Montag, 9. Oktober 2017

Schreibwerkstatt: Neuer Kurs ab 17.10.2017

Link zum aktuellen Kursangebot Oktober 2017: (KLICK)

Der Fortschritt und das Innehalten - Eröffnungsrede zur Ausstellung „Yukari Kosakai - Schritte zum Gegenpol“ von Dr. Thomas Piesbergen

Die Ausstellung "Schritte zum Gegenpol" von Yukari Kosakai im Einstellungsraum e.V. (4. - 27.10.2017) findet statt im Rahmen des Jahresthemas "Drehmoment".

Yukari Kosakai, Schritte zum Gegenpol, Detail, 2017

In der Kulturtheorie stehen sich seit jeher zwei unterschiedliche und bisher unvereinbar scheinende Konzepte gegenüber, die heute vor allem in ihren Inkarnationen des Strukturalismus und des historischen Materialismus verbreitet sind:

Im Strukturalismus fungiert die kulturelle Bedeutung als Ordnungsmacht. Alle natürlichen Erscheinungen und Gegebenheiten erlangen ihre Bedeutung erst durch die vom Menschen vorgenommene Zuweisung. Die hervorgebrachte Kultur ist also kein zwangsläufiges Ergebnis einer Adaption, sondern hat die Möglichkeit, sich innerhalb gewisser Grenzen frei zu entfalten, weshalb dieses Verständnis menschlicher Kultur auch als Possibilismus bezeichnet wird.

Dem gegenüber steht der historische Materialismus mit all seinen Ableitungen wie Funktionalismus, Utilitarismus etc. Nach dieser Sichtweise wird die Kultur lediglich als das Ergebnis einer Anpassung an die natürlichen Gegebenheiten verstanden; dementsprechend erhalten alle Dinge und Erscheinungen nur eine Bedeutung, insofern sie in subsistenziellen und ökonomischen Zusammenhängen eine Rolle spielen. Die Kultur stellt also nichts anderes dar als die biologische Anpassung an eine Lebensumwelt mit anderen Mittel. Sie wird von den Gegebenheiten bestimmt. Aus diesem Grund wird dieses Kulturkonzept auch als Determinismus bezeichnet.

Der Zankapfel des wissenschaftlichen Disputs besteht also in der Frage, ob wir unsere Umwelt nach der Schablone unserer kulturellen Vorstellungen und Werte nutzen und gestalten, oder ob umgekehrt unsere Umwelt unsere kulturellen Vorstellungen und Werte überhaupt erst hervorbringt.
Es liegt auf der Hand, daß diese Frage genauso unbefriedigend beantwortet werden kann, wie die Frage nach Henne oder Ei.

Der große Anthropologe und Kulturtheoretiker Marshall Sahlins schlug in seinem Werk „Kultur und praktische Vernunft“ eine Differenzierung vor, die jeder dieser Perspektiven innerhalb gewisser Grenzen ihre Berechtigung geben sollte:
Der Strukturalismus sei besser geeignet, ahistorische Gesellschaften zu beschreiben, der historische Materialismus hingegen eigne sich besser für historische, „zivilisierte“ Gesellschaften. Damit brachte er einen Aspekt ins Spiel, der im weiteren kulturwissenschaftlichen Diskurs leider viel zu selten aufgegriffen worden ist, der für uns aber von großem Interesse ist, nämlich den des Zeitverständnisses und seiner Bedeutung für das kulturelle Selbstbild.

Die vom Strukturalismus beschriebenen ahistorischen Gesellschaften zeichnen sich dadurch aus, daß sie fest im Mythos verankert sind. Im Mythos ist ihre soziale und ökonomische Struktur eingeschrieben und alle Erscheinungen erhalten ihre Bedeutung, in dem sie im Rahmen des Mythos interpretiert werden und ihre Entsprechung in ihm finden.
Im Sinne des fließenden Bewußtseins ist der Mythos stets gegenwärtig; und wenn die mythologischen Ereignisse im Maskentanz oder anderen Riten nachvollzogen werden, spielen die Darsteller nicht, sie wären die jeweiligen Geister und Gottheiten, sondern für die Dauer des Ritus sind sie die Geister und Gottheiten, ihre realen Verkörperungen, ebenso wie die dargestellten Vorgänge den Mythos nicht nur abbilden, sondern ihn real nachvollziehen.

Es ist ebenfalls von zentraler Bedeutung, daß der Mythos und die in ihm enthaltene Struktur unverändert von Generation zu Generation reproduziert wird, denn erst der zyklische Vollzug der Riten und gesellschaftlichen Routinen gewähren den Erhalt der Zyklen der Natur. Die Natur wird wahrgenommen als ein sich stets erneuernder Kreislauf, die Zeit als kreisförmig sich erneuernd, weshalb es essentiell ist, die Stabilität der Kultur und den entsprechenden Ritus in exakt der tradierten Form zu erhalten.

