Sonntag, 23. Juli 2017

Der Akteur im Archiv - Eröffnungsrede zur Ausstellung „Arne Lösekann - arch_IV“ im Rathaus Schenefeld von Dr. Thomas Piesbergen

Die Ausstellung "arch_IV" von Arne Lösekann wurde ermöglicht durch den Kunstkreis Schenefeld im Rathaus Schenefeld, Juli/August 2017

Unsere Gesellschaft sowie unsere subjektive Realität definieren sich durch die Art und Weise, wie innerhalb ihres Wirkungsbereichs einzelne Ereignisse und Aspekte miteinander verknüpft sind; durch ein Bezugssystem, das den verknüpften Elementen Bedeutung zuweist. Diese Bezugs- und Bedeutungssysteme lassen eine jeweilig spezifische Struktur entstehen, die wir auf phylogenetischer Ebene als unsere Kultur begreifen, auf ontogenetischer Ebene als unser Selbst, unsere Identität.

In einem Zitat der buddhistischen Überlieferung heißt es, wir wären die Summe all dessen, was wir gedacht haben. Hier wird der gleiche Gedanke zu Ausdruck gebracht, doch kaum merklich durch etwas Entscheidendes ergänzt: durch die Tätigkeit des Denkens, durch eine Handlung.
Denn natürlich ist der Mensch nicht nur eine assoziative Struktur und die Kultur nicht nur eine Ansammlung von Bedeutungsmustern. Beide nehmen erst Gestalt an durch akute Handlung.

In seinem theoretischen Hauptwerk „Das Sein und das Nichts“ unterschied Jean Paul Sartre zwischen bloßen Gegenständen und Menschen, in dem er den Gegenständen ein „An-sich-sein“ zubilligte, den Menschen hingegen ein „Für-sich-sein“. Dieses menschliche „Für-sich-sein“ definierte er zunächst recht paradox als „das, was es nicht ist und nicht das, was es ist.“

Was er damit ausdrücken wollte ist der Umstand, daß der Mensch nicht aufgehen kann in dem, was er aus der Vergangenheit in sein gegenwärtiges Dasein getragen hat, also in der Sammlung dessen, was er erlebt und in Zusammenhang gebracht hat. Mensch zu sein bedeutet einen Bruch in der fugenlosen Existenz, denn der Mensch hat keine ihn konstituierende Essenz wie die Dinge. Er muß sich sein Wesen durch Handlung erst erwerben. Der Mensch muß sich in jedem Augenblick neu entscheiden und sein zukünftiges Leben entwerfen. Erst dieser Akt der Handlung in die Zukunft hinein macht ihn zum Menschen, erst darin kann er aufgehen.

Doch wer ist es denn, der in der Gegenwart auf dem Fundament all dessen, was er gedacht hat, agiert? Ist es überhaupt möglich, daß die Summe all dessen, was wir gedacht haben, in der Gegenwart präsent ist und zum Wirken gebracht werden kann? Oder sind es immer nur einzelne Bewegungen in dem Bezugssystem unserer Erinnerungen, die sich auf unsere Handlungen und damit auf unsere Wirklichkeit und gegenwärtige Identität auswirken?

Der tschechische Schriftsteller Karel Capek schrieb 1934 in seinem Roman Ein gewöhnliches Leben:
„Wie viele Lebensgeschichten sind es nun: vier, fünf, acht. Acht Leben, die mein Leben bilden; und ich weiß, wenn ich mehr Zeit und einen klaren Kopf hätte, fände ich noch eine ganze Reihe, völlig zusammenhangslose, solche, die nur einmal existierten und nur einen Augenblick währten (…)
Das Leben eines Menschen ist eine Menge verschiedener möglicher Leben, von denen nur eins, oder einige verwirklicht werden, während die anderen sich nur spärlich, nur für eine Weile oder überhaupt nicht offenbaren. So ungefähr stelle ich mir die Geschichte eines jeden Menschen vor.“

Aufgrund ähnlicher Überlegungen bezeichnete der portugiesische Dichter Fernando Pessoa das menschliche Sein als eine Kolonie verschiedener Selbste, und Michel Montaigne bemerkte in seinen Essays, es gebe zwischen uns und uns selbst eben so viele Unterschiede, wie zwischen uns und den anderen.

Für das Alltagsleben der meisten Menschen haben diese Überlegungen nur eine geringe Bedeutung, da sie sich meist in Kontexten bewegen, in denen Aufgaben und Betätigungsfelder von außen an sie herangetragen und gewisse Entscheidungen und Ergebnisse von ihnen erwartet werden. Dadurch, daß ihr Umfeld vorgegeben ist und ihre Handlungen und Entscheidungen nur in einem klar abgegrenzten Rahmen stattfinden können, sind etliche Parameter ihrer Identität festgelegt und nur unter erheblichen Mühen und Verwerfungen zu ändern.

Für den Künstler allerdings ist die Frage nach den Entscheidungen und Handlungen, mit denen er sich sein Wesen und seine Identität erwirbt, stets akut und essentiell, denn mit jedem abgeschlossenen Projekt stellt sich ihm die Frage von neuem: Was gilt es jetzt zu tun und wer werde ich sein? Welche Emanation der Kolonie meines Selbsts tritt in dem nächsten Projekt hervor?
Denn wenn sich unser Selbst durch das „Für-sich-sein“ Sartres definiert, treten unsere Persönlichkeit und Identität in unseren Entscheidungen zutage, durch das, was wir tun und wie wir es tun; im Falle des Künstlers also durch seine Kunst. In ihr manifestieren sich seine Wahrnehmungs-routinen, seine Haltung gegenüber der Welt, sein Selbstbild, seine Motive und seine Gestaltungsabsichten.

Auch auf einer anderen Ebene ist die Frage nach der temporären Identität für den Künstler relevanter als für die meisten anderen Menschen. Denn während sich jene lediglich mit erinnerten, verschwommenen und changierenden Bildern auseinandersetzen und sich daraus eine Vorstellung ihrer Vergangenheit und ihrer Identität auf der Folie der Gegenwart machen, die zu steter, unmerklicher Wandlung fähig ist, sind Künstler mit ihrem Werk konfrontiert, in dem vergangene, temporäre Selbste eine konkrete und unwandelbare Gestalt angenommen haben.

