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Mittwoch, 20. Juni 2012

Sieben Entscheidungen: "Entscheidung am Pilatus Creek" von Thomas Piesbergen

In den folgenden Posts stellen wir sechs der sieben Geschichten vor, die auf der ersten Lesung des Textprojekts unter dem Titel "Sieben Entscheidungen" vorgetragen worden sind.
 
Die Geschichte von Kursleiter Thomas Piesbergen, wurde bereits im April gepostet und ist unter dem folgenden Link zu finden:

Entscheidung am Pilatus Creek




Sieben Entscheidungen: "Inga" von Antonia Michael

„Peter Alexander, Haxen auseinander, Haxen wieder zam und du bist dran“

Ich sah Inga von einer Bank aus zu, wie sie auf der Schaukel saß und immer wieder den Kinderreim aufsagte. Wieder und wieder, stets mit der gleichen Betonung. Dabei stocherte sie lustlos mit einem Stock über die festgetretene Erde unter ihren baumelnden Füßen. Fünf Minuten, zehn, eine Viertelstunde – egal, denn wenn wir eines hatten, dann war es Zeit. Jedenfalls heute.

Erst als der Wind auffrischte fiel mir auf, dass die Schaukel quietschte. Ich schaute auf die Uhr – zwanzig nach elf. Es war Zeit. Zittrig stand ich auf, ignorierte den stechenden Schmerz im Rücken, kramte in meiner Handtasche, zog die Lippen nach und strich mir die Falten aus dem Sommerkleid . Nur die Ruhe. Egal wie gut ich heute aussehe, sie würden mich hassen. Menschen wie mich mag man einfach nicht.

„Inga, wir müssen los!“, rief ich und lief über den gepflegten Rasen hinüber zur Schaukel. Als Inga mich bemerkte hellte sich ihr Gesicht auf und ihre hellblauen Augen strahlten.

„Du“, sagte Inga. Es war weder eine Begrüßung noch eine Frage, sondern vielmehr eine Art Feststellung. In letzter Zeit war ihr ein kurzes „Du“ zur Gewohnheit geworden. Sie streute es bei vielen Gelegenheiten ein: morgens beim Aufstehen, beim Zähneputzen, am Mittagstisch oder abends auf der Couch. Mit diesem kleinen Wörtchen schien sich Inga zu vergewissern, dass da außer ihr noch jemand war.

„Genau“, antwortete ich, packte Inga unter einem Arm und half ihr von der Schaukel. Hand in Hand gingen wir langsam über die Wiese in Richtung Eingang. Ingas Hand war kühl und trocken und ihre Haut fühlte sich an wie Butterbrotpapier. Mit dem Daumen strich ich über ihre Finger.

Bei jedem Schritt federte der weiche Rasen unter unseren Füßen. Inga gluckste, mir wurde flau im Magen.

An der Stirnseite der Rasenfläche erhob sich ein strahlend weißes Herrenhaus. Von dem Vorplatz führte eine Freitreppe hinauf zu einer prachtvollen Flügeltür. Durch zahlreiche hohe Sprossenfenster konnte ich mintgrüne Vorhänge sehen und in den oberen Stockwerken schmiegten sich geschwungene, schmiedeeiserne Balkone an die Fassade.

Idylle, abgeschieden vom Rest der Welt, ein eigenes kleines Universum, Ruhe, Regeln, Ordnung – das war es, was Inga jetzt brauchte. Ja, genau das! Ich atmete tief durch, packte Inga fest am Oberarm und stieg mit ihr Stufe für Stufe die Treppe hinauf. Ich kam nicht außer Puste, aber mein Herz schlug mir trotzdem bis zum Hals.

Als wir durch die schwere Eingangstür traten, war es drinnen angenehm kühl. „Ahh“, machte Inga und just in diesem Moment schoss hinter einem hohen Empfangstresen ein kleiner Kopf in die Höhe. Er gehörte zu einer jungen Frau, mit strengem Pferdeschwanz und einer Spur zu viel Make-up.

„Wie kann ich Ihnen helfen?“, fragte sie mit leicht slavischem Akzent. 

„Ähm, ich bin hier mit Inga Paulsen.“

„Ach ja. Wir haben sie schon erwartet“. Ich meinte Tadel in der Stimme hören zu können.

„Mein Name ist Magdalena und ich heiße Sie herzlich bei uns willkommen“. Dabei tänzelnde sie mit schwingenden Hüften um den Empfangstresen herum und streckte mir ihre Hand entgegen. Magdalenas Mund lächelte, ihre Augen nicht.

Da war sie also, die leise lodernde Feindseligkeit, auf die ich gewartet hatte. Schön verpackt in einem makellosen Körper, mit dickem Lidstrich und roten Lippen.

„Freut mich. Ich bin Helene.“

Kurzes Händeschütteln, beidseitiges Nicken und schon beugte sich die schöne Magdalena anmutig zu meiner Inga herunter. Die stand noch immer brav neben mir und sah sich staunend  in der Eingangshalle um.

„Du musst Inga sein“ sagte sie mit lieblich säuselnder Stimme und fuhr ihr mit langen Fingern durchs helle Haar.

Inga drehte sich zu Magdalena um und schenkte ihr ein freundliches Lächeln. Es war so offen, herzlich und unvoreingenommen, wie es nur Kinder zu Stande bringen.

„Dann wollen wir mal. Schauen wir uns zusammen das Zimmer an. Es wird dir gefallen. Es gibt ein großes Bett, einen schönen Schrank und sogar einen Balkon. Das ist doch was, oder?“ Dabei drehte sich Magdalena zu mir um und zog erwartungsvoll die Augenbrauen nach oben.

„Schön“, meinte ich und folgte den beiden die Treppe nach oben in den ersten Stock. Magdalena führte Inga am Arm und redete über irgendwelche Nachmittagsaktivitäten. Mir fiel der dunkelrote Teppich auf. Er war überall ausgelegt, in den Fluren genauso wie auf der Treppe. Weich, flauschig, dumpf. Geräusche? Fehlanzeige. Der dicke Plüschboden schluckte einfach alles. Es war fast so als sauge er auf, was nur ansatzweise Lärm gemacht hätte: kein Gemurmel, kein Lachen, kein Niesen, keine Musik und schon gar kein Getrampel. Stattdessen herrschte die angespannte Stille wie in einem Luxushotel. Bloß nicht auffallen und die anderen Gäste stören. Schön die Klappe halten, nicht aus der Reihe tanzen und brav die ungeschriebenen Gesetze befolgen.

Doch Magdalena schien sich einen Dreck um diese Gesetze zu scheren. Sie plapperte fröhlich weiter während sie Inga geschickt durch die Flure lenkte. Schließlich öffnete sie eine der vielen Türen und führte sie hinein.

Als ich das Zimmer betrat saß Inga schon auf dem großen Bett und wippte vergnügt auf der Matratze. Verschmitzt lächelte sie mich an, nur um sich dann weiter umzusehen.

Für sie war das alles ein großes Abenteuer. Wobei ich mir sicher war, dass sie so gut wie gar nichts davon verstand. Aber weiß heißt schon verstehen und was ist schon verrückt und was ist normal?
Manchmal stellte ich mir vor, dass alles in Ingas Kopf einen Sinn ergab – nur eben einen anderen als beim Rest der Welt. Einen ganz eigenen Sinn. Einen gelasseneren.

Vor ein paar Monaten saßen wir zusammen mit meinem Bruder in der Küche. Inga starrte auf ein Portrait von Till und mir und er fragte dann: „Na, kennst du die beiden auf dem Foto?“

Fast schon entsetzt schaute Inga Till an und meinte: „Natürlich, das bist doch du!“

„Und das Mädchen da?“

Überlegen. Stille. Dann: „Na, mit der bin auch irgendwie verwandt.“

Das hatte mich damals weniger getroffen, als ich erwartet hatte. Seltsam, denn ich hatte wirklich lange gebraucht, um zu akzeptieren, dass ich sie anzog, sauber machte, ihr Essen kochte, ihr vorlas, hinter ihr her räumte, her putzte, hinter ihr die Haustür abschloss, wenn ich ging sie einschloss, allen Nachbarn Bescheid sagte, ihr Schmerzpflaster auf den Rücken klebte, ihr Tabletten gab, fast täglich ihre Klamotten wusch und ihre Windeln wechselte. Nein. Die Sache mit den Windeln war mir nur allzu bewusst. Die wünschte ich mir so schnell wie möglich zu vergessen.

Trotzdem – wir waren ein Team. Ich funktionierte, damit die Welt nicht aus den Fugen geriet und Inga war damit beschäftigt, die Fugen in ihrem Geist zu ignorieren und den Rissen des Vergessens auszuweichen.

