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Samstag, 29. Dezember 2012

Texte der Lesung "Fremdkörper" 3, Thomas Piesbergen "Great Blue Hole"

Thomas Piesbergen
Great Blue Hole


„Er ist mir gleich aufgefallen, wie ich hineinkomme. Und das lag nicht daran, daß er außer mir der einzige Gringo in der Cantina war.  Er ist mir aufgefallen, weil er anders war. Du weißt ja, wie diese Typen aus den Staaten sonst aussehen, mit ihren Bermuda Shorts und den Sonnenbrillen ...
Mit einem Bleistiftstummel in der Rechten hockte er in einer Abseite nahe der Tür und studierte im schräg einfallenden Sonnenlicht den Belize Reporter. Sein Hemd fleckig vom Schweiß, das kurze blonde Haar wirr. Vor ihm stand ein Glas Wasser. Über seiner hageren Erscheinung lag etwas Irreales. Aber ich war ja wegen etwas ganz anderem gekommen und habe mich nicht weiter um ihn gekümmert.
Ich bin also rüber zur Bar und bestelle bei einem breit lächelnden Rasta das eiskalte Bier, von dem ich sechs lange Wochen geträumt hatte. Diese sechs verdammt langen Wochen in den Montes Maya. Der Kronkorken torkelte über den Tresen, und dann war mir erstmal alles andere egal und ich dachte nicht mehr daran: an die Hitze, den Dieselgestank, das plärrende Radio, die argwöhnischen Blicke, den Dschungel, die Schlangen, Spinnen, Ameisen, Mücken und Käfer, die Hängematte, den Durchfall. Vor allem nicht mehr an den Durchfall!
Dann stellt plötzlich jemand ein halbvolles Glas Wasser auf die Bar.
„Con permisso?“
„Por favor, tome asiento.“
Natürlich war er es. Mit krummen Schultern zog er einen schweren Hocker dicht neben den meinen und setzte sich. „Americano?“
„No, yo soy el aleman.“
Über sein nervöses Gesicht huschte ein Lächeln. „Ach… Sie erlauben, wenn ich sie so anspreche? Es ist schon etwas her, daß ich deutsch gesprochen habe.“
„Aber bitte! Mir geht es nicht anders. Sie sind Schweizer?“
„Ja? Klinge ich so?“ Er rieb sich das kräftige, unrasierte Kinn. „Manchmal vergißt man, daß man so einen Akzent hat. Bei dieser Hitze vergißt man ohnehin eine ganze Menge, nicht wahr?“
Ich hebe die Flasche und trinke ihm zu. „Hier an der Küste gibt es wenigstens etwas Wind. Darf ich sie einladen?“
Er winkt hastig ab. „Nein Danke, ich trinke nicht. Sie waren im Inland? Darf ich die Frage stellen, wo?“
Sein zuvor unsteter Blick bekam mit einem mal eine unangenehme Eindringlichkeit.
„In den Montes Maya. Auf einer Feldforschung.“
„Sie sind Biologe?“
„Nein, Archäologe.“
„Ah… das ist interessant, Archäologe also.“
Ich erwartete die übliche angestrengte und schnell wieder erlöschende Begeisterung, kennst du ja auch, doch sein Blick wendete sich nach Innen. „Das ist wirklich interessant. Sie sind also auf der Suche nach etwas, das nicht mehr da ist, von dem es nur noch Spuren gibt, die abgestorbenen Überbleibsel von etwas Lebendigem, kann man das so sagen?“
„Ja, so könnte man es nennen.“
„Sehen sie…“, er rückte noch etwas näher heran. In seinem strengen Atem mischten sich Kaffee und Nikotin. „Sehen sie, dann ist das, was sie tun ganz ähnlich dem, was ich tue. Ich suche ebenfalls etwas Lebendiges, von dem nur noch Spuren da sind.“
„So? Wonach suchen sie denn?“
Ich lehne mich also zurück und denke, jetzt kommt eine der üblichen Geschichten, wie man sie sich von all diesen psychedelischen Abenteurern anhören muß, die auf einem Pilztrip hängen geblieben sind.
Aber er zog einfach nur die Brauen hoch und schwieg. Dann huschten seine verschatteten Augen über die abgewandten Rücken der Trinker und blieben an einem Spiegel hinter dem Flaschenregal hängen. „Ich suche einen Menschen.“
Er hielt inne und kramte aus einer Tasche seines Anzug ein kleines Plastiketui hervor.
„Haben sie den Namen Urs Felber schon einmal gehört?“
Mit seinen ruhelosen Fingern zupfte er ein sorgfältig zusammengefaltetes Stück Papier aus der Hülle, strich es glatt und hielt es mir hin. Es war ein undeutliches Zeitungsfoto, das drei Männer auf einem Motorboot zeigte.
„Der da in der Mitte. Haben sie diesen Mann vielleicht irgendwo gesehen?“
Ich sah mir das Bild genauer an, doch das Gesicht des Mannes lag im Schatten.
„Nein, tut mir leid. Ist das Urs Felber? Haben sie kein besseres Foto?“
„Nein. Da gibt es kein besseres Foto, als nun mal dieses.“ Er rieb sich verärgert die Brauen. „Aber haben sie denn vielleicht seinen Namen nennen hören, da wo sie waren? Vielleicht ist er ja in den Urwald gegangen.“
Ich schüttelte den Kopf und bestellte ein zweites Bier. „Nein. In den letzten sechs Wochen habe ich nur Indigenos gesehen. Da, wo ich war, verirren sich nicht einmal die Mestizen hin. Aber warum suchen sie ihn denn.“
Er sah zu Boden und rang die Hände. „So. Sie haben nicht von ihm gehört.“
Dann richtete er seinen kantigen Oberkörper wieder ruckartig auf. Über seinen Augen lag ein seltsamer Glanz. „Wissen sie was Apnoetauchen ist?“
„Das Tauchen ohne Atemgerät, soweit ich weiß.“
„Ganz genau. Das freie Tauchen. Das einzig wirkliche Tauchen.“ Er steckte sich fahrig eine Zigarette zwischen die trockenen Lippen. „Und Urs Felber, sehen sie, war einer der besten Apnoetaucher der Welt.“
„Sie kannten ihn persönlich?“
„Oh, ja. Schon so lange… ich weiß gar nicht mehr wie lange. Es mag sogar sein, noch aus der Schweiz.“
„Und was hat es mit diesem Urs Felber auf sich?“
Ich spüre inzwischen, wie mir das erste Bier zu Kopf steigt. Dankbar greife ich also nach der zweiten Flasche, lehne mich auf die Bar und denke nur, laß ihn doch reden.
Fahrig reisst er sich ein Streichholz an, hält es an die Zigarette und saugt den Rauch gierig ein. „Wie gesagt, er war einer der Besten. Er stand kurz davor, den Rekord für das Tauchen mit konstantem Gewicht ohne Flossen zu brechen. Das ist die Königsdisziplin, wissen sie? Tief hinunter geht es, ohne Seil, ohne Flossen. Nur der Mensch, verstehen sie? Ganz allein geht er hinab, allein in seinem Körper, mit einem Atemzug. Das ist wie allein sein mit der Schöpfung. Wie im Mutterleib sein, wie ganz allein mitten im Weltall.“
„Sie tauchen selbst?“
„Ich? Nein, woher denn?“ Er lachte ein bitteres, kleines Lachen und fuhr mit der Zigarette durch die Luft. „Ich kann nicht einmal schwimmen. Nein. Erzählt hat er es mir wohl.“
Er atmete tief durch und drückte die Zigarette plötzlich mit einer überraschenden Heftigkeit aus. „Zuerst hat er viel getaucht in Griechenland, Kalamata, Spetses, San Torin, zu der Zeit als er noch in der Schweiz gelebt hat, als er noch nicht professionell war. Dort war es auch, daß er das Apnoetauchen kennengelernt hat; daß er es zum ersten mal probiert hat, zwanzig, dreißig Meter hinab zu gehen, ohne Flaschen. Kennen sie das, wenn man weiß, am richtigen Ort zu sein? Wenn es keine Unklarheiten mehr gibt? So war das damals bei ihm. Es gab keine Unklarheiten mehr. Kein Alternative. Zuerst ging es noch nicht so sehr um die Tiefe, doch sie war immer da, immer da unten, wartete auf ihn, wie ein Himmel in den man hinein stürzen kann. Und dann ging es hinab. Immer tiefer. Keine größere Einsamkeit gibt es, als da unten. Kein Ort, an dem der Mensch so sehr, so ganz und gar auf sich selbst zurückgeworfen wird. Bald hatte er die Tiefe von Mayol erreicht, doch da hatten andere schon die Rekorde gebrochen und neue Limits gesetzt. Doch er wollte der einzige dort unten sein, tiefer als alle anderen. Ihm sollte die Tiefe gehören. Er wollte bis zum Grund kommen. Alles andere war schal geworden, bedeutungslos, nichtig. Darum kam er hierher.“
Seine Stimme hatte sich fast zu einem Flüstern abgesenkt. Er sah mich an wie im Fieber, die Knie fest umklammert. „Wissen sie was ein Blue Hole ist?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Das ist eine unterseeische Doline, eine Höhle, deren Decke eingestürzt ist. Vor der Küste, im Lighthouse Riff ist so eine Doline. Das Great Blue Hole. Eine gewaltiger Abgrund,  eine Tropfsteinhöhle inmitten der Korallen. Es ist nicht nur eine Senke irgendwo nahe der Küste oder irgendein Loch mit Regenwasser gefüllt. Nein, weit draußen im Meer liegt es. Als Kind hatte er gesehen, wie Jaques Coustau dort getaucht ist, wie er einen 3 Meter langen Stalaktiten dort geborgen hat. Einhundertfünfundzwanzig Meter tief ist es. Kein Mensch ist je ohne Hilfsmittel tiefer als Einhundertundeinen Meter getaucht. Doch er wollte auf den Grund. Trubridge und Nitsch haben ihr Dean´s Blue Hole auf den Bahamas. Aber er wollte das Great Blue Hole. Das sollte der Ort seines Triumphes sein. Felbers Blue Hole sollte es sein. Bei den Fischen dort unten wollte er sein, ganz allein. Im Schoß der Mutter. Am Grund.“
Er verstummte. Sein Blick war leer, als wäre er selbst in die Tiefe hinabgesunken.
„Und was ist dann geschehen?“
Er starrte mich an, als hätte er mich schon wider vergessen. „Dann? Er ist nicht mehr aufgetaucht.“
Verwirrt setze ich das Bier ab. „Sie sagten doch, sie seien auf der Suche nach ihm. Aber wenn er ertrunken ist…“
Nun flammten seine Augen wieder auf. „Niemand hat gesagt, daß er ertrunken ist. Niemand hat seinen Körper gefunden. Nur daß er nicht aufgetaucht ist, habe ich gesagt! Jemand wie Urs Felber ertrinkt nicht. Eher sind ihm Kiemen gewachsen! Er hat es sogar geschafft das Blue Hole bei Dahab am Roten Meer zu durchtauchen, die Kathedrale. Dort sterben sie selbst mit Pressluft wie die Fliegen! Aber er tauchte hindurch wie ein Fisch! Und dann soll er ausgerechnet hier ertrunken sein? Das ist absurd. Wissen sie, da gibt es Höhlen im Great Blue Hole, weitläufige Höhlen. Vielleicht hat er einen Weg gefunden. Vielleicht hat er sie alle zum Narren gehalten, verstehen sie? Deshalb suche ich ihn! Ich muß doch wissen, ob er es geschafft hat, ob er den Grund erreicht hat und was dort gewesen ist. Sie müssen das doch wissen, wie es gewesen ist mit den Maya und den Höhlen. Da gibt es doch diese Höhlen, mit den Bestattungen. Vielleicht hat er ja einen Weg gefunden, eine Passage…“
„Aber das Lighthouse Riff liegt doch wenigstens fünfzig Kilometer vor der Küste. Wie soll er denn zurück an Land gekommen sein? Ich halte das für ausgeschlossen. Und die Maya…“
„Hier, schauen sie sich das Bild an. Bitte!“
Die Falten und Schatten in seinem Gesicht arbeiteten, als zöge eine grobe Hand sie mit dem Messer nach. Er hält mir den Zeitungsausschnitt noch einmal hin, dann legt er ihn langsam und mit großer Sorgfalt wieder zusammen und verwahrt ihn in dem Plastiketui.
„Ich bitte um Verzeihung. Ich wollte sie nicht bedrängen. Glauben sie nicht, ich hätte ihre Einwände nicht schon vorher gehört. Es ist ja auch ganz vernünftig so zu denken. Aber so kann es schlußendlich nicht gewesen sein.“
Mit einem mal tat er mir leid. Vielleicht war ich auch nur angetrunken, aber ich stellte mir dieses Elend vor, in dem er leben mußte, seine Unfähigkeit, den Tod seines Freundes zu akzeptieren, diesen Schmerz. „Sicher haben sich doch die Behörden auf die Suche gemacht.“
Er winkt ab und lächelt gequält. „Ach, die Behörden. Die Küstenwache von Belize ist nicht die Alpine Rettung vom Berner Oberland. Die haben keinen langen Atem.“
Der Rasta hinter der Bar setzte mir ungefragt ein drittes Bier vor. Ich war erleichtert, schweigen zu können, und trank.
Er strich sich über das kurze Haar, nahm die zerlesene Zeitung zur Hand, legt sie wieder zurück. Aus seinem Gesicht war alle Wildheit gewichen.
„Und wie lange suchen sie ihren Freund schon?“
„Ach, das ist schon eine Weile. Bei dieser Hitze fällt es manchmal schwer, die Tage auseinander zu halten. Aber ich möchte sie nun nicht weiter belästigen.“
„Warten sie, ich breche ebenfalls auf. Es tut mir leid, daß ich ihnen nicht helfen konnte.“
Er nickte ergeben, nahm die Zeitung und klappte seinen hageren Körper auf, wie ein Taschenmesser. Mit einem letzten großen Schluck leerte ich die Flasche. Wir zahlten und traten hinaus auf die Straße. Die Hitze trieb mir das Bier in den Kopf.
„Sie gehen in ihr Hotel?“
Ich nickte.
„Dann wünsche ich ihnen ein gute Retour nach Deutschland.“
„Und ihnen wünsche ich noch viel Glück auf ihrer Suche.“
Er lächelte als wolle er einen Zahnschmerz überspielen.
Auf einmal blitzt es und ein junger Bursche redet auf uns ein.
„Your fotografia, signores 4 Belize Dollars, 2 US Dollars, por favor.“
Und dann… Du hättest ihn sehen sollen, auf einmal war dieser Kerl wie verwandelt. Die Augen treten ihm aus den Höhlen, sein Kopf wird krebsrot und er ballt die zitternden Fäuste. „Was erlaubst du dir, so einfach ein Foto zu machen? Sofort gibst du den Apparat her!“
Der junge Bursche mit der Polaroidkamera wurde grau vor Schreck, dann stürzte er davon, und der Schweizer wie der Teufel hinter ihm her. Bevor ich ihm etwas nachrufen konnte, waren sie um die nächste Häuserecke verschwunden. Ich machte drei Schritte auf die Straße, doch meine Beine wollten nicht mehr. Das Bier und die Hitze hatten mir den Rest gegeben. Aber gerade als ich mich in Richtung Hotel umwenden will, sehe ich ein kleines, weißes Quadrat im Straßenstaub liegen. Es war das herabgefallene Polaroid. Ich nahm es auf, wartete, bis die Farben aus der blinden Fläche empor getaucht waren, dann habe ich es einsteckt bin zurück zum Hotel.“