Aus diesem Grund beschäftigen sich Künstler nur selten intensiv mit ihrem Gesamtwerk, da es sie vor die Aufgabe stellt, ihr gegenwärtiges Selbst stets mit einem temporären vergangenen Selbst abzugleichen und sie dadurch den nötigen freien Denkraum verlieren, neue Projekte zu entwickeln und veränderte oder neue Versionen ihrer Persönlichkeit in Erscheinung treten zu lassen. Dementsprechend befolgen sie meist Sartres Forderung, das Vergangene zu negieren und sich selbst in eine mögliche Zukunft hinein zu entwerfen.

In seiner Ausstellung „arch_IV“ versucht Arne Lösekann hingegen sich genau dieser Aufgabe des Abgleichs zu stellen und in einen aktiven und schöpferischen Dialog mit diesen vergangenen Emanationen seines künstlerischen Selbst zu treten.

Doch um überhaupt in einen solchen Handlungsprozess einzusteigen, ist es notwendig, sich ein Archiv zu schaffen, das ein Agieren erlaubt. Das erfordert bereits nach jeder abgeschlossenen Installation die Entscheidung, welche Elemente nötig sind, um die Installation zu einem späteren Zeitpunkt nachvollziehbar zu machen. Denn im Gegensatz zu Bildern, deren Bedeutung in der Regel immanent und vom Kontext unabhängig ist, sind Installationen immer abhängig von den spezifischen Gegebenheiten des Ausstellungszusammenhangs.

In ihnen kommen Haptik, Gerüche und Geräusche zum tragen, sie interagieren mit dem Betrachter und dem Raum und haben mitunter zeitliche Aspekte, in vielen Fällen sind sie sogar nur für einen speziellen Ort oder einen bestimmten Zusammenhang entwickelt worden, ohne den sie nicht zu entschlüsseln sind.

Zuerst muß also eine Auswahl stattfinden: Welche Elemente sind imstande, den ganzen Installationskomplex in der Vorstellung eines Betrachters wieder zum Leben zu erwecken? Welche Elemente transportieren das Konzept, die Idee am schlüssigstens?
In dem Moment, in dem die Auswahl getroffen wird, tritt die Installation in eine nächste Phase und ordnet sich der Logik eines nächsten, übergeordneten Werkprozesses unter, nämlich dem Werden eines Archivs, das nicht nur die Funktion des Aufbewahrens erfüllen soll, sondern als Ausgangsmaterial für das weitere künstlerische Handeln gedacht ist. Es soll die archivierten Fragmente bereithalten, es soll dem Künstler auch angesichts seines vergangenen Werks die Möglichkeit geben, sich selbst nicht zum Betrachter zu degradieren, sondern Akteur zu bleiben.

Es ist inzwischen hinlänglich bekannt, daß unsere Erinnerungen keinesfalls so verläßlich sind, wie wir gerne glauben möchten. Wir reduzieren sie, wir füllen die Lücken zwischen den Fragmenten, wir glätten sie, in dem wir sie in unseren Nacherzählungen glaubwürdiger machen, wir verdrängen die unbequemen Ereignisse, wir begründen irrationale Entscheidungen im Nachhinein, wir rechtfertigen uns, und wir machen Fehler, vertauschen Gesichter, Orte, Zeiten.
Diese nicht-intentionellen und oft unerwünschten Charakteristika unseres Erinnerungsvermögens, mit denen wir sehr großzügig die Vergangenheit überformen und neu ordnen, versucht Arne Lösekann ganz gezielt und bewußt auf den Umgang mit seinem künstlerischen Oeuvre zu übertragen, um sich einen Handlungsspielraum zu schaffen.

So wie wir einzelne Erinnerungen und Eindrücke einer akuten Gegenwart miteinander in Verbindung bringen, um darin vielleicht einen roten Faden unseres Selbsts zu entdecken oder wenigstens vereinzelte Überein-stimmungen und Entsprechungen, so nähert sich Arne Lösekann seinen archivierten Installationen.

Er wählt intuitiv einzelne Komplexe aus, die vergangene künstlerische Emanationen seines Selbst repräsentieren, und beginnt mit ihnen zu agieren, beginnt, sie spontan in Zusammenhang zu bringen mit anderen Komplexen, oder er isoliert jeweils einzelne Elemente auf der Suche nach neuen möglichen Zusammenhängen, die Aufschluß darüber geben können, wer er damals gewesen ist, oder darüber, welche Bewegungen sich über seine akuten Handlungen an den Objekten in die Zukunft fortsetzen könnten und, wie Sartre es fordert, ihm ermöglichen, sich selbst, ein mögliches Selbst, in die Zukunft hinein zu entwerfen.

Dieser Arbeit an der subjektiven Vergangenheit und künstlerischen Identität stellt er in einer Reihe von Transferdrucken die Auseinander-setzung mit einer Vergangenheit entgegen, zu der er nur mittelbaren Zugang hat.

Dort wo sonst die Portraits der ehemaligen Bürgermeister von Schenefeld zu sehen sind, hängen Transferdrucke historischer Fotografien auf Glasplatten. Sie stammen aus der Zeit von 1910 bis 1950 und zeigen Alltagsmotive aus dem Hamburger Stadtteil Barmbek. Im Rahmen seines Projektes „Zeitgeister“ ging Arne Lösekann immer wieder mit diesen Bildern um und sah schließlich die Notwendigkeit, daß auch dieses Handeln an den Bildern in einen zweiten Werkprozess überführt werden müsse.

Historische Photographien werden von uns in der Regel als dokumentarisch gewertet, als authentisch. Doch was sagen sie uns tatsächlich, wie viel der Information, die sie möglicherweise transportieren, ist für uns überhaupt entschlüsselbar? Denn wenn ein erlebtes und erinnertes Bezugssystem fehlt, wie kann es möglich sein, sie in unsere Vorstellung der Vergangenheit einzufügen, einer Vergangenheit, die sich ohne Bruch aus den von uns durchlebten Regionen fortsetzt in die Zeiten vor unserer Geburt, vor der Geburt unserer Eltern und so fort bis sie schließlich in den Nebeln der Vorgeschichte nicht mehr zu fassen ist?