Die Welt spielt sich also ab in einer ewigen Gegenwart. Das menschliche Handeln kann nicht auf das Erreichen eines fernen oder sich wandelnden Ziels reduziert werden. Zum einen ist das Ziel des kulturellen Handelns  in ahistorischen Kontexten immer das Gleiche. Zum anderen ist die Durchführung des ritualisierten Handelns mindestens ebenso wichtig wie das Ziel selbst.

Ritualisierte Handlungen zielen nicht auf einen zukünftigen, bisher noch nicht da gewesenen Effekt ab, sondern fokussieren sich auf die unmittelbare Beschaffenheit der Gegenwart und deren stete Erneuerung. Alternative, effektivere Wege zum Ziel sind irrelevant, da sie nicht der Struktur des zyklischen, stets gegenwärtigen Mythos entsprechen.

Das Zeitverständnis innerhalb historischer Gesellschaften widerspricht diesen Vorstellungen total. Die Zeit, die menschliche Gesellschaft, der Zustand unserer Welt werden nicht als etwas Zyklisches begriffen, sondern als etwas sich linear und stetig Wandelndes.

Deutliche Beispiele finden wir bereits in den großen Buchreligionen, deren Verständnis der Zeit ein historisches und teleologisches ist: Die Dauer der Welt nimmt ihren Anfang in einem Schöpfungsakt, erstreckt sich über lange Genealogien und Ereignisse, die als faktisch und historisch angenommen werden, und mündet schließlich in einem dann wieder überzeitlichen Paradies.
Thomas von Aquin übertrug dieses Konzept der langsamen Entwicklung vom Sündenfall bis zum Eingang ins Paradies auf den Menschen selbst und begriff ihn erstmals als ein im Wandel befindliches Wesen, das sich auf einer Stufe zwischen Tier und Engel befindet. Hier begegnet uns bereits das Motiv des mangelhaften Menschen, dessen Aufgabe es ist, sich zu einem besseren Selbst hin zu entwickeln.

Den größten und nachhaltigsten Paradigmenwechsel dieses Prozesses der „Historisierung“ hat Charles Darwin mit seiner „Entstehung der Arten“ von 1859 ausgelöst. Mit seiner Theorie hat er das Primat der Anpassung und der damit einhergehenden Optimierung endgültig in die Vorstellung von Mensch und Gesellschaft eingeführt und auf diesem Weg auch die zentrale Bedeutung des „Fortschritts“ bei der Bewertung gesellschaftlicher Sachverhalte etabliert.
Nichts, was der Mensch hervorbringt, gilt uns mehr als vollkommen, alles als verbesserungswürdig und verbesserungsfähig. Schon allein der generell als positiv verstandene Begriff „Fortschritt“ suggeriert, daß der derzeitige Zustand einer Situation auf Dauer nicht befriedigend sein kann. Erst ein Fortschreiten, ein Verlassen des Status Quo, kann Befriedigung bringen.

Das daraus resultierende Verständnis kultureller Handlung kann ohne weiteres als machiavellistisch bezeichnet werden. Denn wenn die Veränderung des Status Quo Ziel der Handlung ist, spielt es keine Rolle, wie das angestrebte Ergebnis erreicht wird.
Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht der Effekt. Solange etwas einfacher, schneller, größer oder kleiner, billiger, lukrativer, bequemer oder schlichtweg moderner wird, ist es als positiv zu bewerten, gleichgültig, welche Mechanismen dafür verantwortlich sind.

Hier jedoch verselbständigt sich der Begriff des Fortschritts und löst sich von allen Bewertungskriterien zugunsten einer eigenen, von menschlichen Interessen unabhängigen Dynamik.
Der Fortschritt an sich wird als erstrebenswert angesehen, egal in welchem Bereich, in welcher Form oder mit welchen möglichen sekundären Konsequenzen er sich vollzieht.
Als plakatives Beispiel sei der Fetisch des „Wirtschaftswachstums“ genannt. Obwohl der Club of Rome bereits 1972 in seiner Studie Die Grenzen des Wachstums dieses Goldene Kalb der Wirtschaftspolitik als Irrweg entlarvte, gilt das zunehmende Bruttosozialprodukt nach wie vor als der unfehlbare Gradmesser des gesellschaftlichen Wohlergehens.
Der Motor der Wirtschaft muß brummen und er muß effektiver werden, mehr leisten, sein „Drehmoment“ muß erhöht werden, die „Performance“ muß immer dynamischer werden.

