Die Schreibwerkstatt "Das Textprojekt" bietet in regelmäßigem Rhythmus neue Kurse an. Oktober-Dezember: Kursabschnitt 1 / Januar-Februar: Kursabschnitt 2 / März-April: Kursabschnitt 1 / Mai-Juni: Kursabschnitt 2 / August - Oktober: Kursabschnitt 3 - Anmeldung unter: thomas.piesbergen (at) gmx.de

Montag, 14. November 2011

Joseph Conrad über Krieg und Kapital (in: Nostromo, 1904)

"Es gibt keinen Frieden und keine Ruhe bei der Entfaltung materieller Interessen. Sie haben ihre eigenen Gesetze und ihre eigene Gerechtigkeit. Aber sie gründen auf Nützlichkeit und sind inhuman; sie sind ohne Aufrichtigkeit, ihnen fehlt die Beständigkeit und die Kraft, die nur im moralischen Prinzip zu finden sind."

Donnerstag, 10. November 2011

Texte lebendiger gestalten: Abstraktes konkretisieren!

Es gibt bei fast allen Autoren und Autorinnen Schreibphasen, in denen sie versuchen, Handlungsvorgänge oder die Einführung neuer Personen „hinter sich zu bringen“. Dabei vergißt man nicht selten, in die Szenen mit ihren Stimmungen oder die Figuren mit ihren akuten Befindlichkeiten einzutauchen und schreibt abstrakt und erläuternd. In solchen Abschnitten geschieht es auch oft, daß man als kommentierender Autor, der Interpretationen oder Wertungen abgibt, für den Leser spürbar wird. Dadurch läuft man Gefahr, die Einbindung des Lesers in das Geschehen zu verlieren. Es fällt ihm schwerer, den Text in seiner Vorstellung plastisch umzusetzen. Das Leseerlebnis büßt seine Intensität ein.
Legt man wert auf die Lebendigkeit eines Textes, sollte man also darauf achten, Vorgänge so sinnlich und konkret wie möglich darzustellen, z.B. in dem man Figuren nicht erläutert, sondern sie in akuten Szenen agieren läßt. Das kann durchaus erst in der Überarbeitung geschehen, da man den Fluß des gesamten Textgefüges bereits besser abschätzen kann.

Statt der abstrakten und wertenden Kurzbeschreibung:

- Karins Mutter gehörte zu den Frauen, die ihr gesamtes Leben, ohne es zu hinterfragen, dem Wohl der Familie gewidmet hatten. Eine eigene Freizeitgestaltung war ihr fremd. -

kann man Karins Mutter auch in einem lebendigen Dialog auftreten lassen, in dem sich nicht nur ihr Charakter, sondern auch das Verhältnis zu ihrer Tochter erschließt:

- „Karin, endlich bist du da. Ich habe mir schon Sorgen gemacht!“
„Hallo Mama, tut mir leid. Nach dem Squash habe ich noch Nina aus meiner Portugiesisch-Gruppe getroffen und mich beim Kaffee verquatscht. Geht es dem Kleinen gut?“
„Jaja, er schläft. Meinst du nicht, daß das alles zuviel ist?“
„Was meinst Du?“
„Na, dieser ganze Freizeitstress! Reicht es nicht schon, daß du wieder halbtags arbeitest? Was sagt denn eigentlich Peter dazu? Hast du ihm heute wenigstens etwas gekocht, das er sich warm machen kann?“
„Ach, Mama! Das Thema hatten wir doch schon. Peter ist erwachsen und kann selbst für sich sorgen. Und ich muß mich jetzt schnell für das Konzert umziehen. Kannst du mir bitte das rote Kleid aus der Sporttasche reichen?“
„Also, die Bettina von nebenan, die ist ja auch in deinem Alter - ein sehr nettes, natürliches Mädchen. Als ich sie gestern mit ihren Zwillingen beim Einkaufen getroffen habe, hat sie erzählt… Um Himmels willen, Karin! Das willst du doch nicht etwa anziehen!“ -


Auch Aspekte des Settings und der Handlung, die oft nebenbei abgehandelt werden, kann man zu lebendigen Szenen umgestalten:

- „Aufgrund des Neuschnees war die Verkehrsituation chaotisch, deshalb erreichte er an diesem Tag sein Büro mit öffentlichen Verkehrsmitteln.“ -