Oft hatte ich schon den Eindruck, dass der Mensch im Laufe seines Lebens immer starrer würde. Der Körper wird steif, der Geist verfestigt sich und kann mit vielem nichts mehr anfangen. Nicht so bei Inga. Ihr Geist war wie der einer Fünfjährigen: quirlig, unvoreingenommen und fließend.

Sie war plötzlich so liebenswert, wie sie da auf der Bettkante saß und mit staunenden Blicken ihre Umgebung erkundete. So unschuldig und so zerbrechlich. Meine Mutter.

„Ich kann nicht“, quoll es aus mir heraus, meine Wangen wurden heiß und Tränen vernebelten mir die Sicht. Ich musste raus, verließ das Zimmer.

Als ich im Flur war bemerkte keiner, wie ich mich auf den Teppichboden setzte. Er schluckte mein Schluchzen und saugte meine tropfenden Tränen auf. Es roch nach Mittagessen und Desinfektionsmittel.

In diesem Moment wünschte ich mir nichts sehnlicher, als dass meine Mutter jetzt aus diesem Zimmer kam, mich in die Arme schloss und meinen Kopf an ihre warme Schulter drückte. So gerne hätte ich ihre warme Haut gespürt. So gerne hätte ich ihr von diesem schrecklichen Tag erzählt, mich von ihr trösten lassen, nur um dann mit ihr darüber zu lachen. Danach wären wir aufgestanden, in die Stadt gefahren und hätten uns bei unserem Lieblingsitaliener mit frischen Muscheln und reichlich Weißwein einen schönen Abend gemacht. Wir hätten gekichert, diskutiert und Pläne fürs Wochenende geschmiedet.

Die Zimmertür öffnete sich und Magdalena kam heraus. Langsam ließ sie sich neben mir an der Wand herunter rutschen, fasste in ihre Hosentasche und zündete sich eine Zigarette an.

„Auch?“

Wir schauten uns an und Magdalena meinte: „Hier darf man eigentlich alles. Man muss es nur machen.“ Als ich nicht reagierte, steckte sie Zigarettenschachtel und Feuerzeug wieder ein. Ich wollte mich nicht mir ihr unterhalten.

Und so saßen wir einfach nur da. Zwei Fremde in einem Flur.

„Ist doch ok“, sagte sie, als die Zigarette fast aufgeraucht war. Magdalena nahm noch einen Zug. Dann stand sie auf, öffnete die Tür und drehte sich zu mir um.

„Geh jetzt. Aber komm wieder.“

(Lektorat: Thomas Piesbergen)

Sieben Entscheidungen: "Cashback" von Frank Küppers

Die Bässe wummern marschmusikartig den Song „Reise, Reise“. Die Türen des schwarzen Mustangs erzittern. Kurt hämmert mit der flachen Hand im Takt auf das Lederlenkrad. Das kleine Rinnsal Schweiß vom Hals bis zum Bauchnabel teilt sein olivfarbenes T-Shirt in zwei Hälften. Genauso fühlt er sich, zweigeteilt. Sein über die Jahre füllig gewordener Körper vibriert vor Unruhe. Geplant hat er es tausend Mal, doch jedes Mal hatte ihn im entscheidenden Moment der Mut verlassen. Heute morgen ist es anders gewesen.
Der Weg zurück vom Supermarkt. Die Abkürzung vorbei an den heruntergekommenen Gewerbehöfen. Der hastige Biss in die Schokolade. Und plötzlich taucht sie vor ihm auf, wie eine Fatamorgana vor dem Verdurstenden: die Chance, von der er so viele Jahre kaum noch zu träumen gewagt hat. Er denkt nicht nach. Sein massiger Körper setzt sich auf den kurzen Beinen in Bewegung. Trotz der tarnenden Fettschicht hat er sich gut in Schuss gehalten, seinen Körper gepflegt wie eine Maschine, die auf ihren letzten, alles entscheidenden Einsatz wartet. Er hat dem alten Mann, der ihm seit vielen Jahren aus dem Spiegel entgegenblickt, nur oberflächlich Platz gemacht! Und es hat sich gelohnt. Er spult die Handlungen perfekt ab. Jeder Handgriff, jede Bewegung sitzt, so wie es Kurt in zahlreichen Filmen gesehen hat.
Inzwischen rauschen flachere Gebäude am leicht beschlagenen Fahrerfenster vorbei. Über ihm kreist ein Hubschrauber. Hat seine Frau etwas bemerkt? Lässt sie ihn schon suchen? Unmöglich. Trotzdem beschleunigt sich sein Puls. Keine Panik. Erinnere dich. Du hast gelernt deine Gefühle zu beherrschen, damals im Einsatz. Du hast es überstanden, dann wirst du auch das hier überstehen. Irgendwann wird dich die Schuld wohl heimsuchen, wird mit stetem Tropfen deine Träume aushöhlen. Dann entscheidet sich, wer ein Mann ist. Du wirst wahnsinnig oder kommst damit klar. Aber nicht jetzt! Ist es wirklich so einfach? Vielleicht.
Das erste Etappenziel seiner Erlösung rückt näher, der Wald. Kurt wechselt die Kassette. Sein Enkel hat ihm neumodisches Zeug auf eine, wie er es nannte, überholte Technik gespielt. „Habe ich aus dem Deutschen Museum geklaut“ hatte auf der Karte zu seinem 79. Geburtstag gestanden. Der Bengel.
Das Staccato der Hiphop-Beats pulsiert durch seine Nervenbahnen. Er fühlt sich jung, energiegeladen. Niemals den Schneid verlieren! Gegen dich ist dieser Batman eine Flasche! Kurt lächelt. Die letzten Häuser rauschen vorbei, dann drängt sich nur noch das Unterholz bis nah an die Leitplanken. Die Sirenen von Polizei und Feuerwehr, das dumpfe Dröhnen der Stadt verflüchtigen sich. Der perfekt gepflegte Traum von einem Wagen reißt routiniert die Kilometer ab. Kurt hat den Autopiloten eingeschaltet.
Sein Puls verlangsamt sich. Die Landschaft fließt gleichförmig und beruhigend an ihm vorbei. Er streichelt das narbige Leder des Beifahrersitzes. Es fühlt sich an wie neu, es riecht wie neu. Sie hasst das Auto. Hat es immer gehasst. Der Einsteigeradius ist ihr zu eng, die Sitzhöhe zu tief, die Anschnallgurte schneiden ihr in den Busen. Aber was weiß sie denn schon! Du hättest dein Alter nicht akzeptiert, sagt sie! So ein Unsinn! Nicht zugelassen hast du es. Nur weil es nun auch sie langsam einholt. Doch sie hat nur ihr Mundwerk, ihre Unzufriedenheit und ihre Herrschsucht! Wie oft hast du dir gewünscht, der Mustang hätte eine Schleudersitzfunktion. Damit ist es nun vorbei, nach 31 Ehejahren kann der Platz neu besetzt werden. Irgendein junges Ding in der Provinz wirst Du mit dem Auto doch wohl rumkriegen. Kurt Friedrich Wilhelm sieht mit den sonnenbeschienenen Wolken ein neues Leben über dem Horizont aufziehen.
Hiltrud streicht sich die geblümte Schürze glatt und kontrolliert mit einen starren Blick die desinfizierten und polierten Oberflächen ihrer Küche. Nur noch 15 Minuten bis zum Mittag und er ist noch immer nicht zurück. Wie soll sie bloß ohne Butter eine Mehlschwitze anrühren? Das kann er ihr gerne  einmal erklären! Sicher drückt er sich wieder in dieser Seitengasse beim Supermarkt herum und stopft sich heimlich mit Schokolade voll, dieser Kindskopf! Als wenn sie nichts von seinen Fresseskapaden wüsste. Ein Blick auf den Kassenbon reicht ihr. 31 Jahre hinterlassen kaum Geheimnisse. In Gedanken. Blitzeblank. Sie streift die Gummihandschuhe ab. Diese scheußlichen Altersflecken! Sie stützt ihre Hände in die schlanken Hüften, dreht sich schwungvoll auf dem Absatz und steuert Richtung Wohnzimmer.
Der Radetzki-Marsch ertönt. Eine dieser lächerlichen Ideen von Kurt, statt einer normalen Türglocke so ein modernes Ding mit Selbstaufspielmodus zu kaufen! Draußen steht ihre Nachbarin Nicole Heizinger mit ihren 2 Kindern. Sie ist bleich, außer Atem.
"Könnten Sie bitte auf die Kids aufpassen? Ich muss sofort weg! Die Bank meines Mannes ist überfallen worden!"
"Oh Gott, ist etwas passiert?"
"Sven hat einen Schock. Er musste den Tresor öffnen. Sie haben ihm eine Waffe an den Kopf gehalten! Aber die Polizei hat die Täter schon dingfest gemacht! Diese Dreckskerle!“
Sie fängt an zu weinen. Dann drückt sie Paul und Carla zum Abschied und hastet ohne eine Antwort abzuwarten los. Hiltrud schaut ihr nach. Da steckt Kurt also. Typisch! Lauert mit den anderen Gaffern auf den winzigsten Tropfen Blut, anstatt nach Hause zu kommen. Hiltrud verzieht das Gesicht und nimmt die beiden Kinder an die Hand.