Dementsprechend muß alles Zyklische, Statische, Gleichbleibende gegebenenfalls auf dem Altar des Fortschritts unter Zuhilfenahme der Schlagworte Mobilität und Flexibilität geopfert werden. Vormals stabile lokale Gemeinschaften werden durch nicht-örtliche sog. „Soziale Netzwerke“ ersetzt, die Familie durch Lebensabschnittspartnerschaften und Patchwork, und der Mensch selbst wird schließlich degradiert zu einem Produkt, das sich der Disziplin stetiger Selbstoptimierung unterwerfen und auf dem Arbeitsmarkt anbieten muß, um damit dem Heilsversprechen des Wachstums zu dienen.
Die Mechanismen und damit die konkrete Qualität der Gegenwart verschwinden zugunsten von anvisierten Effekten und werden ersetzt durch Oberflächen, die diesen Effekten vorausgreifen oder lediglich rein fiktive Effekte suggerieren sollen. Mit den beobachtbaren Mechanismen und erfahrbaren Prozessen verschwinden jedoch auch die definierenden Konstanten des menschlichen Selbstverständnisses und die des gemein-schaftlichen Handelns.

Yukari Kosakai ist einerseits fasziniert von all den verschiedenen Geräten, technischen Oberflächen und Anwendungen, andererseits stellt sie sich immer wieder die Frage nach der grundlegenden Funktion der Dinge, denn in unseren postindustriellen Zusammenhängen sind Form und Funktion, wie gerade dargestellt, schon lange entkoppelt. Der Vorgang selbst ist nicht relevant, nur der Effekt, weshalb auch die inhärente Ästhetik eines Mechanismus keine Rolle mehr spielt. Alles Wesentliche, das Funktion hervorbringt, verschwindet hinter den selbstleuchtenden Oberflächen der Displays und ihren Bildern. Doch eben gerade die Funktion, der physische Mechanismus, soll wieder zu Bewußtsein gebracht werden.

Im Keller des Einstellungsraum sehen wir einen Mechanismus aus einem kleinen Zahnrad und einem größeren Zahnradsegment. Als Antrieb dient ein Gewicht, das zunächst durch ein Gegengewicht gehalten wird. Dieses Gegengewicht besteht aus einem Messgefäß für Niederschlagsmengen. Verdunstet das dort eingefüllte Wasser, kann sich das Gewicht absenken und den Mechanismus in Gang bringen.

Tatsächlich ist die Versuchsanordnung so gewählt, daß der Vorgang zwar nicht unmittelbar beobachtet werden kann, sein Mechanismus aber derart offengelegt ist, daß wir den Vorgang in unserer Vorstellung nachvollziehen können, wie auch der Prozess der Wasserverdunstung etwas Unsichtbares ist, das von uns dennoch als Impulsgeber erkannt wird. Unsere Aufmerksamkeit wird also nicht nur auf den mechanischen Vorgang gelenkt, sondern es wird auch gezielt auf dessen Unsichtbarkeit hingewiesen. Der Effekt hingegen wird bloßgestellt als Etwas, das irrelevant und weitgehend zu vernachlässigen ist. Relevant hingegen ist die Qualität der Gegenwart und die Präsenz des Mechanismus.

Dieser Aspekt wird auch durch die Materialwahl unterstützt. Die Installation ist in leichtem Holz ausgeführt, zwar präzise, aber offenkundig nicht darauf ausgerichtet, unter industriellen Bedingungen zu arbeiten. So erhält die Installation eher etwas Modellhaftes, Veranschaulichendes, das keine akute Arbeit verrichten soll, sondern in erster Linie gedanklich nachvollzogen werden muß.

Auch für die zweite Installation hat sich Yukari Kosakai ein diesem Aspekt entsprechendes Material ausgesucht: Pappe. Durch die Wahl des klassischen Bastelmaterials und die unterlassene Kaschierung der Oberfläche tritt dem Betrachter zuerst nicht die Präzision und Leistungsfähigkeit des Mechanismus vor Augen, sondern der Aufwand und die Sorgfalt, die zu dessen Herstellung nötig waren.  Dadurch wird die Aufmerksamkeit auf das Objekt selbst gerichtet, das so mit seiner materiellen Präsenz die Erwartung eines beeindruckenden maschinellen Effekts überdeckt.

Yukari Kosakai, Schritte zum Gegenpol, Ausstellungsansicht, 2017

Die Mechanik dieser zweiten Installation ist an der eines Uhrwerks orientiert. Herzstück ist ein Zahnrad mit einer sogenannten Ankerhemmung. Diese Ankerhemmung hält das Gangrad periodisch an und bewirkt dadurch einerseits ein regelmäßiges, stetes Laufen der Uhr, andererseits verhindert sie, daß die in der gespannten Feder gespeicherte Energie sich auf einmal entlädt.