Mark schenkt uns Mescal nach. „Armer Spinner. Aber von der Sorte laufen hier mehr rum, als man glauben will.“
Mit dem Glas in der Hand deutet er über die Lichterschnüre am Saum des dunklen Meeres hinweg. „Das Lighthouse Riff liegt etwa in der Richtung.“
Ich nicke und lege die Fotografie, die ich die ganze Zeit in der Hand gewendet habe, zwischen uns. Noch immer scheint die Luft direkt aus einem Backofen zu strömen und der Beton des Hoteldachs atmet die aufgespeicherte Glut des Tages aus. Von irgendwoher kommt Musik, der blecherne Aufruhr eines Fernsehers, die Rufe eines Tamales-Händler, fernes Feuerwerk aus einem Touristenresort. Die Flammen der Petroleumfackeln legen sich träge über die Dochte.
Mark hebt das Glas. „Wer hätte noch vor zehn Jahren gedacht, daß wir irgendwann hier sitzen.“
Wir trinken.
„Aber ob ich mich an diese Hitze gewöhnen kann...“ Ich knöpfe mein Hemd auf und fächele mir mit dem Kragen Luft zu. Ich spüre seinen fragenden Blick. Es wird Zeit, die Katze aus dem Sack zu lassen. „Man hat mir übrigens eine Forschungsstelle angeboten.“
„Wirklich? Das ist ja großartig! Komm, darauf müssen wir sofort noch einen trinken!“
Der ölige Mescal gluckert in die kleinen Gläser. Wie habe ich die Fähigkeit von Mark vemisst, sich aufrichtig für andere freuen zu können!
„Aber ich weiß nicht, ob ich es ertragen kann. Die sechs Wochen in den Bergen waren schon hart an der Grenze.“
„Aber du wirst es trotzdem tun, oder?“
Ich trinke und nicke in die Dunkelheit hinaus. „Ja. Natürlich. Wenn man einmal weiß, wie sich das anfühlt, im Feld zu sein, kann man gar nicht mehr anders. Ich frage mich nur, ob ich den Winter vermissen werde. Und läuft bei Dir auch alles gut?“
„Es ist schon mühsam, wie immer. Man muß halt ständig improvisieren, aber trotzdem würde ich nie etwas anderes tun wollen. Es fühlt sich einfach richtig an.“
„Keine Unklarheiten, was?“
Er lacht. „Nein, keine Unklarheiten.“
„Und keine Alternative.“, höre ich meine Stimme sagen, die mit einem mal seltsam fremd klingt. Mein Blick wandert hinaus zum schwarzen Flimmern des Horizonts. „Du tauchst doch auch manchmal. Kannst du denn diesen Urs Felber?“
„Ja, natürlich. Ich war damals mit einem Freund auf seinem Boot draußen, als Felber den Weltrekord brechen wollte, drüben am Great Blue Hole.“
„Wie lange ist das her?“
„Vielleicht drei oder vier Jahre.“
Ich atme hörbar aus. „Das ist lang… Und hat man seinen Körper denn wirklich nicht mehr gefunden?“
Mark sieht mich irritiert an. „Wie meinst Du das?“
„Nun ja, er ist doch nicht wieder hoch gekommen. Ist er irgendwo hängen geblieben oder gibt es dort Haie?“
„Nein, nein, das hat sich dieser Spinner einfach so zurecht gelegt. Felber ist nicht verunglückt.“
Ich spüre, wie sich etwas in mir querlegt, eine Dissonanz im warmen Vielklang der Nacht. „Er ist nicht verunglückt? Aber was ist dann mit ihm passiert?“
„Es war Presse da, und natürlich die üblichen Schaulustigen, an die dreißig Boote. Eigentlich hat niemand daran gezweifelt, daß er es schafft. Dann ist er runter gegangen. Ich erinnere mich noch gut an die seltsame Stille, die über dem Wasser gelegen hat. Aber mit einem mal kam er wie ein Korken zurück an die Oberfläche geschossen.“
„Er hat den Versuch abgebrochen? Aber warum?“
„Ein Freund von mir, der für die Belize Times arbeitet, wollte ihn damals interviewen, aber Felber hat sich geweigert und ihm und den anderen Reportern Schläge angedroht. Soweit ich weiß, hat er keinen zweiten Versuch unternommen. Nicht hier und auch nirgendwo anders. Er hat sich aus der Szene der Apnoetaucher völlig zurückgezogen. Keine Ahnung, wo er jetzt ist. Offenbar hatte er eine Panikattacke. Das kann passieren.“
Ich schüttele den Kopf und lache auf. „Dann muß dieser Kerl verrückter gewesen sein, als ich dachte. Ich habe ihm wirklich geglaubt, das Blue Hole hat diesen Felber verschluckt“
Mark nimmt das Polaroid, das noch immer zwischen uns liegt. „Vielleicht hat es das - im metaphorischen Sinn.“
Ich schüttele erneut den Kopf und schenkte mir nach. „Es laufen so viele Spinner herum.“
Auf der Straße unter uns fährt ein Transporter vorbei, eine bis zur Unkenntlichkeit verzerrte Stimme tönt aus seinen Lautsprechern. Es dauerte ein ganze Weile, bis der Lärm wieder mit den weichen Stadtgeräuschen versinkt.
„Wolltest du mich testen?“
Die Frage steht unvermittelt kühl zwischen uns.
„Was meinst Du damit?“
„Wo hast Du ihn gefunden?“
Mark sieht mich einen Moment an, dann erkennt er meine Verwirrung, nimmt das Bild zur Hand und deutet auf den hageren Schweizer.
„Du weißt wirklich nicht, wer das ist, oder?“
Er atmet tief durch, bevor er weiter spricht; und dann, mit jedem weiteren Wort, schließt sich die Hitze der Nacht dichter um mich und droht mich zu ersticken. „Dieser Mann auf dem Bild, dieser Mann den du getroffen hast, ist Urs Felber.“