Wie eine unendliche Kette von zukünftigen Versprechungen zieht sich der Mittelstreifen über das graue Asphaltband und rauscht unter ihm davon. Ein allzu bekanntes Brennen reißt Kurt aus seinen Tagträumen. Pissen! Ja, Hiltrud hasst diese Ausdrücke, aber so nennt es der Männerverein, dem du Jahrzehnte deines Lebens gedient hast, und so heißt es eben auch auf gut Deutsch! Aber dieser plötzliche, unerwartete Drang bedeutet noch etwas anderes. Kurt wird heiß und kalt: Er hat vergessen seine Tabletten zu nehmen. Da ist es wieder, das alt bekannte Gefühl der Schwäche. Wie konntest Du es nur vergessen? Kurt wird mit einem Mal unsicher. Noch könntest Du das Steuer rumreißen, nach hause fahren. Niemand würde den Ausflug bemerken. Du könntest wie immer über den lähmenden Verkehr oder die Riesenschlange an der Supermarktkasse stöhnen.
Seine Knochen werden auf einmal schwer, die Augen müde. Das Brennen im Unterleib wird stärker und sucht sich erbarmungslos seinen Weg. War dort nicht eine frisch geschlagenen Schneise? Er wendet sich um, doch sein Hals ist in den tiefen Polster steif geworden.
Im Zurückdrehen sieht er, wie sich ein Holz beladener Laster auf die Straße schiebt. Zu spät. Instinktiv löst Kurt den Sicherheitsgurt und wirft seinen Oberkörper auf den Beifahrersitz. Der Schaltknüppel bohrt sich zwischen zwei Rippen. Etwas gibt nach, bricht. Alles oberhalb der Motorhaube verwandelt sich in ein Inferno aus splitterndem Glas und Metall. Dann die Stille. Ein stechender Geruch nach Benzin, Öl und Scheibenwaschwasser schwängert die Luft. Der zweite Atemzug füllt den Brustkorb mit einem stechenden Schmerz und dem Duft nach frischgeschlagenem Holz. Nur noch ein klein wenig so verweilen. Die Schläfe ruht auf dem kühlenden Metall der 45er Magnum. Das kleine Rinnsaal aus Blut und Spuke, das nun sein T-Shirt teilt, bemerkt Kurt nicht.

Durch einen Spalt in dem zerknäuelten Blech sieht er die herbeigeeilten Waldarbeiter. Doch sie beachten das Wrack kaum. Sie sehen zum Himmel, wie Kinder, die Schnee im Sommer anstaunen. Ein Konfettiregen aus unzähligen Hundertern und Fünfzigern wie bei der Ehrenparade auf der 5th Avenue geht auf die Straße nieder. Komm, raff Dich auf! Wie diese Superhelden musst du aus dem Wrack kriechen, mit einem kalten Grinsen! Doch die alte Maschine will nicht mehr gehorchen. Jetzt kommen die Sirenen wieder näher. Kurts blutverschmierte Hand umklammert den Griff. Hättest du doch wenigstens deine Hiltrud noch einmal zum Abschied geküsst. Mit einem letzten Lächeln denkt er an die zwei Bankräuber, wie sie krampfhaft versucht haben, ihren Wagen in der dunklen Seitenstrasse zu starten. Sie haben ihn gar nicht kommen hören.

(Lektorat: Thomas Piesbergen)

Sieben Entscheidungen: "Fräulein Blumes Geschichte" von Silke Tobeler

Ich kannte Fräulein Blume noch nicht lange. Seit ca. 2 Monaten arbeite ich im Altenheim Bethanien. Ich dachte, dass die Stille einer Nacht die ideale Möglichkeit sei, um einerseits mein Studentenportemonnaie aufzubessern und andererseits ungestört die letzten Seiten meiner Diplomarbeit zu vollenden. Ich rechnete mit einigen Wehwehchen, die mich behindern würden, aber alles in allem sollte ich die Regelstudienzeit einhalten können. Jetzt steht der Abgabetermin vor der Tür und ich bin keinen Schritt von der Stelle gekommen. Die einzige Entschuldigung, die ich vorzubringen habe, ist die Geschichte von Fräulein Blume. Eigentlich wollte sie immer nur um 23.55 Uhr ein Gläschen Wasser, aber ich konnte diesem lebendigen Glanz ihrer Augen nicht widerstehen, die mich unter all den Runzeln anblitzten. Ich musste sie einfach hören, ihre Geschichte – und ich bin es ihr schuldig, dass sie nicht für alle Zeiten der Vergessenheit anheim fällt. Nacht für Nacht habe ich ihrer brüchigen Stimme gelauscht. Ich habe alles notiert und versuche hiermit möglichst getreu diese Worte wiederzugeben. Ich hoffe, Sie können meine Entscheidung, die Diplomarbeit ruhen zu lassen,verstehen, wenn Sie diese Aufzeichnungen nun selbst lesen werden:

Ich hätte mich auf den Frieden dieses Frühlings nicht verlassen sollen. Die Luft war lau und mild. In mir kribbelte die Aufregung eines neuen Tages, der nicht höher hüpfen musste als mein Herz. Auf meinem Weg zum Büro, wollte ich noch schnell zum Blumenladen an der Schönhauser Allee. Frau Herre hatte Geburtstag und ich hatte Herrn Meinert versprochen, dass ich einen bunten Frühlingsstrauss mitbringen würde. Ich dachte an die wunderschöne Iris, die den Vornamen des Geburtstagskindes unterstreichen sollte. Maiglöckchen dazu, um dem Frühling zu sagen, dass wir bereit sind. Doch so weit kam ich gar nicht erst. Mein Blick fiel auf die Ansammlung vor der Litfasssäule in unserer Straße. Dort hatten sich die üblichen Verdächtigen versammelt, die nutzlosen kichernden Backfische aus der Nachbarschaft. Ich war diesem pubertären Alter gerade entwachsen und ärgerte mich über die plauderige Leichtigkeit dieser drei Mädchen, die mich in ungehöriger Manier anblickten. Sie tuschelten und kicherten, und starrten frech zu mir hinüber. Ich wusste, dass sie über mich lachten, weil ich in der Frühlingssonne nicht feriengemäß die Beine baumeln lassen konnte wie sie. Ich hatte schon seit vier Jahren keine Schulferien mehr. Na und? Dafür hatte ich in schweren Zeiten eine feste Anstellung gefunden und war sehr stolz darauf für mich selbst sorgen zu können. Sollten sie doch über mich lästern, dass ich ein Proletariertrampel sei. Sollten sie doch. Mich beschäftigte ohnehin ganz andere Dinge, von denen diese unreifen Gänse nichts verstanden – Liebesdinge! Sie zogen mich wie eine Trinkerin zur Flasche. Sie schmeckten, sie verdarben mich, sie liessen mich nicht los...
Doch davon wusste die Ansammlung der kleinen Damen mit ihren mädchenhaft kurzen Röcken natürlich noch nichts. Aber warum starrten sie mich ausgerechnet heute so an? Eine zeigte sogar mit ihrem Finger auf mich, während die anderen hinter vorgehaltener Hand frech kicherten.
Ich schüttelte den Kopf und wollte meiner Wege ziehen, mir den Tag nicht verderben lassen, als mich das Leuchten des Plakates auf der Litfasssäule erfasste.
In großen roten Lettern stand da:

An Anna Blume,
Oh Du, Geliebte meiner 27 Sinne,
ich liebe Dir!
Du Deiner, Dich Dir, ich Dir, du mir, ... wir?
Das gehört beiläufig nicht hierher!
Wer bist Du, ungezähltes Frauenzimmer?
Du bist, bist Du? Die Leute sagen, Du wärest.
Lass sie sagen, Du wärest.
Lass sie sagen, sie wissen nicht, wie der Kirchturm steht.
Du trägst den Hut auf Deinen Füßen
und wanderst auf die Hände.

Welch eine Unverschämtheit! Kurt und ich pflegten erst seit drei Monaten eine intimere Beziehung. Und mir war es mehr als peinlich meinen Namen so plakativ an die runde Säule gebannt zu sehen. Was sollte Helma von mir denken? Niemand wusste, dass er mich mit meinem Namen aufzog. Es war schön und schaurig – immer wieder dieses verrückte Wortspiel:

A-N-N-A.
Du bist von hinten wie von vorne.