Uhren sind in unserer Gesellschaft omnipräsent und sie dienen vor allem dazu, Arbeitsabläufe zu takten und aufeinander abzustimmen sowie Steigerungen der Effektivität oder der Geschwindigkeit zu überprüfen.
Es gibt zahlreiche Beispiele, vor allem aus den Stummfilmen des frühen 20. Jhd., in dem die Uhr als Symbol der industriellen Knechtung des Menschen fungiert. Sie steht also für die Herrschaft eines historischen  und teleologischen Gesellschaftskonzept, in dem nicht die Qualität der Gegenwart, sondern das Ziel von Bedeutung ist, in dem sich das menschliche Streben bündelt, um den Fetischen Wachstum und Geschwindigkeit zu huldigen.
Doch im Gegensatz zu der linearen digitalen Uhr, deren evolutives Ziel man in der „Sternzeit“ des Star Trek-Universums sehen kann, also einer Zeitangabe ohne Jahres-, Monats- oder Tagesangabe, trägt die mechanische Uhr noch das Erbe der zyklischen Zeit in sich.

Denn das Gangrad der Mechanik ist rund wie das Ziffernblatt der Uhr und wir kehren zyklisch immer wieder zu dem Ausgangspunkt zurück, in „Schritten zum Gegenpol“ - so auch der Ausstellungstitel. Von Mitternacht zu Mittag zu Mitternacht. Von Sonntag zu Mittwoch zu Sonntag. Durch die Jahreszeiten von Sommer- zu Winter- zu Sommersonnenwende.

Noch immer können wir die natürlichen Zyklen unserer Lebensumwelt wahrnehmen, wenn auch immer mehr abgeschwächt durch die Begleiterscheinungen des historisch-materialistischen „Fortschritts“ wie das elektrische Licht, das die natürlich Dunkelheit relativiert, die Schichtarbeit,  die unseren natürlichen Schlaf- und Wachrhythmus zerstört, beheizte Lebens- und Arbeitsumfelder, die uns der akuten Wahrnehmung von Wetter und Jahreszeiten berauben, Agrarindustrie und beschleunigte Handelslogistik, die uns zu jeder Jahreszeit jedes eigentlich saisonale Produkt liefern können etc.pp.

Ein weiterer Aspekt der Uhr, der der Logik der Effektivität zuwiderläuft, ist das Fehlen eines Effekts. Denn die Aufgabe einer Uhr besteht lediglich darin, zu laufen, ohne jemals ein Ziel zu erreichen. Dafür ist die Ankerhemmung von zentraler Bedeutung, ebenso wie für die Installation „Schritte zum Gegenpol“.

Erst das Innehalten, das zyklische Stoppen der Bewegung bringt die Funktion des Uhrwerks hervor. Erst das ausgewogene Zusammenspiel von Bewegung und Stillstand ergibt einen Sinn.

Es ermöglicht ein Bewußtwerden der Qualität der Gegenwart, eine Reflektion des gegenwärtigen Handelns. Denn unser Leben gewinnt nicht durch die angestrebten Effekte und fiktionalen Ziele seine Gestalt, sondern durch unser gegenwärtiges Tun und die Beschaffenheit des Moments, auf den die Arbeiten Yukari Kosakais uns auf so überzeugende wie subtile Art hinweisen.


ⓒ Dr. Thomas J. Piesbergen / VG Wort, Oktober 2017




Mittwoch, 13. September 2017

Schreibwerkstatt in Hamburg-Altona: Neuer Kurs ab dem 17. Oktober 2017



Am 17.Okober 2017 beginnt ein neuer Kursabschnitt 1 der Schreibwerkstatt "Das Textprojekt".

Der Kursabschnitt 1 "Von der Idee zum ersten Entwurf" wendet sich an Schreibanfänger und Schreibende, die ihre handwerklichen Fertigkeiten verbessern wollen.

Inhaltlich beschäftigt sich der erste Kursabschnitt vor allem mit dem Entwurf lebendiger Charaktere, der Gestaltung glaubwürdiger, aufregender Konflikte, dem Handlungsaufbau sowie allgemeinen dramaturgischen und handwerklichen Problemen und Erzähltechniken.

Die Unterrichtseinheiten werden begleitet von Hausaufgaben, in denen die Teilnehmer die erlernten Techniken ausprobieren können - gerne auch im Rahmen eigener, bereits bestehender Projekte. Die so entstandenen Texte werden in der Gruppe besprochen.