Das einzige, was uns bleibt, ist der Versuch, sie mit dem Ausschnitt der Wirklichkeit, den wir erfahren haben, in Zusammenhang zu setzen, auf dieser Basis neu zu konstruieren, oder sie in Narrationen einzubetten, deren Grundmuster uns als universell gelten. Diese Assoziationen und Überschreibungen der phantomhaften und erodierenden Bilder seiner „Zeitgeister“-Serie hat Arne Lösekann mit einem roten Permanentmarker und roter Latexfarbe aufgebracht.
Die Wahl der Farbe und die formale Erscheinung der Kommentare, die an Korrekturen am Rande von Klassenarbeiten erinnern, machen ein weiteres mal die unüberbrückbare Kluft zwischen unserer erlebten Gegenwart und der nur noch geisterhaft zu erahnenden Vergangenheit deutlich.

Gleichzeitig versinnbildlichen sie das Bedürfnis des Menschen, sich auch mit einer ihm entrückten Wirklichkeit, mit einer ihm fernen Zeit in Bezug zu setzen, sich durch die Haltung, die man ihr gegenüber einnimmt, und durch ein Nachspüren möglicher historischer Bewegungen, die bis in die von uns erlebte Gegenwart hinein wirken, die eigene Identität im Strom der Zeit besser verorten und umreissen zu können.

Und schließlich setzen sich diese roten Kommentare und Notizen fort auf den Fenstern des Ausstellungsraums und machen deutlich: Selbst diese Gegenwart wird sich uns irgendwann entziehen und versinken in einer nur noch mittelbar zu rekonstruierenden Vergangenheit. Selbst diese Gegenwart kann von uns nie derart durchdrungen werden, daß wir nicht doch möglicherweise die entscheidenden Ereignisse und Zusammenhänge übersehen und sie stattdessen mit nur subjektiv relevanten Bedeutungen und imaginierten Narrationen überschreiben.

Doch gleichgültig, ob wir in das Archiv der subjektiven Erinnerungen eintauchen oder uns mit einer vermeintlich objektiven Vergangenheit beschäftigen, beide werden erst lebendig und erlangen für uns erst Bedeutung, wenn wir sie in die Gegenwart unserer akuten Handlung einbeziehen, genauso, wie wir erst zu unserem Wesen finden und unsere Identität erschaffen, in dem wir Bewegungen aus der Vergangenheit aufgreifen, sie abwägen, uns zu ihnen in Bezug setzen, und anhand ihrer unser Selbst in eine mögliche Zukunft projizieren.

ⓒ Thomas Piesbergen / VG Wort, Juli 2017





Mittwoch, 19. Juli 2017

23.7.17 Vernissage: "Arne Lösekann - arch_IV - Installationen" mit einer Einführungsrede von Dr. Thomas Piesbergen




Der Kunstkreis Schenefeld präsentiert im Ratssaal des Schenefelder Rathauses eine performative Installation und Transferdrucke des Hamburger Künstlers Arne Lösekann.


Ich freue mich, in das Werk mit einer Rede einführen zu dürfen.

Arne Lösekann [arch_IV]
Sonntag, den 23.7.2016 / 11:00
 
Rathaus Schenefeld
Holstenplatz 3-5
22869 Schenefeld

Freitag, 7. Juli 2017

Erlebnisbericht & Fotogalerie der Vorgänge während der "Welcome to Hell"-Demo, 6. Juli 2017, St.Pauli Fischmarkt

Aus aktuellem Anlaß möchte ich die Öffentlichkeit des Textprojekt-Blogs nutzen, um aus erster Hand über die Ereignisse während des Demonstrationsauftakts der offiziell angemeldeten und genehmigten "Welcome to Hell"-Demo zu informieren.

Nach meiner Einschätzung wurde eine zunächst friedliche Demonstration, an der vielfältige Gesellschafts- und Alterschichten beteiligt waren, von der Polizei gezielt blockiert und angegriffen, um die genehmigte Demonstration schon vor Beginn des eigentlichen Demonstrationszuges methodisch aufzureiben.
Für diese Strategie spricht auch, daß gerade "Welcome to Hell"die einzige Demonstration während der G20-Tage gewesen ist, die keinerlei Auflagen bekommen hat. Ein befreundeter Polizist, der Hartmut Dudde bereits länger kennt, hat mir diese Einschätzung im vollen Umfang bestätigt. Er hielt die Planung und Durchführung des Einsatzes für verantwortungslos.

Ich möchte mit dieser Darstellung auf keinen Fall die Zerstörungen und Gewalttaten rechtfertigen, die in der Folge von marodierenden Banden in die Stadt getragen worden sind. Sie stellen vielmehr ein gesamtgesellschaftliches Problem dar. Die frustrierten und orientierungslosen jungen Menschen, denen sich ein Rahmen geboten hat, ihre Gewaltphantasien ungezügelt auszuleben, sind das kranke Produkt einer kranken Gesellschaft. Um solche Exzesse in Zukunft zu unterbinden, ist Repression ebenso nutzlos wie der Versuch, einen Topfdeckel auf einen überkochenden Topf zu pressen.

Die Vorgänge zum Auftakt der "Welcome to Hell"-Demonstration zeigen, daß die Strategie der Polizei zu keiner Zeit auf Deeskalation ausgerichtet war, wie es z.B. in Berlin inzwischen der Fall ist. Dort ließ man sogar eine unangemeldete autonome  Demo am 1. Mai 2017 zu, um eine gewalttätige Eskalation, die auch unbeteiligte betroffen hätte,  zu vermeiden.
Mit ihrem militärisch-strategischen Aufmarsch und Anfgriff hat die Einsatzleitung in Hamburg von Anfang an mehr als deutlich gemacht, auf welche Art und Weise sie die Auseinandersetzung führen möchte, nämlich mit Mitteln der Gewalt. Einsatzleiter Hartmut Dudde, Innensenator Andy Grote und Bürgermeister Olaf Scholz  haben die für Hamburg katastrophalen Folgen klar mit zu verantworten.

16:27
Wir gehen auf die Straße und zum Fischmarkt. Auf der Straße St.Pauli Fischmarkt eine deutliche Polizeipräsenz.