Mir schoss jedes Mal das Blut in die Wangen, wenn Herr Schwitters in lauen Stunden an der Spree mir zuflüsterte:

Blau ist die Farbe Deines gelben Haares,
Rot ist die Farbe Deines grünen Vogels.
Du schlichtes Mädchen im Alltagskleid,
Du liebes grünes Tier, ich liebe Dir!

Zuerst begriff ich kaum was er damit meinte. Und als ich es erahnte, wollte ich, dass er mit mir tat, was er mir versprach. Meine Mutter hatte mich immer vor dem verrückten Künstler gewarnt, der mit Frau und Kind neben uns wohnte. Während des Krieges hat sich Helma die Augen ausgeweint, weil der Kurt im Krieg anfing zu zittern und das Zittern auch noch nach seiner Heimkehr anhielt. Sie wusste nicht, dass Kurt mit dem Kopf in meinem Schoß niemals zitterte, sondern wunderschöne, seltsame Wortschöpfungen in meinen Rock hineinmurmelte. Ich genoss die Aufmerksamkeit eines Mannes, den ich nicht verstand. Es war unser Geheimnis und ich verschloss die Sehnsucht nach viel mehr. Wie hätte es denn auch werden sollen? Ich kannte doch seine Freunde, die abends vorbei kamen, um mit ihm die Welt zu verbessern. Sie kämpften für die Arbeiterklasse – KPD – und nicht einer hat die Maurerkelle geschwungen oder Pflastersteine in die Straße geklopft. Und dann tranken sie ihren Beaujolais, weinten über das Wummern der fetten Berta, die abgeschlagenen Gliedmaßen. Doch Kurt lachte in mein Haar lachte und kitzelte meinen Hals mit seinen Bartstoppeln. Dennoch blieben es zwei Welten, seine und meine.
Ausserdem war er für meine Begriffe zu alt. Dreissig! Und dann die Aussagen meiner Mutter: „Herr Schwitters leidet unter Epilepsie. Wenn ihr mich fragt – der ist nicht normal! Künstler... Da malt der keine richtigen Bilder sondern schnippelt sich irgendetwas zurecht und verkauft diesen Unsinn auch noch. Das gehört verboten!“ Ja, meine Familie rührte den Mörtel an und klopfte schwere Steine in den sandigen Boden Berlins, damit die Autos der wohlhabenden Bürger durch die Stadt jagen konnten.
Und dann waren da noch seine Frau und das Kind!

Halloh,
Deine roten Kleider, in weisse Falten zersägt,
Rot liebe ich Anna Blume, rot liebe ich Dir.
Du, Deiner, Dich Dir, ich Dir, Du mir, ...wir?
Das gehört    beiläufig    in    die    kalte    Glut!

Ich starrte auf das Plakat. War unsere Liebe schon zu kalter Glut geworden? Und ich nur ein schönes Wort? Meine Gedanken begannen zu kreisen wie ein Kettenkarrussell. Mir schwindelte. Ich schaute die blöden Mädchen böse an und das Kichern gefror auf ihren Gesichtern. Sie knicksten beschämt und gingen ihrer Wege, während mir der kalte Angstschweiss fiebrig über den Nacken kroch.
Ich musste von Kurt selbst wissen, was er meinte, was er von mir wollte. War ich eine Laune des letzten weinseligen Abends mit Hans Arp, als sie sich über die Ahnungslosigkeit hübscher Mädchen mit wohlklingenden Namen ausliessen? Oder wollte Kurt mir auf seine ungeschickte Art etwas sagen, dass ich in meiner Unbedarftheit nicht verstand? Der Tag wurde für mich ein Spießrutenlauf. Ständig befürchtete ich, dass mich jemand auf dieses schamlose Gedicht, das überall auf den Straßen Berlins prangte ansprach. Bei jedem Räuspern hinter meinem Schreibtischstuhl zuckte ich zusammen. Und dann wollte Herr Meinert doch nur, dass ich Kaffee kochte. Ich war erleichtert und muss heute zugeben, dass ich damals auch ein wenig enttäuscht war. Hatte denn keiner die siebenundzwanzig Litfasssäulen der Stadt mit meinem Namen bestaunt?
Abends klopfte ich an das Fenster des Schwitterschen Hauses. Sie saßen am Abendbrottisch, der kleine Ernst auf Helmas Schoß. Kurt sah auf und öffnete mir die Haustüre. „Anna, lass uns später reden“, raunte er mir zu.
„Fräulein Blume, kommen Sie herein“, rief Helma. Ihre rosigen Bäckchen leuchteten im Abendlicht, und ich wunderte mich, dass zum ersten Mal seit Monaten keine Besorgnis ihre helle Stimme trübte. Ich musste mich zwingen einzutreten und erklärte sogleich, dass ich schon gegessen hätte. Ernst klapperte mit seinem Löffel auf Helmas Teller. Kurt kitzelte das Kinn seines Sohnes, der juchzend sich auf dem Schoß seiner Mutter wand. „Na, haben Sie ́s schon gesehen?“ fragte Helma Schwitters freundlich. Eine unsichtbare seidene Schnur schien sich um meine Kehle zu schlingen und an meinem Hals zu würgen. „Sie meinen das Gedicht auf der Litfasssäule?“gelang es mir hervorzupressen.
„Die ganze Stadt ist voll davon und Kurt meint, dass damit eine neue Literaturform gefunden sei. Ich weiss nicht, es ist hübsch, aber merkwürdig. Und Sie müssen mit ihrem schönen Namen herhalten?“ Sie zwinkerte mir zu. Die Schnur wurde zu einem Galgenstrick. Ich konnte es nicht fassen, dass Helma scheinbar so ahnungslos sein konnte. Welches Spiel wurde da gespielt? War sie blind oder dumm? Oder beides?
„Auf jeden Fall geht’s dem Kurt wohl besser!“ freute Frau Schwitters sich. „Er hat aufgehört zu zittern...“flüsterte sie mir zu und drückte gerührt meine eiskalte Hand. Ich unterdrückte den Würgreiz und trank hastig meinen Tee aus, um mich von dem trauten Familienglück zu verabschieden.
Um Mitternacht wurde ich vom Klackern an meiner Fensterscheibe wach. Ich schaute auf die Straße und sah Kurt, Kieselsteine in der Hand. Vorsichtig tappte ich die schmale Holztreppe hinunter, um meine Eltern nicht zu wecken und liess ihn ins Haus. Wir schlichen in mein Zimmer.

„Ich träufle Deinen Namen,
Dein Name träufelt wie weiches Rindertalg.
Weisst Du es Anna, weisst Du es schon,
Man kann Dich auch von hinten lesen.
Und Du, Du Herrlichste von allen,
du bist von hinten, wie von vorne:
A-N-N-A.“

säuselte seine warme Stimme in mein Ohr. „Hör auf!“ flüsterte ich. „Warum musstest Du es in die ganze Stadt schreiben? Ich dachte es wäre unser Geheimnis. Meine Mutter hat mir verboten Euch alle zu besuchen. Sie sagt, Du seist irre.“ „Bin ich auch, meine Schöne, nach Dir. Anna, heirate mich! Werde meine Frau!“ Ich stiess ihn von mir. „Du bist wahnsinnig! Was ist mit Helma und Ernst?“ „Das regel ich schon. Anna, Du hast mich gesund gemacht. Ich zittere nicht mehr!“ Er vergrub seinen Kopf in meiner Schulter. Vor mir erschien ein Bild: wir saßen gemeinsam beim Abendbrot, ich mit einem zweiten Ernst auf dem Schoß. Und diesmal war es Fräulein Maria Flieder, das aufgeregt an der Tür klingelte, das ihm für seine verrückten Gedichte ihren Namen lieh und das seinen Worten mit ihrem Körper Leben einflößte. Und ich sah mein Gedicht überklebt mit dem neuesten Geschwätz der Stadt: Geflügelfutter – geht zu Erwin Kalischke! Vergesst nicht die Genossen Luxemburg und Liebknecht... Alles über meinen Namen, Schicht um Schicht, Gekauftes, Geliebtes und Gehasstes waren die Worte geklebt.
Was sollte ich dazu noch sagen? Kein Zittern? Darum ging es ihm vielleicht. Aber mit jedem Tag der Stärke würde die Liebe zu mir verblassen. Seine Freunde würden weitersaufen und er sich die nächste Muse suchen, die ihm für ihre Zeit, für das nächste Gedicht, wichtiger sein würde als Politik und französischer Rotwein, immerhin... „Kurt, liebst Du mich oder meinen Namen?“ Er lachte. So laut, dass ich befürchtete, dass meine Mutter in ihrem leichten Schlaf wach werden würde und so laut, dass tief in mir etwas zerriss. Wie ein Blatt Papier. „Hör auf!“ zischte ich, „es ist aus. Du gehörst zu Deiner Frau und Ernst. Und meinen Namen behalte ich. Ich werde immer das Fräulein Blume bleiben!“
Nach dieser Nacht im April vermied ich jegliche Begegnung mit Familie Schwitters. Ein kurzes Grüßen reichte, wenn wir uns in der Nachbarschaft trafen. Kurt schrieb mir Bitt- und Bettelbriefe, die ich alle ungeöffnet verbrannte. Und ich hielt meine Tränen trocken. Herr Meinert eröffnete ein zweites Büro in Potsdam und dahin zog ich.
Mittlerweile sind über sechzig Jahre vergangen und ich bin eine alte Frau geworden. Ich habe nie jemandem davon erzählt. Und doch frage ich mich immer wieder: Was wäre aus Fräulein Blume geworden, wenn sie zu Kurt Schwitters „Ja“ gesagt hätte? Wäre ich mit Kurt nach England gezogen, in ein Land dessen Sprache ich bis heute nicht verstehe? Wäre ich neben Kurt reich und berühmt geworden?