Hamburg, November 2012 / 2015




Texte der Lesung "Fremdkörper" 2, Luitgard Hefter "Ein Kreuz is´"

Luitgart Hefter
Ein Kreuz is‘

Hanna hatte eine große Scheu vor den Dorfbewohnern. Ihr Tonfall schüchterte sie ein, sie gaben ihr das Gefühl, in wichtige Dinge nicht eingeweiht zu sein. Alle kannten Hanna, aber Hanna hatte nie den Mut, den Menschen ins Gesicht zu sehen, sie nahm nur die Farben ihrer Kleidung wahr. „Bist du nicht eine von den Wagner-Dirndln?“, fragten die Leute, wenn sie im Dorfladen einkaufen war, und baten sie, ihre Mutter Friedel zu grüßen. Hanna wagte nie zu fragen, von wem. „Ich soll dich grüßen“, sagte sie dann zu Hause. „Von wem?“ „Ich weiß nicht genau, von der Frau aus dem Kirchenchor, glaub ich.“ Friedel schimpfte natürlich mit Hanna, weil sie auf diese Weise nicht Buch führen konnte über ihre Grußeinnahmen, eine wichtige Währung im Dorf. Sie mußte ihre Schulden oft aus Gesprächen erschließen. „Vorgestern hab ich Ihre Kleine beim Prachtl getroffen.“ „Die Toni?“ „Nein, die andere, die, die immer so komisch schaut.“ „Ach, die Hanna. Ja, vielen Dank für die Grüße.“
„Warum wissen die Leute, wer ich bin“, fragte Hanna ihre Mutter. „Ihr seid eben die einzigen Kinder im Dorf, die Hochdeutsch sprechen“, antwortete sie, und damit war das Thema für sie erledigt. Es verunsicherte Hanna, daß in Friedels Antwort keine Begeisterung mitschwang. Sie selbst war stolz darauf, die Sprache zu sprechen, in der Bücher geschrieben wurden, aber außer der Großmutter und ihrer Lehrerin schien sie niemanden damit beeindrucken zu können. „Mit eurem Vater habt ihr bayerisch gesprochen“, sagte die Großmutter, und Hanna hörte eine Spur von Verachtung aus ihrem Tonfall heraus. Mit seinem Tod war im Haus der Wagners auch seine Sprache ausgestorben.
Um sich selbst zu versichern, wer sie war, bastelte sich Hanna einen Personalausweis. Sie schnitt ihr Gesicht aus einem der neuen Familienfotos aus, auf denen Friedel inmitten ihrer vier skeptisch blickenden Töchter zielstrebig lächelte. Als sei der Gang zum Fotografen ein Beweis, daß mit der Familie alles in Ordnung war. Hanna hatte sich gefragt, ob es wirklich ein Familienfoto war, wenn es keinen Vater darauf gab?
Sie klebte ihr Gesicht auf eine herausgerissene Heftseite und schrieb darunter: „Hanna Wagner. Alter: acht. Familienstand: Halbwaise. Beruf: Schulkind.“ Und zum Schluß notierte sie: „besondere Kennzeichen: spricht Hochdeutsch.“