St.Pauli Fischmarkt 4, Blick zur Breiten Straße

St.Pauli Fischmarkt 4, Blick zum Fischmarkt
bis 17:45

Die Stimmung auf dem Fischmarkt ist entspannt und erinnert eher an ein Festival, als eine Demo. Zwischen den Kundgebungen gibt es Musik von den Goldenen Zitronen, Cpt. Gips und anderen.
Unter den internationalen Demonstranten sind zahlreiche junge Familien mit kleinen Kindern, ältere Leute, Studenten etc. Autonome sind eine deutliche Minderheit.
Die Polizei hält sich zunächst im Hintergrund.


Fischmarkt, "Welcome to Hell"-Demonstation

Patrouille am Fluttor zum Fischmarkt, "Welcome to Hell"-Demonstation

Demonstarnten, Fischmarkt, "Welcome to Hell"-Demonstation

Demonstarnten, Fischmarkt, "Welcome to Hell"-Demonstation

Demonstarnten, Fischmarkt, "Welcome to Hell"-Demonstation

18:00
wenigstens 7 Polizeihubschrauber sind am Himmel zu sehen und überwachen das Gelände großräumig. Inzwischen sind mehere Tausend Menschen auf dem Fischmarkt. Die Stimmung bleibt sommerlich entspannt.

Polizeihubschrauber über den Hafen, "Welcome to Hell"-Demonstation

Polizeihubschrauber über der Kreuzung St.Pauli Fischmarkt / Fischmarkt, "Welcome to Hell"-Demonstation
Demonstranten auf dem Fischmarkt, "Welcome to Hell"-Demonstation

Demonstranten auf dem Fischmarkt, "Welcome to Hell"-Demonstation

Blick zum Fluttor, "Welcome to Hell"-Demonstation

Blick über den Fischmarkt Richtung Fluttor, "Welcome to Hell"-Demonstation

Blick über den Fischmarkt hoch zur Breiten Straße, "Welcome to Hell"-Demonstation

ca. 18:10
Noch immer sind zahlreiche Familien mit Kleinkindern auf der Demonstration. Die Stimmung ist unverändert gut und friedlich

Blick über den Fischmarkt hoch zur Breiten Straße, "Welcome to Hell"-Demonstation

Demonstranten, Fischmarkt, "Welcome to Hell"-Demonstation

Blick zur Fischauktionshalle, "Welcome to Hell"-Demonstation

Demonstranten, Fischmarkt, "Welcome to Hell"-Demonstation

Innfo-Point, Fischmarkt, "Welcome to Hell"-Demonstation
Demonstranten, Fischmarkt, "Welcome to Hell"-Demonstation

Demonstranten, Fischmarkt, "Welcome to Hell"-Demonstation


ca. 18:30
Eine Hundertschaft marschiert von der Fischauktionshalle am Wasser entlang Richtung Hafenstraße. Bis auf harmlose Provokationen seitens der Demonstranten gibt es keine Zwischenfälle.

Demonstranten, Fischmarkt, "Welcome to Hell"-Demonstation

ca. 18:45
Der Beginn des Demonstrationszugs wird angekündigt. An der Spitze des Zuges auf der Mündung des Fischmarkts zum St.Pauli Fischmarkt wird eine riesiger, scharzer Plastik-Kubus aufgeblasen. Einige Dutzend Autonome und "Demo-Kids" maskieren sich mit Sonnenbrillen und Tüchern und versammeln sich auf der Straße, sie bleiben aber deutlich in der Minderheit.

Demonstranten bewegen sich zum St.Pauli Fischmarkt, "Welcome to Hell"-Demonstation

"Schwarzer Block", St.Pauli Fischmarkt, "Welcome to Hell"-Demonstation
18:50
Wir versuchen über die Straße zu unserem Haus zu kommen, aber eine BFE-Hundertschaft ("Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit") marschiert die Häuserfront entlang Richtung Hafenstraße. Obwohl ich meinen Ausweis zeige und mich als Anwohner zu erkennen gebe, werde ich nicht durchgelassen.
Wie wir später über live-Berichterstattung des FSK erfahren, ist das eine der Einheiten, die sich auf der Höhe des Fischerhauses formiert, um von dort aus die Mitte des Demonstrationszuges anzugreifen.

Polizeieinheit am St.Pauli Fischmarkt auf dem Weg Richtung Hafenstraße, "Welcome to Hell"-Demonstation

Polizeieinheit am St.Pauli Fischmarkt auf dem Weg Richtung Hafenstraße, "Welcome to Hell"-Demonstation
18:55
Der Protestzug setzt sich in Gang. Nach etwa 200m wird er auf der Höhe des Pudels-Club von 2 Wasserwerfern und einer Hundertschaft Polizei aufgehalten. Grund der Blockade: Es befinden sich vermummte unter den Demonstranten. Über die Info-Wagen der Demonstrationsleitung wird darauf hingewiesen, man könne zwar niemandem verbieten, wie man sich anzuziehen habe, aber schließlich wolle man ja den Zug durchführen wie geplant und offiziell genehmigt.

Demonstrationszug, St.Pauli Fischmarkt, "Welcome to Hell"-Demonstation

Demonstrationszug, St.Pauli Fischmarkt, "Welcome to Hell"-Demonstation
19:26
Eine zweite Polizeieinheit drängt sich am Zug vorbei Richtung Hafenstraße, um sich parallel des Zugs zu formieren.
Aufmarsch einer zweiten Polizei-Einheit Richtung Hafenstraße, "Welcome to Hell"-Demonstation

Aufmarsch einer zweiten Polizei-Einheit Richtung Hafenstraße, "Welcome to Hell"-Demonstation
Formierung der zweiten Polizei-Einheit am St.Pauli Fischmarkt, "Welcome to Hell"-Demonstation
19:44
Wasserwerfer blockieren den St.Pauli Fischmarkt Richtung Breite Straße. Der Zug ist also von beiden Seiten blockiert.

 


Zwischen 19:45 und 20:40 Der Angriff

Die Polizei fordert die Demonstranten mehrfach auf, die Vermummung abzulegen. Laut einer Korrespondentin von NDR-Info, die in der ersten Reihe auf der Höhe des Pudel-Clubs steht, kommen etliche Vermummte der Aufforderung nach. Nach ihrer Darstellung gab es zu diesem Zeitpunkt noch immer keine Agression aus den Reihen der Demonstranten.