Die Themen im Einzelnen:

• Schreibmotivationen
• Authentizität und Fiktion
• Schreibmethoden
• Literarische Themen
• Charaktere: Protagonist und Antagonist
• Charakterisierung
• Charaktertiefe
• Konflikte und ihre Entwicklung
• Konfrontationen
• Entwurf des Handlungsverlaufs
• Dramaturgische Architektur literarischer Texte: Szenen, Spiegelungen, Schwellen
• Plot und Gegenplot
• Spannungsbögen
• Das Setting: Zeit und Ort der Handlung
• Schauplätze
• Der Anfang
• Schreibhemmungen

Ort: Atelierhaus Breite Straße 70
Kursdauer: 2 Monate (8 x 2 Stunden)
Teilnahmegebühr: 140,- €
Zeit: Dienstags 19:30 - 21:30
Bei großer Nachfrage kann ein weiterer Kurs (Mo.) eingerichtet werden.

ANMELDUNG am besten per E-Mail: thomas.piesbergen (at) gmx.de
oder telefonisch unter: 040-400 808

Donnerstag, 7. September 2017

Let the circle be unbroken - Eröffnungsrede zur Ausstellung "Maria Fisahn: Großer Roter Fleck - Tanz der Teilchen in den Feldern" von Dr. Thomas Piesbergen

Die Ausstellung "Großer Roter Fleck - Tanz der Teilchen in den Feldern" von Maria Fisahn im Einstellungsraum e.V. findet statt im Rahmen des Jahresthemas Drehmoment, September 2017

Membran, Maria Fisahn, 2017

Zu den ältesten künstlich geschaffenen Objekten der Vorgeschichte gehören, neben den „Choppern“, den Vorläufern der Faustkeile, die sogenannten Sphäroide. Dabei handelt es sich um Steine von etwa 3 bis 7 cm Durchmesser, die eine nahezu runde Form aufweisen.
Sie werden heute in der Regel als Schlagsteine interpretiert, die dazu dienten, andere Werkzeuge zuzurichten, doch in manchen Fällen bestehen sie aus Materialien, wie z.B. Löss, die eine Verwendung als Werkzeug sehr unwahrscheinlich machen.
Die Archäologin Marie E.P. König sah in ihnen den ersten Versuch, das Numinose, die dem Menschen gegenüberstehende unsichtbare Kraft, in einem manifest gewordenen Begriff zu objektivieren. Nach ihrer Interpretation stellt die Kugel den ersten Elemantargedanken der menschlichen Kultur dar, die erste konkret gewordene ideelle Äußerung, in der alle Beobachtungen und die daraus abgeleiteten Vorstellungen in einem diffusen Begriff zusammengefasst werden konnten: ein erster Ausdruck der Erfahrung universeller Einheit.

Dieser im Kreis ausgedrückten kosmologischen Einheit aller Erscheinungen begegnen wir auch in den Weltkonzepten und Raumordnungsprinzipien der wenigen noch dokumentierten hierarchielosen Gesellschaften wieder, wie z.B. bei den philippinischen Aeta oder den Buschmännern der Kalahari. Ihre bescheidenen Hütten, ihre Dörfer, ihre Tänze, ihre Vorstellung der Welt und die Zyklen des Lebens haben alle die Form des unsegmetierten Kreises.

In der griechischen, ägyptischen und germanischen Mythologie sowie in der Alchimie erscheint der Kreis als Ouruboros, die Weltenschlange, die sich selbst in den Schanz beißt und mit ihrem Leib nicht nur den ganzen Kosmos umschließt, sondern auch die zyklische Natur der Zeit repräsentiert, also ein Symbol für die Raumzeit und damit für die uns vorstellbare Existenz schlechthin ist.

Eine ähnlich universelle Bedeutung kommt dem Kreis auch in der japanischen Kaligraphie zu, in der das Zeichen Enzo für den Gegenwärtigen Moment steht, für die Erleuchtung, das Universum und die Leere, die großen synonymen Begriffe zen-buddhistischer Welterfahrung.

Man kann also das Kreissymbol durchaus berechtigt als die Urform einer „Theorie of Everything“, verstehen, einen Vorläufer der großen vereinheitlichenden Weltformel, die eines der maßgeblichen Ziele der modernen Physik ist.
Dr. Thomas Piesbergen zu: Maria Fisahn, Großer Roter Fleck, Ausstellungsansicht, Einstellungsraum e.V. 2017

Wenden wir uns der Erscheinungswelt physikalischer Forschungsfelder zu, vor allem denen  der Mikro- und der Makrosphäre, begegnen uns auch dort Kreis und Kugel als formale Grundprinzipien:
Die Wahrscheinlichkeitswolken der Elementarteilchen sind kugelförmig, ihre Bewegungen im atomaren Zusammenhang beschreiben Ringbahnen, alle kosmischen Körper, Sterne, Planeten, Schwarze Löcher oder Quasare haben Kugel-, Ring- oder Kreisgestalt. Und auch in der Mesosphäre, in der wir sonst vor allem mit den vielgestaltigen Phänomenen der Emergenz konfrontiert sind, begegnen uns überall Kugel und Kreis als universelle Form- und Bewegungsprinzipien.
Besonders gut wird das Streben zum Kreis deutlich in der Bildung von Ringen auf der Wasseroberfläche: Egal welche Form ein Objekt hat, das man ins Wasser wirft: die von ihm ausgehenden Wellen sind immer ringförmig.