Hanna trug ihren Paß immer bei sich und wollte sich in der Familie oft ausweisen, am liebsten wären ihr Kontrollen an jeder Zimmertür gewesen. Aber die Großmutter hatte nur einmal einen Blick darauf geworfen und gesagt: „Man sagt nicht Schulkind, es heißt Schüler.“ Friedel hatte entsetzt gerufen: „Hast du etwa das teure Foto zerschnitten?“ Und Toni hatte ihr den Paß aus der Hand gerissen, was sie oft mit Dingen tat, die Hanna lieb waren, und ihn so gehalten, als wolle sie ihn zerreißen. Sie sah ihn abschätzend an und sagte: „Unter ‚besondere Kennzeichen‘ hättest du schreiben sollen ‚immer schlecht gelaunt‘.“ Dann warf sie ihn vom Balkon hinunter direkt in das Planschbecken hinein. Später würde sie einen echten Paß besitzen, tröstete sich Hanna, und wenn sie dann immer noch keiner verstand, würde sie einfach abhauen. Bis dahin war es am besten, in jeder Hinsicht unauffällig zu bleiben.
Das ging nicht immer. Friedel war sehr engagiert in der Gemeinde. Oft wollte sie, daß ihre Kinder sie auf ihren Gängen ins Dorf begleiteten, allein die Religion verlangte jeden Sonntag ein gemeinsames Auftreten. Zusammen mit der Mutter und den Schwestern hatte Hanna noch weniger Lust, sich im Dorf zu zeigen. Sie fühlte sich nie beschützt, sondern im Gegenteil, noch verletzlicher. Irgendwann lernte sie das Wort „Spießrutenlauf“, das ihr auf solche Familienauftritte zuzutreffen schien – aber dann auch wieder nicht, denn es beschrieb nur das Unbehagen vor den Menschen, an denen sie vorbeigingen, es erfaßte nicht die innerfamiliären Katastrophen, die so ein Schaulaufen zur Folge haben konnte.
Friedel nahm alle möglichen ehrenamtlichen Tätigkeiten an, um die Leute im Dorf von ihrer charakterlichen Güte zu überzeugen. Sie führte die Pfarrbücherei, was Hanna noch recht gelassen hinnahm, weil es ihr Nähe zu Büchern verschaffte, auch wenn Hanna es nie wagte, sich die Bücher auszuleihen, die sie wirklich interessierten. Friedel hatte es zwar nie offen ausgesprochen, aber Hanna spürte, daß sie als Tochter der Bibliothekarin mit gutem Beispiel vorangehen mußte. Sie beneidete die Kinder aus dem einzigen Mietshaus im Dorf, über deren Eltern geflüstert wurde, daß sie SPD wählten. Immerhin durften die Sozikinder „Hanni und Nanni“ ausleihen, während auf Hannas Lesekarte fast nur Heiligenlegenden, „Sagen der Völker“ und Bastelbücher verzeichnet waren.
Friedel sang außerdem im Kirchenchor und gehörte zum Pfarrgemeinderat. Oft wurden Hanna auf dem Schulweg Botschaften für sie mitgegeben. „Sag deiner Mama, daß nächstes Mal ausfällt.“ Natürlich bekam Hanna Scherereien, wenn sie den Satz an Friedel weitergab. „Was fällt aus?“ „Ich weiß nicht.“ „Wer hat es dir denn gesagt?“ „Keine Ahnung, die Frau mit den Gummistiefeln, die immer beim Prachtl einkauft.“
„Ganz Prutzing kauft beim Prachtl ein! Hat sie denn gesagt, ob es um die Gesangprobe oder um die Sitzung geht?“ „Nein. Ich dachte, du weißt schon, was gemeint ist.“ Friedel wandte sich genervt von Hanna ab. Hanna wunderte sich, warum die Mutter nicht verstand, daß sie nach acht Jahren im Dorf nicht mehr fragen konnte: „Wer sind Sie eigentlich?“
Friedel war auch eine begabte Handwerkerin und Künstlerin. Im ganzen Haus hingen düstere Bilder von zugewucherten Schlössern, tiefen Brunnen und verlorenen Kindern im Wald. Es waren Laubsägearbeiten, die Friedel selbst angefertigt hatte, und sie gaben genau die bedrückende Stimmung wieder, die Hanna spürte, wenn Großmutter ihr Märchen vorlas.
Eines Tages brachte der Pfarrer Friedel eine hölzerne Jesusfigur, die neu lackiert werden mußte. Sie stammte von einem Wegkreuz in der Nähe des Zementwerks. Ihre Farbe war von Wind und Regen abgeblättert, und sie war von einer dicken Staubschicht bedeckt. Friedel wusch den Jesus mit einem neuen Spültuch, und als er wieder trocken war, schleifte sie seinen ohnehin mageren Körper noch weiter mit Sandpapier ab. Hanna tat es beim Zuschauen richtig weh, und auch Jesus‘ verblaßte Augen drückten ein unendliches Leid aus, aber Friedel war da nicht so zimperlich und vielleicht galt auch für ihn Friedels Wahlspruch: „Geh, stell dich nicht so an.“
Friedel lackierte seine Haut elfenbeinweiß, damit er schön krank aussah, und seinen Lendenschurz hellblau – die Farbe, die an männliche Babys, den Himmel und das bayerische Wappen erinnerte. In die Herzgegend malte sie eine klaffende Wunde und tupfte rote Blutspuren auf seine Hände und Füße. Zum Schluß gab sie noch ein paar Tropfen Rot auf die Stirn, damit man besser mitfühlen konnte, wie die Dornenkrone ihm in die Haut einschnitt. Eine Woche lang lag er mit ausgebreiteten Armen auf dem Eßzimmertisch, und die Familie mußte in der Küche essen.
Als Jesus fertig war, packte Friedel ihn in den alten Korbkinderwagen und befahl den Kindern mitzukommen, weil sie hinterher gleich in die Maiandacht gehen sollten. Sie deckte ihn mit einem Bettlaken zu, und los ging es. Toni und Netti marschierten neben ihr, Hanna versuchte, Abstand zu halten. Die einzige ihrer kindlichen Tätigkeiten, die sie im Dorf gern zur Schau stellte, war ihr Gang zur Schule. Den Schulranzen trug sie ohne Murren, ja sogar stolz. Aber bereits für einen Rucksack, wie er in dem Voralpendorf häufig getragen wurde, schämte sie sich. Der Wandertag gehörte für Hanna zu den unangenehmsten Tagen des Jahres. Sie fühlte sich merkwürdig unberechtigt, ein solches Ding zu tragen, als würde sie sich damit illegal als Einheimische ausgeben.
Einmal mußte sie Friedel zuliebe sogar Kniebundhosen anziehen, wie ihre Schulkameradinnen sie trugen. Sie wartete den ganzen Tag darauf, als Verbrecherin entlarvt zu werden.
Auch mit einem riesigen Kinderwagen, der mit einem weißen Bettuch verhangen war, wollte sie nicht im Dorf gesehen werden. Was würden die Leute von ihnen denken? Sie sahen ja nicht auf Anhieb, daß es einen Sinn hatte, was Friedel tat. In Hannas Kopf arbeitete es. Am liebsten hätte sie ein Megaphon dabeigehabt und eine Durchsage gemacht: DER PFARRER HAT UNS EINE JESUS-FIGUR GEBRACHT, UND DIE MUTTER HAT SIE NEU GESTRICHEN. JETZT BRINGEN WIR SIE ZUM PFARRER ZURÜCK. WEIL SIE SO SCHWER IST, MÜSSEN WIR SIE IM KINDERWAGEN TRANSPORTIEREN, UND AUS RESPEKT VOR DER HALBNACKTEN GOTTESFIGUR, HABEN WIR SIE ZUGEDECKT. Oder hatten sie sie zugedeckt, damit die andern nicht sahen, was sie transportierten? Hanna hielt den Gedanken, die Sache nicht erklären zu können, kaum aus. Sie glühte vor Aufregung und hoffte, daß sie keiner sah. Ihr fiel ein, daß sie es auch schrecklich fand, als ihre kleinste Schwester Netti im Kinderwagen durchs Dorf gefahren wurde, auch wenn sie nicht mit einem Bettlaken verhangen war. Ständig hatte Friedel angehalten, und Hanna hatte die Leute fragen hören: „Scho wieda a Madel?“, und gleich darauf hatten sie sich zu ihr heruntergebeugt und gesäuselt: „Freust di‘ über dei‘ Schwesterl?“ Und erst die beunruhigenden Geschichten über Sturzgeburten, Preßwehen und Dammschnitte, bei denen die Leute ihre Kinder aus dem Zimmer gescheucht hätten, wenn sie zu Hause erzählt worden wären! Wenn ein gesunder Säugling solche Schreckensgeschichten auslöste, was würde es bei einem gemarterten Jesus erst geben?