Damit brach sie den Bericht ab, in der Nacht vor dem Abgabetermin meiner Diplomarbeit, und deshalb ersuche ich Sie um eine Verlängerung. Vor meinem inneren Auge sehe ich Fräulein Blume lächelnd auf einem Foto vor ihrem Gedicht. Womöglich stünde darunter: Das ist Anna Blume! Aber die wäre sie dann ja auch nicht mehr gewesen, sondern Frau Schwitters. Anna Blume wurde zu einer Kunstfigur zu einem Gebilde aus Buchstaben, das Schwitters zerschnitt und wieder zusammensetzte. Niemand verband ihren Namen mit der kleinen Dame im grünen Nachthemd die genüsslich ihr Wasserglas in den knorrigen Händen drehte.

Anna Blume,
Du tropfes Tier,
ich – liebe – Dir!

(Lektorat: Thomas Piesbergen)

Sieben Entscheidungen: "Weit weg" von Benjamin Gehrs

Eigentlich treffe ich keine übereilten Entschlüsse. Bei allen Dingen, die es zu entscheiden gilt, lasse ich  mir Zeit, manchmal auch sehr viel Zeit.
Als ich 16 war, überlegte ich mir, keinen Wehrdienst leisten zu wollen. Klar, rebellische Phase, „Scheiß-Bund“ und so. Nach dem Abi entschied ich mich dann doch für die Bundeswehr. Ich meine, Joschka Fischer war auch erst gegen jeden Militäreinsatz und dann, nach Srebenica, hat er halt umgedacht. Zugegeben, ich habe die Frist versäumt, in der ich gegen meine Einberufung hätte Einspruch einlegen müssen. Aber trotzdem zeigt das doch irgendwie: Ich lasse Entscheidungen in aller Ruhe reifen.
Kim meint, ich weiche ihnen aus. Neulich beim Frühstück wollte sie wissen, ob ich in naher Zukunft mit ihr ein Kind bekomme. Ohne Vorwarnung, einfach so.
„Philipp, ich möchte, dass wir eine richtige Familie werden“, sagte sie, und mir war sofort klar, dass sie den Satz schon ein paar Mal vor dem Spiegel einstudiert hatte. Sie schaute mich erwartungsvoll an und stellte, als ich nicht reagierte, nochmal klar: „Ich möchte ein Kind mit Dir.“
„Okay...“, meinte ich. „Das muss ich mir überlegen.“ Ich lächelte flüchtig und nickte aufmunternd, so wie ich es immer tat, wenn Kim Vorschläge machte, die unser beider Leben betrafen. Als Kim nach ein paar Minuten aber immer noch nicht weiter aß und mich anstarrte, wurde mir ein wenig unwohl zumute.
„Dein Kaffee wird kalt.“
Kim sah mich unentwegt an. „Dann wird er eben kalt.“ Sie schien es ernst zu meinen. Sie hasste kalten Kaffee. Ich deutete ein Schulterzucken an und blätterte in einem Katalog, der auf dem Tisch herumlag. Gelassenheit ausstrahlen.
„Dir sind jetzt Klamotten wichtiger als die Frage, ob Du mit mir ein Kind bekommst?“ Kim hatte die Arme verschränkt. In ihrer Stimme lag ein herausfordernder Ton.
„Ich habe doch gesagt, ich überlege es mir“, sagte ich in einer Lautstärke, die nur noch wenig  Gelassenheit ausstrahlte.
Damit war das Frühstück im Eimer. Der Kaffee schmeckte bitter und überhaupt war mir der Appetit vergangen. Ich meine, das konnte doch auch nicht ihr Ernst sein: Urplötzlich werde ich mit etwas Großem konfrontiert, das mein Leben komplett verändern würde, und sofort soll ich eine Lösung parat haben. So was muss man sich doch erst mal durch den Kopf gehen lassen!
Nach dem Frühstück weinte Kim jedenfalls stundenlang, während ich ihr über den Rücken streichelte und etwas von „Aber ich mag Kinder“ und „grundsätzlich“ brummte. Sie reagierte mit noch heftigeren Schluchzern, und so fuhr ich einige Zeit später nach Hause, obwohl sie sich noch immer nicht beruhigt hatte. Am Abend schickte sie mir dann eine SMS. Sie könne einfach nicht glauben, schrieb sie, dass ich mich noch nicht mit dem Thema beschäftigt habe. Tja, so war es aber. Doch das schrieb ich ihr lieber nicht.
Und nun also sitze ich hier am Flughafen, ein Ticket nach Australien in der Tasche. Einmal ans andere Ende der Welt, einfach so.
Ich krame die Packung Butterkekse hervor, die ich mir als Wegzehrung am Bahnhof gekauft habe und stecke mir einen in den Mund. Seit gestern ist nichts mehr wie vorher, und das krachende Geräusch der Kekse hat den beruhigenden Effekt, die vielen durcheinander quatschenden Stimmen in meinem Kopf zu übertönen.
Manch einer würde vielleicht von einer Verkettung von Zufällen sprechen, die mir an meinem zweiunddreißigsten Geburtstag widerfahren sind. Ich aber nicht. Ich begreife das Unvorhergesehene als eine Chance, mein Leben mit Sinn zu füllen. Aber ganz ehrlich: Bei den Ereignissen, die gestern im Laufe des Tages wie die Zahnräder eines feinen Uhrwerks ineinander griffen, hätte es auch für den größten Zweifler nur eine Möglichkeit gegeben: Sachen packen und ab nach Australien. Und genau deshalb sitze ich jetzt auch am Flughafen.
Ich hatte meine Kumpels zum Feiern in unsere Stammkneipe, das „Millers“, eingeladen. Anfangs war außer mir noch niemand da, und so traf ich an der Bar auf diesen Mick, der kurz zuvor noch in Australien gelebt hatte: Typ Weltenbummler, braun gebrannt, schulterlanges Haar. Ein Bären- oder Haifischzahn, den Teil habe ich vergessen, hing an einem dicken Lederband um Micks muskulösen Nacken, und seine behaarten Unterarme überzogen großflächige Tätowierungen, wie man sie von den Maori kennt.
Jedenfalls hatte Mick ein Jahr lang auf der Suche nach Gold Löcher ins Outback gebohrt. „Die beste Zeit meines Lebens“ meinte er und kippte einen Whisky hinunter. Ich nickte und nippte an meinem Gin Tonic. „Es ist wie bei den Cowboys im Wilden Westen“, fuhr Mick fort. „Nur die Jungs und Du und die wilde Natur.“
„Klingt aufregend“, meinte ich und fragte mich, was mir eigentlich im letzten Jahr aufregendes widerfahren war. Mir fiel das gemeinsame Wochenende mit Kim an der Nordsee ein und wie wir bei der Wattwanderung von Weitem zwei Robben beobachtet hatten. Ich entschied, Mick nicht davon zu erzählen.
„Immer zwei Wochen lang mit dem Pickup durchs Outback“, erzählte Mick. „Tagsüber Proben nehmen, abends Lagerfeuer, Zelte und Känguru-Steaks.“ Er rieb sich die großen Hände. „Dann eine Woche Urlaub am Strand: Surfen und junge Backpackerinnen klar machen.“ Mick machte eine effektvolle Pause und grinste. „Die fahren total ab auf Goldsucher.“
Plötzlich schlug er mir mit dem Handrücken in die Seite, so dass mir für einen Moment die Luft wegblieb. „Das wär' doch auch was für dich“, rief er mit hochgezogenen Augenbrauen, als habe er gerade einen sensationellen Einfall gehabt. Ich widerstand dem Impuls, meine schmerzenden Rippen zu betasten und nickte grimmig.
„Oder etwa nicht?“, bohrte Mick nach, während er in seiner Hemdtasche nestelte. Er zog eine Visitenkarte hervor und warf sie vor mir auf den Tresen: „North Eastern Goldfield Explorations, CEO Jack Hunter, 14 Harris Place, Kalgoorlie, Australia“ stand darauf. „Bestell' Jack 'nen schönen Gruß vom „Crazy German“, wenn Du hinfährst“, meinte Mick, schnippte mit einer cowboymäßigen Handbewegung einen Geldschein auf die Theke und sprang mit Schwung vom Hocker. Beim Rausgehen drehte er sich noch mal zu mir um: „Australien, Mann“, rief er. „Mach was draus! Wenn ich könnte, würde ich sofort wieder runter.“
Noch während ich die zerknitterte Visitenkarte befühlte, brummte mein Handy: eine SMS von meiner Ex-Freundin Anna. Verwirrt steckte ich das Kärtchen ein und starrte auf das Display. Ich hatte Anna ewig nicht gesehen. Als Jugendliche waren wir drei Jahre lang ein Paar gewesen. Ich dachte daran, wie ich sie mit fünfzehn das erste Mal im Ferienlager ansprach. Sie, den Schwarm aller Jungs. Wie sie mir einen Korb gab, nur um mir dann später bei der Abschlussfeier ihre Zunge in den Hals zu stecken.
Hallo Philipp, alles Gute!
schrieb Anna,
Lang ist's her – was macht das Leben? Bei mir ging's zuletzt ziemlich drunter und drüber. Habe mich von Alex getrennt und nehme mir jetzt eine Auszeit. Rate mal wo? In Australien.
Ich schnaubte. Australien, wo auch sonst? War ich vielleicht als einziger Mensch auf dieser Welt nicht in der Lage, das Leben bei den Eiern zu packen?
Damit Du Dir ein Bild machen kannst,
schrieb sie weiter,
schicke ich Dir ein Foto. Wäre schön, mal wieder von Dir zu hören. Oder hat Kim Dir verboten, mir zu schreiben? Sonnige Grüße, Anna
Auf dem Foto, das sie selbst von sich gemacht hatte, saß meine Ex-Freundin im Bikini am Strand und lächelte in die Kamera. Um die Augen hatte sie ein paar Fältchen bekommen und ihre Haare waren etwas kürzer und dunkel gefärbt. Ansonsten sah sie noch genauso aus, wie ich sie in Erinnerung hatte. Ihre Zahnreihen waren makellos, sie hatte eine Top-Figur und ihr Dekolleté übte noch immer einen hypnotischen Reiz auf mich aus.
Ich spürte, wie mein Herz bei ihrem Anblick einen Sprung machte. Warum hatte mir Anna bloß dieses Bild von sich geschickt? Ganz offensichtlich hatte sie sich die größte Mühe gegeben, auf dem Foto perfekt auszusehen. Ich starrte wie gebannt auf das Display meines Handys, als ob es da noch eine versteckte Botschaft zu entdecken gäbe. Verwirrt schüttelte ich den Kopf.
Offensichtlich hatte sie unsere gemeinsame Zeit in guter Erinnerung. Tja, ich auch, dachte ich. Oder? Naja, abgesehen von den letzten Wochen vielleicht, als sie es hinbekam, gleichzeitig mit einem anderen Typen rumzumachen und mir weiterhin die großen Gefühle vorzuspielen.
Plötzlich schoss mir ein Gedanke durch den Kopf: Was, wenn Anna eine der Rucksackreisenden war, die Mick flachgelegt hatte? Ich merkte, wie mir warmes Blut in den Kopf schoss. Bilder einer australischen Strandhütte entstanden vor meinem inneren Auge. Bilder von ineinander verschlungenen Gliedmaßen, von Annas schmaler Taille und Micks kräftigen Schultern, noch bedeckt vom roten Staub des Outbacks.