Dennoch leben wir in einer Welt, in der die Symmetrie der uranfänglichen Einheit so viel zahllose Male gebrochen worden ist, daß sie uns in dem Bereich der Mesosphäre als ein fortwährendes, sich nur unzureichend selbst organisierendes Chaos erscheint.
Denn selbst wenn unser Universum, dessen kleinste und größte Erscheinungen Kugelform haben, sich selbst, ausgehend von einem überall zu verortenden Zentrum, in Form einer n-dimensionalen Kugel ausbreitet und sogar unsere Raumzeit nach einem Modell von Stephen Hawking einer Kugel entspricht, bringt es in unserem Wahrnehmungsabschnitt Myriaden unterschiedlichster Formen und Erscheinungen hervor, die wir seit Anbeginn der Kultur mehr oder weniger verzweifelt versuchen in eine uns verständlich Ordnung zu bringen.

Derzeitiger Endpunkt dieser Bemühungen ist die bereits erwähnte Suche nach einer universellen, vereinheitlichenden Weltformel.
Am Anfang dieser Suche werden mit großer Sicherheit Rituale gestanden haben, in denen sich der Mensch seiner Zugehörigkeit zum Kreis des kosmologischen Ganzen, zum All versichert hat, oder, nach den ersten Symmetriebrüchen im Laufe der Entwicklung kosmologischer Konzepte, der Versuch, die verloren gegangene ursprüngliche Einheit wieder herzustellen, den Weltkreis wieder zu schließen.

Ein Instrument, das dazu weltweit Verwendung gefunden hat, ist die Schamanentrommel, eine schlichte runde Rahmentrommel die von sehr unterschiedlicher Größe sein kann. Sie gilt einerseits selbst als Abbild der kosmischen Ordnung, die sich in der Regel kreisförmig um die Sonne oder den Weltenbaum legt, andererseits ist sie, bzw. ihre Schwingung, das Reittier des Schamanen, auf dem er die ehemals mit der menschlichen Sphäre verbundenen, nun aber davon geschiedenen Regionen der Geister und Götter erreichen kann, um entstandenes Ungleichgewicht zwischen den Sphären wieder herzustellen.

Gleichzeitig erlauben die Schwingungen, die von der Trommelmembran ausgehen und mit der sie auf die Körper der Anwesenden einwirkt, die Überwindung der Individuation. Die Gemeinsame Erfahrung von Schwingung und Rhythmus öffnet einen kollektiven Erfahrungsraum. Die Geschichte dieser auf körperlichem Weg erreichten Überwindung der Vereinzelung des Menschen reicht von den gemeinsamen Tänzen hierarchieloser Gesellschaften aus der Frühzeit der Hominiden bis hin zu Phänomenen wie der Loveparade mit ihren entsprechenden massenpsychologischen Dynamiken.
Musik, Rhythmus und Tanz sind imstande, das Gefühl transpersonaler Einheit auszulösen und damit die vereinende Erfahrung einer universellen menschlichen Bedingtheit.

Das vereinende Moment, ob bei rituellen Tänzen der Altsteinzeit, bei militärischer Marschmusik oder in neuzeitlichen Diskotheken, sind die Effekte von Schwingungen.
Diesen Schwingungen begegnen wir ebenfalls wieder auf der Suche nach der großen vereinheitlichenden Theorie der Physik. Die Stringtheorie z.B. postuliert, stark vereinfacht dargestellt, daß der Materie eindimensionale Saiten zugrunde liegen, deren Vibrationen alle Erscheinungen unserer materiellen Welt hervorbringen.
Auch die nichtlokalen Quanteneffekte lassen sich nach der Stringtheorie durch die Eigenschaft von Schwingungen erklären.

Wenn auf einer Geigensaite ein A angestrichen wird, beginnt es nicht am einen Ende der Saite wandert bis zum anderen fort, sondern die Saite schwingt auf ihrer ganzen Länge in der Frequenz des Kammertons. Durch diese Eigenschaft wiederum werden Paradoxien überwunden, die ausgelöst werden durch die Limitierung menschlicher Vernunft auf ein linear raumzeitliches Ursache/Wirkungs-Denken.
Dinge, die auf der beobachtbaren Oberfläche der Welt nach unserem linearen Verständnis eigentlich keine Wechselwirkung miteinander haben dürften, werden beide von ein und demselben Phänomen ausgelöst, einer schwingenden Superstring, und korrelieren deshalb miteinander.

