Die Schreibwerkstatt "Das Textprojekt" bietet in regelmäßigem Rhythmus neue Kurse an. Oktober-Dezember: Kursabschnitt 1 / Januar-Februar: Kursabschnitt 2 / März-April: Kursabschnitt 1 / Mai-Juni: Kursabschnitt 2 / August - Oktober: Kursabschnitt 3 - Anmeldung unter: thomas.piesbergen (at) gmx.de

Montag, 23. April 2012

"Entscheidung am Pilatus Creek" von Thomas Piesbergen

Die Idee für den folgenden Text entsprang der Überlegung, was von der biblischen Geschichte der Kreuzigung wohl übrigbliebe, wenn man sie ihres religiösen Kontextes beraubte. Das Ergebnis war ziemlich grausam - und erschreckend einleuchtend:

Entscheidung am Pilatus Creek
Drehbuch für einen fiktiven Kurzwestern

Personen:
Friedensrichter Jay Hoover (Lee Marvin)
Sein alter Vorarbeiter Archibald Gabriel (John Wayne)


Jay Hoover sitzt auf einem Schaukelstuhl auf der Veranda. Die Sonne steht schon tief im Westen, doch das weite Tal unterhalb der Ranch flimmert noch immer in der Hitze. Mit knotigen Fingern poliert er einen alten Karabiner. Auf dem kleinen Tisch vor ihm stehen ein Kännchen Waffenöl, eine Flasche Schnaps, ein Glas und eine Schachtel Patronen. Gelegentlich unterbricht Jay Hoover seine Arbeit. Er schlägt nach einer Bremse auf dem sonnenverbrannten Nacken. Er trinkt. Er läßt den Blick über die ausgeglühte Landschaft schweifen. Dann wendet er sich wieder der Waffe zu. Ohne Hast. Mit großer Sorgfalt.

Man hört Hufschlag, das Schnauben eines Pferdes. Jay Hoover legt die Hand auf den Abzug des Gewehrs. Auf der Treppe der Veranda erscheint Archibald Gabriel, der Schritt hüftlahm, die Schultern vom Alter gebeugt, aber noch immer kräftig. Das helle Hemd ist fleckig braun von Staub und Schweiß. Er legt die Finger kurz an die Krempe des ehemals weißen Hutes und senkt den Kopf. Jay Hoover spuckt aus, bedeutet ihm mit einem Knurren und einem Kopfnicken, sich zu setzten. Dann fährt er fort, die Waffe zu reinigen.