Erst als meine Kiefer schmerzten, bemerkte ich, wie meine Zähne dabei waren, etwas Unsichtbares zu zermahlen. Ich versuchte die Bilder zu verscheuchen und in mich hineinzuhorchen: War das etwa Eifersucht, die sich da in mir ihren Platz zurück erkämpfte? Ich hatte dieses Gefühl seit einer Ewigkeit nicht mehr verspürt. Es fühlte sich gut an.
Wie ich so im „Millers“ am Tresen saß, wurde mir das erste Mal bewusst, worauf ich eigentlich verzichtet hatte. Es kam mir vor, als hätte ich in den letzten Jahren unter einer überdimensionierten Käseglocke gelebt, in der Reize von außerhalb nur gedämpft bis zu mir vordrangen. Ich hatte irgendein allgemein akzeptiertes Programm durchlaufen, das mich im Zeitraffer altern ließ. Gerade noch war ich der geilste Junge im Ferienlager, und schon sollte ich auf fürsorglicher Familienvater umsatteln? Ich meine, ich bin Anfang Dreißig. Mein Leben hat doch gerade erst irgendwie angefangen, oder?
Mick und Anna hatten etwas in mir ausgelöst. Und trotzdem verdanke ich den Umstand, dass ich nun tatsächlich hier am Flughafen sitze und nach Australien fliegen werde, einzig und allein Oma Trude.
Ohne sie hätte sich mein Katzenjammer wohl nach zwei, drei Gin Tonic einfach wieder in Luft aufgelöst. Ich hätte mich mit meinen Kumpels betrunken und irgendwann gegen Mitternacht Kim angerufen. Ich hätte ihr gesagt, dass es mir leid tue, ihre Glückwünsch-Anrufe nicht entgegen genommen zu haben. Ich hätte Annas Nachricht von meinem Handy gelöscht und sie nie wieder erwähnt. Ich hätte ein Kind gekriegt, dazu Bauchansatz, Doppelkinn und Geheimratsecken. Ich hätte Frauen, die nicht Kim waren, nackt nur noch in der Sauna und im Ostsee-Urlaub zu Gesicht bekommen. Kurzum: Ich wäre wieder unter meine Käseglocke geschlüpft. Ein selbstbestimmtes Leben? Ein für allemal vorbei.
Doch Oma Trude sei Dank sollte es dazu nicht kommen. Sie war nicht meine Oma, sondern die von meinem Freund Sebastian. Aber ich kannte sie, seit ich fünf oder sechs war und ich mir bei ihr gemeinsam mit Sebastian einmal die Woche zwei Mark und ein Stück Kuchen abgeholt hatte. Sie mochte mich, weil ich ihren selbstgebackenen Apfelkuchen mochte. Ich mochte sie, weil sie immer so gute Laune hatte. Okay, und wegen der zwei Mark. Aber so sind Kinder.
Wäre sie in den letzten Jahren nicht so vergesslich geworden und hätte mir nicht bei jedem Besuch immer wieder gesagt, was für ein „feines Mädchen“ Kim sei und dass ich ihr schleunigst einen Heiratsantrag machen solle – vielleicht hätte ich Oma Trude auch noch besucht, nachdem sie ins Seniorenheim musste.
Doch mit Besuchen war es jetzt so oder so vorbei. Um zehn Uhr, mittlerweile waren schon ein paar Gratulanten im „Millers“, rief Sebastian mich an: „Tut mir leid, Philipp. Ich werd' nicht mehr kommen. Oma Trude ist heute gestorben.“
„Oh“, machte ich. Es entstand eine kurze, aber unangenehme Pause, in der Sebastian den Bass der Musik wummern hören musste. Mir fiel es schwer, die passenden Worte zu finden, wenn jemand starb. „Das tut mir leid“, sagte ich. „Wie...?“
„An einer Lungenembolie. Es ging schnell.“
„Okay.“
„Ja, ich fahr dann jetzt zu meinen Eltern.“
„Klar“, meinte ich.
„Bevor ich's vergesse“, sagte Sebastian. „Ich soll dich von meiner Schwester fragen, ob du vielleicht verreisen willst. Sie wäre morgen eigentlich weggeflogen, bleibt jetzt aber da, um Mama zu trösten.“
„Vielleicht findet sie ja noch jemanden bei Ebay, der ihr Ticket nimmt?“, warf ich ein. Es erschien mir unpassend, vom Tod von Oma Trude zu profitieren.
Kaum hatte ich aufgelegt, schoss es mir aber durch den Kopf. Mit flinken Fingern tippte ich in mein Handy: „Wohin wollte sie denn fliegen?“. Wenige Sekunden später brummte es. Ich meine, klar, da hätte auch Spanien stehen können, oder Schweden oder Thailand. Stand es aber nicht. Es stand das denkbar Unwahrscheinlichste da: Australien.
Ein Mensch stirbt, ein anderer wird geboren. Ich weiß, es klingt schwülstig, zumal ich ja gar nicht neu geboren worden bin. Aber ich fühle mich so! Alles geht von vorne los, ich darf wieder fünfzehn sein.
Der Flug hat Verspätung und ich schaue noch mal mein Handy durch. Unzählige Nachrichten von Kim: „Wo bist Du?“ „Wie war die Feier?“ „Wollen wir uns nicht treffen und reden?“ Auf keine einzige habe ich reagiert. Was hätte ich auch sagen sollen? „Du willst doch immer, dass ich Entscheidungen treffe. Das habe ich jetzt getan. Ich gehe nach Australien, um meine Jugendliebe zu treffen und Gold zu suchen“?
Vor lauter Aufregung habe ich die Kekse schon fast aufgegessen. Ich schaue mir noch mal das Foto von Anna an. Nach all den Jahren ist ihr Name noch immer ein fernes Versprechen. Aber das Bild von ihr, das ist sogar ein sehr konkretes Versprechen.
„Herr Philipp Börne“ schallt es plötzlich aus den Lautsprechern. „Herr Philipp Börne wird gebeten, sich bei der Information zu melden. Herr Philipp Börne, kommen Sie bitte zum Informationsschalter in der Abflughalle.“ Vor Schreck muss ich tief Luft holen und atme dabei einige Kekskrümel ein, die für einen ordentlichen Hustenanfall sorgen.
Ist etwas mit der Umbuchung schief gelaufen? Oder mit dem Visum? Eilig haste ich durch die Halle, schiebe Menschen zur Seite auf der Suche nach dem Schalter.
Ich sehe sie schon von weitem. Sie sieht traurig aus. Natürlich sieht sie traurig aus. Aber irgendwie auch erwachsen, wie sie mit ihrer Handtasche dasteht, ihre Haare zu einem Zopf zurück gebunden. Ich selbst erwecke wohl eher den Eindruck eines ausgebüxten Kindes, Kekskrümel auf dem T-Shirt und einen Ausdruck auf dem Gesicht, als sei ich gerade von einem Blasorchester aus meinen Träumen geweckt worden. Jedenfalls schaut mich der alte Mann hinter dem Schalter mit einem mitleidigen Blick an, der keinen Zweifel daran lässt, wen er für den Guten und wen für den Bösen hält.
Ein paar Schritte vor Kim bleibe ich stehen. „Du bist mir hinterher gefahren. Wie...? Ich meine das sind fünf Stunden mit dem Zug.“
Sie sagt nichts. Dann, nach einer gefühlten Ewigkeit, sagt sie: „Du hättest Dich wenigstens verabschieden können“. Kims Stimme ist leise, aber ganz fest. Ich denke, sie müsste doch zornig sein, enttäuscht, irgendwas. Aber sie zeigt es nicht.
Natürlich hat sie recht. „Schlechter Stil“ wäre wohl die Untertreibung des Jahrhunderts für meinen heimlichen Abgang.
Ich suche nach den passenden Worten, aber für diese Situation bin ich noch schlechter vorbereitet als dafür, einen Freund zu trösten, dessen Oma gerade gestorben ist. Ich mache den Mund auf und wieder zu, wie ein Fisch auf dem Trockenen. Der alte Flughafenangestellte beobachtet uns noch immer aus dem Augenwinkel.
„Es tut mir leid“, sage ich schließlich.
Eine einzelne Träne kullert Kim aus dem Auge, aber sie dreht sich gleich zur Seite und tupft sie mit einer flüchtigen Bewegung ihres Arms weg.
Mein Magen krampft sich bei dem Anblick zusammen. Ich verspüre den Impuls, sie in den Arm zu nehmen, ihre Tränen mit meinem Körper aufzufangen und ihr über den Rücken zu streicheln.
Das erste Mal schaue ich Kim wirklich an. Mein Gott, fährt es mir plötzlich durch den Kopf, ist sie schön! Wie sie dasteht mit ihrer traurigen Eleganz. Für einen Moment bin ich von dem Gedanken völlig überrumpelt. Tagelang, ach was, jahrelang habe ich das nicht mehr so klar gedacht.
Werde ich jetzt etwa gefühlsduselig, weil Kim hier vor mir steht? Weil sie mich gesucht hat? Den langen Weg hierher gefahren ist?
Mir kommen Oma Trudes Worte in den Kopf, aber ich verscheuche sie ganz schnell wieder. Stattdessen denke ich an die Weite des Outbacks, ich denke an das Bild von Anna, ich denke an eine überdimensionierte Käseglocke, unter der ich gefangen sein werde und aus der ich nicht mehr heraus kann, wenn ich jetzt schwächele.
„Ich schätze, ich bin noch nicht so weit.“ Die Worte kommen einfach so aus mir heraus. Ich habe es mir bisher selbst noch nicht eingestanden, aber wahrscheinlich komme ich damit der Wahrheit am nächsten.
Kim versucht ein Lächeln. „Schick mir mal 'ne Karte“, sagt sie. Dann macht sie zwei Schritte auf mich zu und drückt mir einen zarten Kuss auf die Wange. „Gute Reise.“
Meine Arme und Beine sind plötzlich schwer wie Betonpfeiler. Ich mache die Augen zu, rieche für einen kurzen Moment etwas Vertrautes – ihre Haare – und als ich wieder aufsehe hat Kim sich schon umgedreht und läuft schnellen Schrittes davon.
Ich möchte ihr hinterherlaufen, aber ich kann nicht. Mit plumpen Bewegungen schleppe ich mich zur nächsten Bank und lasse mich darauf fallen. Ich muss wohl für einen Moment weggetreten sein, denn als ich die Augen aufmache, hat sich der alte Mann über mich gebeugt.
„Hören Sie, Ihr Flug geht gleich“, sagt er, während er mich aus traurigen Augen ansieht.
„Danke“, sage ich, noch etwas benommen, und setze mich auf.
Der Alte will schon wieder zu seinem Schalter gehen, dreht sich dann aber noch einmal um. „Ach übrigens“, sagt er. „Sie würde es noch hören. Ich meine, falls ich für sie eine Durchsage machen soll.“
Ich ringe mir ein gequältes Lächeln ab und schüttele langsam den Kopf. Ein Teil von mir möchte diese Durchsage, möchte Kim am liebsten auch gleich noch einen Heiratsantrag machen, hier an Ort und Stelle, Käseglocke hin oder her. Aber da ist auch dieser andere Teil, und der behält jetzt die Oberhand. Während ich mein Ticket hervor krame, höre ich in meinem Kopf schon wieder die unzähligen Stimmen, die alle ihr Recht einfordern, angehört zu werden. Butterkekse, denke ich. Ich muss mir noch Butterkekse kaufen, damit ich auf dem Flug Ruhe habe.