Alle bisher genannten universellen Phänomene finden in den Arbeiten von Maria Fisahn ihre Entsprechungen.

Der große rote Fleck des Jupiters

Schon der Titel der Ausstellung: „Großer Roter Fleck - Tanz der Teilchen in den Feldern“ verweist sowohl auf die Dimensionen planetarischen Ausmaßes, speziell auf den Jupiter und seinen gewaltigen roten Fleck, einen Wirbelsturm, der die doppelte Größe der Erde hat, als auch auf die Teilchen der subatomaren Ebene; er verweist auf den Mikro- und den Makrokosmos.
Die Hängung der Membranen ruft ebenfalls die Assoziation mit Planeten wach. Auch die darauf aufgebrachten Farbspuren lassen an kosmische Phänomene denken, wie interstellare Nebel und ähnliche Erscheinungen. Gleichzeitig ähneln sie stark den Spuren, die zerfallende Elemtarteilchen  wie Baryonen oder Neutrinos auf Photoplatten hinterlassen.

Bereits auf dieser augenscheinlichen Ebene begegnet uns die grundlegende Opposition von der ursprünglichen Symmetrie des Kreises und dem scheinbar unentwirrbaren Chaos unserer Welt.

Doch wie kommen die bunten Spuren, in denen wir unsere mesosphärische Wirklichkeit gespiegelt sehen können, überhaupt zustande? Mit dieser Frage wird ein Prozess in den Blickwinkel gerückt, der essentieller Bestandteil des Werkkomplexes ist.

Die Materialien, mit denen Maria Fisahn arbeitet sind zunächst die bereits genannten Membrane, die in der Art von Schamanentrommeln auf kreisförmige Rahmen gespannt werden. Darauf werden verschiedene Samen und Kerne ausgebracht. Ihre symbolische Bedeutung liegt auf der Hand: sie verkörpern das noch ruhende Potenzial, die anfänglich noch ungebrochene Symmetrie, aus der etwas Vielgestaltiges, sich Wandelndes, Emergentes hervorgehen wird.
Durch rhythmisches Trommeln wird die Membran in Schwingungen versetzt, wodurch die Kerne wiederum in ihrer Form entsprechende Bewegung versetzt werden. Sie beginnen, über die Membran zu wandern, zu tanzen und sich um sich selbst zu drehen.
Vorher jedoch, um ihre Bewegungsspuren aufzuzeichnen, werden sie mit farbigen Pigmenten eingestäubt.
Maria Fisahn, Großer Roter Fleck, Ausstellungsansicht, Einstellungsraum e.V. 2017

Durch dieses Vorgehen wird uns auf verschiedenen Ebenen vor Augen geführt, wie aus einem einzigen, allen Entitäten zugrunde liegenden Impuls, in diesem Fall dem monotonen Trommelrhythmus, eine chaotisch anmutende Vielzahl von Erscheinungen hervorgehen kann.
Die Kerne und Samen entwickeln durch ihre Form zwar mitunter ähnliche Bewegungsmuster, doch jeder Einzelne weicht davon ab soweit es nötig ist, um seine Bewegung von denen der anderen zu unterscheiden. So sehen wir sie ungeordnet und eigenwillig durcheinander tanzen, wie auf einem Ameisenhaufen, wohl wissend, daß hinter dem vordergründigen undurchschaubaren Chaos der Ameisen eine strenge, minimalistische Grundordnung steckt, so wie auch das Chaos der tanzenden Teilchen von den gleichförmigen und eintönigen Schwingungen hervorgebracht wird; so wie auch die nach Regeln und Grundkonstanten geordnete Welt der Menschen aus der Ferne wie ein absurdes Durcheinander anmuten muß.

Maria Fisahn, Großer Roter Fleck, Ausstellungsansicht, Einstellungsraum e.V. 2017

Doch neben dieser abstrakten Ebene erleben wir den Verweis auf ein vereinendes ursächliches Prinzip auch auf einer unmittelbaren sinnlichen Ebene:
Wie in einem schamanistischen Ritual erleben wir die Wirkung des monotonen Trommelns auf unseren Körper und können, dadurch fokussiert, uns der transpersonalen Erfahrung öffnen, die uns der gemeinsam erlebte Rhythmus anbietet.

Gleichzeitig erleben wir bei der Betrachtung der tanzenden Teilchen eine psychologische Übertragung menschlicher Impulse: Unwillkürlich nehmen wir die Dattelkerne, Kichererbsen oder Linsen wahr, als wären es kleine, eigenwillige Tiere, die nach einem unterstellten Willen handeln oder etwas erdulden. Die menschliche Natur ist so beschaffen, daß sie anthropomorphisiert, und so sehen wir uns selbst in den tanzenden Teilchen  gespiegelt und fühlen uns mit ihnen verbunden.