Sie gingen an dem großen, efeubewachsenen Haus vorbei, in dem die Geißlhubers wohnten. Frau Geißlhuber stand gerade im Garten und hängte Wäsche auf. Friedel grüßte, und schon kam sie näher und wollte in den Kinderwagen schauen. Hanna spürte, wie sich erklärende Worte in ihrer Kehle stauten.
„Geh, Frieda, hast scho‘ wieder eins?“ 
Der vorwurfsvolle Ton von Frau Geißlhubers Stimme lenkte Hanna ab. Woher sollte ihre Mutter ein neues Kind haben, es wußte doch jeder, daß sie Witwe war! Ein neuer Erklärungsbedarf tat sich bei ihr auf, aber da lächelte Friedel schon freundlich und sagte: „Nein, net was Sie denken.“ Friedel versuchte immer, bayerisch zu reden, hielt es aber nie lange durch.
„Was fahrst’n dann da umanand?“
Friedel zog das Bettuch weg. 
„Jessas Maria!“ rief Frau Geißlhuber. „Wo hast’ denn den her?“
Hanna flüsterte in Richtung Toni: „Warum hat Mama den Jesus zugedeckt, wenn sie ihn jetzt doch jedem zeigt?“ Aber Toni hörte sie nicht. „Sonst friert er doch“, flüsterte Netti zurück.
„Ich hab ihn neu lackiert.“ In Friedels Stimme klang ein bißchen Stolz mit. Friedel strahlte Frau Geißlhuber an.
„Des hat doch früher immer die Bierbichler Kathi g’macht“, sagte Frau Geißlhuber.
Friedels Gesicht fiel in sich zusammen und ordnete sich schnell wieder neu. Hanna fand, daß es wie ein Puzzle aus verlegenen und höflichen Teilen aussah. Die Mutter hatte sich über den Auftrag vom Pfarrer sehr gefreut, und jetzt stellte sich heraus, daß sie, ohne es zu wollen, eine Frau aus dem Dorf ausgestochen hatte. Friedel legte, seit sie Witwe war, sehr viel Wert darauf, niemandem auf die Füße zu treten. Hanna spürte ihr Unbehagen.
Netti zog Friedel am Mantel und sagte: „Mama, gehen wir jetzt weiter?“
Friedel wurde rot im Gesicht und stupste Netti grob an. Sie wollte sich gerade bei Frau Geißlhuber entschuldigen, als diese zu Netti hinunternickte und sagte:
„Du red‘st ja wia a Preiß.“ Netti ließ das unbeeindruckt, und Frau Geißlhuber hob auch gleich wieder den Kopf hoch zu Friedel. „Da glaubt ma gar ned, daß des dem Sepp seine Kinder sind.“
„Dabei hat der Papa immer bayerisch mit ihnen gesprochen.“ Friedels Stimme klang, als wäre es eine Schande, daß ihre Kinder Hochdeutsch sprachen.
„Von dir wer’n sie’s ned lernen.“ Frau Geißlhuber lachte Friedel ins Gesicht und hängte eine riesige lange Männerunterhose auf. Zur Wäscheleine gerichtet, sagte sie: „Wenn mer ehrlich sind, hätt mer ned denkt, daß der Sepp mal an Flüchtling heirat‘.“ Frau Geißlhuber drehte sich wieder um zu Friedel, nickte noch einmal zu Netti und fragte in einem süßlichem Tonfall: „Ist des jetzt dei‘ jüngste, Frieda?“
Friedel sagte ja, und weil sie immer alles perfekt machen wollte, fügte sie hinzu, daß Toni neun ist, Hanna acht, und die fünfjährige Karin heute die Oma in Rosenheim besucht. Hanna stand einfach nur da und starrte auf Frau Geißlhubers Kittelschürze.
„Ich kann auch Bayerisch“, mischte sich Netti plötzlich ein.
„Des hört ma‘ aber ned“, sagte Frau Geißlhuber zu Friedel. „A Schand is, daß da Sepp so früa hat sterb‘m müssen. Hat ma ihn ned operier’n können?“ 
„Sie haben’s ja versucht, aber es war zu spät, der Krebs war überall.“ 
„Ja, des gibt’s ja ned! Is’ er in Rosenheim g’wesn?“
„Nein, zuletzt lag er in München im Krankenhaus.“
Hanna mußte unwillkürlich an ihren Vater denken und an das eine Mal, als er mit ihr nach München gefahren war. Es war ihre liebste Erinnerung an ihn, und auf einmal kam es ihr vor, als hätte sie den Lachvorrat ihres ganzen Lebens an diesem einen Tag mit ihm verbraucht. Sie wußte nicht, was in sie fuhr, vielleicht lag es daran, daß sich so viele Wörter in ihr gesammelt hatten, oder weil in Friedels Stimme keine Trauer mitschwang.
„Einmal hat Papa mich nach München mitgenommen.“ Hannas Gesicht glühte. 
„Geh, Dirndl, was wuist denn du in der Großstadt?“, kam die tadelnde Stimme von Frau Geißlhuber. Hannas Herz begann zu pochen. Wie konnte sie annehmen, ihr Vater und sie hätten nicht etwas Wichtiges in München zu tun gehabt? Hanna spürte eine Wortwucht in sich aufsteigen, ihre Kehle schmerzte, und dann brach sich ihr riesiges Erklärungsbedürfnis einen Weg durch ihre Schüchternheit hindurch.
„Ich war dort, weil meine Augen in einer Klinik untersucht werden mußten.“ Als sie das ausgesprochen hatte, wich ihr aufgeregtes Gefühl einer unsäglichen Wehmut. Sie wandte sich an Friedel, und als könne sie von ihr Unterstützung erhalten, erzählte sie drauflos, wie schön es damals mit ihrem Vater war. Daß sie mit der Straßenbahn gefahren waren und schrecklich lachen mußten, weil ein Mann, der eine Stehlampe dabeihatte, aus Versehen „Stehschlampe“ gesagt hatte. Hanna kamen Tränen, und sie drehte sich weg.
„Stehschlampe! Stehschlampe!“ wiederholte Netti vergnügt und griff nach Hannas Hand. Frau Geißlhuber blickte Friedel strafend an. Friedels Gesicht war ganz bleich geworden. Netti wollte, daß Hanna wieder einen Freudentanz mit ihr hinlegte, wie sie es zu Hause manchmal taten. Dazu faßten sie sich an den Händen, tanzten im Zimmer herum und sangen dabei das Wort „Stehschlampe“. Es war ein kleines geheimes Ritual. Hanna wehrte Nettis Hand mit einem Schlag ab.
„Kinder!“ wies Friedel sie zurecht.
Toni hatte die ganze Zeit über ein bißchen abseits gestanden. Hanna sah, daß sie weiße Kieselsteinchen auf den sauberen Rasen der Geißlhubers rieseln ließ. Es sah aus, als würde sie den ordentlichen Garten mit großen Salzkörnern würzen. Toni hatte immer kleine Steinchen in der Tasche, die sie unterwegs fallen ließ wie bei Hänsel und Gretel. Vielleicht rechnete sie damit, eines Tages im Wald ausgesetzt zu werden.
Frau Geißlhuber fuhr Toni an: „Geh, was machst denn da! Darfst scho‘ a bisserl g‘scheiter sein, wenn’st die Älteste bist.“

Toni erschrak. Nichts traf sie härter als der Vorwurf, nicht klug genug zu sein. Sie haßte Hanna dafür, daß sie als die Vernünftige galt, dabei rackerte sie sich genauso ab, der Mutter alles recht zu machen. Toni blickte hilfesuchend zu Friedel, aber die sagte nur: 
„Hörst du, was die Frau Geißlhuber sagt?“
Toni drehte sich wortlos weg, und Hanna sah, daß ihre Augen vorhatten zu weinen.
Friedel entschuldigte sich bei Frau Geißlhuber: „Ein Kreuz is‘ mit den Kindern.“
Friedel und ihre Kinder setzten ihren Weg fort, jede für sich, und Hanna wußte, daß die Mutter sich für ihre Kinder schämte. Toni und Hanna wischten sich die Tränen ab, und nach ein paar Metern rief Netti: „Ich will in den Kinderwagen.“ Aber der war ja bereits an ein höheres Wesen vergeben.