Dann beginnt ohne ersichtlichen Anlass der Angriff der Polizei. Die Einheiten auf der Höhe des Fischerhauses attackieren den Zug von der Seite. Gleichzeitig beginnen die Wasserwerfer am Zuganfang zu feuern. Der Zug wird in der Mitte getrennt, hunderte von Menschen werden von der breitflächig aufgestellten Einheit gegen die Flutmauer gedrängt und müssen sich vor den hereindrängenden, schwer gepanzerten Polizisten retten, in dem sie die 2m hohe Flutmauer zur Promenade hinaufklettern. Die Polizei bestreicht die Demonstranten auf der Promenade wahllos mit Wasserwerfern. 

Der hintere Teil des Zuges wird von der Polizei rasch Richtung Fischmarkt zurückgedrängt. Wir öffnen die Tür und etwa 30 Menschen können sich in unser Treppenhaus retten, darunter auch Verletzte und Sanitäter, die die verletzten im Treppenhaus versorgen.
Eine kleine Gruppe junger Leute nutzt das Treppen haus, um sich erst jetzt zu vermummen. Sie stürzen sofort wieder auf die Straße.

Die Polizei bildet eine Front quer über die Straße auf der Höhe St.Pauli Fischmarkt 3. 

Da wir in diesem Zeitraum damit beschäftigt waren, Flüchtende ins Haus zu holen und zu versorgen, konnten wir nicht forografieren. Deshalb hier die Links zu 3 Videos, die die Vorgänge während des akuten Angriffs sehr gut zeigen:




 

Mit Einsatz von Pfefferspray und Wasserwerfer rückt die Polizei in einer zweiten Welle weiter vor und riegelt die Straße zum Fischmarkt und zur Breiten Straße ab. Laut Radio FSK, das wir parallel hören und das mit mehreren Korrespondenten im Zug live verbunden ist, findet gleichzeitig ein massiver Wasserwerfer-Angriff auf die Demonstranten auf dem Fischmarkt statt.
Wieder retten sich etwa 30 Demonstranten in unser Treppenhaus. Wir versorgen sie mit Wasser u.ä.

Auf einer Pressekonferenz am 9.7. behauptet Einsatzleiter Hartmut Dudde, der Angriff habe stattgefunden, um zwei Gruppen vermummter Autonomer auf der Straße (Hafenstraße/St.Pauli Fischmarkt) zu isolieren, damit der Rest des Zuges wie beabbsichtigt marschieren kann. Wenn das beabsichtigt war, warum wurde dann auch der Fischmarkt abgeriegelt und angegriffen und der Zug von hinten ebenfalls blockiert?


Wasserwerfer auf dem geräumten St.Pauli Fischmarkt, "Welcome to Hell"-Demonstration

Abriegelung des St.Pauli Fischmarkts zur Breiten Straße, Legal-Team,"Welcome to Hell"-Demonstration

Abriegelung des St.Pauli Fischmarkts zu Fischmarkt, Legal-Team, "Welcome to Hell"-Demonstration
20:51
Die Polizei zieht sich zurück und die verbliebenen Demonstranten ziehen Richtung Hafenstraße, wo laut FSK zur selben Zeit die Wasserwerfer wieder massiv gegen den abgetrennten vorderen Teil des Zuges vorgehen.

Demonstranten des hinteren Zugteils ziehen vom St.Pauli Fischmarkt in Richtung Hafenstraße,
"Welcome to Hell"-Demonstration

Die "vermummten" Demo-Einhörner vor dem St.Pauli Fischmarkt 4, "Welcome to Hell"-Demonstration

Die Polizeieinheiten folgen dem neu formierten Demonstrationszug, St.Pauli Fischmarkt 4, "Welcome to Hell"-Demonstration


St. Pauli Fischmarkt Richtung Hafenstraße mit Flutmauer um 20:14, "Welcome to Hell"-Demonstration
Geräumter Fischmarkt um 20:15, "Welcome to Hell"-Demonstration

nach 21:15
Wir folgen den Demonstranten die Hafenstraße hinauf bis zur Mündung der Davidstraße auf die Hafenstraße, wo sich der Zug neu formiert. Die Polizei hält die Straße blockiert. Es gibt keinerlei Aggressionen seitens der Demonstranten. Die Demo-Leitung bittet die Polizisten, die Demonstration endlich wie geplant und offiziell genehmigt ziehen zu lassen. Es läuft Musik, die Demonstranten tanzen. 

Der geräumte St.Pauli Fischmarkt, "Welcome to Hell"-Demonstration

St.Pauli Fischmarkt, Blick zur Hafenstraße und der Pudels-Brücke, "Welcome to Hell"-Demonstration

Polizisten auf der Fußgängerbrücke beim Pudel-Club, "Welcome to Hell"-Demonstration

Mannschaftswagen am Ende des sich neu formierenden Demonstrationszuges, "Welcome to Hell"-Demonstration

Neu formierter Demonstrationszug in der Hafenstraße, "Welcome to Hell"-Demonstration

Neu formierter Demonstrationszug in der Hafenstraße unterhalb des Tropeninstituts, "Welcome to Hell"-Demonstration

Demonstrant, Hafenstraße, "Welcome to Hell"-Demonstration

ca. 22:00 (?)
Der Zug kann endlich langsam Richtung Landungsbrücken weiterziehen. Wir gehen zurück zum St.Pauli Fischmarkt. Auf der Höhe der Hafentreppe und dem Ahoi wird eine provisorische Barrikade aus Paletten und Matratzen quer über die Straße gebaut. Mehrere Mannschaftswagen tauchen auf, räumen die Straße und verschwinden wieder. Die Barrikade ist innerhalb kürzester Zeit wieder errichtet und brennt.








Donnerstag, 29. Juni 2017

Demeter sagt: Nein! - Einführungsrede zur Ausstellung "Christine Carstens: ...dreh dich noch einmal um…Moment" von Dr. Thomas Piesbergen

Die Ausstellung „...dreh dich noch einmal um…Moment“ von Christine Carstens findet statt im Rahmen des Jahresthemas DREHMOMENT des Einstellungsraum e.V.