Gabriel zieht sich einen Schemel an den Tisch und betrachtet Hoover mit kummervoller Miene. „Du weißt, daß sie ihn haben.“
Jay Hoover hebt den Blick und kneift die Augen zusammen. Dann klappt er das Verschlußgehäuse des Karabiners auf und poliert schweigend den Ladehebel.
„Es ist nicht mehr lang bis Sonnenuntergang. Dann werden sie ihn zum Pilatus Creek bringen. Die Männer werden ungeduldig. Sie fragen sich, wann du etwas unternehmen wirst.“
„So. Tun sie das?“ Hoover schenkt das Glas voll, schiebt es zu Gabriel hinüber und nimmt selbst einen Schluck aus der Flasche.
Gabriel betrachtet mit traurigem Blick, wie sich das Licht der Abendsonne in der klaren Flüssigkeit bricht, doch er rührt das Glas nicht an. „Er ist dein Sohn! Meinst du nicht, er hat seine Lektion gelernt? Er hat genug gelitten.“
„Mein Sohn!“ Hoover schiebt die Flasche von sich und kaut jedes weitere Wort durch, als wäre es bitter und faserig. „Er hat das Gesetz gekannt. Mein Gesetz. Und er hat es gebrochen.“
„Jesse ist noch jung.“
Jay Hoover schnauft abfällig. „Aber alt genug, um das, was ich ihm zu geben habe, mit Füßen zu treten! Das war kein jugendlicher Leichtsinn, Gabriel. Er hat es getan weil er arrogant und anmaßend ist. Er hat es getan, weil er nicht den Mumm hat, mir ins Gesicht zu spucken!“
„Ich kann verstehen, daß du gekränkt bist. Aber es ist das Vorrecht der Jugend, über die Stränge zu schlagen.“
Hoover beugt sich vor und schlägt mit der flachen Hand auf den Tisch. „Ist es auch das Vorrecht der Jugend, zu zerstören, was andere aufgebaut haben?“
Gabriel lehnt sich zurück. „Ich erinnere mich an einen jungen Mann. Er hat vor vielen Jahren seine Herde durch die Wüste geführt. Auch er wollte sich keinem fremden Gesetz beugen. Und als er endlich gute Weidegründe gefunden hatte, hat er sich seine eigenen Gesetze gemacht. War das nicht auch stur und eigensinnig?“
„Ich war wohl stur, aber nicht anmaßend! Und ich habe nicht die Werke anderer zerstört. Tatkräftig bin ich gewesen. All das hier habe ich aus dem Nichts erschaffen! Das ist mein Land. Meine Gesetze haben es zum Blühen gebracht.“
Jay Hoover nimmt einen tiefen Zug aus der Flasche. Dann schlägt er das Verschlußgehäuse der Waffe zu. „Ich bin das Land! Und ich bin das Gesetz! Wenn er sich meinem Gesetz nicht beugt, dann versündigt er sich gegen mich, Gabriel!“
Der weiße Bart Jay Hoovers zittert vor Anspannung, die buschigen Augenbrauen sträuben sich.
Gabriel legt Jay Hoover besänftigend die Hand auf den Arm. „Versteh doch. Er wollte dir nur beweisen, daß er genauso hartnäckig ein Ziel verfolgen kann, wie du.“
Jay Hoover schnaubt und senkt den Blick. Nach einer Weile nimmt er wieder den öligen Lappen zur Hand und poliert den Lauf der Flinte. Dann fragt er leise: „Haben sie ihm schlimm zugesetzt?“
Gabriel verzieht das Gesicht. „Übel. Einer der Jungs ist unten gewesen und hat gesehen, wie sie ihn bis aufs Blut gepeitscht haben.“
„Und wie hat er sich gehalten?“
Gabriel neigt den Kopf zur Seite und zögert.
„Hat er gewimmert und gewinselt, wie ein Weib?“
„Nein.“
Jay Hoover funkelt seinen Vorarbeiter argwöhnisch an. „Spuck es aus. Was hat er gesagt?“
Gabriel wendet den Blick dem Sonnenuntergang zu. „Er hat gesagt, du hättest ihn verlassen.“
Jay Hoovers Gesicht versteinert. „War das alles?“
„Nein.“
„Los, Raus mit der Sprache.“ Hoovers Stimme klingt tonlos und fern, wie ein Kratzen auf einem Stein. „Was hat er noch gesagt.“
Gabriel nimmt den Hut vom Kopf, streicht sich über das Haar und schaut zu Boden. „Er hat ihnen vergeben.“
Mit einem kalten, brüchigen Lachen läßt sich Hoover zurück in den Schaukelstuhl sinken. 
Gabriel sieht ihn ernst an. „Manche der Männer glauben, er hat recht. Sie sind müde geworden. Sie wünschen sich, daß der Krieg endlich aufhört.“
Hoover wirft herausfordernd den Kopf zurück. „Soll ich etwa auch auf dem Boden herumkriechen und um Vergebung winseln?
„Aber verstehst Du denn nicht, was er tun wollte?“
„Alles was er getan hat ist, daß er sich von diesen gesetzlosen Hunden hat demütigen lassen. Der neue Bund! Blanker Unsinn ist das!“ Hoover spuckt verächtlich aus. „Schande hat er über sich und über mich gebracht. Er hat sein Erbe mit Füßen getreten.“
„Sei doch nachsichtig.“
Jay Hoovers Gesicht zieht sich zusammen wie um einen Zahnschmerz. „Geh doch hin! Geh runter zum Pilatus Creek und sieh dir die Schlinge an, die sie für ihn geknüpft haben. Dann siehst du, wohin Vergebung und Nachsicht führen! Auge um Auge! Das ist das Gesetz!“
„Und nur weil er versucht hat, deinen Krieg auf seine Weise zu beenden, willst du es zulassen, daß sie ihn lynchen?“ Gabriel schaut Hoover eindringlich an, doch Hoover weicht dem Blick aus. „Begreif doch! Sie haben es nicht auf ihn abgesehen. Sie wollen dich damit treffen. Bei Sonnenuntergang wird er an deiner Stelle sterben.“
Hoover starrt auf die Waffe, die noch immer auf seinen Knien liegt. Seine Stimme hat alle Schärfe  verloren. Sie klingt nun müde und alt. „Ich habe ihn nicht zum Pilatus Creek geschickt. Er wollte es so haben. Er hat das Gesetz gebrochen und nun trägt er die Konsequenzen.“
Er hebt sich mühsam aus dem Stuhl und macht einige unschlüssige Schritte über die Veranda. Die Glut der untergehenden Sonne umflutet seine Silhouette.
Gabriel tritt neben ihn. Er weist mit der Hand auf eine Staubwolke, die sich vom Horizont abhebt. „Sie haben sich auf den Weg gemacht. Noch bleibt uns genug Zeit, um vor ihnen am Pilatus Creek zu sein.“
Hoover schirmt die Augen mit der Hand. „Er hätte es doch wissen müssen. Mit diesen Hunden ist kein Frieden zu machen! Und dabei ist er doch mein Sohn. Ich kann nicht begreifen, wie er auf solche Dummheiten verfallen ist.“
„Dein Pferd ist gesattelt und ein gutes Dutzend Männer wartet nur darauf, mit Dir zu reiten.“
Jay Hoover seufzt tief auf.
Gabriel legt ihm die Hand auf die Schulter. „Du bist der einzige, der ihm den Hals aus der Schlinge ziehen kann.“
Hoover blinzelt nach Westen zum Pilatus Creek über dem der letzte Rest Sonne in roten Schlieren zerläuft. Fast spricht er nur zu sich selbst. „Ja, Ich bin der einzige, der es kann.“
Dann kehrt er zum Tisch zurück, greift nach den Patronen und beginnt die Waffe zu laden.
Gabriel bleibt am Rand der Veranda stehen, wendet sich um und betrachtet die Ranch. „Vielleicht hättest du damals heiraten sollen. Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn du Mary und Jesse damals zu dir genommen hättest.“
Hoover hält inne. „Sie war ein loses Stück! Sonst hätte sie sich niemals mit mir eingelassen!“
Gabriel schmunzelt und schüttelt den Kopf. „Aber Jesse hätte es sicher gut getan.“
Hoover lacht bitter auf. „Oh, ja! Das hätte es. Ich hätte ihn zu einem richtigen Mann gemacht!“
 „Das hättest du, darauf würde ich meine Stiefel verwetten!“
„Aber Joe Carpenter, dieser elende Schwächling!“ Jay Hoover schüttelt die geballte Faust. „Er hat ihn klein gemacht mit seinem Gewinsel!  Er ist nichts anderes, als ein Schaf, das mit der Herde läuft und den Kopf hinhält, wenn es soweit ist! Zu gut, um sich die Hände in einem ehrlichen Kampf schmutzig zu machen! Und nichts anderes hat er Jesse gelehrt! Wie ein Schaf den Kopf hinzuhalten!“
„Aber immerhin war er für sie da, all die Jahre. Es hätte auch anders kommen können. Aber jetzt  vergiß die alten Geschichten! Beeil dich! Die Zeit wird knapp!“
„Ja, er war für sie da. Vor allem für Mary, nicht wahr? Ich kann mir schon vorstellen, was er ihr eingeflüstert hat. Und sich selbst hat er aufgespielt, wie ein Heiliger! Und jetzt? Nun bin ich wieder am Zug, der erbarmungslose Alte, der kein anderes Gesetz kennt, als das des Blutes! Er hat den Jungen verdorben mit seiner Weichlichkeit, und Mary hat er mit seinen Lügen über mich zu seiner Magd gemacht! Ich kann mir schon vorstellen, was er ihr erzählen wird. Sieh nur!, wird er sagen, der gute Junge hat versucht Frieden zu machen, und was tut der Alte? Er ertränkt die Hoffnung auf Frieden in Blut! So wie er es immer getan hat! Das wird Joe ihr erzählen. Und du sagst mir, ich soll die alten Geschichten vergessen...“
In seiner Wut langt Hoover erneut nach der Flasche. Der alte Vorarbeiter greift ihm in den Arm. „Die Sonne geht unter! Wir müssen uns beeilen! Verdammt, es ist dein Sohn!“
Hoover macht sich mit einer herrischen Geste frei und trinkt. Dann stellt er die Flasche langsam zurück und spuckt aus. „Mein Sohn! Ja, so hatte ich es immer gewollt.“
Er stützt sich müde mit beiden Fäusten auf den Tisch und bleibt mit gesenktem Kopf stehen. Sein Gesicht liegt im Schatten.
Man hört unruhiges Scharren von Hufen. Am Rande der Veranda erscheinen mehrere Cowboys, die Pferde am Zügel, und schauen fragend zu Archibald Gabriel herüber. Gabriel sieht sie gequält an, das Gesicht zerknautscht wie ein alter Handschuh. Er macht eine abwartende Geste und zuckt kaum merklich mit den Schultern. Die Schatten der fernen Hügel schieben sich langsam über die Veranda und schlucken die letzten blutigen Tropfen des Sonnenuntergangs.