Texte der Lesung "Fremdkörper" 1, Andrea Tyron "Hanno"

Andrea Tyron
Hanno

Die neuen Waggons haben acht mal vier Sitzplätze. Die alten hatten nur sechs mal vier. In den
neuen Waggons gibt es auch zwei Gegensprechanlagen zum Fahrer und drunter ist ein Schild mit
der Erklärung für die Anlage in fünf Sprachen, nicht in drei. Zweiunddreißig Sitze sind besser als
vierundzwanzig, aber drei sind besser als fünf.
Hanno kommt nicht gerne zu spät. Wenn seine U-Bahn sich nur um eine Minute verspätet,
bekommt er den Siebeneinundvierziger nicht mehr. Der Siebensechsundvierziger ist aber kein
Gelenkbus, obwohl um diese Zeit viel mehr Schüler an der Haltestelle stehen. Papa hat ihm sogar
schon mit einem Brief an den HVV geholfen, in dem er ihnen erklärt hat, dass sie lieber einen
Gelenkbus, vielleicht sogar einen Doppelgelenkbus so kurz vor Schulbeginn schicken sollen. Aber
die haben nicht geantwortet. Also wird er gequetscht wie eine Sardine, wenn er den Siebensechsundvierziger nehmen muss. Wie eine Sardine steht er zwischen den ganzen anderen Kindern. Montags hat er ja das dicke Religionsbuch und den Turnbeutel dabei. Hanno stellt sich manchmal vor, dass sie wirklich alle Sardinen sind. Aber nicht, wenn er zwischen ihnen steht und Angst hat zu ersticken, dann stellt er sich das nicht vor. Dann versucht er, ein bisschen hin- und herzuruckeln. Den Trick hat Papa ihm beigebracht, damit immer ein bisschen Platz um ihn herum bleibt und er nicht in Panik gerät. Sie mussten eine Weile üben, wie das Ruckeln genau richtig geht. Wenn man zu wenig ruckelt, merken die Menschen drumherum das gar nicht. Wenn man zu stark ruckelt, kann es passieren, dass man jemanden ärgert. Neulich hat er dabei Marcel angestoßen und der war dann richtig sauer.
Hanno schaut bei jeder Station auf die Bahnhofsuhr. Sie sind heute pünktlich, obwohl am Alten
Teichweg gerade Gleisbauarbeiten sind und es dadurch manchmal zu Verzögerungen kommt. Aber
dieses Mal sind sie gleich durchgefahren. Hanno glaubt sowieso, dass nur jede zweite Bahn warten muss, bis die Gleisarbeiter in Sicherheit sind. Da gibt es einen Rhythmus, den sie aber den Fahrgästen nicht verraten. Ist ja auch logisch, sonst würden alle mit den Bahnen ohne Aufenthalt fahren und die Bahn wäre auch schon eine Sardinenbüchse.
Er steigt um sieben Uhr achtunddreißig aus der Bahn. Eigentlich kann gar nichts schiefgehen mit
dem Bus. Aber dann geht doch was schief: Es gibt einen Stau auf der Treppe am U-Bahnhof. Unten
kann man schon die Bierrauchermänner mit dem Schäferhund sehen, aber hier oben stehen alle auf der Stelle. Hanno versucht sich hindurchzudrängeln, aber sein Turnbeutel hängt fest zwischen einem Koffermann und einer Frau mit dickem Po. Hanno zieht. Der Mann merkt
nichts, bleibt stehen. Die Frau schaut runter zu Hanno und sagt „Hey, sei mal n bisschen
vorsichtig.“ „Mein Bus fährt gleich ab“, erklärt Hanno, aber er kann sie dabei nicht angucken, er
muss sich ja auf die Stufen konzentrieren. Seine Osteopathin Frau Rahlers sagt immer, er soll gut
auf seine Füße achten, sonst fällt er. Es ist gar nicht so einfach, immer daran zu denken.
Hanno zieht noch einmal kräftig und bekommt den Beutel frei. Die Frau hinter ihm schimpft, aber
er kann sich nicht entschuldigen. Er rennt die letzten Stufen hinunter und dann zwischen den Leuten
hindurch Richtung Ausgang. Draußen sieht er gerade noch die Bustüren zugehen.
Er versucht, nicht an seinen Haaren zu ziehen, sich nicht auf die Stirn zu hauen. Vor allem nicht zu
reden. Es klappt auch fast, obwohl er nicht an den Wutsack kommt, der ist natürlich im Ranzen.
Dann geht er eben zu Fuß. Das haben Papa und er ja auch schon geübt, das schafft er.
Während Hanno an den kleinen Häusern an der Grünfläche entlangläuft, bekommt er sogar richtig
gute Laune. Es sind zwölf Häuser, die aber dreizehn Briefkästen haben. Das vierte hat nämlich zwei
Briefkästen, ist aber genauso groß wie die anderen. Also wohnen auch nicht doppelt so viele Leute
drin wie in den anderen Häusern. Aber es hängen zwei Briefkästen dran. Von den Gärten vor den
Häusern haben sechs eine Hecke. Und im sechsten Haus sitzt heute Morgen nicht der Hund
hinter dem Fenster und bellt. Außerdem hat er noch neun Minuten bis zum Beginn der ersten
Stunde, es kommt alles hin. Ihm ist auch gar nicht so kalt, er trägt nämlich sein Stirnband, das sie neulich bei Karstadt gekauft haben. Vorher hatte er eine Mütze, die gleichzeitig Mütze und Schal war, nur sein Gesicht schaute vorne raus. Die mochte er eigentlich am liebsten. Aber Marcel hat ihn damit gleich am zweiten Tag „hässlicher Mongo“ genannt und mit ihr Fußball gespielt. Danach wollte er sie nicht mehr anziehen.
Sie haben das mit der Mütze im Klassenrat besprochen. Alle Vorfälle, bei denen Menschen an Körper oder Seele zu Schaden kommen, muss man den Lehrern erzählen, sagt Frau Sesenheim immer. Hanno mag Frau Sesenheim. Gleich haben sie bei ihr Deutsch. Vielleicht erzählt er ihr von dem Bus. Ihr hat er nämlich neulich, beim Wandertag, auch von dem Fahrplanproblem erzählt. Und er hat ihr alle Stationen der U1 aufgesagt. Die U1 ist die älteste Linie der Hamburger Hochbahn, darum heißt sie ja auch U1. Wenn er es wusste, hat er auch das Baudatum dazu gesagt. Irgendwann hat Frau Sesenheim müde ausgesehen und er hat ihr das Spiel vorgeschlagen, das sie immer auf dem Wandertag der Grundschule gespielt habn: „Wir reden nur beim Halt an den Stationen“. Da hat sie gelacht und Hanno fand, das sah sehr hübsch aus.
Als er in der Schule ankommt, bleiben ihm noch drei Minuten, um zum Klassenraum zu gehen.
Er geht wie immer über den alten Parkplatz, obwohl das etwas länger dauert. Dort sind die Bodenplatten größer und man tritt nicht so leicht auf die Ritzen. Auf dem Parkplatz steht der BMW von Herrn Leist vorbei, dem Direktor. Der Auspuff tickt ein bisschen, so wie Hanno es gerne hat. Er lauscht eine Weile und es klingt wie ein Wecker. Aber dann ist was komisch. Auf einmal steigt Frau Sesenheim aus. Sie sieht ihn nicht, weil sie auf dem Beifahrersitz gesessen hat. Aber sie ist es, er kennt nämlich ihre gelbe Tasche. Vielleicht hat Herr Leist Frau Sesenheim heute Morgen abgeholt, weil ihr nicht gut war. Oder sie wollte auch mal in dem BMW fahren, das könnte Hanno gut verstehen. Allerdings sieht sie gar nicht froh aus, eher ein bisschen krumm, so von hinten. Sie bleibt gleich nach dem Aussteigen stehen und hält sich an der Autotür fest, als ob sie sie auf keinen Fall zumachen will. Dabei fängt doch gleich der Unterricht an. Als sie die Tür dann doch zuschlägt, kann man gleichzeitig mit dem Knall noch ein Geräusch hören. Es klingt ein bisschen wie ein Tier. Oder als ob einer hustet, der was im Mund hat.
Hanno rennt los, auch wenn dann der Turnbeutel gegen seine Beine schlackert. Er kommt gerade
noch rechtzeitig am Klassenpavillon an, um nachzugucken, ob die Bodenkachel im Jungsklo immer
noch wackelt. Wenn er da nicht bald nochmal Bescheid sagt, wird die vielleicht nie repariert. Er
guckt die Kachel so genau an, dass Frau Sesenheim ihn überholt. Fast fällt die Tür hinter ihr und
den anderen Kindern schon wieder zu. In der Klasse sind schon alle an ihren Plätzen und packen aus. Er geht aus Versehen auch gleich nach vorne, wo sein Tisch ist. „Hanno, bitte zieh Deine Jacke gleich aus, wenn Du sie an die Garderobe hängen willst“, hört er Frau Sesenheim sagen. Ihre Stimme klingt komisch, langsamer als sonst und irgendwie beulig. Hanno beeilt sich mit der Jacke und guckt nicht nach vorn, aber als er zu seinem Platz geht, merkt er, dass alle schon aufgestanden sind, nach vorne gucken und gar nichts sagen. Das passiert sonst nur bei Herrn Rub, dem Mathelehrer. Frau Sesenheim steht am Pult und hat ein paar rote Flecken auf den Wangen. Hanno meldet sich, um ihr das zu sagen, aber sie wedelt nur ganz schnell mit der Hand, ohne ihn anzugucken und sagt: „Packt bitte aus und werdet leise, bevor Ihr Euch meldet.“ Ihre Haare sehen auch komisch aus. Während Hanno seine Spiderman-Mappe aus dem Ranzen holt und die Federtasche mit den drei Abteilen, denkt er über die Haare nach und kommt schließlich drauf. Frau Sesenheim sieht heute ein bisschen aus wie die Puppe, die seine Cousine mal hatte. Die hatte immer auf dem Hinterkopf gelegen und war da irgendwann ganz platt geworden. Sonst hat Frau Sesenheim immer ganz schöne Haare, denkt er.