(Lektorat: Thomas Piesbergen)

Sieben Entscheidungen: "Fotoroman" von Andreas Kohlschmidt

Ich habe mir Mühe gegeben! Ich habe mir wirklich Mühe gegeben. Schon seit fünf Tagen hat er in meinem Postkasten gelegen. Die Sendekanäle der Deutschen Bundespost hatten ihn dort stranden lassen. Er indes hatte sich nichts zu schulden kommen lassen und die Form gewahrt:  Verpackt in einem DIN A 5 – Standardumschlag aus rauem, braunen Papier, gedruckt auf High Gloss Abzugpapier im Standardformat  10 X 15.
Ich habe ihn verwundert in meinen Händen gewendet: Den Printer-Ausdruck eines Fotos. Das Bild eines Baumes in winterlicher Landschaft – karg und dunkel, die Schwärze der Geästs nur durchbrochen von kleinen Kronen aus Schnee. Darüber ein Geflecht, ein Korb, ein Gefäß aus dünnen Linien –geritzt in die glänzende und antiseptische Oberfläche des Fotopapiers.
Die Sendung einer Freundin – einer guten Bekannten und Künstlerin. An mich.
Das da jemand an mich denkt ist schön, sogar sehr schön, denn ich gefalle mir nur allzu oft in einer Pose der Nachlässigkeit. Nur so glaube ich, den Gipszöpfen des Alltags zu entkommen. Das Abhalten eines gesunden Frühstücks,  das Rausschlurfen aus der Tür zum Bäcker , der  Weg durch den schmalen Gang  des Flurs zum Postkasten – Rituale, die mich mit Widerwillen erfüllen und meine Haut dick werden lassen. Ich versuche, die grellen Botschaften meiner lieben Umwelt irgendwie in so was wie „Normalität“ zu stopfen, aber der Schwarm von  Nachrichten reißt nicht ab. Wie aggressive Pollen finden sie den Weg bis zu meinem Briefkasten: Spams, Müll – Werbebriefe von Kabel-Deutschland, Gemeindebriefe der Diakonie Hamburg – Mitte und Mahnungen von der Telekom.
Nun aber dieses Geschenk: Schlicht, geradezu karg und dabei von einer geheimnisvollen Sinnlichkeit. Ich habe minutenlang den Daumen über die feinen Ritzungen im Fotopapier fahren lassen und habe versucht, mich an etwas zu erinnern, was ich bis dato vielleicht gar nicht gekannt hatte. Ich habe das Papier in meinen Händen gewendet, die maschinell geschnittenen Kanten des Formats haben mir leicht in die Finger geschnitten. Es war Bild, Abbild, Relief und gleichzeitig Objekt – eine Chimäre aus Material, Fläche und Raum.