Christine Carstens, "Rosenhag" (Detail), 2017, Multimedia

Das heutige Verhältnis des Menschen zur Natur ist ein zutiefst zwiegespaltenes, mitunter geradezu paradoxes.

Wir leben und agieren tagtäglich in einem Kontext, der von der Opposition von Natur und Kultur gekennzeichnet ist, wir nehmen also die Natur als eine klar abgegrenzte Gegenwelt zu der selbstgeschaffenen Welt des Menschen wahr.
Zwar ist es inzwischen ein weitgehend anerkannter Allgemeinplatz, daß auch der Mensch lediglich ein höher begabtes Tier ist, und damit ein Teil der Natur, doch unsere natürlichen körperlichen Funktionen werden von dem Gros der Menschen in postindustriellen Kontexten trotzdem als störend und unangenehm empfunden und unterdrückt, körperliche Merkmale werden korrigiert oder sogar entfernt und die natürliche Gestalt des Körpers wird, vergleichbar mit der Erfüllung einer industriellen Norm, der aktuellen Mode angepasst.

Der soziale Druck, den diese Kontrolle des Körpers auslöst, betrifft vor allem junge Frauen, die versuchen, ihre angeblich mangelhafte natürliche Erscheinung zu optimieren durch Entfernung von Körperbehaarung, Absaugen von Fett, durch das Färben, Glätten oder Locken der Haare, die Maskierung der Haut, die Überdeckung des Körpergeruchs und schließlich mittels Operationen an Kinn, Nase, Brust, Po und Schamlippen.
Die Natur unserer Körper ist zu etwas geworden, daß es zu bekämpfen und  zu unterwerfen gilt. Sie ist zu einem Feind geworden, den wir zu disziplinieren oder andernfalls zu verstümmeln haben.

Die uns umgebende Natur hingegen ist zu einem Selbsterfahrungs-Abenteuerspielplatz für zivilisationsmüde und trend-bewußte Städter degradiert worden, und man tritt ihr nur noch mit einer entsprechenden Ausrüstung entgegen. Und wenn man nicht hiked, kited, mountainbiked, nordic walked, jogged oder rafted sucht man sie in der Regel nur noch auf, wenn man einen Hund zum Pinkeln ausführt.

Auf der Ebene der Werbung und des Wellness-Journalismus wird gerne von einer „inneren Natur“ gesprochen. Die allerdings bleibt, so häufig sie auch herbeizitiert wird, völlig nebulös und wird nur relevant, wenn sie ihre angebliche Entsprechung in gewissen Produkten oder einer bestimmten Art der Freizeitgestaltung finden soll.
Und dann existiert die Natur schließlich noch als Sehnsuchtsraum des Eskapismus, der unerreichbar, weil nicht existent, jenseits des blauen Himmels der Werbefotographie liegt.

Zwar wird auch der Begriff der Ganzheitlichkeit immer häufiger theoretisch angeführt, leider zeitigt er aber nur in geringem Umfang Konsequenzen auf unser Verhalten, und wenn ja, dann meist nur als Kaufentscheidung im Supermarkt oder bei der Wahl des Stromanbieters.

Das Verhältnis von Mensch und Natur ist also grundlegend gestört und bewegt sich zwischen den entgegengesetzten Polen von Ekel und Angst einerseits und der Sehnsucht nach Erlösung von allem nur erdenklichen Leid andererseits.

Betrachtet man das Verhältnis von Mensch und Natur mit historischer Tiefe wird schnell klar, daß es im Verlauf der Menschwerdung einen drastischen Paradigmenwechsel der Selbstwahrnehmung und des Naturverständnisses gegeben haben muß.

In den noch heute beobachtbaren, hierarchielosen Wildbeuter- gesellschaften, die man in der Regel als Modell zur Rekonstruktion früher prähistorischer Gesellschaften heranzieht, gibt es nahezu keine Trennung zwischen dem Menschen und der ihn umgebenden Natur. Für die Buschmänner der Kalahari z.B. sind alle anderen Naturerscheinungen wie Wolken oder Bäume ebenfalls Buschmänner, nur eben welche, die in einen anderen magischen Zustand übergetreten sind. Es gibt keinen Glauben an eine Götter-, Geister- oder Unterwelt und entsprechend fehlen die darauf abzielenden Rituale, da jeder Mensch unmittelbarer Teil der ihm gleichartigen Natur ist und er jederzeit Zugang zu ihr hat.

In den komplexeren Wildbeutergesellschaften des Jungpaläolithikums tauchen die ersten Kultfiguren auf, die möglicherweise etwas darstellen, was unserem heutigen Verständnis von „Göttern“ vergleichbar ist: weibliche Figurinen mit deutlichen Merkmalen von Schwangerschaft und Fruchtbarkeit.
In vergleichbaren Kulturen, wie etwa denen der Indianer Nordamerikas, begegnen wir dieser Fruchtbarkeitsgöttin als Mutter Erde, die große Hervorbringerin und Ernährerin allen Lebens. Doch selbst wenn sich hier bereits eine leichte Opposition von Mensch und Natur anbahnt und der Mensch sich ein göttliches Gegenüber geschaffen hat, herrscht in diesen matrisch geprägten Kulturen noch immer ein ganzheitliches Denken vor, in dem alle Kinder der Erdmutter, also alle Naturerscheinungen und Lebewesen, das gleiche Recht auf Existenz teilen.

Der weiblichen Gottheit, die mit Fruchtbarkeit und Leben assoziiert wird, begegnen wir auch in den Anfängen unserer Kultur wieder, als große Göttin des jungsteinzeitlichen Catal Hüyüks, als Nammu in Sumer, als Tiamat in Babylon, Astarte in Phönizien, Isis in Ägypten, Prithivi in den indogermanischen Veden, und in Griechenland und Rom als Gaia, Rhea, Demeter und schließlich auch Artemis und Diana, die die Göttin als Herrin der Tiere und Hüterin der Schwangeren und Mädchen repräsentieren.