Immer noch stehen alle und schauen nach vorn und sagen keinen Ton. Hanno merkt, dass er das
nicht so gerne mag. Er ruckelt ein bisschen. Warum sagt Frau Sesenheim nicht einfach 'Guten
Morgen' oder sogar 'Einen wunderschönen guten Morgen, Ihr lieben Sorgen', wie sie es manchmal
macht? Vielleicht ist sie wieder sauer auf ihn? Er legt seine Federtasche ganz gerade an den
Tischrand und das Heft daneben. Er macht gar keine Geräusche dabei. Aber Frau Sesenheim guckt
weiter nur vor sich auf den Tisch. Nach einer Weile sagt sie dann doch ganz schnell und mit ihrer beuligen Stimme „Guten Morgen“. Alle antworten „Guten Morgen, Frau Sesenheim“ und nicht mal Nick sagt heute 'Besenschwein'. Dann setzen sie sich hin und bleiben weiter ruhig. Es tickt in der Lampe über Hanno, aber er guckt nicht hin. Auf dem Flur rennt jemand vorbei. Frau Sesenheim guckt immer noch auf den Tisch. In Hannos Federtasche sind elf Buntstifte und drei Bleistifte. Elf
ist besser als drei.
Hanno gibt sich einen Ruck: „Frau Sesenheim?“ Er weiß eigentlich gar nicht, was er ihr sagen will, nur, dass sie nicht mehr so gucken soll wie jetzt. Von hinten zischt Larissa: „Halt's Maul, Hanno.“
Larissas Stimme piekst in sein Ohr. Er dreht es nach vorne. „Frau Sesenheim?“ Vielleicht kann
er ihr von den zwei Briefkästen an dem einen Haus erzählen? Jetzt beugt sich auch Dennis zu ihm:
„Keiner hat dich gefragt.“ Dann flüstert er noch: „Du Opfer.“ Das Ohr prickelt, als er es weiterdreht. Der Wutball, er hat den Wutball immer noch im Rucksack. „Frau Sesenheim?“ Jetzt haben sich alle zu ihm gedreht.Warum? Alles was er will, ist, dass sie ihn anguckt! Nebenan geht die Wasserspülung. Hoffentlich tritt niemand auf die lose Kachel. Er hat ja noch nicht dem Hausmeister Bescheid gesagt. „FRAU SESENHEIM!!!!????“
Das war jetzt zu laut. Er weiß das, aber er hat sich wirklich ganz lange angestrengt. Es ist rausgeplatzt, er wollte das nicht. Jetzt ist es noch viel viel stiller als eben schon in der Klasse. Alle starren Frau Sesenheim an. Und sie dreht sich endlich um. Hanno weiß auf einmal, dass er sie jetzt doch nicht so gerne angucken würde. Er muss jetzt irgendwas sagen, denn er hat sie ja gerufen. Das ist so, wenn man jemanden anspricht, dann muss man auch etwas sagen. Vielleicht erzählt er ihr das mit dem Briefkasten doch besser nicht.
Aber genau, als er Frau Sesenheims rote Flecken alle sehen kann, fällt ihm etwas richtig Gutes ein. Er weiß jetzt, was er sagen wird. Gott sei Dank hat er so ein gutes Gedächtnis! „Ja, Hanno?“, fragt Frau Sesenheim, und ihre Stimme ist jetzt nicht mehr so beulig, nur ganz leise. „Frau Sesenheim, ich wollte ihnen was erzählen.“ Er lässt das Ohr los und reibt es. „Wissen Sie, was BMW heißt?“ Hinter ihm kippt Dennis' Stuhl zurück auf den Boden. Ein paar Kinder sagen leise etwas zueinander, aber er kann nicht verstehen, was. Bestimmt sind sie sauer, weil Hanno als erstes etwas eingefallen ist, um Frau Sesenheim wieder zum Lachen zu bringen. Frau Sesenheim starrt ihn jetzt an. Er darf andere Leute nicht so angucken. Mama sagt, das ist unhöflich, auch wenn man es nicht böse meint. Aber Hanno nimmt es ihr nicht übel.
Er hat sich den nächsten Satz genau gemerkt, als Marcel ihn erzählt hat. Hanno macht die Pause noch etwas länger, damit es noch witziger ist. Papa hat ihm das beigebracht: Beim Witz nicht immer gleich das Ende erzählen, vor allem, wenn es eine Witz-Frage ist. Er spricht auch extra ein bisschen lauter, damit sie es gut hört. Er ist so erleichtert, dass ihm das jetzt eingefallen ist. „BMW“ sagt Hanno, „heißt 'Bums mal wieder'!“
Frau Sesenheim lacht nicht. Dafür lacht Mira. Aber nur ganz kurz, dann schnauft sie. Überall aus der Klasse kommen jetzt Atemgeräusche, als ob alle bis jetzt die Luft angehalten hätten. Hanno hat
normal geatmet, aber auf einmal wird sein Hals irgendwie eng. Am Fenster hängen die neuen Weihnachtssterne aus dem Kunstunterricht. Aus den Augenwinkeln sieht er, dass Frau Sesenheim ihn ganz starr anguckt. Er hat Angst, sie könnte das Zwinkern vergessen. Das wäre gar nicht gut wegen der Tränenflüssigkeit. Es ist so eng am Hals! Er zieht am Halsloch von seinem Pulli und merkt, dass er die ganze Zeit den Schal anhatte. Besser, er bringt ihn zur Garderobe. Aber als er aufstehen will, fällt die Federtasche mit allen Buntstiften vom Tisch und reißt auch noch die Trinkflasche mit. Es macht ziemlichen Lärm.
Frau Sesenheims Augen hören auf zu starren. „Hanno, setz dich hin und heb deine Stifte auf. Du bleibst nach der Stunde bitte hier, ich möchte mit Dir sprechen. Mira, nimm mal den Kopf wieder hoch und setz dich ordentlich hin. Und alle anderen: Hausaufgaben raus, ich komme rum und gucke nach.“ Ihre Stimme ist wieder normal, aber sie klingt trotzdem nicht wie sie selbst. Eher wie Herr Rub. Hanno holt sein Hausaufgabenheft raus. Als Frau Sesenheim ihr Zeichen darunter setzt, guckt er die ganze Zeit auf sein Märchen. Unter den Füllerlinien kann er noch den Bleistift erkennen, mit dem er den Text vorgeschrieben hat. Er nimmt sein Radiergummi und fängt an, die Linien wegzuradieren. Er macht es ganz sorgfältig. Beim Pausenklingeln liegt ein richtiger Rand mit Radiergummifitzeln um sein Heft. Während die anderen packen und aus der Klasse gehen, fegt Hanno die Fitzel in seine Hand und achtet darauf, keinen auf den Boden fallen zu lassen. Er macht die Faust ganz fest drum herum und will gerade zum Mülleimer gehen, aber da steht Frau Sesenheim schon vor seinem Tisch.
„So, Hanno.“ Er setzt sich wieder hin. Hoch guckt er lieber nicht hoch. „Was war denn da vorhin
los?“ Frau Sesenheim legt ihre Hände links und rechts von ihm auf den Tisch und macht sich auf dem linken Bein schwer. Wie soll er ihr diesen Morgen erklären, den Parkplatz und wie sie dann gehustet hat? Die Wörter in seinem Kopf fühlen sich an wie die gequetschten Radiergummifitzel in seiner Hand, warm und nass.
„Hinten beim BMW tickt es nach dem Fahren“, sagt er ganz leise. „Wie bitte?“ „Hinten beim BMW tickt es nach dem Fahren“, sagt er etwas lauter. Frau Sesenheim macht sie einen Schritt zur Seite, dann noch einen. Dann setzt sich direkt neben ihn, obwohl Hanno doch eigentlich extra einen Einzeltisch hat. „Wie kommst Du denn auf solche…“ Frau Sesenheim spricht ihren Satz nicht zuende, aber sie atmet einmal ganz tief ein und aus. Ihr Stuhl quietscht ein bisschen. Jetzt guckt sie ihn bestimmt so von hinten an. Das hat er mal in der Fensterscheibe beobachtet, nachdem er den kleinen toten Vogel mit in die Klasse gebracht hatte. Dann steht Frau Sesenheim auf. Hanno spürt, wie sie ihm über die Haare streichelt. Sie weiß, dass er nur ganz kurz angefasst werden mag. „BMW heißt Bayerische Motorenwerke“, sagt sie dann und jetzt klingt sie wieder wie Frau Sesenheim. „Ach so“, sagt Hanno.
Es ist gar nicht so leicht, die Jacke anzuziehen, wenn man links nur eine Faust hat. Vor der Tür macht Hanno die Radiergummifitzelhand endlich auf. Es fällt gar nichts raus, weil die Fitzel eine Kugel gebildet haben. Vielleicht schmeißt er sie doch nicht weg. Vielleicht kann man ja was daraus kneten.


