Zeit raste. Emilia müsste jetzt schon kugelrund sein. Noch vier Wochen bis zum errechneten Termin. Paolo hatte sich am Bahnhof schnell ein Croissant und einen ziemlich schlechten Kaffee geholt. Er war die ganze Nacht mit dem Zug gefahren. Seine Glieder waren noch ganz steif.
Gerade biss er in sein Croissant als ihn jemand heftig anrempelte.
„Monsieur passen Sie doch auf. Wie können Sie mitten auf dem Bürgersteig stehen bleiben. Hoffentlich ist meinen Bildern nichts passiert. Nehmen Sie ihren Kaffee weg von mir.“
Paolo wusste gar nicht wie ihm geschah. Eine junge Frau mit bunten Rock und einer schwarzen Samtjacke, funkelte ihn zornig an und versuchte gleichzeitig eine übergroße Kunstmappe in den Griff zu bekommen. Am Revers hatte sie eine rote Rose angesteckt, die farblich perfekt mit ihrem Lippenstift übereinstimmte.
„Es tut mir leid, Madame. Ich hatte Sie nicht gesehen. Kann ich Ihnen irgendwie
helfen?“
„Non, non, non. Nehmen Sie ihre Finger weg. Sie…“
Als sie ihm das erste Mal direkt ins Gesicht sah, erstarrte sie.
„Nicht bewegen! Dieses Profil…einzigartig!“
Mit ihren Händen vermaß sie sein Gesicht und stieß verzückte Laute aus. Paolo traute sich kaum zu rühren. Die junge Dame hatte etwas sehr rigoroses an sich.
„Sie müssen sofort mit zu meinem Atelier kommen. Sie sind mein Amadé, den ich die ganze Zeit gesucht habe.“
„Ich bin ihr was? Was wollen Sie von mir?“
„Ah, entschuldigen Sie bitte Monsieur. Ich bin Amelie Dubois, Malerin und Bildhauerin. Und Sie habe ich gesucht. Ich träume seit einem Monat von solch einem Profil. Darf ich Sie malen?“
Die nächsten zwei Wochen verbrachte Paolo fast jeden Tag in ihrem Atelier. Neben zahllosen Skizzen und zwei Portraits, werkelte sie auch an einer Plastik.
Sie plapperte die ganze Zeit und versprühte ständig Rosenwasser in ihrem Atelier. Sie meinte, sie könne sich da besser konzentrieren und der Gott der Kunst und der Liebe würde so zu ihr sprechen.
Nach einer anstrengenden Vormittagssitzung bat sie ihn mit einem Augenzwinkern:
„Cherie, bist du so lieb und holst uns etwas aus der Brasserie an der Ecke? Wenn Du
zurückkommst, würde ich gerne einen liegenden Akt von Dir zeichnen. Wie wäre es?“
„Da hat meine liebe Frau Emilia aber noch ein Wörtchen mitzureden.“, gab Paolo lachend zurück, doch er merkte, wie ihm das Blut in die Ohren stieg. Rasch wandte er sich ab und lief hinunter zur Straße.
Auf halben Weg fiel ihm ein, dass sein Portemonnaie noch oben auf der Fensterbank lag, und drehte rasch um.
Als er das Atelier wieder betrat, verfehlte ihn nur knapp eine Porzellanvase. Sie zerschellte am Türrahmen.
„Verschwinde von hier. Benutzt hast du mich.“
Paolo stand erschrocken in der Tür. Im Hintergrund sah er die Portraits von ihm,
allesamt mit einer Schere zerschnitten. Auch die Plastik lag zerschmettert auf dem Boden. Amelie griff nach einem Tonklumpen und warf ihn nach Paolo.
 „Madre dio! Was ist denn? Was habe ich Dir denn getan?“
Amelies Stimme überschlug sich: „Du Ausgeburt des Bösen! Du Dämon! Scher dich
fort! Fahr zurück in die Hölle, aus der du hervorgekrochen bist!“
Als sie nach einer weitere Vase griff, wusste sich Paolo nicht anders zu helfen, als
fluchtartig das Atelier zu verlassen. Er rannte die Treppe hinunter auf die Straße. Fluchend warf sie ihm sein Portemonnaie hinterher, dann schlug sie das Fenster mit solcher Wucht zu, dass eine Scheibe zersprang.
„Amelie, aber was ist denn?“
Völlig verstört hob er das Portemonnaie auf und sah hinein. Rasch kontrollierte er, ob sein Geld und seine Papiere unangetastet waren. Dabei fielen ihm ein paar kleine
Papierfetzen auf den Boden. Er ging auf die Knie und las sie mit wachsender Besorgnis auf. Es war das Ultraschallbild. Nun dämmerte es ihm.
Auf dem Weg zu seinem Hotel schaute er immer wieder über die Schulter, aus Angst, sie könne ihm folgen.