Doch in dem die Fruchtbarkeit und damit auch die lebendige, lebensspendende Seite der Natur als weiblich attributiert wurde, war der heraufziehende paradigmatische Bruch nahezu unausweichlich geworden.  Denn damit war nicht nur die Natur als ein Gegenüber gestaltet worden, an das man sich rituell wenden konnte, sondern gleichzeitig war die Bühne bereitet worden für die geschlechtliche Opposition im Religiös-Numinosen. So dämmerten mit den Hochkulturen folgerichtig auch die patriarchalischen Ordnungssysteme herauf. Eine ihrer wichtigsten Strategien dieser männlichen Systeme war das „Teile und Herrsche“:
Während die sumerische Inana und die babylonische Ishtar als Göttinen der Liebe noch deutliche Züge der Großen Göttin trugen und im Pantheon eine maßgebliche Rolle spielten, erscheinen Aphrodite und Venus bereits als deutliche Abspaltungen von Teilaspekten, die lediglich den verführerischen, noch nicht geschwängerten Zustand der Göttin repräsentieren.

Durch die Aufspaltung der Göttin in ihre verschiedenen Aspekte wurde ihre allumfassende Bedeutung und damit ihre Macht eingeschränkt. So wurde die Erdmutter mehr und mehr zurückgedrängt durch die männlichen ordnenden Himmelskräfte, die vorderasiatischen Wetter- und Sonnengottheiten, durch Enki, Marduk oder Baal, durch Vatergottheiten wie Amun Re oder Zeus und schließlich auch durch JHWH, den patriarchalischen Gott der monotheistischen Buchreligionen.

Aber selbst wenn es vereinzelte, groteske Versuche gab, die weibliche Fähigkeit des Gebärens auf männliche Figuren zu übertragen, wie die Schenkelgeburt des Dionysos durch Zeus, die Rippengeburt der Eva, die Übertragung der Fruchtbarkeit auf Osiris, der durch Isis wieder zum Leben erweckt wurde, blieb das große Mysterium des Lebens auf der weiblichen Seite der Wirklichkeit. Es blieb dem Mann verschlossen, der entsprechend versuchte, diese sich ihm entziehende Macht zu kontrollieren.

Bei dem großen Anthropologen Joseph Campbell heißt es in seiner Mythologie der Urvölker, Bd. 1 des fünfbändigen Werks Die Masken Gottes:
„Die Angst vor der Frau und das Geheimnis ihrer Mutterschaft sind für den Mann nicht weniger nachhaltig prägende Kräfte gewesen als die Ängste und Geheimnisse, die die Welt der Natur selbst für ihn barg. In den Mythologien und rituellen Überlieferungen unserer gesamten Art lassen sich unzählige Beispiele für die unverdrossenen Bestrebungen des Mannes finden, sich erfolgreich (…) zu diesen zwei fremden und ihn doch zuinnerst nötigenden Kräften zu verhalten: Frau und Welt.“

Das große Geheimnis des Lebens bleibt trotz aller Aneignungsversuche in der Sphäre der Frau. In der Antike belegen das z.B. die bedeutenden Mysterien zu Sais und Eleusis, das eine der Isis geweiht, das andere der Demeter, die, nachdem ihre Tochter Persephone beim Blumenpflücken von Hades geraubt und zu seiner Braut gemacht worden ist, allen Pflanzen und Tieren verbietet zu wachsen, Früchte zu tragen und sich zu vermehren. Dadurch zwingt sie schließlich selbst den Göttervater Zeus in die Knie, der Hades befiehlt, Persephone frei zu lassen. Sie kehrt wiedergeboren auf die Erde zurück als Kore, das unberührte Mädchen.

Auch im patriarchalischen Christentum bleibt es einer Frau vorbehalten, die Mutter Gottes zu werden. Doch um sie zu entmachten, erscheint sie nicht als mächtige und handelnde Große Göttin, nicht als Demeter, sondern als die verführerische, jungfräuliche und erduldende Persephone/Kore, als Maria, die stellvertretend Gottes Sohn gebiert. Durch diese neue Paradoxie ist das christliche Bild der Frau geprägt, die, wenn sie nicht als Hure gelten möchte, jungfräulich und keusch aber gleichzeitig mütterlich sein sollte.

Doch natürlich reicht es der männlichen Logik nicht, die Frau zu kontrollieren und zu entmachten. Auch ihr vormaliger Herrschaftsbereich, die fruchtbare Natur, muß profanisiert und erobert werden. Entsprechend heißt es im ersten Buch Mose, Vers 28 „...füllet die Erde und machet sie Euch untertan.“
Hier wird die Trennung zwischen Mensch und Natur erstmals explizit ausgesprochen. Und sie wird wiederholt durch die Vertreibung aus dem Garten Eden, der die Menschen vorher bedingungslos wie eine Mutter umhegt und ernährt hat. Statt dessen werden sie in eine Ödnis verbannt und müssen sich von einem Acker nähren, der von Gott verflucht worden ist und statt Früchten nur Dornen und Disteln hervorbringt. Anstelle einer lebensspendenden Mutter Erde ist der Mensch nun mit einer feindlichen Natur konfrontiert und muß sich die Anerkennung seines Gottvaters durch Demut, Gehorsam und zähen Kampf erarbeiten. Damit ist die Idee des Homo Faber geboren, des Homo Technicus, der nur in seinen Bemühungen der Naturkontrolle eine Daseinsberechtigung findet.

Blicken wir von den alt-testamentarischen Zeiten in die Zukunft, begegnen wir diesem Homo Technicus wieder in den Büchern von Stanislaw Lem als Techniker, der in einem fernen Sonnensystem mit der Solaris, einem lebendigen und ihm völlig fremden Meeresplaneten konfrontiert wird, an dessen Geheimnissen sich bereits Generationen von männlichen Wissenschaftlern die Zähne ausgebissen haben. Die Solaris, die vom Menschen unberührte, fruchtbare Welt, stellt dem Protagonisten des Romans eine Wiedergeburt seiner toten Frau an die Seite, die für ihn ein ebenso unbegreifliches Rätsel bleibt, wie die Solaris, wie seine Frau, wie die Welt, wie er selbst.

In der Ausstellung „...dreh dich noch einmal um…“ von Cristine Carstens begegnet uns die Natur in zweierlei Form.

Im Keller des Einstellungsraums sehen wir eine Wolldecke, die eine Naturansicht zeigt, beschnitten und auf eine Platte gespannt. Wir wissen: sie hat einmal gewärmt und geschützt, doch nun ist sie zweckentfremdet und nur noch ein Abbild, eine Erinnerung an den Garten Eden. Darauf, unproportional groß, sitzen zwei Schnecken, die ebenfalls aus dem Deckenstoff geformt sind.