Überarbeitung: Thomas Piesbergen

Donnerstag, 6. Dezember 2012

Neue Veröffentlichung: Katalogtext in "Adriane Steckhan - Urban Skins"


Adriane Steckhan "Urban Skins"
Ein Katalog mit einleitendem Text von Dr. Thomas J. Piesbergen

Erschienen im Hyperzine Verlag
1. Auflage Dezember 2012

ISBN 978-938218-62-4


"Unscharf pulsierende Straßenzüge. Fiebrige Spuren aus Licht, die von unbestimmter Bewegung wie Hieroglyphen in die Dunkelheit geschrieben sind. Das Chaos frisch niedergerissener Ruinen wie Korallenriffe am Grunde der Nacht, überwuchert von flimmernden Farbaufbrüchen. Geisterhafte Schemen. Phantomstädte. Es liegen Dinge im Unklaren, im Unscharfen, in einer aus dem Gestaltlosen tretenden und wieder darin versinkenden Urbanität; Dinge, die sich vage in dem unablässigen Strom der Zeit manifestieren und wieder darin vergehen - offen, fließend, gespenstisch.
Die Arbeiten Adriane Steckhans stellen die Selbstverständlichkeit unserer Wahrnehmung und die  Vollständigkeit ihrer Repräsentation in Frage. Sie stellen die Frage nach der Bedingtheit unserer Wirklichkeit und Identität in der Zeit, nach Authentizität, Vergänglichkeit und Tod.

Hamburg. London. Venedig. Mexico City. Addis Abeba. Das sind die Namen der Stadträume, durch die uns die Odyssee des Kameraauges führt, in denen es nach Anhaltspunkten sucht, nach Orten der Orientierung. Manchmal ruht es unerwartet auf Lichtinseln, verweilt bei geisterhaften Einblicken, auf Umrissen, die sich in Dunst und Schatten abzeichnen. Doch nichts scheint Bestand zu haben; die Dinge scheinen nur latent vorhanden zu sein, sich der Gegenwart hartnäckig zu entziehen. Denn bereits die Langzeitbelichtungen, mit denen Adriane Steckhan arbeitet, durchbrechen das Zeitfenster von drei Sekunden, das in der Bewußtseinsforschung als die empfundene Gegenwart gilt. So wird das Wahrgenommene schon im Moment der Wahrnehmung zur Erinnerung, zu einem subjektiven und unscharfen Fragment unserer Wirklichkeit. Das, was uns auf den Bildern entgegentritt, ist eher die Erosion des Gesehenen, als ein Bild desselben; ein Nachbild, ein Erinnerungssplitter, der anmutet, als trüge er seinen eigenen Tod in sich.

Diesem fragmentarischen Charakter unserer Wahrnehmung, der Verknüpfung von unzähligen Gegenwartspunkten und Erinnerungsrudimenten, entspricht auch die Segmentierung der Arbeiten. Die Fotografien werden zergliedert, wieder zu größeren Einheiten zusammengefügt und schließlich zu den oft großformatigen Panoramen geordnet. Das, was wir als unsere Wirklichkeit begreifen, wird als Konstruktion, als Imagination sichtbar gemacht, als eine bloße Ableitung von dem, was unsere Sinne nur bruchstückhaft registrieren.

Den Übergang der Bilder von der äußeren in die innere Wirklichkeit, der von der reinen Fotografie mit ihrer unsichtbaren Oberfläche in der Regel verschwiegen wird, macht Adriane Steckhan durch die Übertragung der Bilder in eine Haut aus Acrylpolymer erfahrbar: die Urban Skin.  
Diese transluziden Häute sind, wie die Bilder, gezeichnet von Bewegungen, von der Zeit: vom Duktus des Pinsels, mit dem das Polymer aufgetragen worden ist, von den Verwerfungen, die beim Trocknungsprozeß entstanden sind, von den gefangenen Blasen im gallertartigen Material, die den Eindruck erwecken, es könne sich in jedem Moment wieder verflüssigen. 
Auf diese Weise gewinnen die Häute eine lebendige Oberfläche, deren autarke Topographie die Absolutheit des fotografischen Augenblicks zugunsten einer raumzeitlich nachvollziehbaren Ausbreitung des Bildes überwindet, wie man es sonst nur in der Malerei findet. Dadurch entziehen sie sich dem fotografischen Diskurs und eröffnen einen unabhängigen Bildraum.

Zugleich wird die Wahrnehmung des Motivs gestört. So wie auch die inneren Bilder stetigem Lichtwechsel ausgesetzt sind und sich mit ihren Atmosphären wie Folien über unsere akute Gegenwart legen, so kann der Betrachter die Bilder nur durch die sich stets wandelnden, unruhigen, und narbigen Oberflächen der Urban Skins mit ihren Reflexionen und nebelhaften Verdichtungen sehen, unter denen eine verstörende und vielgestaltige Tiefe darauf wartet, ausgelotet zu werden.
Die Haut, selbst Metapher für die Schnittstelle zwischen der inneren und der äußeren Welt, macht durch diese Störungen den Prozeß, dem die Bilder durch unsere Wahrnehmung unterworfen sind, akut und sinnlich nachvollziehbar. 

Die Orte, anhand derer wir uns versuchen zu orientieren, die wir als essentiell für unsere Identität und unsere Verortung in der Zeit erleben, selbst unsere Mittel und unsere Fähigkeiten, uns einer vermeintlich objektiven Wirklichkeit zu versichern, werden auf den Urban Skins entlarvt als subjektiv und bruchstückhaft, unscharf und ephemer. "


Dr. phil. Thomas J. Piesbergen, November 2012