Als er beim Hauptbahnhof ankam, hatte er noch immer zittrige Knie. Sein Blick fiel auf die Abreisetafel: da war der Zug nach Mailand. Eilig ging er zum Schalter und kaufte sich ein Ticket.
Als der Zug schon eine Stunde durch die monotone Herbstlandschaft gerattert war,
hatte er sich endlich beruhigt. Gerade puzzelte er die Teile des Ultraschalls zum dritten Mal zusammen, als ihn plötzlich eiskalt durchfuhr: „Meine Adresse! Warum hab ich ihr nur meine Adresse gegeben?“

Auf der Busfahrt von Mailand nach Florenz, träumte er sich bereits nach Hause zu seiner Emilia, der kleinen Anna und dem größeren Gerome.
Er freute sich nach so langer Zeit seine Lieben zu umarmen, stolz durch die Ställe zu gehen und die neuen Fohlen zu bewundern, dass ihm die letzten Wochen vorkamen, wie ein verrückter Traum. Er hatte mehr gesehen und erlebt, als er hatte erleben wollen.
Jetzt war sich Paolo sicher, dass er immer in der Toskana bleiben wollte, denn darin bestand kein Zweifel: zuhause war das Gras grüner als woanders.
Der Bus hielt an der Kreuzung. Von dort führte ein unbefestigter Feldweg zu seinem Hof. Nur noch zwei Kilometer zu laufen und er konnte seine liebe Familie in die Arme schließen. Beschwingt nahm er Meter für Meter. Seine Füße knirschten über den steinigen Sandboden. Da nahm er schon die letzte Kurve zu seinem Hof. Dort lag es unter einem stahlblauen Herbsthimmel, eingefasst von grünen Koppeln: sein Haus, der alte Geräteschuppen, etwas hangabwärts die Stallungen, und rundherum Weideland wohin man schaute. Der nächste Nachbar war etwa eine halbe Stunde mit dem Auto entfernt. Es war sein kleines Königreich, wo Emilia und er herrschten.
Die Wiedersehensfreude ließ ihn befreit auflachen. Seine Stimme hallte in der Mittagsstille wider.
Paolo blieb stehen. Es war still. Zu still. Kein Hund bellte, kein Pferd wieherte, selbst die Hühner gackerten nicht. Sein Mund wurde trocken. Er konnte nicht mehr schlucken.
Da sah er vor der Haustür etwas Schwarzes liegen. Mit hastigen Schritten eilte er hinüber und ihm entfuhr ein erstickter Schrei. Es war sein Hofhund Gianni. Der Bauch war der Länge nach aufgeschlitzt, auf den Innereien wimmelten bereits die Ameisen und Fliegen. Das Blut war schon in der Sonne getrocknet.
Eilig lief er ins Haus. Die Betten waren unberührt, der Frühstückstisch gedeckt.
Kalter Schweiß trat ihm auf die Stirn, die Muskeln verkrampften sich. Er lief um das Haus herum, doch da entdeckte er nur die toten Hühner in ihrem Auslauf. Wie Gianni waren sie fachmännisch aufgeschlitzt. Paolo wurde schwindelig. Seine Augen füllten sich mit Wasser und die nackte Angst kroch in ihm hoch.
Er blickte zu den Koppeln hinter den Ställen. Seine Knie wurden weich. Auch dort nichts als Blut und das ekelerregende Geschwirr über den Innereien.
Er sank zu Boden. Leere. Absolute Leere. Sein Körper, seine Gefühle und Gedanken waren taub. Er spürte nichts mehr.
Die Sonne stach ihm in die Augen.
Und plötzlich formte sich ein Gedanke, schlimmer als alles, was er sich je hatte vorstellen können.
Ein erstickter Schrei brach aus seiner Kehle hervor. Er stürzte hastig den Hang zu den Ställen hinunter, unablässig betend: „Madre Dio, Bitte nicht, bitte nicht!“
Paolo riss die Tür auf und blieb wie angewurzelt stehen.
„Hallo Paolo! So schnell sieht man sich wieder!“ Sein Gehirn weigerte sich die Bilder aufzunehmen.
„Komm näher und setz dich!“ Wie eine Marionette gehorchte er.
„Brandon“, entwich es ihm endlich. Es war mehr ein Hauch als eine Stimme.
Ein helles Lachen durchschnitt die Mittagsstille.
Am Ende der Stallgasse stand die Mähmaschine. Ihre Messer blitzten im Sonnenschein. Darüber baumelten die Körper dreier Menschen. Sie waren sorgsam verschnürt und an den Dachbalken gebunden. Und davor lag Brandon, rauchend auf einem Strohballen und spielte mit seinem Klappmesser. Paolo kannte den Ausdruck in seinen Augen. Es war dasselbe Fieber, die gleiche Begeisterung wie in Irland an den Klippen.
„Wie Du siehst, kleiner Paolo. Ich habe Dich beim Wort genommen.“
Brandon war in Spiellaune.

Überarbeitung: Thomas Piesbergen