Jay Hoover richtet sich wieder auf. Er geht mit ruhigem Schritt um den Tisch herum und läßt sich in den Schaukelstuhl zurücksinken. Er öffnet die Patronenschachtel und schiebt eine Kugel nach der nächsten in den Lauf. Ohne Hast. Mit Sorgfalt.
Gabriel nimmt sich den Hut vom Kopf und knetet die Krempe mit beiden Händen. „Jay, die Sonne ist untergegangen! Wenn sie Pilatus Creek erreicht haben...“
„Ja. Es bleibt nicht mehr viel Zeit.“
„Dann unternimm endlich etwas!“
Gabriel würde den Alten am liebsten bei den Schultern packen, doch er wagt sich keinen Schritt näher.
Jay Hoover schiebt die letzte Patrone in den Lauf. Er atmet tief durch. Mit schwerer Hand legt er den Karabiner auf den Tisch und schiebt ihn langsam von sich. Archibald Gabriel wendet sich mit verzweifelter Miene zu den wartenden Cowboys, hebt die Schultern, schüttelt den Kopf. Man hört den Korken in der Flasche quietschen. Jay Hoover schenkt sich das Glas randvoll und lehnt sich zurück.
„Jay…“
Die Stimme von Gabriel ist zu einem eindringlichen Flüstern abgesunken. Der Schaukelstuhl quietscht monoton in der schnell hereinbrechenden Dunkelheit. Gabriel deckt eine Hand vor die Augen. Er schluchzt leise auf.