Das es nicht auf meinem Schreibtisch liegen bleiben konnte, war mir schnell klar; es brauchte einen Ort, auch einen Schutz und wer hat schon jemals das Glück,  so etwas wie ein Künstleroriginal in den Händen zu halten. Ein Unikat, in dieser Form einzigartig und nicht wiederholbar. Wer kann schon sagen, ob es einen bescheidenen und nur persönlichen Wert behält, ob der Absender nicht eines Tages überaus bedeutsam wird und die schlichte Grafik auf dem Fotopapier nicht überaus kostbar. Ja ja, denn die Zeiten sind hart und werden immer rauher. Auch das habe ich gedacht.
Also raus auf die Straße, den schmalen Bürgersteig entlang durchs Viertel zum nächsten Fotoladen, vorbei an Galao- Shops und feinen Boutiquen. Vorbei an grellen Schaufenstern und Warenauslagen; eiligst durch Räume, die mit Gegenständen und Wünschen rascheln und stets neue Bedürfnisse schaffen. Die Apathie der entgegenkommenden Passanten, die sich mit hysterischer Gleichgültigkeit über den Asphalt geschoben haben. Ich war das gewohnt und wenig erschrocken; ich versuchte meinen Blick hochflattern zu lassen, gleichsam uninteressiert an den Ereignissen auf der Straße. Dieses Abreiben am Alltag, der wie schroffer Grant in jeder Pore hängen bleibt war mir wohl vertraut. Und wir haben uns auch diesmal nichts geschenkt, wir haben dem Gegenüber keinen Zoll Platz gelassen, wir haben uns angerempelt mit versteinerten Mienen, mit strahlendem Lächeln. Vom Gamedesigner über die Bankkauffrau bis hin zur Rentnerin von der Ecke – jeder hält tagtäglich die Stellung in diesem Grabenkrieg der Selbstdarstellung und trägt seine Verhärtung wie eine Auszeichnung vor sich her. Wir machen das immer so-wir können nicht anders. Nur so glauben wir, dass wir es ernst meinen.
Ich aber wollte mir Mühe geben, wollte mich nicht dem Vergessen überlassen und dem kleinen Format aus Fläche und Relief einen Platz verschaffen. Wollte ihm Raum und Schutz geben und es wirken lassen. Ernst meinte es hingegen  auch das Fotogeschäft, das bereits die Rolläden zur Mittagspause herunterließ. Das Geschäft selbst indes ein schlichtes Quaree aus Raum und Warenregalen mit Verkaufstresen, dahinter eine verspannt dreinblickende Bedienung.

Noch rastlos von dem Gang über die Straßen wanderte mein Blick über die Regalwand mit dem schier endlosen Angebot von Wechselrahmen;  13 X 18, 18 X 24, 40 X 60. Rahmen für die Hängung an der Wohnzimmerwand und possierliche Standformate für den Kaffeetisch.
Das ein gerahmter Träger nicht in Frage kam, war mir schnell klar: Zu überladen wirkte ein breiter Rand aus Holz oder sogar verzierendem Metall für die schlichte Arbeit - und bei der Vorstellung, sie hinge wie eine gerahmte Ikone in meinem Raum, überfiel mich leichte Übelkeit.
Also ein schlichter Wechselrahmen ohne Pomp; angenehm günstig im Preis – und die Auswahl war ja groß genug. Schnell hatte ich ein kleines Exemplar ergattert, dessen Glasfront von vier Klammern aus Blech an den Untergrund gehalten wurde; durch das Glas blickte mich die Werbefotografie einer geheimnisvoll dreinblickenden Japanerin an.
Und während meine Finger über das glatte, wenn auch entspiegelte Glas des Rahmens glitten, fühlte ich diese erstarrte Haut aus Härte, unter der jedes Bild erstickt wird wie ein in Celophan eingeschweißtes Stück Obst. Mochten sich die Rahmen auch in nahezu beliebiger Vielfalt an Formaten anbieten; unter der glatten Oberfläche des Glases gerann jedes Motiv zur bloßen Massenform – beständig und wiederholbar wie endlose Litanei. Kein Raum für die feinen Ritzungen im Papier, für den feinen Reiz in der darüberfahrenden Hand; kein Raum zum Atemfassen. Stattdessen: Ein Bekenntnis für die Wohnzimmerwand – verlässlich und unverrückbar.
Noch hielt ich diese Verpuppung aus Glas und Plastik in meinen Händen und wartete vergebens auf eine wunderbare Verwandlung, während mein Blick bereits rastlos durch den Verkaufsraum glitt. Nach und nach tastete er sich über die kleinen Verkaufstischen mit zierlich gerahmten Standrahmen für die Fotos der Lieben – Vater, Mutter, und die Omi – separate und diskrete Wirklichkeiten der Selbstschau und des Prestiges, fein säuberlich durch die rahmenden Ornamente getrennt. Schöne Motive waren da: Kinder, schaukelnd im strahlenden Sonnenschein; alternde Ehepärchen, die sich liebevoll die Hände hielten und putzige kleine Schoßhündchen. Alle klemmten sie unter dem dicken Schutz der Rahmen -  wie Exemplare, wie seltene Schmetterlinge, abgetötet durch ein irrwitziges Brennglas. Grenzen der Identitäten, aufgereiht zu einem Altarbild wie Reihenhäuser in einem noblen Hamburger Vorort. Immer wieder glitten meine Augen von den starren Blicken der Gemeinde ab; es waren Blicke, die alles andere gleichzeitig außen vor ließen. Als hätten sie einander ein Versprechen geleistet, sich einander versichert und ein Glaubensbekenntnis geleistet. Unveränderlich, unwiderrufbar. Als wollten sie sagen: Ich bin Alpha und ich bin Omega und so wird es ewig sein.
Ich aber wollte ihnen nicht ins Netz gehen; ich dachte angestrengt an das mir zugesandte Geschenk, an dessen raue Oberfläche und an die Einladung, eine Grenze zu überschreiten.
Raffte einen der angebotenen Wechselrahmen hastig an mich, zahlte nervös und verließ eilends das Fotogeschäft und die darin abgehaltene Messe.
Aber noch war ich dem Gehsteig ausgeliefert und dem darauf entlang gleitendem Schwarm von Passanten, die in ihren starren Schneckenhäusern aus Selbstsicherheit den Möglichkeiten endgültig den Krieg erklärt hatten. Als hätte eine Titanenhand sie mit einem riesigen Stempel in die Straße gedrückt, hielten sie unverrückbar die eingenommenen Stellungen auf dem Gehsteig und versuchten mit der Ziegelhaut der Fassade einen glatten Abschluß herzustellen. „Wir haben es uns nehmen lassen“ durchfuhr es mich: „Wann lässt man die Bilder, wann lässt man uns endlich wieder wir selbst sein?“
Ich habe mir Mühe gegeben. Ich habe mir wirklich Mühe gegeben. Sie aber ist es doch geworden – eine Ikone. Die Arbeit einer Künstlerin, eine Sendung an Freunde und Bekannte,  ein Geschenk an mich. Hinter einer entspiegelten Eisschicht, in einem Kokon aus Glas und Plastik im Format 18X24 hängt sie an meiner Wand. Ich lasse meinen Blick über das feine Liniengeflecht wandern, das wie ein erstarrtes Flussdelta unter dem Deckglas durchschimmert. Folge den Ritzungen, die bis an die gestanzten Ränder des Formats führen und den Bildraum in die Fläche beugen. In einen Raum, in dem Möglichkeiten wieder zu Atem kommen. Fast scheinen diese Spuren die Begrenzungen zu überschreiten, feine Nadelstiche gegen die Umstände auszusenden und den Bildträger sanft zum Vibrieren zu bringen. Ich schließe langsam die Augen, höre noch das verschwörerische Rascheln hinter dem Glas –und nun beginnen die Bildränder zu flackern…