Die Schreibwerkstatt "Das Textprojekt" bietet in regelmäßigem Rhythmus neue Kurse an. Oktober-Dezember: Kursabschnitt 1 / Januar-Februar: Kursabschnitt 2 / März-April: Kursabschnitt 1 / Mai-Juni: Kursabschnitt 2 / August - Oktober: Kursabschnitt 3 - Anmeldung unter: thomas.piesbergen (at) gmx.de

Donnerstag, 20. Oktober 2011

Karel Capek über die Arbeit des Schriftstellers (in: "Meteor", 1934)

"Phantasie an sich erscheint immoralisch und grausam wie ein Kind; sie gefällt sich in Schrecken und Lächerlichkeiten. Wie oft habe ich meine fiktiven Personen auf Wege des Leids und der Erniedrigung geführt, um sie desto inniger bedauern zu können! So sind wir Phantasieproduzenten: um ein Menschenleben zu würdigen oder zu bewerten, bereiten wir dem Betreffenden ein schweres Schicksal, erlegen ihm Kämpfe und Leiden größten Ausmaßes auf. Doch verbirgt sich dahinter nicht der eigenartige Ruhm des Lebens? Will ein Mensch zeigen, daß er nicht umsonst und nichtig gelebt hat, so nickt er und sagt: Ich habe viel durchgemacht. …
Ich versuche die Literatur wegen ihrer Vorliebe für Tragik und Spott zu entschuldigen. Beides sind nämlich Umwege, welche die Phantasie ersonnen hat, um mit ihren Mitteln, auf ihren unwirklichen Wegen eine Illusion von der Wirklichkeit zu schaffen. Die Wirklichkeit an sich ist weder tragisch noch lächerlich; sie ist viel zu ernst und unbegrenzt für das eine wie für das andere. Mitgefühl und Gelächter sind lediglich Erschütterungen, mit denen wir die Ereignisse außerhalb von uns begleiten und kommentieren. Rufen sie wie auch immer diese Erschütterung hervor, so erwecken sie zugleich den Eindruck, außerhalb von ihnen habe sich etwas Wirkliches abgespielt, desto wirklicher, desto stärker dieser gefühlsmäßige Schlag ist. Mein Gott, welche Tricks und Gaukeleien ersinnen wir Fachleute der Phantasie, um die verknöcherte Seele des Lesers gehörig und unbarmherzig zu erschüttern!"