Dieses vorbewußte Gefühl einer Verbindung, verstärkt durch die Wirkung des hypnotischen Trommelrhythmus, kann sogar soweit gehen, daß sich Erfahrungsräume öffnen, in denen unsere linearen Wahrnehmungsroutinen suspendiert werden, und das Gefühl dafür verloren geht, ob man einem Kern mit den Augen folgt oder ihn dadurch nicht vielleicht sogar lenkt. Hier fügt der Logos schnell die Fußnote des beobachterabhängigen Universums ein, das sich seit den Forschungen des Quantenphysikers Erwin Schrödinger als Erklärung für das Zustandekommen der Wirklichkeit als relevante Alternative anbietet.

Maria Fisahn, Großer Roter Fleck, Ausstellungsansicht, Einstellungsraum e.V. 2017
Und tatsächlich gib es diese Interaktion zwischen dem Betrachter und dem Geschehen auf der Membran - allerdings auf ganz anderen Wegen. So haben z.B. Wärme und Luftfeuchtigkeit einen großen Einfluß auf die Eigenschaften der Pigmente und damit auf die Bewegung der Kerne. Diese Aspekte werden ihrerseits beeinflußt durch die Menge des anwesenden Publikums, durch die Nähe der Beobachter oder durch Luftbewegungen, die von ihnen ausgelöst werden.

Wir erleben also im Vollzug des ritualisierten künstlerischen Prozesses eine seltsame Durchdringung von Ursache und Wirkung, von dem Gefühl für eine zugrundeliegende Einheit und einer damit scheinbar unvereinbaren Diversität, von Eigensinn und Gemeinschaft, und werden  uns dadurch dem durch alle Zeiten wirkenden Grundimpuls des Menschen bewußt, das empfundene Geworfensein in eine chaotische Wirklichkeit überwinden zu wollen; den geahnten Verlust einer vormaligen universellen Einheit wieder gut zu machen, und die erste, vereinende Ursache aller Erscheinungen zu suchen, sei es in Form einer Unio Mystica, sei es in Form der großen vereinheitlichenden Theorie der modernen Physik.

Das Ziel der Suche und das Bedürfnis nach einem Verständnis der menschlichen Bedingtheit ist seit Anbeginn der Menschheit dasselbe geblieben. Das einzige, was sich fortwährend verändert hat, sind unsere Mittel, danach zu suchen.

ⓒ Thomas Piesbergen / VGWort, September 2017








Mittwoch, 6. September 2017

Schreibwerkstatt in Hamburg-Altona: Neuer Kurs ab dem 17. Oktober 2017






Am 17.Okober 2017 beginnt ein neuer Kursabschnitt 1 der Schreibwerkstatt "Das Textprojekt".

Der Kursabschnitt 1 "Von der Idee zum ersten Entwurf" wendet sich an Schreibanfänger und Schreibende, die ihre handwerklichen Fertigkeiten verbessern wollen.

Inhaltlich beschäftigt sich der erste Kursabschnitt vor allem mit dem Entwurf lebendiger Charaktere, der Gestaltung glaubwürdiger, aufregender Konflikte, dem Handlungsaufbau sowie allgemeinen dramaturgischen und handwerklichen Problemen und Erzähltechniken.

Die Unterrichtseinheiten werden begleitet von Hausaufgaben, in denen die Teilnehmer die erlernten Techniken ausprobieren können - gerne auch im Rahmen eigener, bereits bestehender Projekte. Die so entstandenen Texte werden in der Gruppe besprochen.

Die Themen im Einzelnen:

• Schreibmotivationen
• Authentizität und Fiktion
• Schreibmethoden
• Literarische Themen
• Charaktere: Protagonist und Antagonist
• Charakterisierung
• Charaktertiefe
• Konflikte und ihre Entwicklung
• Konfrontationen
• Entwurf des Handlungsverlaufs
• Dramaturgische Architektur literarischer Texte: Szenen, Spiegelungen, Schwellen
• Plot und Gegenplot
• Spannungsbögen
• Das Setting: Zeit und Ort der Handlung
• Schauplätze
• Der Anfang
• Schreibhemmungen

Ort: Atelierhaus Breite Straße 70
Kursdauer: 2 Monate (8 x 2 Stunden)
Teilnahmegebühr: 140,- €
Zeit: Dienstags 19:30 - 21:30
Bei großer Nachfrage kann ein weiterer Kurs (Mo.) eingerichtet werden.

ANMELDUNG am besten per E-Mail: thomas.piesbergen (at) gmx.de
oder telefonisch unter: 040-400 808