In der Ferne hört man eine Totenglocke.

Gabriel wendet sich von Hoover ab und setzt seinen Hut auf. „Nun haben sie Jesse gelyncht.“
Hoovers Stimme raschelt wie brüchiges Papier. „Ich weiß, Gabriel.“
Dann rückt er den Stuhl vom Tisch ab. Er greift nach dem Karabiner und lädt ihn durch. „Laß die Männer aufsitzen, Gabriel. Sie sollen Gewehre und Schaufeln mitnehmen. Wir reiten zum Pilatus Creek und holen meinen Jungen.“

Pferdehufe donnern durch die Dunkelheit und entfernen sich langsam. Eine Staubwolke steigt unter dem jungen Mond auf. Die Kamera schwenkt über die Ranch und hinaus auf die weite Landschaft. In der Ferne zerreissen erste Schüsse die nächtliche Stille. Abspann.

Dienstag, 17. April 2012

Eine 18. Strategie gegen Schreibhemmungen: Mut zum Trash

Steckt man trotz aller Tricks, Anstrengungen und Versuche (siehe http://textprojekt.blogspot.de/2011/01/17-strategien-gegen-schreibhemmungen.html)  hoffnungslos in dem Text, in den Figuren, in dem Konflikt fest, kann es manchmal befreiend sein, die Ernsthaftigkeit des eigenen Anspruchs zu durchbrechen. Es gibt zahllose Autoren, die sich mit trivialen Klischees und Genre-Versatzstücken durch ihre Handlungsabläufe retten. Warum sich nicht einfach mal daran probieren?

Was würde passieren, wenn sich die Figuren plötzlich in einem Schundroman wiederfänden? In einem Geiseldrama? In einer Ufo-Entführung? Wenn man sie plötzlich des Mordes verdächtige? Wenn sie durch außerirdischen Schleim zu einem Monster oder Superhelden mutierten? Einen Mord begingen? Nach Las Vegas führen, alles verspielten und im Suff eine Stripperin heirateten - die sich als ihre Schwester entpuppt? In eine Verschwörung von Nazis / Freimaurern / Satanisten / Untoten / Gralshütern gerieten? Unerwarteter Retter bei einem Zugunglück würden? Sich unsterblich in eine blutjunge Nonne verliebten? Eine sagenhafte Erbschaft machten? Der einzig mögliche Organspender für ein krebskrankes Kind in Timbuktu wären? Herausfänden, daß ihr Vater (oder ihre Mutter!) der wahre Mörder von John F. Kennedy ist?

Wenn man einmal die engen Geleise verläßt und sich auf ein anarchisches Spiel mit dem Text einläßt, kann es sein, daß sich plötzlich ganz neue - auch weniger extravagante - Optionen eröffnen, z. B. in Form einer überraschenden Wendung. Mitunter können diese Exkursionen abgewandelt und auf eine angemessene Weise in den Handlungsverlauf eingefügt werden.
Selbst wenn sie nicht unmittelbar verwertbar sind, regen solche  Tête-à-Têtes mit Trash- und Genre-Versatzstücken in jedem Fall die Vorstellungskraft an und erinnern daran, daß der Handlungsspielraum, den man als Autor hat, im Prinzip unbegrenzt ist. So kann man das gedankliche Korsett sprengen, in das man sich selbst oft unbewußt gezwängt hat, und brachliegende kreative Reserven mobilisieren.

(Mit Dank an A. Kohlschmidt)