Christine Carstens, „tempered“, 2016, Wolldeckenstoff, 2 bezogene Schnecken, Acrylfarbe

Quer über die Decke ist in großen, unbeholfenen Buchstaben das Wort „tempered“ geschrieben. Das Wort wirkt wie der Versuch einer Einordnung, einer Bestimmung des Zustandes der Natur, eine Kontrolle der Interpretation durch eine plakativ aufgebrachte Begrifflichkeit. Doch ebenso unbeholfen wie die Schrift ist auch die Wahl des Begriffs.

Denn das Wort „tempered“ ist alles andere als eindeutig. Tatsächlich wird das Wort im Englischen fast nie ohne Beiwörter verwendet, die den Charakter genauer bestimmen. So kann es als ill-tempered, hot-tempered, even-tempered, well-tempered, bad-tempered etc. nahezu alle Arten von Launen von gutmütig und gemäßigt über griesgrämig bis hitzig und heftig zum Ausdruck bringen.

So scheitert der Versuch, die Natur durch eine Definition ihres Charakters einzugrenzen und zu kontrollieren auf ganzer Linie. Sie bleibt verschlossen und verbirgt ihr Inneres, wie die auf der Decke applizierten Schnecken.
Auch der Ausschnitt aus der Uferszenerie, die ursprünglich sicher als idyllisch konzipiert gewesen ist, ist so gewählt, daß dunkelbraune Töne dominieren und Schatten den Blick auf Details verwehren. Die Natur verweigert sich dem scharfen, analytischen Blick und verbirgt sich im Vagen, Dunklen und Unscharfen.
Und als kommentiere sie schließlich ironisch den Versuch, sie mit einem Begriff festzunageln, folgt dem Wort „tempered“ auf dem Deckenmotiv eine Reihe heller Punkte, Kiesel oder Lichtreflexe. Wie drei angefügte Punkte im Schriftbild markieren sie die Bestimmung „tempered“ als nicht abgeschlossen und fragwürdig.

Christine Carstens, „tempered“, 2016, Ausstellungsansicht, Einstellungsraum e.V.

Vor der Arbeit auf dem Boden steht ein rotierendes Licht. Es dreht sich unablässig um sich selbst und läßt dabei einzelne, schwache Lichtstreifen über die Uferszene gleiten, die an die abtastenden Lichtstreifen eines Scanners erinnern. In dem nahegelegten Kontext könnte man es lesen als Metapher für einen weiteren männlichen und unzulänglichen Versuch, die entfremdete Natur mit logisch-technischen Hilfsmittel zu überwachen und zu verstehen.

Die Wolldecke erscheint auch in der zweiten Arbeit als zentrales Element. Aus ihr ist die Silhouette eines Frauenkopfes mit wallendem Haar geschnitten. Der Abschnitt der Decke ist so geschickt gewählt, daß nicht nur die Haare des Kopfes als dunkle Fläche abgesetzt sind, sondern sogar Augenlid und Wimpern von einigen hellen Flusen nachgezeichnet werden.

Christine Carstens, "Rosenhag", 2017, Mixed media

Um den Frauenkopf herum sind Fragmente eines schmiedeeisernen Zauns gelegt, darum in zwei gegenläufigen Spiralen, Speichenreflektoren von Fahrrädern. Dadurch wird der Frauenkopf, in dessen Wollsilhouette die Kräfte „Frau und Welt“ bzw. Frau und Natur zur Deckung gekommen sind, zum Zentrum einer Bewegung, zum Mittelpunkt, um den sich die Realitätskonstruktion des Mannes dreht.

Doch bereits die gegenläufigen Spiralen machen deutlich: in welche Richtung sich die Welt dreht, ist nicht vorauszusehen, denn es wird durch eine launische, unkontrollierbare Fluktuation im Zentrum bestimmt.
Auch die Versuche „Frau und Welt“ mit dem männlich-attributierten Material Eisen, vertreten durch das Klischee des bürgerlichen, schmiedeeisernen Zauns, einzusperren, sind offenkundig gescheitert, denn die Fragmente scheinen wie von einer Zentrifuge auseinander geschleudert zu werden.

Und ausgelöst hat diesen Ausbruch von Kraft offenbar ein einziges Wort, das die kuschelige kleine Dame im Zentrum in eine wollene Sprechblase hineinspricht, das Wort „No“, die Verweigerung, die einst Demeter dem Göttervater Zeus und den anderen Olympiern entgegengehalten hat.

Doch diesmal hat sich die erduldende und jungfräuliche Kore/Persephone/Maria die Verweigerung selbst zu eigen gemacht und damit Demeter und Persephone/Kore wieder zu einer Einheit verschmolzen. Ebenso ist sie wieder eins mit ihrer faktischen „inneren Natur“ geworden. Auf diesem Weg ist es ihr gelungen, die Einheit wieder herzustellen, die von den patriarchalischen Gottheiten und technokratischen Männern zerstört worden ist, um „Frau und Natur“ zu einem kleinen kuscheligen, keuschen, verführerischen und dennoch mütterlichen, aber machtlosen Rückzugsort zwischen Vorgarten, Schmiedeeisen und "Eiche rustikal" zu erniedrigen.

Christine Carstens, „hungry“ & "satt", 2016, Wolldeckenstoff, Acrylfarbe

Als letzten Kommentar sehen wir die Worte „hungry“ und „satt“ eingefräst auf zwei einzelnen Deckenstückchen. Auch in ihnen sehen wir zunächst einen Gegensatz, der die heutige Welt auseinanderreißt. Doch verpflanzen wir sie in die vereinigte Figur der Demeter/Kore, kommt auch dieses polare Wortpaar zu einer überraschenden Deckung. Denn Kore hat es satt. Und sie hat in sich ein ungestilltes Verlangen, einen Hunger, den zu stillen ihr bisher verwehrt wurde.

Und deshalb sagt sie, die lebendige, fruchtbare Fluktuation im Zentrum aller Bewegung: „Nein!“


ⓒ Dr. Thomas J. Piesbergen / VG Wort, Juni 2017