Aus diesem nüchternen, umständlich und abstrakt geschriebenen Hinweis, der auf den Leser so anregend wirkt wie Krankenhauskost, wird durch akute Handlung und sinnliche Eindrücke eine Szene, die dem Leser nicht nur die nötigen Informationen, sondern auch eine atmosphärische, bildhafte Einstimmung mitgibt:

„Schon mit dem ersten Schritt, den er vor die Tür setzte, glitt er aus und schlug lang hin. Eine dichte Decke frisch gefallenen Schnees hatte sich über Nacht auf die Stadt gelegt, flockte leise von den Dächern und versank weich zwischen den bereiften Fassaden. Georg zog sich an einem Laternenpfahl in die Höhe. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite mühte sich ein kleiner Lieferwagen mit durchdrehenden Rädern und aufheulendem Motor vergeblich ab, in eine ansteigende Seitengasse einzubiegen. Einem der wartenden Wagen, die in einer Wolke aus Abgasen mürrisch vor sich hin dampften, wurde die Zeit offenbar zu lang. Er scherte aus der Schlange aus, gab Gas und rutschte mit einem dumpfen Knirschen geradewegs in ein entgegenkommendes Auto. Georg warf einen Blick auf den Zündschlüssel in seiner klammen Hand, ließ ihn zurück in die Tasche fallen und stapfte fluchend zur nächsten U-Bahn Station.“

Schlichte Vorgänge auf diese Weise zu Szenen auszubauen ist zwar mühsam, kann aber sehr lohnend sein. Man sollte allerdings beachten, solche sinnlichen Ausschmückungen nur dann zu platzieren, wenn sie einem zügigen Handlungsverlauf oder der Zuspizung eines Konflikts nicht unnötig im Weg stehen.

Zu abstraktes Schreiben kann auch entstehen, wenn sich der Autor zu sehr auf das große Gefüge seines Realitätsentwurfs konzentriert und dabei dessen "Benutzeroberfläche", also das Erfahrungskontinuum seiner Figuren vergißt. Folgender Abschnitt aus dem Entwurf eines Fantasy-Romans beschreibt auf sehr abstrakte, technische Art einen zentralen Platz im Regierungsviertel einer Residenzstadt.

- „Die unüberschaubare Menge der Handlanger von Diplomatie, Bürokratie und Gerichtsbarkeit verrichtete eilig und gewissenhaft ihr Tagesgeschäft. Es schien, als liefen alle Nervenbahnen der Stadt an diesem Ort zusammen. Eine Flut von Empfindungen und Gesichtern stürzte auf Zervan ein. Jeder der vorbeieilenden Beamten und Händler, Advokaten und Tempelbonzen, Quästoren und Kuriere machte einen so erschreckend selbstsicheren Eindruck, daß er sich kaum zu rühren wagte.“ -

Was auf dem Platz tatsächlich geschieht, muß sich der Leser mühsam selbst zusammen reimen. Die Anhaltspunkte sind wenig ergiebig. Auch der Hinweis auf die Empfindungen des Protagonisten (Zervan) sind indirekt, wenig anschaulich und zudem redundant.

Mit wenigen konkreten Schlaglichtern kann man dieser abstrakten Beschreibung Lebendigkeit verleihen:

- „Man führte verurteilte Delinquenten ab, empfing Emissäre und Attachés, eilte mit Depeschen von Kammer zu Kammer oder erörterte bei einem Verdauungsspaziergang in den Arkaden des Gerichtspalastes die Baupläne für ein neues Kanalsystem in der alten Unterstadt. Es schien, als liefen alle Nervenbahnen der Stadt an diesem Ort zusammen. Die Beamten und Händler, Advokaten und Tempelbonzen, Quästoren und Kuriere eilten so erschreckend zielstrebig an ihm vorbei, daß Zervan sich kaum zu rühren wagte.“ -

Auf diese Weise wird der Platz nicht nur plötzlich von Figuren bevölkert, die konkrete Dinge tun, sondern der Protagonist wird auch mitten zwischen sie und mit ihnen in Beziehung gesetzt. Der Leser kann unmittelbar an dem Geschehen teilnehmen.